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Tänzer außer der Reihe

Dialog 21: Auf dem See

SCHÖNE, BUNTE BILDER

(Ein noch junger Mann: M; eine nicht mehr junge Frau: F)

F: Schläfst du?

M: Nein, aber ich würde gern.

F: Wir sind ziemlich weit abgetrieben.

M: Ich wär’ so gern müde und ich bin so wach. Das Leben ist einfach zu lang.

F: Ich glaube, wir sollten umkehren.

M: Warum? Das Land ist so schön weit weg.

F: Es wird bald dunkel.

M: Wenn ich kräftig in die Pedale trete, sind wir in einer halben Stunde am Ufer. – Sieh mal, wie sich die Silhouetten abzeichnen! Die Kirche wird immer klarer gegen den Himmel.

F: Immer dunkler.

M: Findest du, dass man glücklich ist beim Orgasmus?

F: Manchmal ja. Meistens nicht.

M: Wenn man die höchste Lust einfach anknipsen könnte, würde man es dauernd tun?

F: Nein.

M: Wie fände man die Kraft abzuschalten? – Ich habe gelesen, Frauen können richtige Orgasmusketten haben. Ich hätte gern mal einen weiblichen Orgasmus.

F: Vielleicht schaffst du es noch – wenn der richtige Mann kommt ...

M: Für dich ist er ja auch nicht gekommen, bisher.

F: Nein. Es sei denn, du bist es.

M: Ich?

F: Ja, du. – Manchmal kommt es mir so vor, als ob wir uns gegenseitig wie Haustiere halten. Ich habe gehört, wer Haustiere hat, kriegt seltener Krebs.

M: Ich bin kein Haustier. Ich bin ein wildes Tier.

F: Du?

M: Ja. Ich meine kein Raubtier, mehr ein Murmeltier. Ich verkrieche mich im Winterschlaf und überlebe. Eines Tages, wenn es so weit ist, kriech’ ich heraus, setze mich ein für etwas, ohne mich zu schonen – und sterbe.

F: Dann werde ich dich bewundern.

M: Und jetzt?

F: Jetzt füttere ich dich. Wie ich das mit wilden Tieren so mache.

M: Dir ist klar, dass dich kein normaler Mann aushalten kann, nicht?

F: Du empfindest dich also als unnormal.

M: Siehst du! Genau das meine ich. Das hält kein Hetero aus, obwohl du gut kochst.

F: Natürlich weiß ich das. Was glaubst du, warum ich sonst die Wochenenden mit dir verbringe? Weil du mir zu so glücklichen Orgasmen verhilfst?

M: Bist du nicht gern mit mir zusammen?

F: Doch, sehr.

M: Sag, dass ich dir über die Einsamkeit hinweghelfe, ohne dich zu belästigen!

F: Egal, was du tust: Du würdest mich nicht belästigen.

M: Ich würde dich belustigen.

F: Es war ein schöner Tag.

M: Bist du sicher, dass du nicht einsam bist mit mir?

F: Nein.

M: Was ‚nein‘?

F: Ich bin nicht sicher. Die Direktheit deiner Fragen macht dich pubertär und mich alt. Zu solchen Fragen gehört eine Affäre, sonst ... Sonst wird es schnell zu einer Art Notgemeinschaft.

M: Wäre etwas dagegen zu sagen?

F: Ja, denn du behinderst mich, aber selbst lebst du dich aus.

M: Oh, jetzt wird es ernst.

F: Du hast doch mit dem albernen Ernst angefangen. Ich hätte genauso gern über die Wassertemperatur gesprochen oder über meinen neuen Badeanzug.

M: Hat es modische Gründe, dass du in diesem Jahr keinen Bikini trägst?

F: Mein Bauch soll wieder ein Geheimnis sein.

M: Vermisst du es, dass du keine Kinder hast?

F: Nein. Nein, ich wüsste nicht, was ich aufgeben wollte, um Zeit für Kinder zu haben. – Mit dir Tretboot zu fahren, das könnte ich sein lassen. Aber sonst? – Wenn ich länger darüber nachdenke, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Bin ich wirklich so unfraulich? Und dann denke ich, ich rede mir das nur ein, dass ich kein Kind will, und dass ich mir all die vielen Beschäftigungen nur auftürme, um mir zu beweisen, wie wenig ich Kinder vermisse. Reicht dir die Antwort?

M: Ja ...

F: Und du?

M: Männer werden Väter an ihren Hoffnungen. Wenn sie sie in die Tat umsetzen.

F: Und die Hoffnungen von Frauen? Kriegen die die Brust? Oder verdampfen die deiner Meinung nach am Kochtopf? Oder am Konferenztisch?

M: Meine Perversionen sind meine Kinder. Aber ich bin kein guter Vater. Ich bin zu nachgiebig.

F: Ich glaube dir deine Perversionen nicht. Du deutest sie von Zeit zu Zeit an, weil du sicher sein kannst, dass ich nie nachhaken würde.

M: Warum eigentlich nicht?

F: Idiot! Weil es dir peinlich wäre und mir peinlich wäre, und weil ich dich mögen will, so, wie ich dich erlebe. – Ich denke, die gelegentlichen Anspielungen auf deine sexuellen Eskapaden sollen mir nur beweisen, dass du nicht geschlechtslos bist. Das weiß ich übrigens auch so. Dazu brauche ich dich nicht mal in der Badehose zu sehen.

M: Findest du es unmännlich, wenn ein Mann mit einem Mann schläft?

F: I wo! Das ist doch Männlichkeit in der Potenz. Dagegen ist ein Mann, der einer Frau nachläuft, ausgesprochen weibisch.

M: Jetzt machst du dich lustig.

F: Ja, du nicht?

M: Vielleicht würde ein Kind mich erwachsen machen. Das ist doch eine Aufgabe, die greifbarer ist als alle anderen Aufgaben, die man sich stellt.

F: Du meinst, ein Kind könnte dich erziehen?

M: Bleib so, genau so! Ich will noch ein Foto machen.

F: Noch eins?

M: Ja. Du weißt doch, ich bin verrückt nach schönen, bunten Bildern. – So. – Gut. Entschuldige! Ich habe dich unterbrochen. Du sagtest gerade etwas über Kindererziehung.

F: Ich dachte, das Thema sei beendet.

M: Mit welchem Ergebnis?

F: Ergebnislos.

M: Das ist unbefriedigend. – Nicht Vater zu werden ist schöner, als nicht Mutter zu werden, können wir uns darauf einigen?

F: Auf alles, was du willst.

M: Du hast Farbe bekommen. Du bist richtig braun geworden.

F: Die Welt ist für Männer gemacht. Schon die Neandertalerin wäre verhungert ohne ihren Mann. Gott war immer ein Mann. Mutter Erde ist der Staub, den Zeus als Stier aufwirbelt, wenn er zu Europa galoppiert.

M: Du siehst immer nur, was dich als Frau stört. Die Vorteile nimmst du hin als gottgegeben.

F: Von welchen Vorteilen sprichst du gerade?

M: Frauen haben zum Beispiel seltener Haarausfall und, statistisch gesehen, ein längeres Leben als Männer. Beides gilt im Allgemeinen als Vorteil.

F: Längere Zeit mehr Haar. Das ist überzeugend. Weiter!

M: Die meisten Klodeckel sind so angebracht, dass sie runterfallen, wenn man im Stehen pinkeln will. – Das reicht schon als Beweis. Die Welt ist für Frauen gemacht, und sie machen die Männer zu ihren Sklaven, die zum Pinkeln in die Hocke gehen sollen.

F: Betrifft dich das auch?

M: Ich trotze der Natur: im Stehen. Ich jage weder hinter dem Weibchen her noch für das Weibchen Mammuts. Siehst du, da haben wir beide wieder was gemeinsam.

F: Du könntest wirklich meine beste Freundin werden.

M: Lieber nicht. Du würdest mich genauso unterdrücken wie alle anderen Männer.

F: Welche anderen Männer?

M: Dein Mitarbeiter zu sein stell’ ich mir nicht gerade einfach vor. Bestimmt verlangst du das Äußerste und machst zur Belohnung überzogene Geschenke.

F: Fühlst du dich mir eigentlich befreundet?

M: Hab’ ich dich verletzt?

F: Es ist die Art, wie du so etwas sagst.

M: Du weißt doch, ich bin kindisch.

F: Und du denkst, wenn du es aussprichst, brauchst du es nicht zu ändern?

M: Ich bin doch dein Clown, nicht dein Freund.

F: Ich brauche keinen Clown. Aber ich brauche einen Freund.

M: Oh, du bist so selbstsicher!

F: Bin ich das?

M: Ja.

F:

M: Na ja, Frauen sind eben selbstsicherer. Sie wissen, dass die Männer ohne sie aussterben würden.

F: Das ist albern. Die Frauen würden auch aussterben ohne die Männer.

M: Das wissen die Männer aber nicht. Sie trauen den Frauen zu, dass sie allein einen Weg finden würden, irgendeine Jungfern- oder Lesbenzeugung. Deshalb unterdrücken die Männer die Frauen, weil sie ihnen nicht geheuer sind. – Die Frauen unterdrücken die Männer nicht. Sie wollen etwas von einem Mann oder sie wollen nichts von ihm. So einfach ist das.

F: Hast du eine Ahnung ... Frauen spielen gern mit Männern! Sie quälen auch die Männer, die ihnen nichts bedeuten, solange sie nur wissen, sie bedeuten den Männern etwas.

M: Männer sind eben wehrloser.

F: Vielleicht sind sie ungeduldiger. Sie können nicht warten. Für ihre Ideen kämpfen, das können sie, aber etwas in Ruhe austragen, das fällt ihnen schwer. Sie haben keine Leibesfrucht.

M: Die Leibesfrucht des Mannes ist sein Schwanz.

F: Unlogisch warst du die ganze Zeit. Jetzt wirst du auch noch geschmacklos.

M: Endlich mal eine männliche Eigenschaft!

F: Es macht dir immer noch etwas aus.

M: Was?

F: Dass du schwul bist.

M: Es macht dir ja auch etwas aus.

F: Vielleicht meinetwegen. Deinetwegen nicht. Es wäre alles anders zwischen uns und wahrscheinlich nicht besser.

M: Stell dir vor, ich wäre fad im Bett: Unsere ganze Beziehung wäre geschmissen.

F: So ist das nicht.

M: So wie vorher könnte es dann nicht mehr sein.

F: Ich glaube nicht, dass Männer Frauen je verstehen können.

M: Können Frauen Männer verstehen?

F: Vielleicht brauchte ich einen männlichen Orgasmus, um diese Frage zu beantworten.

M: Männer sind genauso unbegreiflich wie Frauen. Ich verstehe ihre Vorliebe für Frauen, Fußball und unlösbare Probleme nicht.

F: Warum fühlst du dich dann hingezogen zu ihnen?

M: Ja, warum! Das kommt nicht aus dem Verstand, sondern aus den Drüsen. Irgendein Hormon macht mich zu seiner Marionette. Oder ein Chromosom oder noch was Kleineres.

F: Was für eine triste Vorstellung!

M: Na ja, ganz so schlimm ist es vielleicht doch nicht. Erst kommt die Sehnsucht, dann kommt die Drüse und schüttet das Füllhorn ihrer Hormone aus. Oder umgekehrt. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, hier mit dir zu schaukeln, weg von der Welt, das Dorf zum Greifen weit, auf warmem Wasser im Sonnensinken, erste Sterne über den Hügelketten und die Vorfreude auf den Duft von Schilf, wenn wir zurückkehren werden zum unvermeidlichen Ufer.

F: Das klingt nach Worten, nicht nach Gefühlen.

M: Ich habe Sehnsucht nach Worten.

F: Ja? Ich habe Sehnsucht nach Menschen, nach ein paar Menschen, du nicht?

M: Nach wenigen.

F: Auch nach Frauen?

M: Ich weiß nicht, ob man das ‚Sehnsucht‘ nennen kann. Meine Sehnsucht nach Mütterlichkeit, nach Weiblichkeit, Fraulichkeit, Mädchenhaftigkeit – all das wurde immer voll befriedigt. Meine Sehnsucht nach Mann nie. Vielleicht ist sie unstillbar. Irgendwas scheint da anders zu sein als bei den meisten. Und weil ich das nicht ändern kann, bin ich trotzig geworden.

F: Trotz ist kindisch.

M: Schon wieder! – Ja, wahrscheinlich hast du recht. Ein kindischer Triumph. Mein funktionsloser Sex als Rache dafür, dass ich geboren bin. Ich zeuge keine Kinder, sondern nur Lust.

F: Was ist das für ein Triumph? Die Natur geht über dich hinweg, nicht du über sie.

M: Na ja, aber vielleicht ärgert sie sich doch.

F: Ach, der Natur ist alles recht. Ganz gleich, ob wir uns einkapseln oder ob wir uns verschwenden. Nur uns ist das nicht gleich. Wir wollen beides.

M: Was Frauen wollen, dahinter bin ich noch nicht gekommen. Wahrscheinlich will jede etwas anderes.

F: Du interessierst dich eben nicht für Frauen.

M: Aber ich beobachte sie. Und dann fällt mir auf, dass du eine Ausnahme bist. Die meisten zieren sich. Sie warten ab und wollen erobert werden.

F: So steht es in den Romanen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Eroberst du nicht gern?

M: Willst du unser Gespräch darauf reduzieren, dass ich schwul und kindisch bin?

F: Lass es uns erweitern: Inzwischen gibt es eine ganze Menge Frauen, die Männer schnell erobern und schnell wieder loswerden wollen.

M: Immer noch Ausnahmen.

F: Wirklich? Ich glaube, wenn Frauen nicht ständig Strumpfhosen trügen, würden sie auch nachts in die Parks gehen.

M: Was?

F: Strumpfhosen sind sextötend, besonders, wenn man sie im Stehen runterlässt.

M: Was weißt du von Parks?

F: Was weißt du von Frauen?

M: Würdest du in den Park gehen, nachts?

F: Ich hab’ schon mal einen Mann mitgenommen, gleich am ersten Abend.

M: Na ja ...

F: Ich kann das gut verstehen. Man weiß, was man voneinander will, man macht sich nichts vor. Alles ist ehrlich und unbelastet. Schade, dass es nichts für mich ist.

M: So geht es eben den meisten Frauen. Darum haben sie die Treue erfunden: um den Männern eins auszuwischen.

F: Die Treue ist eine Erfindung der Männer. Sie gönnen den Frauen keine Vergleichsmöglichkeiten.

M: Das ist besonders unsportlich. Erst im Wettbewerb läuft man auf zu Höchstleistungen.

F: Ja, und wieso machst du dir dann nichts aus Fußball?

M: Ach, da knutschen mir die Kerle zu viel rum, wenn sie mal ein Tor geschossen haben.

F: Das ist ein Argument.

M: Ich versteh’ eigentlich nicht, warum sich Frauen, ich meine nicht Lesben, richtige Frauen ...

F: Ganz richtige Frauen?

M: … also alle Frauen und alle Schwulen enger zusammenschließen. Sie sind doch zusammen die überwältigende Mehrheit.

F: Überwältigend! Um was zu erreichen?

M: Die Vernichtung des Durchschnittsmannes zum Beispiel. Und weniger Busen auf den Titelseiten der Illustrierten. Mehr attraktive Männer in der Werbung.

F: Hohe Ziele.

M: Siehst du Georg noch?

F: Warum fragst du das jetzt?

M: Nein, nicht wegen ‚Durchschnittsmann‘, wirklich nicht. Es fällt mir nur auf, dass du kaum noch von ihm sprichst.

F: Ich spreche überhaupt nicht mehr von ihm. Siehst du, so genau beobachtest du.

M: Ist was ...

F: Ich seh’ ihn nicht mehr.

M: Dann ist es aus?

F: Zu diesem Resultat wird man wohl nach eingehender Analyse kommen.

M: Es tut mir leid.

F: Oh, es verlief ganz undramatisch, ohne Auseinandersetzung, ohne Abschied, es verlief gar nicht. Es verlief sich im Sand der Zeit.

M: Und wie kam das?

F: Es kam ja nicht. – Ich weiß auch nicht. Wir haben aufgehört, miteinander zu lachen. Und dann hat es angefangen, mich zu ärgern, dass er nie den Korken aus dem Korkenzieher rausgezogen hat, wenn er eine Weinflasche aufgemacht hatte. Und ich habe gemerkt, dass es ihn störte, wenn ich die Kaffeetassen immer gleich abgespült habe, damit sich kein Rand bildet. Na ja. Und dann haben wir unsere Beziehung eben nicht abgebrochen, sondern eingeschläfert wie einen lahmen Gaul.

M: War ein knackiger Mann.

F: Er mochte dich nicht.

M: Weil du mich magst oder weil ich schwul bin?

F: Beides gute Gründe. Für ihn.

M: Sind alle Beziehungen gefährdet?

F: Wenn sie das nicht sind, werden sie zur Bedrohung.

M: Warum hast du mir nichts gesagt, bevor ich gefragt habe?

F: Es gab nichts zu sagen. Keine Auseinandersetzung. Keine Tränen. Keinen Unterhaltungswert.

M: So siehst du mich?

F: Ich werde dich bald überhaupt nicht mehr sehen.

M: Gar keine Tränen?

F: Lass uns zurücktrampeln!

M: Wie warm es noch ist! Der See ist so freundlich ohne die Surfer und Motorboote.

F: Wird es nicht zu spät für dich?

M: Wofür?

F: Willst du nicht in die Szene gehen heute Abend? Die Autobahn wird voll sein. Wir brauchen mindestens eine Stunde bis in die Stadt.

M: Ich dachte, wir gehen zusammen noch was essen.

F: Sonnabends schwer ohne Vorbestellung.

M: Willst du nicht?

F: Ich weiß nicht. Doch. Wir können auch bei mir was essen, aber ich nehme an, du willst unter Menschen.

M: Also ... es muss nicht sein.

F: Wir können bei mir was essen, und dann gehst du unter Menschen.

M: Das hat Zeit. Vielleicht werde ich auch zu müde sein.

F: Das hast du dir vorhin doch gewünscht: müde sein und schlafen.

M: Ja, am Tag.

F: Ah, ich verstehe. Die Tage sind lästig. Aber nachts folgst du deiner Bestimmung. Da wird die Schublade ‚väterliche Freundin‘ zugemacht und die Schublade ‚Begehren und Aufbegehren‘ geöffnet.

M: Würde es dich trösten, wenn ich dir sagte, dass ich nicht glücklicher bin als du?

F: Ja, ein bisschen. Aber glauben würde ich es dir nicht.

M: Du denkst, ich bin gern so, wie ich bin?

F: In dem Maße, in dem du überhaupt etwas gern sein kannst, ja.

M: Ich weiß nicht. Das Leben – man darf gar nicht erst darüber nachdenken. Ich daue und daue schon so lange, aber ich kann es nicht verdauen.

F: Das ist doch Glück.

M: Ach so.

F: Was ist aufregender für dich an Männern als an Frauen?

M: Dasselbe wie für dich, vermutlich.

F: Das glaub’ ich nicht.

M: Nein, wahrscheinlich nicht. Du brauchst einen Mann, und ich brauche Männer.

F: Und deshalb ziehst du dann los, abends.

M:

F: Sag was! Wie ist das, wenn du da hinkommst, wo du hingehst?

M: Wie soll das sein …?

F: Ja, wie?

M: Du machst dir da Vorstellungen ...

F: Du nicht?

M: Ich kenne die Wirklichkeit.

F: Und wie ist die?

M: Warum willst du das jetzt wissen?

F: Du weißt ja jetzt auch über Georg Bescheid.

M: Dein Geheimnis gegen mein Geheimnis? – So benehmen sich Kinder!

F: Und ich bin schon sehr erwachsen. Also kann ich auch schon sehr viel vertragen.

M: Also, du sagst doch selber, ich protze bloß rum.

F: Ich will ja auch nichts über die Handlung wissen, sondern nur etwas über die Kulisse.

M: Ach, es ist ... wie auf dem Boot. Wie auf dem See hier. Wenn man genug getrunken hat, dann treten die Konturen der Männer vor wie Kirchtürme im Sonnenuntergang. Allmählich zeichnen sich die Schatten deutlicher ab gegen den Hintergrund der Stimmen. Allmählich entdeckt man Einzelheiten: in einer Geste – halb herrisch, halb exaltiert –; in dem Tonfall, der in einer Bemerkung Ironie und Bitterkeit nachklingen lässt, etwas zwischen Übermut und Zweifel; in der Art, wie ein Arm oder ein Bein angewinkelt ist oder wie ein Nacken sich beim Lachen biegt. Und dann ist da einer – vielleicht, vielleicht auch nicht –, von dem man denkt: Wenn der schwul ist, dann bin ich froh, nicht Hete sein zu müssen. Er hat eine zu niedrige Stirn, und er raucht zu viel, und man schmeckt schon die Aschenbecherküsse, die einen auf dem Nachhauseweg begleiten werden. Man weiß schon vorher, dass es das nicht wert sein wird, und hinterher wird man wissen, dass es das nicht wert war, aber zwischendurch weiß man mal ein paar Augenblicke lang gar nichts mehr. Und das ist gut.

F: Es ist grausam von dir, mir das zu erzählen.

M: Du hast doch gefragt.

F: Nicht, um das zu hören.

M: Ich dachte, um die Wahrheit zu hören.

F: Die Wahrheit ist, dass Frauen und Männer einander fremd sind, alle Männer allen Frauen. Und ich habe mich so bemüht.

M: Ich liebe eben Frauen als Menschen und Männer als Männer.

F: Ich möchte darüber nicht mehr sprechen.

M: Es tut mir leid, wenn ich dir die Stimmung verdorben habe. Weißt du, ich habe ja auch niemanden, mit dem ich so reden kann, und da ... Entschuldige! Weißt du was: Wir werden gleich hier essen, im ‚Seeschlösschen‘, da kriegen wir bestimmt noch einen Platz.

F: Und wer fährt nachher?

M: Ich werde nur ganz wenig trinken.

F: Ich möchte nach Hause.

M: Wir können unterwegs was kaufen, Hähnchen oder ... Wir können auch ins Kino gehen.

F: Tritt gleichmäßiger!

M: Bist du böse?

F: Ich bin nicht böse.

M: Willst du nicht ins Kino?

F: Nein.

M: Willst du allein sein heute Abend? – Woran denkst du?

F: Ich sehe, wie du da eintrittst, wie dein Gesicht sich entspannt und wie du ‚Endlich!‘ denkst.

M: So ist das doch nicht! Wir können auch zu ‚Antonio‘ gehen. Bis wir zurück sind, ist es zehn. Da ist bestimmt schon ein Tisch frei. – Oder bist du zu müde? Willst du lieber lesen heute Abend?

F: Ja, ich will lesen. Ich will ins Bett gehen und lesen. Keinen Film sehen, sondern lesen. Oder ich werde Georg anrufen und ihn fragen, ob er Lust hat, noch auf einen Sprung vorbeizukommen. Eine Flasche Wein entkorken. Keine mit Schraubverschluss. Oder bloß einen Kaffee trinken. Bleib doch im Rhythmus! Du musst schneller treten! Oder wirst du jetzt doch endlich müde?

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ERLÄUTERUNGEN

Wenn Sie den Kursus bisher aufmerksam durchgearbeitet haben, dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass von Frauen wenig die Rede war, obwohl die doch den größeren Teil der Menschheit und sogar den verständnisvolleren ausmachen. An diesem Missverständnis innerhalb des Lehrgangs wird sich auch nichts ändern, und das bedarf einer Erklärung, weil man ja schnell in den Verdacht gerät, diskriminieren zu wollen, wenn man nicht ständig betont, dass alle gleich sind. Niemand ist gleich, aber es ist eben bequemer, Gleichheit zu behaupten, als einander in der Andersartigkeit zu ertragen.

Frauen kommen deshalb so wenig vor, weil dieser Kursus nicht von ihnen handelt. Im Telefonbuch steht ja auch nichts über radioaktive Verseuchung, obwohl das ein wichtiges Thema ist. Trotzdem werden wir uns in diesem und auch in zwei nachfolgenden Lektionen mit Frauen beschäftigen, sofern sie in den schwulen All- und (schlimmer) Feiertag eingreifen.

Hetero-Männer mögen Frauen. Frauen finden Hetero-Männer unergiebig, weil die ihnen nie was zu ihrer neuen Frisur sagen, nicht merken, wenn ein Kleid neu ist, und auch sonst selten Interessantes beizusteuern haben. Kämpferische Frauen kümmern sich natürlich nicht um Frisuren und Kleider – um normale Männer erst recht nicht. Oder sie geben viel Geld aus für all solche Accessoires und wechseln sie deshalb entschlussfreudig mit gutem Gewissen.

Frauen mögen lieber Tunten. Der Traum von der Frau, die knallharte Kerle will, der ist ein Männertraum, Schwule inbegriffen. Lediglich wegen der Fortpflanzung sind Frauen auf Heten-Männer angewiesen, und so geben sie zögernd – früher dem guten Ton entsprechend sogar ziemlich zögernd – dem Werben normaler Männer nach: aus Kinderliebe. Dabei haben dann diejenigen Heteros die besten Chancen, die möglichst viele schwule Eigenschaften mitbringen, wie Einfühlungsvermögen und Mut zur Zärtlichkeit.

Nun macht die Fortpflanzung nicht nur die Bevölkerungsdichte aus, sondern auch Spaß. Unbürgerliche Frauen haben sich dazu hinreißen lassen, das zuzugeben und die normalen Männer dadurch in einer Weise verschreckt, dass die, die nicht ganz so normal sind, es sich doch lieber noch mal überlegen. Allerdings gibt es da nichts zu überlegen, höchstens ohnehin latente Anlagen aufzustöbern – und mehr, als die zu kitzeln, kann dieser missionarische Lehrgang auch nicht.

Die ganz junge Generation hat es besser. Jungen und Mädchen interessieren sich gleichermaßen nur noch für Frisuren und Kleidung, so dass sie sich harmonisch mit Softdrinks und einander langweilen können. Die etwas Älteren kämpfen gegen Umweltverschmutzung in der Umgebung und gegen Ausbeutung etwas weiter weg; für etwas zu kämpfen ist nach dem Scheitern der Ideologien schwierig geworden.

Unschwule Frauen und schwule Männer scheinen etwas Wesentliches gemeinsam zu haben: die Liebe zum Mann. Gemeinsame Wünsche trennen, vor allem, wenn man nicht teilen will. Es gibt aber auch etwas, was beide Gruppen grundsätzlich unterscheidet und dadurch allzu ernste Feindschaften verhindert: Frauen sind Frauen, und Männer – auch schwule – sind Männer. Wenn Männern etwas gefällt, regt sich Besitzanspruch. Der Jagdtrieb und der Drang, die Fortpflanzung durch Begattung möglichst vieler, na ja, Weibchen zu gewährleisten, ist im Schwulen sogar wesentlich weniger zurückgebildet als im degenerierten Normalen.

Und so wären manche Frauen, die an ihren kultivierten Freunden (notgedrungen) die Zurückhaltung schätzen, zumindest überrascht, wenn sie das Geschlecht tauschen könnten und dadurch am eigenen Leibe erführen, wie die sympathische Zögerlichkeit ihrer Seelenbekannten unter anderen Umständen dem für Männer normalen Gehabe weicht.

Auch sonst sind Schwule für Frauen, genau genommen, eine Enttäuschung. Für die Gleichberechtigung der Frau sind sie so hilfreich wie Gleichgültigkeit für die Liberalität im Staat, flammende Reden eingeschlossen.

Es ist leicht, für etwas einzutreten, wenn einem das keine Opfer abverlangt. Gewiss, die Frau wird von ihnen nicht als Ware betrachtet, das zeugt aber nicht automatisch von Einsicht oder Verständnis. Für die Schwulen heißt der Konsumartikel halt ‚Mann‘. Ausgewogener ist das insofern, als sich die Schwulen dabei zwangsläufig selbst auch zum Konsumartikel machen müssen. Lustobjekt zu sein ist für sie nicht, wie für fortschrittliche Frauen, Erniedrigung, sondern Befriedigung (es sei denn, wir sprächen vom Strich, aber das tun wir ja nicht).

Die Heuchelei altmodischer Frauen, die zwar begehrt, aber nicht besessen werden wollen, ist den Schwulen im eigenen Verhalten zwar nicht fremd, aber doch – hoffentlich – suspekt.

Der Vollständigkeit halber soll hier auch kurz die schwule Mehrheit erwähnt werden. Die will (wie Mehrheiten das so an sich haben, wenn man sie nicht aufhetzt) weder Lustobjekt sein noch andere konsumieren, sondern bloß ihre Ruhe – abgesehen von den paar spießigen Exzessen, die am nächsten Morgen verdrängt werden, runtergespült mit der Kopfschmerztablette: Was ich nicht weiß, macht mich nicht krank.

Es gibt auch Schwule, die das Einfühlungsvermögen nach gängiger Vorstellung etwas übertreiben – die schlüpfen in Frauenkleider. Bemerkenswert ist, dass es das umgekehrt viel seltener und dann viel weniger überzeugend gibt. Und obwohl ja Männer mindestens so komisch sind wie Frauen, treten in der Regel auch keine Herrenimitatoren in Kabaretts auf. Wenn es unbeabsichtigterweise mal ganz hart auf hart kommt, kann ein Mann sich sogar umoperieren lassen, zum Beispiel, weil er versehentlich im verkehrten Körper geboren wurde. Bei einer Frau klappt das längst nicht so gut. Ein Mann ist man eben, das kann man nicht werden. Zur Frau wird man dagegen gemacht, das bestätigen die Frauen sogar selbst in gern gehörten Chansons. Transsexualität kommt mehr in den Medien vor als in Wirklichkeit. Das gilt auch für die durch Corona auf Platz 2 herabgedrängte Genderitis.

Solche fraugemachten Lieder gefallen auch den Männern, die ja überhaupt dumme Frauen sexuell anregend finden – damit können sie dann aber nicht fantasievoll, sondern höchstens willfährig meinen, und Willfährigkeit ist ja in der Tat ziemlich dumm.

So passt es ins Bild, dass Frauen in Autos bei Grün nicht von der Ampel wegkommen und auch sonst nicht die Initiative ergreifen wollen. Tun sie es aber doch, dann sind sie Emanzen, von denen man besser die Finger lässt, obwohl gerade die Pranke das wäre, was sie brauchten. Alter, weißer Mann, träum nur weiter! Aus stirbst du, aus!

Es stimmt wirklich: Frauen haben es schwerer als Männer. Mehrheiten werden eben immer unterdrückt, gleich, ob Russen, Schwarze oder schweigende. – Na ja, wie soll man sie auch sonst in den Griff kriegen?

Den Hintergrund des Dialogs bildet eine Tretbootfahrt auf dem Schliersee am 17. Juli 1983. Nichts wurde so gesagt wie hier geschrieben, aber es wäre doch möglich gewesen …

Video (Ausschnitt aus ‚Halbzeit ’83‘): Hanno Rinke

41 Kommentare zu “Dialog 21: Auf dem See

  1. Ahhh Frauen und Männer. Gibt es ein schwierigeres Thema? Besser haben Frauen es sicher nicht. Ob die paar Jahre längeres Leben die Unannehmlichkeiten, die wir Männer ihnen vorher machen, wieder ausgleichen – ich bin nicht überzeugt.

  2. Ich würde auch anmerken, dass selbst Frauen, die sehr auf ihr Äußeres und schöne Kleidung achten, nicht unbedingt von Hetero-Männern enttäuscht sind weil denen nicht auffällt, dass sie gerade beim Friseur waren, sondern eher weil diese Hetero-Männer ihnen beruflich Steine in den Weg legen und im Privaten aggressiv und dominant entgegentreten .

    1. Das sehe ich genauso. Da ich aber kein wissenschaftliches Sachbuch geschrieben habe, sondern ein Brevier meiner Pariser Eindrücke, bitte ich die Ungenauigkeit meiner hingetupften Eindrücke zu entschuldigen.

      1. Was für ein Glück! Trockene Abhandlungen zu diesen Themen gibt es ja eh schon genug. Dann lieber Rinksche Überzeichnungen. Das ist um einiges vergnüglicher.

    1. Und trotzdem jammern sie alle über das Eingesperrtsein während der Pandemie. Dabei könnte man so schön seine Ruhe haben.

  3. Mittlerweile kämpfen ja sogar die etwas Älteren UND die ganz Jungen gegen Umweltverschmutzung und Ausbeutung. Nur die Mittelalten scheinen es sich gemütlich zu machen.

    1. Dass sich junge Menschen wieder mehr engagieren – für Gesellschaft, Politik und Umwelt – ist doch etwas tolles. Diese Energie macht Hoffnung, auch wenn ich persönlich nicht immer jedes einzelne Thema nachvollziehen kann.

      1. Waren die in den späten 80ern und 90ern Geborenen wirklich so unengagiert? Bei mir Zuhause waren auch die 50er Jahre nicht spießig. Hitchcock, Louis Amstrong, Calypso waren die Begriffe. Schwer, von der eigenen Situation abzusehen.

      2. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es solche großen Bewegungen wie Fridays for Future, Black Lives Matter, oder die Aktionen nach dem Parkland-Shooting in meiner Generation nicht unbedingt gab. Aber vielleicht ist auch das nur ein subjektiver Eindruck.

      3. Das könnte allerdings auch einfach an der heutigen Informationsflut und den sozialen Medien liegen.

  4. Schöne, bunte Bilder – damit konnte man schon immer locken. Erst in Magazinen, dann im TV, später im Internet und nun im Sekundentakt auf dem Handy. Locken, unterhalten und von anderen (vielleicht wichtigeren?) Themen ablenken.

      1. Solange es wenigstens interessante Endbilder sind … Wenn zum Ende doch nur TikTok rauskommt, dann wäre ich doch sehr enttäuscht.

      2. Ich dachte vor allem an die letzten Bilder die ich sehen werde bevor alles vorbei ist.

    1. Ich habe solche Männer tatsächlich schon erlebt. Es gibt sie. Ob sie eine Mehrheit bilden, tja, da möchte ich noch kein abschließendes Urteil abgeben.

  5. Das Statement „Niemand ist gleich“ würde ich ja gleich einmal unterschreiben. Aber sich mit der Andersartigkeit auseinanderzusetzen ist wahrscheinlich noch unbequemer als einfach alles gleichzureden.

    1. Vor allem, weil man dann auch noch verstehen muss, dass man Menschen gleich behandeln kann obwohl sie eben nicht alle gleich sind. Spätestens da hört es eben bei vielen auf.

      1. Eigentlich verrückt, oder?! Dabei ist der Zusammenhang eigentlich doch ziemlich leicht zu verstehen.

      1. Gefilmt zu werden ist für Menschen ohne Schauspielausbildung anstrengend. Darum ist Zunge-Rausstrecken und Winken so beliebt. Dass es dadurch noch peinlicher wird, erkennen die meisten nicht.

      2. Ich glaube darum funktionieren Instagram und TikTok auch so gut. Weil man dort quasi nur wiederholt und nachstellt was alle anderen auch tun. Eigener Input ist so gut wie unnötig.

      3. Die raugestreckte Zunge gehört aber leider auch zum Copy-Repertoire. Das scheint also nicht besonders gut zu funktionieren.

  6. Sogar innerhalb der Szene sind schwule Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen und Mut zur Zärtlichkeit ja mitunter verpöhnt. Da will man den Hetero-Männern dann schon wieder zu ähnlich sein. Verrückte Welt.

      1. Alles andere wäre ja auch ein Drama. Dass es trotzdem selbst in den Großstädten noch junge Männer gibt, die für ihr feminines Verhalten kritisiert oder attackiert werden, ist umso schlimmer. Sollten wir das nicht langsam hinter uns haben?

  7. Mir gefällt ja vor allem das abschließende „Nichts wurde so gesagt wie hier geschrieben“. Das ist mal eine gelungene Abwechslung vom ewigen „Nach einer wahren Begebenheit“.

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