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Gereimtes und Ungereimtes

MOSAIK

Meine Gedanken zur Europa-Reise von 2015 stehen jetzt im Blog. Mit dem nächsten Komplex bin ich noch nicht fertig, aber ich möchte, um nicht stillzuhalten, die Wartezeit halbwegs seriös überbrücken. Da fange ich mal an mit einem Gedicht, das ich 1966 schrieb. Ein Beitrag zum Thema „Einst und jetzt“.

M O S A I K

Nimm mich aus diesen Zeilen,
das Mosaik der Worte, form es dir!
Mein Spiegel, Wegweiser für dich,
auf deinem Weg zu mir.

Du findest Leichtes, Ernstes,
Schroffes und auch Geschmeidiges dabei,
bemüht im Lächeln wie im Weinen
um Abstand zu dem Alltagseinerlei.

Doch gleichzeitig, zumindest als Versuch:
Der Durchbruch durch die Endlos-Kette nüchterner Sekunden
sucht auch im Kraftwerk Poesie
und hat sie auch selbst dort gefunden,
den Trägen aufzurütteln, dass er nie
für seine Trägheit lebt, statt gegen sie.

Mein größter Feind,
die Mittelmäßigkeit!
Bin ich nicht klug,
warum kann ich nicht dumm sein?
Vieles zu ahnen,
weniges zu wissen
will ich nicht mehr!
Im schalen Brack mag ich nicht länger schwimmen,
wenn nicht ganz vorn,
dann treib ich lieber hinterher,
dort, wo die Wasser zärtlich kreisen,
verträumt,
die Kähne menschenleer.

Aber nicht einmal das ist mir gegönnt!
Kämpfen muss ich, ich will die ersten Plätze!
Den Mut der Allerletzten hab’ ich nicht,
so stürz’ ich mich in wild keuchende Hetze.

Verlieren jedenfalls kann ich mich nicht,
ich kann nur noch dazugewinnen!
Die Welt zwar, sie hat andere Gesetze,
doch hält sie selten das, was sie verspricht.
Ich sorge lieber selbst für mich
mit allen meinen Sinnen!

Wer die Erfüllung solcher Wünsche will,
muss einsam denken.
Träume, verpackt in Butterbrotpapier,
sind einfacher zu lenken.
Verstümmle dich! Du kannst sogar
die Glieder liebevoll verschenken –
sie danken rasch, sie bleiben kurz bei dir
und jagen zu den nächsten Bänken.

Der, der vom Holzweg abweicht, bleibt allein:
einsam der Beste,
einsam auch der Schlechteste.
Die ganze Wahrheit einsam; einsam – reine Schönheit,
einsam wie Teufel oder Gott.

Ich glaube, dass es Menschen gibt –
in unsrer blanken Zeit wohl nur noch selten –
die nichts, gar nichts, in ihrer Jugend sind,
aber im Alter als Gelehrte oder Trottel gelten.

Sieh mich in diesen Worten,
das Mosaik, bau es dir Stein auf Stein!
Doch lass dir ruhig ein paar Lücken offen,
du weißt, bei mir kann man nie sicher sein …

(1966)

Fotos (2): H. R./Privatarchiv

25 Kommentare zu “MOSAIK

    1. Da kann man nicht widersprechen. Ich schließe mich aber gleich mit einem weiteren Kompliment an und sage, dass die Titelcollage auch diesmal wieder super ist. Das Gedicht sowieso.

  1. Ich finde meine Gedanken so sehr wieder in diesem Gedicht – „Der, der vom Holzweg abweicht, bleibt allein: einsam der Beste, einsam auch der Schlechteste.“ … und von 1966 – zeitlos!

    1. Kann ich nur zustimmen und das finde ich sehr aufmunternd: „Verlieren jedenfalls kann ich mich nicht, ich kann nur noch dazugewinnen!“

      1. Ermutigend allemal. Ich persönlich habe auch schon Momente erlebt wo ich glaubte mich zu verlieren.

      2. Wer einmal sich selbst gefunden hat, kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren. Anderer Autor, ähnliche Einsicht.

  2. Bin gerade über Facebook auf dieses Gedicht gestoßen. Danke, dass Sie es geteilt haben. Wirklich sehr tiefgründig und gelungen. Habe selbst immer einen Block an meinem Betttisch und trage meine Träume und Gedankenfetzen hierin ein. Wenn ich mir sie ein paar Tage später durchlese wirken sie oft wie Gedichte. Allerdings bei weitem nicht so rund wie bei diesem.

      1. Ein Andacht erzeugender Bettisch tut der Seele wohler als ein fett machender Nachtisch. Bevor ich mit meinem Blog begonnen habe, schrieb ich jahrelang jede Menge Blöcke voll.

  3. Habe das Gedicht nun dreimal gelesen, aber weiß nochimmer nicht, ob ich es richtig verstanden habe. Natürlich lebt jeder sein Leben eigenständig und muss sein eigenes Mosaik und seine eigene Welt erschaffen. Aber als einsam würde ich meine Lebenswirklichkeit nicht bezeichnen. Es ist ja schließlich das Gemeinsame, was antreibt und sei es nur, sich hier auszutauschen.

    1. Geht es bei Gedichten (oder jeglicher anderer Kunst) denn wirklich darum, dass man alles richtig verstanden hat? Gerade das Auseinandersetzen mit dem Text ist doch das eigentlich interessante.

      1. Menschen wollen immer alles verstehen. Irgendwo fasziniert mich das, in der Kunst lässt es mich manchmal verzweifelen.

      2. In den wenigsten Fällen schreibt man ein Gedicht um eine Botschaft zu vermitteln. Ansonsten wäre ein kurzer Essay wohl praktischer. Aber darum geht’s wohl auch gar nicht. Wie Sie schon sagen, der Austausch (unter anderem natürlich auch über Gedichte) ist viel wertvoller.

  4. Ein schönes Gedicht. Ich freue mich trotzdem schon wieder auf die nächsten Reise-Erzählungen. Die persönlichen Erlebnisse und Geschichten gefallen mir immer am besten.

    1. Dabei ist das Gedicht doch genauso persönlich wie jeder andere Text auf dem Blog. Aber es muss natürlich nicht jeder Gedichte mögen.

      1. In welcher Form auch immer, gereimt oder in Plauderform, ich freue mich schon auf die neue Serie.

    1. In den Lücken passiert das Leben. Alles war fix und festgezurrt ist, ist auch starr und leblos. So sehe ich das jedenfalls. Man braucht immer etwas Spielraum und Freiheit.

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