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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.26 Gräten der Sünde

Den meisten Deutschen ist Łódź von einem Schlager her bekannt. Die auf Korfu geborene Βίκυ Λέανδρος, zu Deutsch: Vicky Leandros, behauptet in dem Lied, ganz dringend nach Łódź zu wollen. Dabei wollte sie das Lied erst gar nicht singen, aber ihr Vater (und Manager) bestand darauf, dass sie mal wegkommt vom ständigen Bouzouki-Aufguss: So wurde ‚Theo, wir fahr’n nach Łódź‘ der Sommerhit 1974, und wenn man den Anpreisungen der Sängerin glaubt, dann atmet ‚ihr‘ Łódź den Duft der großen, weiten Welt. Kein Wunder: Wer bisher nichts anderes kannte als Wilhelm-Pieck-Stadt, für den war ja schon Ostberlin eine Offenbarung. Jetzt heißt die Stadt an der Neiße wieder Guben, ihr größerer Teil liegt in Polen als Gubin, und das kleine Bisschen im Westen muss seither etwas zu DDR-Zeiten völlig Unübliches machen: Reklame. Da heißt es dann:

Die Stadt Guben begrüßt Sie auf ihrer Internetpräsenz. Egal, ob Sie in Guben leben oder der Neißestadt einen Besuch abstatten, schnell werden Sie feststellen, dass die einstige Perle der Niederlausitz auch heute noch eine liebenswerte und interessante Stadt ist, die umgeben von herrlicher Natur für jeden Geschmack etwas bereithält.1

Der Kapitalismus verlangt eben gutes Marketing, der Kommunismus verlangt bloß Gehorsam. Jaja, der Sieger schreibt die Geschichte! Aber das ist doch eher eine Ausrede als eine Begründung. So hat es sich die Stadt Łódź ‚nicht nehmen lassen‘, sagt man wohl dazu, Theo Waigel und Vicky Leandros gemeinsam zu begrüßen, so dass die engagierte Musikerin der ‚BILD-Zeitung‘ gestehen konnte: „Dass ich mal mit Theo Waigel hier mitten in Łódź sitzen würde (…) und Polen Teil der EU ist – das grenzt für mich an ein Wunder.“2

Als noch geläufigere Städte mit nur einer Silbe wären mir zum Besingen zusätzlich Köln, Prag, Wien und Rom eingefallen, aber es hat ja auch so geklappt. Trotzdem will ich meine Leser nicht auf einem banalen Gassenhauer sitzen lassen, sondern tue kund: Während des Dreißigjährigen Krieges, vor vierhundert Jahren also, gab es ein Landknechtslied auf dieselbe Melodie. Als Łódź sich im 19. Jahrhundert zur Industriemetropole entwickelte und viele Menschen aus ihren geruhsamen Dörfern weggingen, um in der verheißungsvollen Stadt ihr Glück zu versuchen, machten sich die Juden aus Łódź über die Neuankömmlinge lustig und frotzelten: „Itzek, komm mit nach Łódź …“3 Betuchte Spötter unterstellten also den naiven Dörflern, dass sie den Moloch Stadt mit dem ‚gelobten Land‘ verwechselten. Die Unterstellung, dass alle Juden reich und einflussreich seien, hat sich bei Antisemiten bis heute gehalten.

Wirklich wahr ist ja auch, dass drei Juden das Denken des 20. Jahrhunderts bestimmten: Marx, Freud, Einstein. Lag das an deren weitverzweigtem Beziehungsgeflecht? Nein, an deren mutiger Intelligenz: Kinder des ‚auserwählten Volkes‘ eben. Und wären nicht die besten Regisseure 1933 nach Hollywood ausgewandert, dann stünde es jetzt auch besser um Babelsberg.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir waren erwartungsgemäß früh (Rafałs Fahrstil) eingetroffen und setzten uns deshalb, bevor wir nach ‚Stare Miasto‘ (in die Altstadt) fuhren, ins ganz Moderne, also ziemlich Moderne: Ein riesiges altes Fabrikgelände mit roten Backsteinbauten ist zu einem Vorzeigeobjekt geworden – für die Gemeinsamkeit von Altem und Neuem, von Kunst und Kommerz, von Beruf und Freizeit. Die Wegstrecke war mir zuzumuten, die Temperatur schon weniger. Der Himmel war blau, der Sitz war kalt. Hätte die Sonne anders gestanden, wäre es ganz herrlich gewesen. Stattdessen gestanden wir uns ein, dass unser schattiges Plätzchen nur was für gestandene Mannsbilder war. Ich trank meinen Gin Tonic aus, Skrupel kenne ich da höchstens vor zwölf (mittags natürlich), meine Begleiter leerten ihre Warmgetränktassen, ein knapper Rundgang, ein guter Eindruck – zurück ins Auto und ab in die Stare Miasto. Dass wir die ganze Zeit über auf gesperrten Straßen fuhren, muss ich endlich aufhören zu erwähnen. Es langweilt schon, allerdings keineswegs während der Fahrt. Ich beneide die Fußgänger, die sich die Wege alle erlaufen können, und werde fuchsig, wenn sie Unmutslaute über unser Auto von sich geben. Überhaupt: die Stadt! Ihr Image hat sich krass verändert seit damals, als die polnischen Landjuden so gern nach Łódź wollten. Vicky dürfte heute nicht mehr singen:

„‚Ich habe diese Landluft satt, will endlich wieder in die Stadt‘“4,

sondern höchstens:

„Die Landluft ist ein Güllebrei, die Stadt ist voll von CO2.
Theoooooo! Ich will nach …“


… ja, wohin eigentlich?

4 Quelle: Titel ‚Theo, wir fahr’n nach Łódź‘, Text: Klaus Munro

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Auf das Restaurant ‚Anatewka‘ hatte ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Ein jüdisches Lokal in der Stadt, deren Getto meiner Mutter als so bedrohlich empfunden hatte. Und jetzt – ein Ort der Begegnung von Mentalitäten und Abstammungen, nahm ich an. Ob Irena das genossen hätte? Der Name ‚Anatewka‘ für ein jüdisches Lokal ist so originell wie ‚Napoli‘ für ein italienisches. Nicht jeder Zaunpfahl ist zum Winken da. Und es zeugt auch nicht wirklich von Weltläufigkeit, wenn man in einem deutschen Satz ‚London‘ als ‚Landn‘ ausspricht. Man darf sogar Łódź ganz einfach ‚Lotsch‘ nennen, solange man nicht ‚Litzmannstadt‘ sagt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Was man nicht mehr darf, ist, statt ‚Du Sinti oder Roma, komm, spiel mir was vor!‘ immer noch ‚Du schwarzer Zigeuner, komm spiel mir was vor‘ zu singen. Duzen geht nicht, ‚Schwarzer‘ geht nicht, ‚Zigeuner‘ geht nicht. Alte Leute, die kein Gefühl für Anstand haben, wählen dann aus Protest gegen solche Umbenennung ganz rechts außen, ohne dass man ihnen das Wahlrecht entziehen kann, außer durch eine Grundgesetzänderung. Ja, damals im Kommunismus war es noch anders: 1973 erhielt der Komponist des ‚Schwarzen Zigeuners‘ Karel Vacek den tschechoslowakischen Ehrentitel ‚Verdienter Künstler‘, und im Jahre 1981 wurde ihm als erstem Vertreter der ‚Unterhaltungsmusik‘ die staatliche Auszeichnung ‚Nationalkünstler‘ verliehen.5 Vorbei.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Da haben es die Tunten inzwischen besser: Man darf sie ‚Schwule‘ nennen, ohne dass sie das als beleidigend empfinden. Gay Tours fliegt zwar nicht nach Brunei, solange Homos da noch die Todesstrafe droht, aber es ist ja auch woanders schön. Wichtig bloß: Zu schwulen Frauen muss man ‚Lesbe‘ sagen, sonst fühlen sie sich diskriminiert. Als sensibler Bürger hat man sich auf sein Umfeld einzustellen. Man platzt nicht mehr wie ein Elefant in den Porzellanladen oder wie ein Deutscher in den Polenfeldzug.

Ich aß ‚gefilte Fisch‘, das fand ich ein Muss. Hinterher Kalbsleber, kam mir auch sehr jüdisch vor. Am Abend würde der Sabbat beginnen, und dessen Regeln sind nur so zu erklären, dass die ganzen Regeln völlig egal sind. Es geht bloß darum, einen Beweis zu verlangen, der den Mitgliedern ihren Zusammenhalt beschert. Dass Jahwe argwöhnisch die Speisekarten liest, halte ich für noch absurder, als an ihn zu glauben. Der Christengott hat den Gläubigen ja ebenfalls Fastenzeiten aufgebrummt, und Allah nimmt es sogar noch genauer mit der Verköstigung. Aber die Juden reichen mir schon:

Foto unten: Privatarchiv H. R.

‚Es gibt ein Verbot des Sortierens oder Trennens am Sabbat. Und wir sortieren keine Kleider und trennen erst recht keine Spreu vom Weizen. Wir essen jedoch Fisch, und beim Fischessen müssen wir, wenn wir nicht ersticken wollen, die Gräte vom Fischfleisch trennen. Dadurch trennen wir jedoch die Spreu (Gräte) vom Weizen (Fischfleisch). Das bedeutet, dass alle Juden, die am Sabbat Fisch gegessen haben, den Sabbat entweihten‘, belehrt der jüdische Historiker Haym Soloveitchik die Gottesfürchtigen in seinem Aufsatz ‚Rupture and Reconstruction: The Transformation of Contemporary Orthodoxy‘6.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ursprünglich sollte das Sabbatgebot doch sicherstellen, dass den Menschen in jeder Woche ein Tag der Ruhe und Entspannung vergönnt sei. Stattdessen ist es der Tag mit den meisten Vorschriften und Einschränkungen. Eigentlich habe ich die Juden für besonders gewitzt gehalten – doch am Sabbat stellen sie klar, dass ein unsinniger Ritus mehr gilt als ein vernünftiger Ansatz. Aber – so ist Religion nun mal: unvernünftig. Was dem Verstand nicht einleuchtet, wird zum Mysterium verklärt. Gott hat immer recht.

Foto: ungvar/Shutterstock

Wir dagegen konnten essen, was wir wollten, dafür blieben wir von der tröstlichen, einengenden Gemeinschaft ausgeschlossen. Wenigstens habe ich mich beim Rausgehen zum Clown gemacht.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Das Essen war nicht schlecht, aber etwas muffig. Doch dort gewesen zu sein, bedeutete dem Gemüt mehr, als der Gaumen erahnen konnte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: Alexander Dvorak, Anna Kucherova, tomertu, Nosyrevy, Slanapotam, Rebellion Works, OBprod

26 Kommentare zu “#2.26 Gräten der Sünde

  1. Der jüdische Sabbat / der katholische Sonntag … Entspannung auf Befehl funktioniert weder in extremer noch in moderater Form. In Berlin dürfen nun nicht mal mehr Spätis am Sonntag aufmachen. Wie war das mit der Trennung von Staat und Kirche?

      1. Stimmt. Wann wird das eigentlich endlich mal abgeschafft?! Als ob die Kirche nicht genug Reichtum angehäuft hätte.

    1. Das Problem ist ganz generell gesehen, dass die neuen Linken sich in kleinsten Kleinigkeiten verzetteln und die große Vision von einer freien Gesellschaft aus den Augen verlieren. Progressiv also fortschrittlich ist gut. Manchmal sieht man vom Fortschritt allerdings nicht viel.

      1. Ich bin mit dem „Du“ selbst sehr offen, aber wahrscheinlich haben Sie recht. Es kommt nicht in jedem Zusammenhang gleich gut an.

    1. Wer seine Religion als großes Gleichnis sieht um das Zusammenleben zu erleichtern hat es definitiv einfacher als alle die, die ihre Bücher und Schriften wortwörtlich auslegen wollen. Keine Frage.

      1. Alles Extreme, zu penible, zu fixierte wird immer problematisch. Alles braucht Luft zum Leben.

      2. Die Vorstellung, dass Gott sich irgendwo im Himmel überlegt, welche Anhänger Fleischesser, Fischesser, Vegetarier sein müssen hat mich trotzdem sehr amüsiert.

  2. „‚Ich habe diese Landluft satt, will endlich wieder in die Stadt‘“ klingt für mich eigentlich recht nachvollziehbar. So sehr ich meine Auszeit in der Natur liebe, ich bin am Ende doch durch und durch Stadtmensch.

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