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Gereimtes und Ungereimtes

ABENDLIED

Genug geschlafen, genug gewacht,

genug gelebt, genug gelacht.

Genug gesehen, gehört, gedacht –

genug verträumt, genug versäumt; genug gemacht.

Genug gegrübelt … genug gefragt.

Genug gejammert! Genug geklagt!

Genug geschwiegen, genug geschrien.

Genug gehasst – genug verziehen?

Genug genossen, genug nichts empfunden,

genügend Stunden, genügend Wunden.

Genug gereimt, genug gesponnen!

Genug verspielt, genug gewonnen.

Genug begonnen, genug ersonnen –

und nichts vollbracht.

Gute Nacht.

(1996)

23 Kommentare zu “ABENDLIED

  1. Aaahh mir kann es auch niemals genug sein. Jedenfalls bislang nicht. Wenn ich mal genug sage, ist das hoffentlich erst bevor ich meine Augen für immer schließe.

    1. Genug Hass, genug Ungerechtigkeit, genug AfD, genug Anti-Flüchtlings-Stimmung, genug Fake News, genug Trump, genug Idiotie, genug Stardom, genug Bohlen, genug Schweiger, genug Veganwahn, genug Fleischwahn, genug Soy-Latte, genug Hipstertum, genug Ausbeutung, genug kommentiert.

  2. Also ich verstehe diese Kommentare nicht. Das Gedicht handelt doch ganz klar von jemanden, der abgeschlossen hat mit allem und bereit ist das Licht auszumachen. „Gute Nacht“ ist also ein Synonym für einen letzten Abschiedgruß, hin zur ewigen Ruhe. Geht nur mir das so?

    1. Mich beschäftigt das Gedicht wirklich sehr. Wann habe ich genug? Werde ich diesen Punkt jemals erreichen, dass ich getrost sagen kann – ok, das reicht – alles ausgeschöpft? Gibt es eine ultimative Checkliste für ein Leben – mein Leben? Möchte ich das überhaupt? oder ängstige ich mich sogar davor?

    2. Diese Checkliste gibt es nicht, jedenfalls nicht für mich. Sonst wäre das Leben ja ein einziger Kampf mit dem Ziel die Punkte abzuarbeiten. Eine schreckliche Vorstellung.

    3. Also die Vorstellung ängstigt mich mehr und mehr – also dieses Gefühl zu haben, dass man alles erlebt haben könnte, wofür es sich zu leben lohnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das erlebe. Lebensmut ist mir elends wichtig. Immer neue Herausforderungen und die kleinen Momente, mal nur ein Lächeln. Das will ich nicht aufgeben, ich will aufwachen.

  3. „Genug“ hat für mich immer etwas konkretes, situatives.
    Ob am Ende wirklich alles genug war? Man weiß es nicht und das ist vielleicht auch gut so!

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