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Gereimtes und Ungereimtes

Ein Lebens- und Liebeszeichen

Liebe Leserinnen und Leser,

der US-amerikanische Konzern Meta, zu dem Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, will politische Diskussionen am Arbeitsplatz verbieten. Themen wie ‚Abtreibung, Waffenkontrolle, Impfungen‘1, aber auch Ukraine-Krieg, Klima-Wandel, Inflation, Energiebedarf, Iran und China, also alles, was uns das Jahr 2022 über beschäftigt hat, ist verboten anzusprechen. ‚Der Spiegel‘ zitiert den Konzern mit den Worten, das habe einen positiven Effekt auf die ‚Gesundheit der internen Gemeinschaft‘1. Wahrscheinlich sogar der ganzen Volksgemeinschaft. Die nicht inhaftierten Reichsbürger würden wohl zustimmen. Ausmalen darf man sich die Zukunft zwar: ganz für sich allein, mehr aber auch nicht. Selbst Peter Sloterdijk sagt: „[…] Utopien sind nicht dazu da, verwirklicht zu werden. Sie liefern Bilder, die den Menschen ihre gesunde Unzufriedenheit erhalten. Hände weg von der Verwirklichung, zumal was deutsche Ideen angeht. […]“2 Worte können bereits schaden. Asphaltkleber – geht gerade noch.

Was bleibt, ist Party-Geschwätz: in Talkshows, unterm Weihnachtsbaum und am Arbeitsplatz. Na schön! Ich verabscheue Small Talk, aber ich beherrsche ihn. Man sollte sowieso nur das ablehnen, worin man sich auskennt. Die meisten Menschen halten es damit genau umgekehrt, da finde ich mich irgendwie weiter – trotz meiner Fantasie, in der alles denkbar, also auch sagbar ist. Wer wenig Fantasie hat, der fängt erst an, einen Krieg als Möglichkeit ins Auge zu fassen, wenn ihm die Russen schon die Tür eintreten. Da bin ich anders. Ich glaube zum Beispiel, Anfang dieses Jahres geschah Folgendes: Der Herr sprach: Es werde dunkel, und es ward dunkel.

Meine Vorstellungskraft begnügt sich aber nicht mit Religiösem, sie reicht auch ins Modische: Rosa ist eine reine Männerfarbe. Frauen, die Rosa tragen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden! Im Iran ist das mit der (leicht diskreditierten) Sittenpolizei am einfachsten, aber auch im Westen ist das gendermäßig durchsetzbar. Frauen, die Rosa tragen, sagen auch ‚Neger‘, erlauben ihren Töchtern, Indianerhauben zu tragen, und servieren sonntags Zigeunerschnitzel: Rassismus und kulturelle Aneignung in Personalunion! Verbreite das, dann stimmt es. Abstrafen, verfemen! Ab auf den Scheiterhaufen der Medienschelte! Für weitere Konsequenzen fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin, die wissen Bescheid.

Die meisten Menschen behaupten, sie wollten alles ganz genau wissen, dafür sammeln sie unablässig Informationen aus ihrem Smartphone, wie wir früher Briefmarken aus aller Welt. Im Allgemeinen und mit Genugtuung nehmen sie dabei das wahr, was in ihr eigenes Weltbild passt, je einfacher und eindeutiger, desto besser. Für alles Unpassende gibt es ja die Deletetaste. Das Eindeutige hat einen guten Ruf: vor allem in der Politik (wo es von den Handelnden nach Möglichkeit vermieden wird). Im Leben und in der Kunst hat das Eindeutige allerdings nichts zu suchen. Da sind Übergänge wichtig. Von der Dämmerung in die Nacht. Von der Durchführung in die Reprise. Von der Demokratie in den Faschismus. Wann wird aus Zufriedenheit Glück oder umgekehrt, und was ist der Unterschied? Wann wird aus Traurigkeit Depression? Welche Pillen, Analysen, Einsichten helfen, das zu erreichen, wovon man nicht weiß, was es ist? Nicht zu leiden muss reichen, um das Leben zu ertragen, aber vielleicht müssen wir leiden, um das Leben zu begreifen.

Es ist sehr, sehr ärgerlich, dass nur die Unzufriedenheit weiterführt. Zufriedenheit bewirkt gar nichts, trotzdem streben die meisten Menschen sie an, weil sie ein so schöner, todesähnlicher Zustand ist. Schon mit achtzehn habe ich ein Gedicht geschrieben, das mit den Zeilen endet:

Oft bin ich einsam,
häufig in der Menge;
ich scheine abgetrieben,
doch ich treibe niemals weit –
so soll es bleiben,
lebenslange Suche,
ich bin zufrieden mit der Ungenügsamkeit!

Das spricht dafür, dass ich schon damals weniger auf der Suche nach dem Glück der Menschheit als nach einem süffigen Bonmot war. Trotzdem. Dieser Text hier soll Anlass sein, meinen Lesenden genau das zu wünschen: einen stimmungsvollen Jahresausklang und einen optimistischen Blick auf das nächste Jahr. Wünsche bewirken nichts, ich weiß. Aber zu wissen, dass ich freundlich, fast freundschaftlich an alle, die mich lesen, denke und versuchen werde, 2023 wieder auf das, was uns bewegt, einzugehen – das ist vielleicht ein kleiner Trost in trüben Tagen.

Ganz, wirklich ganz, herzlich,
Hanno Rinke

30 Kommentare zu “Ein Lebens- und Liebeszeichen

  1. Herr Rinke, wie wunderbar zum Jahresende noch einmal von Ihnen zu lesen! Ich schaue tatsächlich optimistisch auf das neue Jahr. Entgegen aller Unwegsamkeiten. Was soll man sonst auch tun wenn man nicht verzweifeln will?!

    Ist das wirklich wahr, dass man sich als Angestellter bei Meta nicht mehr politisch äußern darf? Was für verrückte Zeiten!

      1. Bei Facebook darf man nichts mehr sagen, bei Twitter dafür angeblich alles. Zumindest, wenn es nicht gegen Musk persönlich geht. Dann fällt die Reaktion weitaus weniger meinungsfrei aus als sonst.

      2. Ich bin ja gespannt, ob er wirklich als Chef zurücktritt. Er hat seine Nutzer doch gerade gefragt.

      3. Musk hatte ja schon vor einiger Zeit angekündigt, dass er sich nicht auf Dauer um das Tagesgeschäft kümmern will. Insofern ist das doch keine große Überraschung.

      1. Haha, so mache ich das auch 😉 Die Woche mit meiner Familie wird noch stressig genug werden…

  2. Nicht leiden müssen – oh ja, wnn man die ganzen traurigen Nachrichten aus der Ukraine verfolgt, dann kann man ja nur froh sein, dass man nicht ähnlich leiden muss wie die armen Menschen dort.

    1. Mittlerweile geht diese Invasion schon fast ein ganzes Jahr lang. Eine Lösung scheint auch immer noch genauso weit entfernt wie zu Beginn.

    1. Finde ich auch! Die Nachrichten sind nicht immer erheiternd. Der Ausblick auf das neue Jahr macht mir auch noch die ein oder andere Sorge. Aber umso mehr freue ich mich über dieses kleine Lebenszeichen.

  3. Ja Talkshow sind wirklich widerlich. So manchen quetsch sich rein und tut als hätte das Rad erfunden.
    Diese Exhipizionisten feiern die schlechte Zeit bis zur Erschöpfung.
    Ekelhaft.

    1. Die Zeit der täglichen Talkshows ist doch mittlerweile schon längst vorbei. Momentan sind das meistens so Sachen wie Politshows, wo sich Gäste profilieren wollen. Mir ist das aber immer nich lieber als das zwanzigste Reality-TV-Format.

  4. Es ist ja doch schräg. Trotz der vielen Informationen auf dem Smartphone und dem Laptop habe ich nie wirklich das Gefühl, dass die Menschen mehr wissen wollen als früher. Vielleicht schaltet man bei so viel Info sogar leichter ab.

  5. Hallo Herr Rinke! Worte können ohne Frage schaden, aber sie können genauso gute Laune machen. Über den Text habe ich mich nämlich gefreut.

    Was ist eigentlich mit diesen „Klimaklebern“ los? Dass das der richtige Weg für einen Politikwechsel beim Thema Klima ist, will mir nicht klar werden.

      1. Naja, für die Büttenreden ist es ja auch noch einen Deut zu früh. Sie schaffen es aber in der Regel, dass man nochmal neu über ein paar Dinge nachdenkt. Alleine dafür lohnt sich der Besuch auf dem Blog ja schon. Schön, dass es mal wieder ein paar solcher Gedanken zu lesen gibt!

    1. Von mir auch! Geruhsame Feiertage und auf das 2023 hinsichtlich Klima, Krieg, Energie, Corona doch wieder etwas leichter wird.

    1. Danke! Hatte ich. Dass 2023 leichter wird als 2022, kann ich mir schwer vorstellen. Taliban, Erdoğan, Ölhahn. Am Neujahrsmittag werde ich Foie gras essen und mir dabei so verworfen vorkommen wie früher, wenn ich in Schwulen-Kneipen ging. Mein Gewissen hat vieles auszuhalten gelernt. Das bewahrt – hoffentlich! – vor Selbstgerechtigkeit.

      1. Nee, leicht scheint mir das neue Jahr wirklich nicht zu werden. Einen guten Rutsch wünsche ich aber trotzdem!

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