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0801
Gereimtes und Ungereimtes

Notbehelf

In einem meiner Kommentare, den hoffentlich keiner gelesen hat, behaupte ich, am 2. Januar würde der nächste Reisebericht ins Netz gehen. Stimmte nicht. Aber Fake ist ja zeitgemäß. (Ich sitze im wahren Leben noch am Mittag des ersten Tages der Reisebeschreibung.) Die Welt kommt auch ohne mein Neujahrskonzert aus, weiß ich: Zu Weihnachten hat es wieder mal so laut ‚trumpetet‘, dass man die Posaunen von Jericho über Jerusalem als Israels Hauptstadt bis ins jüdisch-islamische Berlin hören konnte. Im neuen Jahr beschäftigen wir uns als kleine Steigerung damit, ob der vom amerikanischen Volk gewählte Präsident oder der vom nordkoreanischen Volk geliebte Führer an einem längeren Hebel rumspielen kann, um uns auszurotten. Da will ich meine Leser – fire and fury – auch nicht ganz enttäuschen und als Überbrückung bis zur Fertigstellung von noch viel, viel Längerem ein paar meiner Gedichte aus den späten Sechzigerjahren beisteuern, die ich gerade rausgekramt habe. Damals war ich jung und gläubig und habe unablässig komponiert und geschrieben. Fangen wir trotz meines damaligen Sendungsbewusstseins erst mal mit zwei eher lakonischen Reimen an. Wenn ich mit meinen Jetztzeit-Einlassungen nicht schneller fertig werde, kommt noch mehr. Ich habe so viel! Mein Hebel ist einfach der längste.

Fotos oben (2): H.R./Privatarchiv | FGrafik unten: OlgaTik/Shutterstock

DER MANN, DEN ES GAR NICHT GAB

In der Kneipe suchte er sich,
denn dort hockte er häufig besoffen,
brabbelte seinen Schmerz ins Glas
und hielt sich für unheimlich offen.

Auf der Straße suchte er sich,
er war ja auch Passant,
doch einer sah aus wie der andere:
Er hätte sich nie erkannt.

Er fragte in seinem Bekanntenkreis
alle Herren und Damen,
die grinsten ihn ziemlich verlegen an:
Sie kannten kaum ihren eigenen Namen.

Er fragte die Mädchen … na, die an der Ecke,
die haben ihn irgendwie erkannt;
doch als er nach seinem Namen fragte,
sagten sie, den habe er nie genannt.

Foto: Javen/Shutterstock

Das reichte ihm also auch noch nicht ganz,
so wankte er müde zu seiner Wohnung,
an jedem Haus schlug er Steckbriefe an:
Dem Finder tausend Mark Belohnung.

Es meldete sich nur im Flur der Spiegel,
doch der hatte sicher nicht recht,
denn alles, was er sagen konnte,
war oberflächlich und viel zu schlecht.

In seinen Räumen müsste es klappen,
dachte er, und er suchte dort.
Leider fand er nur Fetzen und Lappen:
Dies war ein gern gemiedener Ort.

An seinen Arbeitsplatz, nächsten Morgen,
ging er voll Hoffnung und Zuversicht.
Ach, war das eine herbe Enttäuschung:
Er ließ bedauern, so viel Zeit hätt’ er nicht!

Er suchte im Kino, doch da war es dunkel,
er suchte im Bus, in der Straßenbahn,
auf Brücken, in Parks, in Cafés, in Gedanken –
das hat er alles umsonst getan.

Sogar im Theater ist er gewesen,
er scheute sich nicht, in die Kirche zu gehn,
dort aber war es am allerschlimmsten –
man hatte ihn jahrelang nicht mehr gesehn!

Zufällig kam er am Friedhof vorbei,
er wurde gerade begraben.
Da hat er erleichtert drei Tränen geweint:
„Nun könnt ihr mich gerne haben!“

Grafik: Inspiring/Shutterstock

FUCK WHOM?

„Wie herrlich leuchtet mir die Natur!“
(Goethe)

Ich glaube nur,
sie würde noch viel schöner leuchten,
wenn wir sie alle zum Teufel scheuchten:
die Umweltverschmutzer und Kapitalisten,
die Ausbeuter und Imperialisten,
die Diktatoren und Faschisten,
die Heilsbringer und Kommunisten
die Ja-Sager und Konformisten,
die Nein-Sager und Terroristen,
die Masochisten und Sadisten,
das heißt – ich will es gar nicht werten –,
wenn wir uns selbst zum Teufel scherten.

Grafik: ullrich/Shutterstock

14 Kommentare zu “Notbehelf

    1. …und Hanno’s Hebel ist länger als Trump’s und Kim’s zusammen 😂 Die Erkenntnis des Tages. Oder wie man so schön sagt: Made my day!

  1. Eine Ode an den vergessenen Mann, schon traurig. In der heutigen, schnelllebigen, übertwitterten Welt wahrscheinlich gar keine Seltenheit.

  2. Donald Trump und Kim Jong-Un, Hanno Rinke und Johann Wolfgang Goethe… hier wird ja gleich die Länge von mehreren Hebeln verglichen. Spannend.

  3. Die Gedichte, die, wie Sie sagen, aus den Sechziger-Jahren stammen, könnten genauso gut heute geschrieben worden sein. Aktuell ohne Frage. Ist das jetzt beruhigend oder beängstigend?

    1. Ich würde sagen, das ist sogar völlig normal. Es ändert sich ja nie etwas. Übertrieben gesprochen. Die Umstände sind vielleicht anders, die Menschen und die Probleme laufen im Endeffekt doch immer auf dasselbe hinaus.

    2. Naja Gott (oder wem auch immer) sei Dank, ändert sich ja schon ziemlich vieles. In der Regel auch zum Positiven. Ich möchte jedenfalls nicht unbedingt im Nachkriegsdeutschland der 50er leben müssen. Während dem Krieg schon mal gar nicht. Ich freue mich auch, dass heute die ein oder andere Krankheit mehr heilbar ist. Aber wenn es um die rein zwischenmenschlichen Probleme geht, dann haben Sie vielleicht recht. Da kommt es immer wieder zu denselben Fragen.

  4. Langsam reicht das ganze Getrumpe aber auch. Es gibt ja mittlerweile keine Seite 1, keine Nachrichtensendung ohne Meldung über den neuesten Tweet oder die neueste Idiotie dieses Mannes. Furchtbar.

    1. Man kann halt einfach auch nicht abstreiten, dass dieser unfähige, reizbare Mensch jederzeit gefährlich werden könnte. Eine unüberlegte Handlung zu viel und es gibt den 3. Weltkrieg. Muss alles nicht passieren, die Chance besteht aber natürlich solange jegliche traditionelle Form von Diplomatie ausgeschaltet ist.

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