Teilen:

2605
Leben lernen / Ein Versuch  —   Die Einleitung

#1.2 Die Eingangssituation

Jeden Morgen, wenn die Ritzen in meinen Rollläden und mein Verstand mir sagen, dass ein weiteres Schlafen nicht mehr möglich oder nicht mehr sinnvoll ist, dann sage ich ungläubiger Christ stumm vor mich hin wie ein Mantra, wie das Aya einer Sure, wie eine Perle aus dem Rosenkranz: „Lieber Gott, lass mich sterben, lieber Gott, lass mich sterben, lieber Gott, lass mich sterben …“ – ungefähr fünfzig Mal. Natürlich ist mein Wunsch nicht glaubhafter als die Existenz Gottes, aber der Satz beruhigt so schön. Dann mache ich Autogenes Training, das ich mit dem zehnmal wiederholten Satz beende: „Ich freue mich auf den kommenden Tag!“ Nach diesen beiden Lügen fühle ich mich meist gewappnet, den Tag und mich einander zuzumuten.

Foto oben: Tee11/Shutterstock | Foto unten: Arcaion/Pixabay

Von Montag bis Freitag kommt dann Rafał von unten in meinen ersten Stock und fummelt – für mich hörbar – zwischen Bad und Küche an irgendwelchen Geräten herum, bis ich fast schon ungeduldig werde, dann klopft er an meine Tür. Er kommt nicht einfach herein wie die Nachtschwester im Krankenhaus, was ich sehr aufmerksam finde. Ich gebe dann auch immer einen gutturalen Laut von mir, der anzeigt, dass ich da bin, ohne dass er meine Stimmung verraten soll. Die Rollläden habe ich schon hochgezogen, so dass meine wache Anwesenheit keine wirkliche Überraschung für Rafał darstellt, denn ich liege nicht als ‚böser Wolf‘, der sich als Großmutter verkleidet hat, im Bett, eher bin ich die Großmutter, die so tut, als sei sie der ‚böse Wolf‘.

Foto links: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Rafał hat wenig Rotkäppchenhaftes und traut dem Blutdruckmessgerät mehr als meinen wenig aussagekräftigen ersten Worten. Dann träufelt er mir ein paar Tropfen in die Augen, um mir ewige Sehkraft zu verleihen, und bedeckt anschließend meine Augen mit kleinen getränkten Läppchen, was mich zwar kurzfristig blind, aber vielleicht langfristig weitsichtiger macht. Beides gefällt mir sehr: Erstens will ich, solange ich lebe, brillant sehen können (notfalls mit Brille), zweitens ist es herrlich, die Augen noch eine Weile vor der Wirklichkeit verschlossen zu bekommen. Nun schließt mich Rafał an Strom an. Ich überlasse ihm alle Stellen zwischen Rücken und Fußrücken, die er gerade für bestromenswert erachtet, wobei Bauch bequemer ist als Niere, weil ich mich dann nicht umzudrehen brauche, andererseits reizt der Bauchstrom mein Eingeweide bisweilen bereits, bevor die Prozedur abgeschlossen ist, was lästig zwackt und Ablasswünsche weckt. Ansonsten traue ich der Maßnahme nicht die erhoffte Wirkung zu, meine Muskeln zu stärken und mich fit zu machen, aber sie schadet auch nicht, hoffe ich. Stromstöße, Genmais, Video-Überwachung, Knorr-Hühnerbrühe als Geschmacksverstärker – ich liebe alles, wovor empfindsame Menschen sich fürchten. Angst habe ich nur vor der Normalität und meinen Panikattacken. Wenn ich genug Strom hatte (fünf Minuten zahm, zehn Minuten kurz vorm Wadenkrampf und zehn Minuten irgendwas dazwischen; bei Zeitmangel wird abgekürzt), schmiert Rafał mich mit etwas ein, was, glaube ich, sehr teuer ist; denn seit er das tut, ist mein Hautarzt begeistert, wenn er einmal im Jahr meinen ganzen Körper auf Krebs untersucht und keinen findet. Zumindest nicht an meiner Oberfläche, die ihm dank Rafałs Obhut nun viel besser gefällt als früher. Damals war ich noch jung und hübsch, aber ein wenig schuppig. Die Einschmierprozedur hat den Vorteil, dass meine Füße danach so glitschig sind, dass mir Rafał beim Anziehen der Strümpfe helfen muss, und auch das Polohemd rutscht besser die Rippen hinab, wenn er mir dabei zur Hand geht.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Was ich anziehe, wird nicht ganz, aber fast so eingehend diskutiert wie das Mittagessen, über dessen Unterredung zu den einkäuferischen und zubereitungstechnischen Maßnahmen schon eine ganze Weile verstreicht. Die Auswahl der Kleidung überlässt Rafał dagegen vollständig mir, aber bei Unterhosen und Pullovern bringt er sich durchaus mit Vorschlägen ein. Ich liebe es, wenn er dann so persönlich wird wie ein engagierter Kellner: „Wir haben noch die roten Socken. Und hier habe ich wieder den olivgrünen Pullover aus der Wäsche.“ Das klingt so schön nach: „Außer der Karte haben wir heute noch gebackenen Seeteufel und Radieschen-Parfait.“ Rafał weiß, dass ich vor ausgefallenen Farben nicht zurückschrecke, nur bei Mischungen bin ich eigen. Krasslila oder Quietschrot sind okay, aber Kariertes und Gestreiftes sind heikel, mehr als zwei Farben, einschließlich der Schuhe, sind nur in Ausnahmefällen zu dulden. Neben meinen schönen alten Sakkos aus den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts habe ich mich jetzt zu Sneakern für meine neuen Hip-Hop-Hosen im Baggystyle durchgerungen. Ich sehe ausgesprochen grotesk damit aus. So hätte sich vor dreißig Jahren kein verantwortungsbewusster Mensch – welchen Alters auch immer – vor die Schlafzimmertür getraut, allerdings wäre er damals auch – mich eingeschlossen – an seinem Schlaganfall gestorben, statt sich weitere Gedanken über sein Auftreten zu machen.

Foto oben: Privatarchiv H. R. | Foto unten links: Olga Popova/Shutterstock | Foto unten rechts: VSRao/Pixabay

Falls ich meine Pillen alle schon gegessen habe, ohne an meinen eingebildeten Schluckbeschwerden zu würgen, beginne ich dann das, was der Tag so hergibt, sonst schlucke ich eben rasch noch, was mich an einem erträglichen oder zumindest längeren Leben halten soll und sehe mir dann an, was mir vom Weltgeschehen oder vom mailenden Freundeskreis auf den Bildschirm geflattert kommt. Dabei denke ich ständig daran, wie märchenhaft gut ich es habe – eine männliche Prinzessin auf der Erbse geradezu – und wie sagenhaft schlecht es anderen geht. Aber außer einer leichten Gereiztheit stellt sich dadurch eigentlich kein weiterführendes Gefühl ein.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei | Foto unten: wjgomes/Pixabay

Am Sonnabend und Sonntag ist das etwas anders: Ich ziehe mir das an, was vom Freitag übrig geblieben ist, oder das Verwahrloseste, was ich im Schrank finde. Gegen Sonntagabend bekomme ich oft ein bisschen Appetit und esse, wenn ich sehr viel Energie aufbringe, ein Würstchen, das ich so fürsorglich erhitze, dass es nicht platzt, oder, bei geringerem Bedürfnis nach Aufwand, greife ich während der ‚Tagesschau‘ in eine Packung Krupuk.

Foto oben: Juliane/Creative Commons/Wikimedia [CC BY-SA 2.0 de] | Foto unten: Job Narinnate/Shutterstock

Eigentlich esse ich alles, aber bei Würstchen bin ich wählerisch: Die Pelle muss, wenn die Zähne sie durchdringen, den Eindruck von Knackigkeit evozieren, sie darf nicht lasch oder zäh sein, sondern soll eine Zehntelsekunde lang Vorfreude auf die pralle, würzige Mischung aus grob entsehntem Rindfleisch, fettgewebereichem Schweinefleisch und Speck verbreiten. Wir hatten Anfang der Sechzigerjahre endlich herausgefunden, dass diese unerlässlichen Eigenschaften eines Würstchens bei HERTIE in Altona am ehesten gewährleistet waren. Nachmittags, wenn meine Mutter und ich in Hamburgs Innenstadt preiswerte Kleidung für mich gekauft hatten, aus der ich sowieso bald wieder herauswachsen würde, genehmigten wir uns gern mal ein Würstchen, auf Pappteller, auf der Mönckebergstraße. Komisch, am Stand schmeckten die Würstchen immer gut, aus dem Laden selten. In ein Café wäre Irene nie mit mir gegangen: Torte war spießig. Aber ‚ein Würstchen in der Hand im Stehen‘ kommt sogar in meinen Liedern vor.

„Anfang und Ende“ aus CD „Sehr“

Foto: Stephan Bock/Dreamstime

Eines Nachmittags hatten Irene und ich keine Zeit oder keine Lust, nach Altona zu fahren. Trotzdem sollte es Würstchen geben. (Das spricht dafür, dass es ein Donnerstag war, da hatte das Dienstmädchen frei und ging Kuchen essen.) So wurde Guntrams Chauffeur damit beauftragt, loszufahren und in der Lebensmittelabteilung im dritten Stock drei Paar Wiener zu erstehen. Gleich beim ersten Biss war uns klar: Die kamen nicht von HERTIE! Guntram, der in dieser Beziehung etwas pingelig war, entledigte sein Würstchen sogar der Pelle und aß es darmlos. Das kommt mir noch heute so vor, als würde ich die Piemont-Kirsche ohne die Schokoladenhülle essen. Nicht mit mir, Chéri! Am nächsten Morgen wurde der Fahrer zur Rede gestellt und musste reumütig bekennen, dass er die Würstchen aus irgendeinem Laden geholt und darauf vertraut hatte: Wir würden es schon nicht merken. Atmosphärisch desinteressierte Menschen denken womöglich, dieser ganze Absatz sei überflüssig gewesen. Ist er nicht. Er beschreibt mein Elternhaus ‚in a nutshell‘. Sonst hätte ich mir das ja wohl nicht gemerkt.

Foto: Privatarchiv H. R.

Völlig anders natürlich die Reisen: Da schmiert Rafał auch am Wochenende meinen Leib und in Meran abends sogar manchmal die Brote, was in Hamburg unter der Woche immer Silke macht. In Hamburg sind wir ein Behinderter in seinem Fachwerkhäuschen, ein festangestellter Helfer, der in Rissen lebt, und eine enge Freundin mit Wohnung in der Nähe. Unterwegs sind wir eine Familie. Es gibt also viele Gründe, sich auf eine Reise zu freuen, und nur einen, es nicht zu tun: dass sie stattfinden soll. Sie – jedenfalls in Gedanken – vorzubereiten, ist dagegen wunderbar aufbauend und unternehmungslustig, eine ideale Wochenendbeschäftigung also: alle Tage, Hotels, Schauplätze so genau zu planen wie nötig und so unvorhersehbar überraschend wie möglich. Während der Planung wird jeder Tisch im Lokal und jeder Bootssteg am See zu einer romantischen Ansicht im Hirn. Später, während der Fahrt wird die Einlieferung in ein örtliches Krankenhaus auf der Strecke zu einer unliebsamen Aussicht im Hirn: ‚Wie steht es da wohl um Kompetenz und Hygiene?‘ Aber vielleicht muss man ja gar nicht auf den Operationstisch im Hospital, sondern bloß aufs Klo in der Tankstelle. – Also los!

Foto: Kwangmoozaa/Shutterstock | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: ukmooney, wavebreakmedia, Hekla, Szczepan Klejbuk

27 Kommentare zu “#1.2 Die Eingangssituation

  1. Ach ich freue mich ja schon, dass die persönlichen ‚Abhandlungen‘ wieder da sind. Immer wieder interessant, was da mit und zwischen den Zeilen erzählt wird. Die Titelbilder werden übrigens auch immer toller.

  2. Anzüge aus den 80ern kombiniert mit modischen Sneakers … Sie scheinen jedenfalls ganz den Stil der Zeit zu treffen 🙂 So laufen die jungen Balenciaga-Fans doch momentan alle durch die hippe Großstadt.

      1. Ist der aktuelle Trend nicht so etwas wie „selbstironisch“? Oder ist das schon wieder vorbei? Eigentlich ja ziemlich sympathisch, wenn die Mode nicht so albern aussähe.

      2. Selbst-Ironie, Eitelkeit und Nach-Lässigkeit lassen sich prima miteinander verbinden. Aber wer keine Tatoos und keine Löcher in der Jeans hat, braucht erst mal eininge Piercings, bevor er/sie authentisch Auskunft darüber geben kann was abgeht. Ich also nicht.

      3. Mittlerweile ist ja eher interessant, wer KEINE Tattoos und piercings hat. Alles andere ist schon wieder Mainstream. Sorry ihr Alternativen!

  3. LOL, die zwei Lügen um den Tag zu begrüßen sind klasse. Wohl nicht unbedingt im Sinne der Religion / des autogenen Trainings, aber solang’s denn hilft 😉

  4. Hypochonder bin ich ja wirklich nicht, aber Hautkrebs macht mir trotzdem Angst. Wahrscheinlich war ich als Kind viel zu viel in der Sonne. Seitdem schrecke ich bei jedem Leberfleck erstmal auf.

    1. Gesunde Vorsicht ist wichtig, zumindest für den der lange Leben will. Man darf sich aber auch nicht verrückt machen lassen. Stress gibt genauso Falten und verkürzt die Lebenszeit wie Krankheiten.

      1. Stress ist ja nie gut. Oder wie Kishon mal irgendwo geschrieben hat „Wenn man beginnt, seinem Passfoto ähnlich zu sehen, sollte man in den Urlaub fahren“.

      2. Solang man ihn sich selbst macht geht’s ja. Wird er aufgezwungen wird’s schon schwieriger.

  5. Würstchen über Torte (oder herzhaft über süß) ist zum Unverständnis meiner Freunde auch meine regelmäßige Entscheidung. Ein wenig Außenseiter ist man da schon.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 + sechs =