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1804
Tänzer außer der Reihe

Dialog 8: Im Café, Berlin-Mitte 1989

ES WIRD SCHON

(Der aus dem Westen: W; der aus dem Osten: O)

O: Is’ ja schade, dass du schon um neune wieder rüber musst. Ich hatte gedacht, wir könnten noch dezent essen gehen. Es gibt jetzt bei uns ein neues Lokal, das ist fast wie bei euch.

W: Was mir auffällt bei euch im Ostblock: Die Restaurants sind alle so riesig.

O: Ist doch gut. Da achtet niemand auf den anderen.

W: Ich mag lieber kleinere Lokale.

O: Is’ intimer, wa’? Aber dafür ist man dann immer unter Beobachtung.

W: Das hier ist doch auch klein.

O: Ja, hier kennt man auch jeden. Das ist der Unterschied. Wenn mal ein neues Gesicht auftaucht, das sieht man sich sehr genau an und redet erst mal leiser. Wie ich schon sagte, is’ reine Privatinitiative, dies Café. Man will ja keine Unannehmlichkeiten, auch für die Besitzer. Was meinst du, was die haben zahlen müssen für die Konzession! Das darf hier auch nicht zu eindeutig werden, da achten die ganz streng drauf. Viele Stinos.

W: Was für Dinger?

O: Ach so, Stinknormale, das sagen wir hier so. Is’ wirklich schade, dass du nur so kurz Zeit hast. Wann bist du denn mal wieder in Prag?

W: Ich weiß nicht. In diesem Sommer wird es wohl nichts. Vielleicht im Herbst.

O: Und Budapest? Budapest ist spitze. Da können wir ja auch hin aus der DDR. Du denkst, du bist im Westen.

W: In Budapest hab’ ich nie zu tun.

O: Und wie wär’s mal privat?

W: Ach, also privat, das hab ich eigentlich nicht vor.

O: Was machst du denn im Urlaub, dies’ Jahr?

W: Ich wollt’ noch mal nach Gran Canaria, mit Freunden. Is’ ’n ziemlicher Rummel, aber ich kann erst Ende Oktober, und da ist es sonst überall schon zu kalt.

O: Tja, ins NSW werd’ ich wohl so schnell nicht kommen.

W: In was?

O: Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, das geht nicht mit meinem Posten.

W: Und wohin willst du im Urlaub?

O: Ich hab’ Warnemünde beantragt. Hoffentlich klappt’s. Da spielt sich so einiges ab in den Dünen. Nicht, dass du denkst, wir sind ganz hinterm Mond. Bisschen was is’ schon los, auch hier. Der Friedrichshain – da ist ganz schön was zugange, wenn es dunkel wird. Und in der Charité sollen auch schon einige liegen mit Aids-Verdacht.

W: Gratuliere!

O: Hast du denn wenigstens noch Zeit, dass ich dir zeige, wie sich die Hauptstadt entwickelt hat, seit du letztes Jahr hier warst? Der Gendarmenmarkt ist jetzt fertig, das dürfte aus der Presse bekannt sein.

W: Äh, ja, ich hab’, glaub’ ich, mal was im Fernsehen gesehen.

O: Kriegst du Ost-Fernsehen?

W: Nein, war wohl in der ‚Tagesschau’. Sah gut aus. Ihr habt ja sowieso den besseren Teil abgekriegt. Im Westen ist doch kaum was Altes.

O: Ich würd’s trotzdem gern mal sehen.

W: Ja, komisch, dass das nicht geht. Mit der S-Bahn sind’s zehn Minuten zum Zoo.

O: Sehen würd ich’s gern mal, nur so für einen Tag.

W: Länger nicht?

O: Ach nee, also auf länger – vielleicht mal ’n Urlaub, aber sonst – da würd man sich wohl nicht zurechtfinden. Die ganze Art liegt mir auch nicht.

W: Welche Art?

O: Na dieses Geschäftsmäßige. Hier ist doch mehr Zusammenhalt, auch unter uns. Äußerlich sieht man kaum was, spielt sich alles mehr oder weniger privat ab. Neulich war ich eingeladen, da gab es sogar FF.

W: Was gab es da?

O: Na FF. Faust-Fick. Das kommt doch von euch.

W: Wieso von uns? Denkst du, Fistfucking sei vom Bundestag beschlossen worden?

O: Also jedenfalls aus dem Westen, wo alles herkommt. Der Kai, weißt du, der damals auch in Prag war, aus Mainz der – erinnerst du dich?

W: Nicht richtig.

O: Also, wir haben uns doch da an dieser Unterführung am Wenzel getroffen, nich’?

W: Sicher. Ich hab’ dich angesprochen, und du warst furchtbar schüchtern. Hübsch und schüchtern.

O: Na ja, man weiß doch nie. Überall lauert die Stasi, wie man so sagt.

W: Aber ich hab’ gemerkt, dass es dir gefallen hat.

O: Is’ ja ’n bekannter Treffpunkt da. – Und dann sind wir doch in den T-Club gegangen, du weißt schon.

W: Jaja.

O: Und da stand doch gleich der Kai an der Bar, so ein etwas Stämmiger, Dunkler.

W: Ach ja – mit dem haben wir doch nachher noch …

O: Und der war neulich mit dem Auto hier.

W: Du hast noch Kontakt mit ihm?

O: Ja. Also der war hier mit seinem Auto. Fährt einen Ford Mustang, sehr gediegen. Ist Mainz schön?

W: Keine Ahnung. War der nicht beim ZDF?

O: Wo?

W: Beim Fernsehen.

O: Kann sein. Jedenfalls, der hatte auch Pornos mit und Gummischwänze. Also, das ist schon sehr gewagt. Aber die Grenzorgane waren wohl menschlich. Wenn ich mit meinem Trabi in die ČSSR fahre, dann werd’ ich stundenlang gefilzt, nicht von den Tschechen, sondern von unseren. Reine Schikane, die haben was dagegen, dass man ins Ausland will, auch wenn es in die Bruderländer geht.

W: Dass man sich das gefallen lassen muss! Dass man dagegen nicht ankann ...!

O: Na ja, man gewöhnt sich dran. – Mensch, das is ja schade, dass du so wenig Zeit hast.

W: Ja, schade.

O: Immer in Hektik, immer im Stress, wa’?

W: Is’ nu’ ma’ so.

O: Und wann bist du wieder hier?

W: In sechs Wochen, glaub’ ich, aber nur ganz kurz. Ich weiß nicht, ob ich dann Zeit hab’, rüberzukommen.

O: Wenn du’s einrichten kannst – ich jeb dir auch das Geld, ick hab noch etwas Westmark – ich hätte so gerne eine von diesen Lumberjacks, weißt du, diese Jacken. Die sind ganz anders im Schnitt als bei uns. Das merkt man sofort.

W: Wenn man das sofort merkt, kriegst du dann keine Schwierigkeiten?

O: Nee, wieso? Höchstens ’n paar neidische Blicke krieg’ ich ab. Aber sonst. Jeder sieht irgendwie zu, dass er jemanden kennt im Westen.

W: Also, so eine kurze Jacke.

O: Ja, ‚Lumberjack‘ sagt ihr doch dazu?

W: Kann sein. Welche Farbe?

O: Is’ egal, ebent irgendwas Modisches. Ich zahl es dir auch.

W: Is’ nich’ nötig. Das krieg’ ich schon hin. Das wird einer meiner Beiträge zur schwulen Internationale.

O: Nich’ so laut! Du rauschst wieder ab. Ich bleib da.

W: Entschuldige! Das Beschissene ist, wenn ich hier bin, dann bin ich immer gleichzeitig, ja, bewegt, aber ich fühl mich auch überheblich und irgendwie unsicher. Nie bin ich richtig natürlich, seit damals in Prag.

O: Das ist mir noch gar nicht so aufgefallen.

W: Na ja, vielleicht sind wir eben von Natur aus gekünstelt.

O: Im Westen?

W: Die Schwulen, mein’ ich. – War das leise genug geflüstert?

O: Von uns wird hier gesagt, wir machen jede Mode mit. Wenn es modern würde, sich das Ding abzuschneiden und um den Hals zu tragen, dann würden die Homos das auch tun, hat ein Kollege neulich zu mir gesagt.

W: Wissen sie Bescheid bei dir im Betrieb?

O: Nee, um Gottes willen! Bei dir?

W: Ja. Aber das ist kein Thema.

O: Also das mit dem Halsband, das ist vielleicht übertrieben, obwohl – wenn’s erst im Werbefernsehen läuft, das seh’n wir ja alle … ich kenn so ’n paar, die tun für ’ne Westjeans alles.

W: Solche Typen gibt es überall. Zu Hause fressen sie den Kitt von den Fenstern und im Club stehen sie in Kaschmir rum.

O: Hast du nicht noch ’ne alte Jeans, die du nicht mehr trägst?

W: Ich muss mal nachseh’n. – Neulich kam ich mit einem ins Gespräch, ganz witziger Typ eigentlich, gar nicht tuntig, der sagte zu mir: ‚Ich lass mein Haar immer lufttrocknen, dann mach’ ich es sofort wieder nass und föhn’ es anschließend kalt durch.

O: Soll das ’n Witz sein?

W: Muss wohl, aber ich bin nicht sicher.

O: Überhaupt, wenn du noch so Sachen hast, die du nicht mehr brauchst, also da wär ich dir wirklich dankbar.

W: Ja, is’ nur schlecht mit der Größe.

O: Ach, das is’ kein Problem. Das kann man ändern. Und wenn es gar nicht passt, da hab’ ich Abnehmer.

W: Kann ich Kleidung so einfach mitnehmen über die Grenze?

O: Kein Problem. Für dich ist das kein Problem. Gürtel gibt’s hier auch keene ’n bisschen flottere. – Bist du denn noch befreundet mit dem – äh, Stefan hieß er, nicht? –, wo du mir das Foto gezeigt hast.

W: Ja, wir sind noch zusammen.

O: Der müsste doch in etwa meine Figur haben.

W: Er ist etwas kleiner als du.

O: Das kann man ja rauslassen.

W: Wenn was rauszulassen ist, manchmal gibt’s nichts rauszulassen. Er ist auch etwas schmaler. Dann zeichnet sich immer dein Schwanz in der Hose ab, und ich weiß nicht, ob das den Stasi anmacht, wenn du über den Alex trippelst.

O: Mensch, hör auf! Wir kriegen Ärger. So kannst du hier nicht reden.

W: Lass uns gehen, ja? Ich zahl’.

O: Nein, nein, ich zahl’! Ich zahl’ in Ost, und du kannst es mir in West wiedergeben. Du hast aber deinen Kuchen noch gar nicht aufgegessen.

W: Ich hab’ heut Abend noch ein Geschäftsessen.

O: Is’ aber schade drum.

W: Willst du ihn haben?

O: Wenn du ihn nicht mehr willst.

W: Nein, das wird mir zu viel.

O: Schade, dass du immer nur so kurz da bist. Du könntest doch mal einen Besucherantrag stellen und über Nacht bleiben.

W: Ja, mal seh’n.

O: Dann könnt’ ich dir unser Nachtleben zeigen, oder was sich dafür hält. Is’ natürlich nicht zu vergleichen mit euerm, aber es gibt auch ganz hübsche Jungs hier, du würdest dich wundern.

W: Weiß ich doch.

O: Wenn du rechtzeitig Bescheid sagst, ich arrangier’ das.

W: Ja, müsste man mal versuchen.

O: Wirklich?

W: Ja, wenn ’s klappt. Es würd mich direkt interessieren, so vom Klima her.

O: Einen Westler erkennen die sofort, da gehen manche gleich auf Distanz.

W: Aber nicht alle.

O: Nee, alle nich’. Is’ überhaupt sicher menschlicher hier als bei euch. Bei euch is’ es natürlich freier.

W: Freier?

O: Na im Sex.

W: Ach so.

O: Ich würd’ ja sagen, wir geh’n noch wohin, aber wo es jut is’, muss man draußen so lange ansteh’n, und dafür is’ wohl die Zeit schon zu knapp.

W: Willst du so viel Trinkgeld geben?

O: Das muss man hier machen. Sonst krieg’ ich das nächste Mal keinen Platz mehr. – So. Komm!

W: Danke. – Es war so schön mit dir, in Prag. Wirklich.

O: Na ja, ist eben alles mit bescheideneren Mitteln, aber es wird schon. Also: Das waren neunzehn Mark mit Trinkgeld. Aber gib es mir erst draußen! Und vergiss deinen Schal nicht. – Reine Seide. Sehr nobel.

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VOKABELN

Un|an|nehm|lich|kei|ten

[ˈʊnʔanˌneːmlɪçkaɪ̯tn̩], Substantiv (Plural)

Folge unvorsichtiger Annehmlichkeiten

Zu|sam|men|halt

[t͡suˈzamənˌhalt], Substantiv, maskulin

Bindemittel, das bröckelt, wo keine Einsturzgefahr besteht

Fist|fuck|ing

Aus dem Englischen, Substantiv, maskulin

Safer Sex für Liebeshungrige, die auf innere Werte nicht verzichten mögen

Grenz|or|ga|ne

Zusammengesetztes Substantiv (Plural)

Außenposten der Zentralorgane, die auf Fremdkörper mit nicht voraussehbarer Aufgeregtheit oder Gleichgültigkeit reagieren

ERLÄUTERUNGEN

Jeder Mensch versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, auch der schwule. Da jedoch dem schwulen Menschen der simple Weg über die Fortpflanzung erschwert ist, neigt er dazu, sich etwas Komplizierteres zu suchen. Aber was?

Überragende Feldherren sind seit Friedrich dem Großen unter seinen Reihen nicht bekannt geworden, schwule Politiker scheitern in einer Demokratie nicht mehr an der Fünf-Prozent-Klausel, aber an sich selbst, und zum Künstler ist auch nicht jeder geschaffen, wenn auch mit innigem Verständnis begabt – was also bleibt, wenn keine größeren Aufgaben warten, als sich beispielsweise an Bilanzen oder Blinddärmen zu meistern? Beides natürlich Phänomene, die Beachtung verdienen, nur reichen sie schwulem Ehrgeiz in den seltensten Fällen. Es bedarf des Überbaus. Der Überbau: Das ist – machen wir es nicht zu überkandidelt – das Leben selbst. Leben pur. Der Haken ist, dass in dieser Zielsetzung bereits eine Abstraktion liegt. Die Abstraktion schafft sich ihre Form – und schon haben wir das Kunstwerk oder, na ja, zumindest schwule Denkweise.

Der Schwule stilisiert sein Leben zum Kunstwerk und versucht ihm dadurch Sinn zu geben. Das endet entweder in Erstarrung oder im Selbstmord, beides wieder ehrenwerte Resultate, die auch vielen anderen Künstlern beschieden sind.
Denn: Der Weg ist das Ziel. Das Zwischendurch zählt. Und was auf der Strecke geleistet ist, wird nicht dadurch hinfällig, dass es ein Happy End im Leben nun mal nicht gibt. Der Tod ist eben nichts Befriedigendes, allenfalls das nächste Leben – mit dessen Gestaltung wird sich dieser Kursus allerdings aus Zeitgründen nicht befassen.

Die vorigen Kapitel haben bereits einige Bauelemente dieser Lebensstilisierung vorgestellt. Nach Essen und Wohnen kommen wir jetzt zur Kleidung, die man im Gegensatz zu Kochgeschirr und Schrankwand mit sich herumträgt. Ihr Aussagewert ist also offensichtlicher, und jeder auf der Straße kann, wenn er will, mitraten und sich ein Urteil bilden. Konsequenz: Flucht nach vorn oder nach hinten – Auffallen oder Untertauchen. Das wiederum ist eine Frage der Umgebung. Auf einem Champagner-Empfang in Jeans zu erscheinen, ist genauso eine Aussage, wie zu einem Sitzstreik im Flanell-Anzug zu kommen. Beides ist außerdem auf gefahrlose Weise wichtigtuerisch – anders als etwa im China der Kulturrevolution, da hätten beide Kleidungsstücke zum Tode führen können, auch ohne Champagner und Straßensperre. Sie sehen also: Kleidung ist kein nebensächliches Thema. Wer Tradition und Würde liebt, weiß das sowieso, und sei es nur aus dem letzten Krieg. Denn wie sollten sich wohl Soldaten zurechtfinden, wenn sie nicht angezogen wären. Woher sollten sie wissen, mit wem sie befreundet sein müssen und wen sie umbringen dürfen?

Natürlich geht es bei der Garderobe nicht immer in so platter Weise um Leben und Tod, nicht mal bei den Schwulen. Dennoch sieht man den meisten kunstvoll gekleideten Menschen an, wie – mehr oder weniger erfolgreich – sie bemüht sind, ihrem Leben Sinn zu geben. Oft mit viel Geld und wenig Instinkt für ihre wirklichen Bedürfnisse wählen sie die Kleidung als Schaltpult, von dem aus sie Signale aussenden.

Um nicht zu übertreiben: Schuhe kauft man sich, weil man sie braucht, weil sie einem gefallen oder weil man unglücklich ist, und wir behandeln zurzeit nur die dritte Möglichkeit.

Fest steht, dass Menschen, die dank ihrer Einsichten oder Aufgaben ein besonders erfülltes Leben führen, selten durch ihre Kleiderwahl entzücken. Das heißt aber nicht unbedingt, guter Geschmack sei eine Folge von Seelenleid oder innerer Leere. Hier werden keine Manifeste verkündet, sondern Tendenzen aufgezeigt.

Der Bilderbuch-Schwule zieht sich also nicht an, um es wärmer zu haben, sondern er bezieht die Kleidung ein in seine Strategie der Lebensgestaltung. Das hat Konsequenzen: für ihn und für die Textilindustrie, zum Gewinn für beide.
Es klingt vordergründig und ist doch nicht ganz von der Hand zu weisen, das nie ausgesprochene Eingeständnis: Wenn das Leben schon so öde ist, dann will ich wenigstens hübsch aussehen.
Natürlich hält das nicht vor, es ist einfach zu banal. Man kann davon nicht leben wie von Religionen oder guten Taten. Also? Nun kommt die Mode! Sie erlaubt den Unausgefüllten, die weder zum Vordenken noch zum Nachdenken geeignet sind, sich ständig mit Trends und Neuerungen zu befassen.
Der Angepasste muss prüfen, ob er in seiner Kleinkariertheit nicht schon zu auffällig daherkommt, der Pionier muss rechtzeitig erahnen, wann sein Stil zu populär wird. DAS hält in Atem, und genau das soll es. Vielleicht müsste man sich zu etwas Demut vor der Opferbereitschaft derer durchringen, die – koste es, was es wolle – modisch mithalten müssen, weil dieses bisschen Glanz das Einzige ist, was sie haben. Und wer das armselig findet, der soll auf Veränderungen dringen. Wenn sich dann aber infolgedessen die Eitelkeit – wieder mal – in Uniformen statt in Pullovern austobt, dann ist – wieder mal – eine Generation in ihrem guten Willen gescheitert.

So ist Kleidung nicht nur Ausdruck ihres Trägers, sondern auch ihrer Zeit, und da wollen Schwule natürlich mithalten, schließlich macht es wenig Sinn, grundlos gegen seine Zeit zu leben. Der Schwule beobachtet, wie Angehörige von Minderheiten das so an sich haben, genauer, prüfender: Erstens ist ihm sein schwer erkämpftes Selbstverständnis nicht ganz geheuer und zweitens will er Gefahr von außen rechtzeitig wittern: Stimmungsumschwünge und Meinungsänderungen der Mehrheit.

So steht er denn (trotzig-auffällig angezogen oder gediegen-unauffällig gekleidet), beobachtet, weiß, dass er beobachtet wird, und kann nicht anders. Nein, er kann wirklich nicht anders, weil alles Verstecken ihn verraten würde.

Aber er ist abgehärtet aus der eigenen Szene, wo die taxierende Beobachtung noch gnadenloser stattfindet. Da hat Aufmachung Markenzeichencharakter. Und wehe, wer sich als Ladenhüter erweist! Das sind dumpfe Schläge ins Selbstbewusstsein. So wird der Kampf mit allen Mitteln geführt: Verkleidung statt Kleidung. Aber wer beim Etikettenschwindel erwischt wird, hat auch nichts zu lachen. Tunte in Arbeiterkluft ist bloß lächerlich. Dann lieber Marmeladenbrot essen und auf Feines sparen. Besser die Peinlichkeit der Eleganz zu tragen lernen als mit Ketten zu rasseln, an denen nichts hängt als eine verschrobene Sehnsucht.

Mit dem herunterspielenden Standard kariertes Hemd und Jeans kann man nichts verkehrt machen, also auch nichts wirklich richtig. Es war eben lange Zeit Mode, dieses Outfit für jungenhafte Männlichkeit zu halten, ein bisschen verwaschen, ein bisschen verwegen. Selbst abgebrühte Kunden reagierten auf dieses Signal mit entsprechender Weichenstellung in den Weichteilen – vorausgesetzt der Inhalt schien der Verpackung angemessen.
Man könnte meinen, mit solch einfacher und bequemer Ausrüstung habe sich die schwule Welt vom Diktat der Mode befreit. Immerhin ist es auf diese preiswert prägnante Weise gelungen, ein Gegen-Image zum samtenen warmen Bruder der Sechzigerjahre zu ertrotzen. Na ja. Mode bleibt es trotzdem, und außerdem hängen bei den meisten Jeans-Knaben neben der Ausgehuniform noch ein paar erlesene Sakkos für alle Fälle im Schrank.

Die zünftigen Zeiten scheinen sich ohnehin dem Ende zuzuneigen. Jetzt wirkt der Schwule sauber, fast adrett, aber nicht unbedingt gleich labberig modisch. Das kommt bei der Mehrheit gut an und stärkt dadurch das dringend notwendige Selbstbewusstsein der Minderheit.

Historisch betrachtet fielen Samt und Flirt zunächst mal Jeans und Sex zum Opfer. So entstand, von keinem Gesetz beschnitten, der freie Markt. Die Anbieter waren wählerisch, aber die Kundschaft durfte die Ware betasten. Ein komplizierter Markt, auf dem schneller Zugriff mehr zählt als Feilschen.

Wer Nerven und Hunger hat, kann seine Fertigkeiten nach wie vor täglich üben, auch sonntags ist Markttag, dann gerade, denn da gibt es sonst ja nichts zu tun.

Vielleicht sehnt sich mancher inzwischen schon zurück in den eingrenzenden Paragrafen-Plüsch des 17. Mai. Na ja. Seuchengesetze sind auch solide Barrieren. Und wem selbst das nicht reicht, der kann sich die Mauern quer durch den eigenen Kopf wachsen lassen. Angst ist ein solider Kerker.

Edith Hancke und Helen Vita: ‚Mainzer Spezialitäten‘

Auszug aus Hanno Rinkes ‚Liedschatten‘

Da gerade vom Markt die Rede war, fallen mir alle die Messen ein, die seit über einem Jahr nicht mehr stattfinden. Viele Veranstalter sind arbeitslos. – Schlimm! In der Zeit, als noch die Berliner Mauer stand, ohne die es den Dialog oben nicht gegeben hätte, schrieb Friedrich Holländer einen Vorschlag für ausgemusterte Mädels, der aber auch erst funktioniert, wenn es wieder Geschäftsreisen geben wird. Berlin ist ja inzwischen eine andere Stadt, als es damals, 1989, seine beiden Hälften waren. Für die Traditionsbewussten unter Ihnen habe ich dennoch gute Nachrichten: Sogar im zweiten Jahr ohne zünftigen Karneval: Mainz bleibt Mainz!

Aus Musterplatte der Deutschen Grammophon Gesellschaft, Edith Hancke und Helen Vita, 1960

36 Kommentare zu “Dialog 8: Im Café, Berlin-Mitte 1989

  1. Wenn man ihre Argumentation umdreht, dann frage ich mich ja doch wie viele Menschen wirklich ihre Lebensaufgabe im Zeugen von Kindern sehen. Es gibt sicher eine ganze Menge.

    1. Fortpflanzung deutet über das eigene Leben hinaus. Früher sollten die Kinder ihre Eltern im Alter versorgen. Heute ist ein Kind manchmal nur das Abfallprodukt des Koitus. Bei Herrscherfamilien ist der Nachwuchs Teil der Pflicht. Lesben lassen sich Sperma eintrichtern, Tunten wollen adoptieren. Scheint ein Bedürfnis zu sein.

      1. Wer auf Kinder verzichtet, der muss akzeptieren, dass das eigene Leben endlich ist. Durch Nachwuchs lebt zumindest ein Teil von uns weiter. Alleine das ist doch schon ein Grund für viele Menschen.

  2. Wie wenig es sonntags zu tun gibt, merkt man während der Pandemie noch einmal mehr als sonst. Selbst der gemeinsame Kaffee auf einer sonnigen Terrasse fällt ja leider aus.

      1. Da sind das beste Beispiel die Pappnasen, die im Januar entrüstet das US-Kapitol erstürmt haben obwohl sie im November gar nicht wählen waren.

  3. Eigentlich schwärmt ja immer jeder vom (West-)Berlin der 80er und 90er. Ich habe es leider erst nach dieser Zeit erleben können. Aber Sentimentalität liegt mir sowieso nicht so wirklich.

      1. Finde ich auch. Mit diesem Meckern über den Stand der Dinge kann ich auch wenig anfangen. Man lebt schließlich immer nur in seiner eigenen Zeit.

  4. „So ist Kleidung nicht nur Ausdruck ihres Trägers, sondern auch ihrer Zeit, und da wollen Schwule natürlich mithalten“. Neulich las ich online noch anders herum: Was denkt man wenn man das Outfit eines attraktiven heterosexuellen Mannes betrachtet? Antwort: „Ach wie süß, so schön retro!“ 😉

      1. Irgendwie ist das schade. Aber man muss es ja auch gar nicht mehr. Man schnappt sich sein Telefon, öffnet die für die jeweiligen Wünsche passende App und los geht’s.

  5. Kleidung kann Signale für andere senden, aber auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein. Allerdings gibt es ja schon eine große Mehrheit an Leuten, die sich eher an Trends als am eigenen Selbst orientieren.

  6. Wie ist denn Mainz eigentlich so? Das ist eine dieser Städte die mir wirklich gar nichts sagen. Nie dort gewesen, nie sonderlich viel davon gehört.

  7. Es gibt aber auch viele interessante Menschen mit erfülltem Leben und gutem Stil. Ich bin nicht so sicher, ob die aufgezeigte Tendenz wirklich richtig ist.

    1. Guter Stil ist schon mal interessant, aber nicht auf Dauer, wenn nichts dazukommt. Interessant ohne Stil war vermutlich z.B. Beethoven. Da kennt man das Werk lieber als den Schöpfer. Söder hat doch sehr stilvoll verzichtet … War das nicht interessant?

      1. Nun ja, war dieser wochenlange Krampf denn wirklich stilvoll? Und ist Laschet ein geeigneter Kandidat wenn die Mehrheit der eigenen Wähler ihn gar nicht will? Zumindest das sieht Söder wohl auch anders.

  8. Auffallen oder Untertauchen ist die Devise. Da der eigene Körper und das eigene Erscheinungsbild einer der wenigen Bereiche sind, über die wir ganz alleine die Kontrolle haben und die wir entsprechend modellieren und eben auch „stylen“ können, bin ich immer perplex, dass so viele Leute Kleidung lediglich als etwas sehen, das sie bei kaltem Wetter warm hält.

      1. Das ist sicher etwas überspitzt. Andererseits gibt es momentan schon ein riesigen Trend für diese ganzen Outdoor-Marken. Da laufen ja Unmengen von Menschen in Jack Wolfskin, Patagonia, North Face und Wellenstein-Jacken durch die Stadt, die (wahrscheinlich wieder überspitz) seit ihrer Schulzeit nicht mehr Wandern waren.

      2. Judith bezog sich, glaube ich, auf Kleidung ganz allgemein. Aber auch da sieht man das bei den Bestellungen von Amazon bis Zalando wohl etwas anders. Haute Coiture findet natürlich eher in der ‚Madame“ statt als auf der Straße.

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