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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.33 Mittellanger Nachklang

Ohne erwähnenswerte Zwischenfälle erreichten wir nach einer Stunde Fahrt unser Hotel mit Blick auf die Marienburg. Der Zwischenfall war das Hotel selbst. Ich hatte es ausgesucht wegen dieses Blicks. Was man auf den Bildern im Netz nicht sehen konnte, war der Umstand, dass die Eingangstür unmittelbar neben der Schnellstraße lag. Fahrbahn und Haus gingen praktisch ineinander über. Wenn ich der Gastwirt wäre, hätte ich mich genauso davor gehütet, diese Gegebenheit der erhofften Zahlkundschaft auf meiner Homepage mitzuteilen. Somit hatte ich mehr Verständnis für seine Situation als Silke. Dabei ist für mich Schlafen bei Geräuschen noch ausgeschlossener als für sie. Selbst wenn ich mir das Ohropax durch die Ohren bis tief ins Hirn stopfte, hinderte mich schon ganz banales Heizungsrumoren daran, wegzuschlummern. Das ist umso eigenartiger, als ich den Fernseher und Popsongs gern derart aufdrehe, dass die mit einem besonders feinen Gehör ausgestattete Silke mich regelmäßig zurückpfeifen muss.

Foto oben: artistan/Shutterstock | Foto unten: Damir Khabirov/Shutterstock

Deshalb darf ich auch – wenn es so richtig ums Wohnen geht – Nachbarn, Überbarn und Unterbarn niemals im gleichen Haus haben: Anderer Leute Krach ist mir unerträglich, aber wo ich selbst den Ton angebe, da liebe ich es richtig lautstark. Jeder ist halt gerade so verrückt, wie es die eigene Situation erlaubt. Im Auffanglager für gestrandete Flüchtlinge würden sie mir sehr schnell beibringen, was alles man ertragen kann, wenn man muss. Weniger theatralisch: Vielleicht reicht ja schon Wohnungssuche in München (mit kleinem Gehalt und noch kleineren Kindern). Doch da waren wir ja nicht. Wir waren Auslandstouristen im EU-Bereich.

Foto: katharinakanns/pixabay

Für die Marienburg hatte ich zwei Nächte vorgesehen. Silke fand das angesichts der Lage unserer Unterkunft ziemlich viel. Mein Zimmer ging auf den Hinterhof. Das fand ich gut. Stille ist wichtiger, als die Marienburg vor dem Fenster zu haben, ungefähr zwei Kilometer weit weg.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Über dem Hotel prangte in meterhohen Buchstaben das Wort ‚Restauracja‘. Gewiefteren Reisenden als mir wäre diese penetrante Bekanntgabe des Gebäudezwecks verdächtig vorgekommen. Aufdringlichkeit habe ich dort gern, wo ich sowieso zugreifen will und entzückt merke, dass ich mir dabei umständliches Vorgeplänkel sparen kann. In einer solchen Situation befand ich mich nicht – an Silke gar nicht erst zu denken. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass die Verpflegung aus einem Lunchpaket bestand, was ich besonders für die Abendmahlzeit nicht befriedigend fand. Im Gegenteil: Ich fand die klotzigen Buchstaben nun nicht nur hässlich, sondern auch irreführend. Einzuschnappen erlaubte ich mir aber schon deshalb nicht, weil ich damit niemanden hätte beeindrucken können.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich beeilte mich, war als Erster wieder unten und bestellte mir ein Bier. Die Bar war offener als die Küche, für mich der wichtigere Teil der Bewirtung. Ich saß also auf der Veranda, trank mein Bier und lauschte den vorbeisausenden Fahrzeugen. „Wenn ich genügend Bier trinke, werde ich kein Harnverhalten bekommen. Das ist doch das Wichtigste“, dachte ich. Rafał kam und schloss sich meinem Biertrinken an. Bei mir war es das zweite. Dann kam auch Silke mit guter Kunde: Sie hatte unseren nächsten Aufenthalt um einen Tag vorverlegen können. Umso wichtiger war es, dass sie und Rafał nun einen Ausflug machten, damit sie sich auch in der zusammengedrängten Zeit so viel wie möglich vom Schauplatz erschließen konnten. Ich blieb sitzen. „Was trinke ich denn jetzt?“, fragte ich lieber mich als den Wirt.

Da ich mehrfach beim Chopin-Wettbewerb in Warschau gewesen war, erschien mir ‚Chopin Vodka‘ das Getränk der Stunde: 1., weil Silke es nicht sah, weil, 2., der Wodka als solcher nicht aus Russland, sondern aus dem Königreich Polen kommt: 1405 wurde er erstmals schriftlich erwähnt; demzufolge stammt er aus Sandomierz3, das ich nicht weiter kenne, obwohl es sogar schon im 10. Jahrhundert urkundlich erwähnt worden war4, deshalb auch unten als nächste Abbildung verewigt ist, und 3., weil der Chopin Vodka aus der Stobrawa-Kartoffel hergestellt wird. Er ‚wird 4-fach destilliert und mehrfach gefiltert‘5. Besonders wichtig ist, dass er ‚im Duft eine feine Spur von Apfel‘ hat, dazu ‚intensiver Geschmack, mild und gut ausgewogen, sehr reiner, mittellanger Nachklang, sehr gelungen!‘5 Ob die Verfasser dieses Textes das ernst meinen? Oder waren sie von Lachkrämpfen geschüttelt, während sie das schrieben? Ich trank das Destillat eventuell nicht ehrerbietig genug, aber das mussten sie ertragen.

Hier auf der Veranda hatte ich ja nicht nur mein Gläschen im Blickfeld, sondern – doppelte Freude! – auch die Marienburg und konnte rekapitulieren:

Die Marienburg ist UNESCO-Weltkulturerbe, also wichtig. Von 1309 bis 1454 war sie Sitz der Hochmeister des Deutschritter-Ordens. Von 1457 bis 1772 gehörte sie zu Polnisch-Preußen. Zwischendurch war sie auch mal schwedisch, dann wieder preußisch und ab 1945 polnisch.1 Die Marienburg ist der größte Backsteinbau Europas.

Foto: Privatarchiv H. R.

Allerdings: Ich rekapitulierte gar nicht. Ich saß da, und ich las ein bisschen in dem neuen ‚SPIEGEL‘, den Silke in Warschau aufgetrieben hatte, von der ‚Heimat als einer Erinnerung […]: Fliehende sind die Protagonisten unserer Epoche. Millionen sind unterwegs von irgendwo nach irgendwo. Namenlose Wanderer, Ertrinkende, durchs Bild huschende Körper in den Nachrichtenshows der Welt. Es geht darum, […] etwas im Kleinen zu erkennen, um es im Großen zu verstehen.‘2 Als Silke und Rafał zurückkamen, verstand ich also etwas mehr davon als vorher.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Meine Ausflügler hatten sich inzwischen so viel wie möglich von Ort und Burg einverleibt, so viel wie eben in zwei Stunden hineinpassen. Beide stimmten darin überein, dass eine Besichtigung der Anlage für mich unmöglich sei. Das hatten sie offenbar schon von außen her bemerkt. Ob diese Einschätzung als Trost für mein sehnsuchtsvolles Gemüt oder als Ausrede für den vorzeitigen Aufbruch dienen sollte, war unklar, aber auch unerheblich. Wichtiger war, wo es denn etwas zu essen geben würde. Uns wurde eine Adresse genannt. Wir fuhren hin und waren an einem Campingplatz. Das Lokal gehörte dazu. Von innen sah es so aus, wie ich mir ein Oktoberfestzelt vorstellte, bloß dass wir die einzigen Gäste waren, kein Wunder im Mai. Ich fand es nicht schlimm, dass wir am folgenden Abend woanders sein würden, aber das Essen und der Wodka waren in Ordnung, das sagte auch Rafał, und Silke beklagte sich nicht.

Fotos (15): Privatarchiv H. R.

Am Mittwoch musste mir nur noch eben die Marienburg gezeigt werden, dann durften wir weiter. Wir hatten keine lange Strecke zurückzulegen und waren deshalb schon am späten Vormittag an unserem Ziel.

24 Kommentare zu “#2.33 Mittellanger Nachklang

  1. Fliehende sind die Protagonisten. Wie Ai Wei Wei, der gerade wieder von Berlin ins Nirgendwo weiterflüchtet.

  2. Freunde haben ein paar Monate freiwillig in einem Auffanglager in Griechenland ausgeholfen. Da muss man einiges ertragen. Unvorstellbar.

    1. Gerade weil es für viele so unvorstellbar ist gibt es ja auch so viel Hass. Also auf Flüchtlinge, nicht auf die freiwilligen Helfer.

    1. Wenn der Grund für die Schlaflosigkeit Lärm ist, dann ist es genauso dumm, ohne lärmdämpfendes Ohropax das Haus zu verlassen wie ohne wärmende Wolle nach Skandinavien zu reisen. Veganer tragen statt Wolle lieber Synthetik von Kopf bis Schuh. Allerdings: Plastik ist auch nicht besser. Aber „SeaCell“. Diese Fasern verbinden Zellulose mit Algen. Ohropax dagegen besteht aus Polyurethan-Dehnschaumstoff, verseucht also die Meere.

      1. Es gibt mittlerweile sogar so elektronische Hörschutzdinger. Für ganz empfindliche Schläfer.

  3. Hahaha, die Wodka-Liebhaber und ihre Rezensionen sind herrlich. Ich schmecke in der Regel nur, ob der Drink meinem persönlichen Empfinden nach gut ist oder nicht. Ähnlich bei Gin oder Whisky. Apfel, Beeren, Zimt, langer Abgang, voller Mund – alles nicht meine Welt.

    1. Ich lese immer die Beschreibungen auf Lebensmittel-Verpackungen. Meistens will ich mich durch sie verführen lassen, aber – auch meistens – fühlt sich mein Sinn für Komik zu sehr angesprochen.

      1. Ist ja auch immer interessant zu verstehen, was man da eigentlich schmecken soll 🙂

    1. Ich kenne das Innere der Marienburg nur von Fotos, sehr interessant. Ich habe es zwar einmal dorthin geschafft, aber leider war damals keine Zeit für eine ausgiebige Besichtigung.

  4. Die Wohnungssuche wird momentan in allen Großstädten unerträglich. München ist sicherlich extrem. Aber eine gute Freundin hat in Berlin dieses Jahr auch mehrere Monate gebraucht um eine kleine Mietwohnung zu finden. Dass die Regierung nicht mehr unternimmt um genügend Wohnraum zu schaffen ist unbegreiflich.

    1. In Berlin gibt es gerade einen neuen Mietpreisdeckel. Zumindest wenn das Gesetz tatsächlich verabschiedet wird. Ob der gewünschte Effekt aber auch einsetzen wird ist schon jetzt völlig umstritten.

      1. Je weniger Verdienst durch Mieten desto weniger Investoren im Wohnungsbau. Ich weiß, es hat etwas zu geschehen. Aber was? Verschönerung muss sich im Kapitalismus lohnen: Woran man nicht verdient, das lässt man bleiben. Im Sozialismus war das anders. Der Zustand der DDR-Städte 1989 ist als Aushängeschild aber auch nicht sehr geeignet.

      2. Ganz genau, wenn man mit allen Mitteln versucht mögliche Investoren vom Wohnungsbau abzuhalten, bekommt Berlin seinen Mangel an Wohnraum bestimmt nicht in den Griff.

  5. Filme müssen aber auch laut sein. Da bin ich auf ihrer Seite. Wenn ich mich 2h lang nur darauf konzentrieren muss die leisen Dialoge zu erlauschen vergeht mir die Freude am ganzen Film.

      1. Gedröhnt besser nicht. Aber doch so, dass man sich wie mitten im Geschehen vorkommt und nicht wie an einem akustischen Schlüsselloch. In meinem Alter zeugt die Lautstärke allerdings weniger von Sucht als von beginnender Taubheit.

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