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0406
Tänzer außer der Reihe

Dialog 28: Im Mietshaus/im Auto

DICKE FELDMÄUSE

(Der Bräutigam: B; der Trauzeuge: T)

B: Wie sieht es denn hier aus?

T: Das siehst du doch. Oder bist du blind?

B: Entschuldige! Das war eine dumme Bemerkung. Ich bin nur erstaunt, dass du noch nicht aufgestanden bist.

T: Ich bin aufgestanden. Wie hätt’ ich dir sonst die Tür aufmachen sollen?

B: Ich meine, dass du wieder im Bett bist.

T: Ich bin krank.

B: Oh, das tut mir leid. Was fehlt dir denn?

T: Ich hab’ Seelensteine.

B: Dann wirst du liegen bleiben müssen. Wir werden jemand anders finden. Auf dem Standesamt ist es ja nur eine Formalität. Vielleicht wird dir morgen besser sein.

T: Nein, nein, es geht schon.

B: Du bist nicht ans Telefon gegangen. Anette hat sich Sorgen gemacht.

T: Hab’ noch gepennt. War spät vorige Nacht.

B: Also, wenn du nicht kannst …

T: Ich liebe meine Schwester. Und wenn sie mich als Trauzeugen will, dann komm’ ich auch. Ich muss nur kurz mal meine Lustzentrale unter die Dusche stellen.

B: Ich sag’ sonst Anette, dass du es nicht geschafft hast und wir jemand anders nehmen müssen. Sie versteht das schon. Sie kennt dich ja.

T: Nun warte doch! Es geht ganz schnell.

B: Ach, wo du gerade ins Bad gehst: Anette bittet dich, heute Abend keine Klos anzuschleppen.

T: Was? Wieso Klos?

B: Na ja, zum Polterabend. Sie denkt, eine Braut, die, äh, nicht mehr Jungfrau ist, ist sowieso von allen guten Geistern verlassen. Da helfen solche drastischen Maßnahmen auch nicht mehr.

T: Was denkt sie denn von mir? Ich würde höchstens einen symbolischen Eierbecher zerdeppern, um die bösen Geister zu verscheuchen. Und morgen in der Kirche werd’ ich auch nicht im weißen Fummel Blümchen streuen.

B: Ich werd’ es ihr sagen. Das wird sie mit Erleichterung aufnehmen.

T: Was? Ich versteh’ nichts, wenn das Wasser läuft.

B: Ich sagte: gut, gut.

T: Du stehst da so rum. Setz dich einen Augenblick!

B: Danke! Wir haben nicht viel Zeit.

T: Was?

B: Ja, ich setz’ mich. Aber beeil dich bitte! –

T: So. Meine Haare trocknen wohl unterwegs. Du guckst so. Hast du noch nie ’n nackten Mann gesehen?

B: O doch. Häufiger schon.

T: Oder stören dich die Striemen?

B: Wenn sie dich nicht stören.

T: Das ist nicht deine Welt hier, ich weiß. Aber ich sage dir: Die Ordnung ist unfruchtbar. Das Produktive ist das Chaos: der Urwald – nicht Peitschenmasten und Verkehrsampeln.

B: Ja, da hast du sicher recht.

T: Komisch, du sitzt da in deinem feinen Anzug mitten in meinem Saustall, und man sieht dir an, dass du kein Wässerchen trüben könntest – während ich ganze Frischwasser-Reservoirs verseuche. – Anette hat es gut, so einen feinen Kerl abzukriegen. – Guck mal, ob du da hinten schwarze Strümpfe findest! – Aber Anette ist in vielem so wie ich. Wir haben uns das Leben beide erfinden müssen. Es ist uns nicht passiert. Ich bin bloß konsequenter als sie. Früher hab’ ich gesucht, um das Ewige zu finden. Jetzt wäre mir das bloß lästig. Überleben klappt doch sowieso nicht, also kann es nur ums Leben gehen. Und da behandle ich mich großzügig genug, um mir zu erlauben, mich kaputtzumachen, nicht im Dienst an der Menschheit, sondern nur so zum Spaß, wie ein Spielzeug.

B: Geht auch Dunkelgrau?

T: Das musst du wissen. Du heiratest doch.

B: Hier, nimm die!

T: Warum soll ein Mensch nützlich sein? Der Regenwurm gilt als nützlich, weil er den Boden auflockert, aber das tut er ja nicht absichtlich. Der Vogel schlüpft aus, singt, frisst den Regenwurm, kackt und stirbt. Wir kommen und gehen – und zwischendurch wird ein bisschen rumgelebt. Ich sehe kein Problem, das ich lösen könnte, und ich sehe keine Aufgabe, die mich interessiert.

B: Das ist ja schrecklich! Hast du schon mal an Selbstmord gedacht?

T: Ich möchte leben. Leben, um schlafen zu können. Und um meine Träume zu verwirklichen, meine Albträume. Wenn ich sterbe, werde ich sagen können: Ich habe den Himmel gesehen.

B: Soll ich dir eine Krawatte raussuchen?

T: Eine Krawatte? Ja, bitte! Weißt du, es nutzt ja nichts, man muss zu seinen Schauplätzen stehen. Früher hab’ ich mir morgens auch immer gesagt: Nie mehr lass’ ich mich auf so was ein. Nie mehr lass’ ich mich von einem Lachen blenden, von einer Berührung überwältigen, von einer Figur verwirren. – Ja, mein Gott, wovon denn sonst? Von Akten und Fakten? Mit dem Kopf komm’ ich nicht weiter, da geht es nicht durch die Wand. Mit dem Schwanz geht es immer weiter. Darum ist das Gesündeste, was ich tun kann, mich zu verausgaben. Sonst denk’ ich mir Fantasien aus, die tödlich sind.

B: Ich glaub’, die passt.

T: Ich will Ausgestoßener unter Ausgestoßenen sein und mir die Glückssekunden ertrotzen, die uns nur überwältigen können, wenn wir sie erleben. Ja, ich liebe die ekstatische Hilflosigkeit der Betrunkenen und ich hasse die tote Vernunft der Nüchternen. – Du denkst, ich steh’ unter Drogen?

B: Nein.

T: Du siehst mich aber so an.

B: Ich finde, du bist sehr temperamentvoll, heute Morgen.

T: Ich bin völlig verkatert und ver… – ach, was weiß ich. Es kann kein Blut sein, was in meinen Adern fließt.

B: Es ist sehr großzügig von dir, dass du mich so ins Vertrauen ziehst.

T: Ach, ich führ’ Selbstgespräche, um mir Mut zu machen. Und ich lass’ dich zuhören, damit du siehst, was du heiraten willst. Anette und ich sind uns sehr ähnlich. Nicht nur bluts-, sondern auch wesensverwandt.

B: Komm jetzt, bitte!

T: Brauch’ ich noch irgendwas?

B: Personalausweis hast du?

T: Ja. Portemonnaie?

B: Für die Rückfahrt vielleicht.

T: Ja. – Fertig.

B: Schließt du nicht ab?

T: Nicht nötig. Träume kann man nicht klauen.

B: Ja, du siehst den Dingen auf den Grund.

T: Das kann keiner. Es ist alles viel zu kompliziert geworden, alles hängt mit allem zusammen. Schön wär’ es, keine anderen Probleme zu haben, als nicht zu verhungern. An dieser Aufgabe kann man sich gut durchs Leben hangeln. Aber stattdessen dieser ewige Kreislauf. – Komm, wir gehen zu Fuß! Der Fahrstuhl steckt irgendwo.

B: Schaffst du das in deinem Zustand?

T: Warum denn nicht? Seh’ ich so abgewrackt aus?

B: Nein, nein.

T: Dieser ewige Kreislauf: Weiß man, wo man schlafen kann, will man essen. Hat man zu essen, will man Freunde. Hat man Freunde, will man Bequemlichkeit. Hat man Bequemlichkeit, will man Luxus. Hat man Luxus, will man Sicherheit, um ihn nicht zu verlieren. Man schreit nach Staat und Polizei und schafft sich Feinde. Jetzt ist man bedroht. Man will noch mehr Sicherheit, noch mehr Bequemlichkeit, größeren Luxus, neue Freunde. – Na, ich nicht.

B: Du hast eine sehr anschauliche Art, das Leben zu erklären.

T: Ui! Du stehst ja im Halteverbot. Das hätt’ ich dir gar nicht zugetraut.

B: Na ja, für Anette und dich riskier’ ich eben Kopf und Kragen. Steig doch ein! Es ist offen. – Geht es? Du siehst blass aus.

T: Ja, es geht. – Stefan!

B: Ja?

T: Stefan, ich liebe sie. Ich liebe meine Schwester.

B: Ich liebe sie auch.

T: Ich will, dass sie glücklich wird. Hörst du?

B: Ich will auch, dass sie glücklich wird.

T: Es ist nicht einfach mit ihr …, aber ich versteh’ sie. Und sie versteht mich auch. Wir sind sehr eng gewesen. Immer. Ich werde sie sehr vermissen.

B: Du musst dich anschnallen, bitte.

T: Es wird schwer sein für mich, dass sie jetzt nicht mehr in ihrer Wohnung lebt, sondern in deiner.

B: Da rechts unten. Hast du’s?

T: Ja, geht schon. – Ich fühl’ mich ganz elend. Wenn ich nicht rede, dann fühl’ ich mich ganz elend.

B: Dann solltest du vielleicht lieber nicht denken, sondern reden, das lenkt dich ab.

T: Der Virus ‚Mann‘ tobt in mir, er vergiftet mein Blut, er schüttelt mich. Ich kann mein Blut nicht spenden, schon wegen der möglichen Aids-Gefahr. Ich kann meine Leiche nicht spenden, wegen der möglichen Auferstehung des Fleisches. Ich kann nur Lust spenden. Gestern hab’ ich mich angelegt mit einem wegen der Kosten für Aids-Patienten. „Eure Rücksichtslosigkeit kostet den Steuerzahler Millionen“, hat der gesagt. – „Und uns vielleicht das Leben“, hab’ ich ihm geantwortet, „genauso wie uns vielleicht die vielen Waffen das Leben kosten werden, für die ihr Steuerzahler noch viel mehr Millionen ausgebt.“ – „Von mir aus könntet ihr ohne Hilfe krepieren“, hat er gesagt. – Und ich hab’ ihn gefragt: „Denken Sie denn gar nicht an all die unschuldigen Bluter?“ – Na ja, früher, im Mittelalter, wurden wir für dicke Feldmäuse verantwortlich gemacht und verbrannt. Gefährlich war es immer. Muss vielleicht so sein. Das Öl der Angst tropft in die schäumende Lust und macht das Leben, Tropfen für Tropfen, zu einer zähflüssigen Mayonnaise. Du wolltest ein guter Schüler sein und ein guter Tennisspieler und ein guter Student. – Ich wollte rein sein. Und als ich merkte, ewig rein sein, das kann ich nicht, da wollt’ ich auch gleich die größte Drecksau werden. – Aber manchmal, wenn ich nachts aufwache, dann denk’ ich immer noch, ich könnte auch so werden wie Jesus: erleuchtet. Plötzlich glaub’ ich an mich. Na ja, auch das geht vorbei. Man muss für jedes Talent dankbar sein, auch für das, geil sein zu können. – Wo sind wir eigentlich?

B: Auf dem Weg zum Standesamt. Anette fährt mit euren Eltern.

T: O Gott, auch das noch. – Eigentlich möchte ich nichts weiter, als dass mir ein großer, fremder Schwanz die Kehle hinabgleitet, bis ich ersticke. Irgendwas, wo man nicht weiterreden und weiterdenken kann und fühlt: Ja, das ist es. Selbst wenn ich mich irre: Das ist es. – Na ja, es wird alles bestraft. Das akzeptier’ ich auch. Das Gnadenflehen der Unschuldigen finde ich würdelos, aber noch erbärmlicher ist das Gewimmer der Schuldigen. – Du siehst sehr gut aus, heute.

B: Ich bin auch sehr glücklich.

T: Ja. Ja, natürlich. Ich hätte dich auch genommen, wenn ich Anette wäre. – Ich würd’ dir gern mal die Nieren leersaufen.

B: Ach. Hattest du das Bedürfnis schon häufiger?

T: Wenn dir jemand gefällt … Ich hab’ all die Tricks drauf, weißt du. Aber an deiner Unerschütterlichkeit würden sie natürlich zerschellen. Geil ist es, wenn man zu besoffen ist und nichts mehr geht. Ausgefickt und fertig – und dann zwei Gasmasken aufsetzen und sich gegenseitig mit der eigenen Luft beatmen, bis man fast erstickt. Liebe kann nie so tief und aufrichtig sein wie Geilheit. Der Typ vorige Nacht – es war sehr poetisch. Es hätte dir gefallen, wirklich. Unsere Zungen haben sich umspielt wie Delfine. Wie Delfine, und dann hab’ ich Bier aus der Dose dazwischengegossen, Öl auf Feuer, und wir haben beide so viel aufgesogen, wie wir nur konnten. Wir wollten saufen, saufen, bis uns die Blase platzt, bis sich die ganze Pisse in die Bauchhöhle ergießt, ins Blut schwemmt, uns fortreißt. – Beim Orgasmus hat er „Scheiße!“ geschrien. Es ging ihm zu schnell. – Hey, die Ampel war rot. Hast du das nicht gesehen?

B: Knapp rot. Wir haben’s eilig. – Aber jetzt sind wir da.

T: Mensch, du fährst ja ’n Zahn!

B: So. – Halt, warte! Einen Augenblick noch! Anette wollte dich als Trauzeugen haben. Daran lag ihr sehr. Als du dich heute Morgen nicht gemeldet hast, hab’ ich ihr gesagt: „Ich bring ihn dir. In einer halben Stunde sind wir da.“ Das haben wir geschafft. Ich hoffe, es wird eine sehr schöne Hochzeit und eine sehr schöne Feier. – Danach bist du mir weiterhin herzlich willkommen, wenn du wieder reden willst. Aber bitte in meiner Praxis. Melde dich an! Wenn meine Assistentin einen Termin findet, bin ich immer für dich da. Komm nie zu uns nach Hause, hörst du? Nie! Und vergiss es nicht! So, und jetzt komm!

T: Aber …

B: Komm! Und wenn du Theater machst, dann schlag ich dich zusammen. Verlass dich drauf! Ich tu’s. Komm jetzt!

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ERLÄUTERUNGEN

So, damit sind die rüderen Beispiele abgeschlossen. Dialoge aus den Bereichen ‚Knast‘ und ‚Militär‘, auf die einige besonders Lernbegierige unter Ihnen schon hoffen mögen, werden nicht als Muster herangezogen werden.

Solche Situationskomik finden Sie in schwulen Internetforen reichlich, falls Sie darauf Wert legen. Vielleicht geht Ihnen allerdings schon das bisher Erarbeitete über die Hutschnur oder unter die Gürtellinie.

Wir sind an der Stelle angelangt, wo – weit hinten – im Sprachlehrgang der Konjunktiv abgehandelt wird. Vielleicht schwant Ihnen, dass das über Ihre Bedürfnisse hinausgehen würde. Bei solcher Vorahnung empfiehlt sich keine Nachahmung. Neugier allein ist kein Argument.

Überhaupt: Kein Mensch wird schlüssig erklären können, was schön daran sein soll, Schleimhäute aneinander zu reiben. Liebe ist zwar hehr, aber Sex ist lächerlich oder abstoßend, meist beides. Es sei denn, es ist der eigene.

Am wenigsten hilfreich sind in diesem Zusammenhang Moralisten, weil sie zwischen Magenkrebs und eingerissenen Fingernägeln kaum Unterschiede machen: Wer schon umkippt, wenn jemandem die Haare abgeschnitten werden, der sieht nicht mehr, wenn der Kopf hinterherfällt. Und jemand, der den Blick in den Ausschnitt der Nächsten bereits für Todsünde hält, ist kein Gesprächspartner zum Thema ‚Lustmord‘.

Wir sind nun weit fortgeschritten, vielleicht zu weit, und doch fragt es sich, ob wir die Raserei gegen sich selbst, gegen das, was man liebt, und schließlich gegen alles und jedes, ob wir diese Raserei hier werden so behandeln können, wie es dem Thema angemessen ist. Die Antwort: Nein.
Sicher sitzen Sie lieber auf Ihrem gesunden Kissen und scrollen über den Bildschirm, als dass Sie in Blut und Lust und Rache schwelgen. Auf der anderen Seite lesen Sie vermutlich lieber über Personen, die in Blut und Lust und Rache schwelgen als über Personen, die auf ihrem gesunden Kissen sitzen und über den Bildschirm scrollen. Ein vielversprechender Roman-Anfang wäre zum Beispiel: ‚Julius von Kappenreuther, in Fachkreisen bekannt als ‚die schwule Jule‘, war ein distinguierter Herr mit ausgefallenem Geschmack. Wenn er nach dem Abendessen ans Andreaskreuz trat, um die Stahlösen zu lösen‘ und so weiter. Kein Mensch möchte auf sein Viertelchen Abgrund verzichten, sonst wird die Typografie zu flach. In Bild und Wort wird das Abgründige frei Haus geliefert und auf die geistige Nahrung geschüttet wie Ketchup auf Hamburger. Aber erleben? – Ja, genau darum geht es hier!

Da kommt erst mal das ‚Verbotene‘. Verboten ist es vermutlich, weil es als – seelisch oder physisch – ungesund gilt oder zumindest galt. Aber verboten werden muss nur das, was – zumindest kurzfristig – Vergnügen bereitet: Salzsäure zu trinken muss nicht verboten werden, so ungesund es auch ist; Alkohol zu trinken, ja. Sonntagsarbeit muss durch das Arbeitszeitgesetz verboten werden, denn das Ergebnis erfreut den, für den geschuftet wird, sei es im eigenen Haus oder auf fremdem Acker. Aber ein Ruhetag in der Woche ist gesund.

So weit, so klar. Doch nun kommt ein merkwürdiges Phänomen: Das Verbotene erhält einen eigenständigen Reiz – nur deshalb, weil es verboten ist. Da macht es plötzlich jemandem Spaß, ein Kruzifix anzupinkeln, und die Wurst schmeckt ihm am Karfreitag noch besser. (Er muss gläubiger Katholik sein, sonst ist der Witz weg.) Da muss aus der tabuisierten Zuckerdose genascht und unter den unzähligen Obstbäumen ausgerechnet vom Baum der Erkenntnis die Frucht genommen werden. Warum? Aus Protest? Wogegen?

Es ist die Anarchie in uns, die, lebenslänglich eingesperrt, plötzlich ausbricht oder zumindest im Gefängnishof des Kopfes unheimliche Spaziergänge macht.

Die steinernen Moralisten dagegen, in denen der Delinquent Chaos frühzeitig hingerichtet ist, sie sind nicht eben die besten Vorbilder: weder für uns Zerrissenere noch für spannende Geschichten.
Uns interessiert der Kampf, nicht der Sieg, das Liebesspiel, nicht der Orgasmus. – Das Verbotene, nicht das Erlaubte?

Wenn ein triebgeplagter Schwuler fühlt, er kommt nur dort auf seine Kosten, wo er etwas tut, was auf Ablehnung und Abscheu stößt, dann braucht er sich in absehbarer Zeit keine Sorgen zu machen. Da bekanntlich die herrschende Moral immer die Moral der Herrschenden ist, galt eine Gleichstellung schwuler und heterosexueller Lebensform in einem Staatswesen lange Zeit als genauso wahrscheinlich wie der demokratisch errungene Wahlsieg eines schwulen Herrscherpaares. Aber trotzdem ist es passiert, nicht kampflos, aber gewaltlos. Im Westen was Neues.

Viele Schwule wollen und können gar nicht weitergehen, als akzeptiert ist. Ein bisschen Nervenkitzel beim Kennenlernen und eine allmähliche Vertiefung der Beziehung, die dann in wechselseitiger Masturbation kulminiert – das ist für manche Glücks genug.

Dann gibt es noch die, die mit dem Verbotenen kokettieren. Sie sind wie die Lederkneipen, die sich trotz martialischen Gepränges nicht die drei Tulpen in Kristall auf dem Tresen verkneifen können.

Nun ist Halbherzigkeit menschlich, also ein Irrtum. Aber vielen ist wohler, wenn sie ihre Irrtümer mit ins Grab nehmen, als wenn sie an ihren Wahrheiten zugrunde gehen.

Jedes Baby entdeckt früh die Ausbeutbarkeit seines Körpers zur Lust. Manche kommen über diese Entdeckung hinweg, andere nicht. Wer richtet darüber? Jeder! Aber kaum jemand mit Recht. Wer nicht triebhaft ist, für den ist es keine Kunst, sexlos zu bleiben. Aber für den Sexomanen, so schrecklich es klingt, so ‚krankhaft‘ es sein mag, ist ein Tag ohne Sex wie ein Tag ohne Kommunion für den Mönch. –
Wer keinen Hunger hat, der stiehlt kein Brot. Leider müssen sich aber permanent die Hungernden von den Satten Vorhaltungen machen lassen, dass sie nach der Backware schielen. Mit dem Ergebnis, dass sich die Hungernden schämen: vor den Satten und vor sich selbst. Das ist dann besonders fruchtlos, wenn sie schon gestohlen haben. Bereuen soll man vorher, nachher nutzt es nur noch dem Psychiater, der die (un)heimliche Fresssucht (aus Lust am Verbotenen) gleich mitbehandelt.

Sich Dinge nicht vorzunehmen, die man erreichen muss, ist nachlässig. Sich Dinge vorzunehmen, die unerreichbar sind, ist idealistisch. Aber sich Dinge vorzunehmen zu unterlassen, die nicht zu unterlassen sind – das ist töricht. Bloß weiß man vorher, bei kühlem Kopf, leider nicht immer, wie man später, bei erhitztem, die Entscheidung treffen wird.

Wenn Sie nun denken, dieses spezielle Problem ginge nur den Sexsuchenden und seine etwaigen Partner etwas an, dann vergessen Sie, dass außer Ihnen kein Mensch anderen erlauben mag, was er sich selbst verbietet, vor allem deshalb nicht, weil – wir erwähnten es schon – Strafen ein so höllisches Vergnügen macht, Begründungen wie ‚Verantwortungsgefühl‘, ‚Gemeinwohl‘, ‚Schutz unschuldig Gefährdeter‘ sind schnell bei der Hand – und wer wäre so rücksichtslos oder so verblendet, diese Begründungen als Heuchelei zu denunzieren? Vernunft muss sein, und das, was Vernünftigen als Unvernunft gilt, muss auch sein, das ist ja das Schlimme, und so versuchen wir es in unserer Hilflosigkeit mit Schlagworten wie ‚Recht auf freie Entfaltung‘ und ‚Menschenwürde‘, um noch Schlimmeres zu verhüten. Na ja. Die Würde des Menschen ist ja angeblich unantastbar, aber es wird doch von allen, die es schlechter wissen, ziemlich viel dahin gegrapscht, wo sie die Würde ihrer Mitmenschen vermuten – und das ist jetzt ausnahmsweise mal nicht sexuell gemeint.

Die Frage erhebt sich: „Dürfen die das?“ Muss man, darf man den Menschen vor sich selbst schützen? Muss man ihm, also uns, den Zugang zum Labyrinth seiner wütenden Lüste verwehren? (Wir verlassen das Politische wieder und beschränken uns schweren Herzens auf das Thema unseres Lehrgangs.) – Ja, offenbar darf man ihm diesen Zugang verwehren. Dabei wollen wir uns gar nicht fragen, was ‚dürfen‘ heißt, das lohnt sich schon deshalb nicht, weil der Mensch in uns diesen Zugang ja doch findet. Er benennt die Straße um und fährt denselben Weg: Der eine steuert unverzüglich seine Triebbefriedigung an, der andere überlegt tagelang, auf welche verschlungenen Pfaden er seinen Orgasmus hinauszögern oder – bibelgerechter – vermeiden kann.

Die einen gestalten sich ein jahrelanges Vorspiel im Kopf und brauchen ihren Partner aus Fleisch und Blut nur für ein paar Sekunden. Die anderen benutzen ihren Partner von vorn oder hinten herein nur als Ersatz für die überlegene Onaniervorlage.

Im Sex muss es keine Erfüllung geben. Es reicht, wenn die Qual etwas ausgedehnt wird: lustvoll hilflos weiterzappeln, die verkehrte Symbolik mitgeschleppt zu haben, aber unfähig, sich eine andere anzudressieren.

So leben Körper und Geist ohne sozialen Frieden miteinander. Der Geist beutet den Körper aus und fürchtet gleichzeitig dessen Revolte. Ein Aufstand hat damals Schlagzeilen gemacht: Aids. Aber mancher Adlige ist am Ende lieber unter der Guillotine gestorben, als dass er vorher gern unter den braven Bürgern gelebt hätte. Guillotine geht allerdings auch schneller.

Hilft all das weiter? – Keine Spur. Doch dieser Kursus soll auch keine Lebenshilfe sein, sondern vor ihr warnen. Jeder wird die Grenzen überschreiten müssen, deren Schlagbäume sich ihm öffnen, auch dann, wenn Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung miteinander verschmelzen.

Aber jedem, der in den Folterkammern des Glücks schmachtet, wird Tröstung widerfahren: Nach dem Albtraum des Lebens kommt der Schlaf des Todes.

36 Kommentare zu “Dialog 28: Im Mietshaus/im Auto

  1. Das Verbotene hat einen eigenständigen und vielleicht eigenartigen Reiz. Deshalb verstehe ich auch die Politik der Verbote nicht so richtig. Nicht zuletzt während Corona.

      1. Z.B. alle zu motivieren das Virus schnellstmöglich gemeinsam zu besiegen. Die ersten paar Monate fühlten sich ja eigentlich in etwa so an.

      2. Das hätte man aber nie im Leben über eineinhalb Jahre so weitermachen können. Das ist doch auch absurd.

      3. Verbotene klappen in Diktaturen besser als in Demokratien. Leider. Ein weitsichtiger Herrscher erreicht in Ausnahmesituationen mehr als ein kurzsichtiger Gesundheitsminister.

      4. Das Problem mit der Demokratie ist halt leider, dass Politiker wiedergewählt werden wollen. Damit verlaufen schon viele große Vorhaben und Versprechen im Sande.

    1. Die für dicke, ‚gefräßige‘ Feldmäuse verantwortlichen Homos hatten natürlich nichts zu lachen, wenn sie seit Ludwig dem Frommen im 9.Jahrhundert lebendig verbrannt wurden, aber seit 1709 der damals bedeutende Jurist Carpzo­vi­us diese Sühne letztmalig forderte, wurde milder bestraft. Jetzt habe ich Feldmäuse im Garten, obwohl ich mich von Männern fern halte. Gott ist ungerecht.

  2. „Jeder wird die Grenzen überschreiten müssen, deren Schlagbäume sich ihm öffnen, auch dann, wenn Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung miteinander verschmelzen.“ Ein großes Ausrufezeichen nach diesem Satz.

  3. Dass manche das, was sie wechselseitige Masturbation nennen, als genug empfinden, habe ich eh nie verstanden. Masturbation kann ich alleine. Sex soll mehr.

      1. Ohne ihn könnten vor allem unsere Kinder gar nicht erst. Dass die Natur trotzdem Sex ohne Kinderwunsch zulässt, ist doch sehr großzügig von ihr. Die Kirche ist da weniger gnädig. Jetzt rächt sich das.

      2. Mal schauen was mit diesem Marx-Rücktritt noch geschieht. Oder ob diese Aktion nur verpufft.

      3. Das ist eine nette Geste und spricht für Kardinal Marx. Ändern wird das sicherlich nichts.

      4. Nachdem nun schon mal ein Papst zurückgetreten ist, können das auch die niedereren Ränge machen, um Buße zu tun oder einen gemütlicheren Lebensabend zu haben.

      5. Ich sehe das auch erstmal positiv. Es spricht ja eigentlich für ihn, dass er Verantwortung übernehmen und den Weg für einen Nachfolger freimachen will.

  4. Vernunft muss immer sein, aber je mehr man sie ohne größere Probleme vermeiden kann, desto besser geht es einem im Leben.

    1. Die Vernunft muss man ohne Frage auch mal beiseite lassen. Aber ob es wirklich umso besser geht je mehr man dies tut, naja, da wäre ich dann doch nicht so sicher.

  5. Dieser ewigen Raserei des Lebens kann man eh nie gerecht werden. Umso mehr freut man sich aber über jeden Versuch, der da ein paar Leitlinien aufzeichnet. Und über jede kleine Abwechslung, wie eben die Tänzer-Reihe.

    1. Das Wort ‚Ausbeutbarkeit‘ ist von mir erfunden. Das entdeckungsfreudige Baby verfügt deshalb zwar über die Möglichkeit zu nuckeln und zu patschen, nicht aber über meinen Wortschatz.

  6. Natürlich liest man lieber über Blut und Lust und Rache, keine Frage. Nur warum. ist das so? Aus Sorge, was alles im eigenen Leben passieren könnte und zum Glück nicht passiert? Aus Schadenfreude gegenüber anderen? Sensationslust? Faszination?

      1. Dem Satz ‚Alles ist gut und bleibt gut‘ ist kein Roman oder Drehbuch abzugewinnen. Man kann ihn nur lesen und sich freuen. Wenn man ihn glaubt.

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