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Die reichen, polnisch-jüdischen Cohns zogen 1918 von Warschau nach Danzig. Die zweisprachige Maria brachte dem Sohn des Hauses das in Danzig überwiegend gesprochene Deutsch bei. Offenbar gab sie ihm zusätzlich noch andere Anweisungen, jedenfalls entstand im Rahmen der ausgedehnten Unterrichtsstunden die kleine Irena. Die Alimente waren wohl nicht sehr üppig, und es blieb meiner Mutter unvergesslich, dass ihre Mutter sie eines Tages bei der Hand nahm und bei ihrem inzwischen jüdisch verheirateten Vater an der Haustür klingelte. Die Dame des Hauses öffnete und sagte: „Wie können Sie es wagen, hier mit diesem Kind zu erscheinen!“ Dann schloss sie die Tür, und Irena hatte ihren Schock fürs Leben. Im Gymnasium wurde sie aufgerufen und ermahnt, endlich ihr Schulgeld zu zahlen. Von ihrem ersten Gehalt kaufte sie sich einen Mantel auf Raten. Als sie für einen der Monate eine Mahnung bekam, lief Maria Wydoff zu Irenas Chef und sagte: „Meine Tochter ist durch und durch unmoralisch. Sie zahlt ihre Rechnungen nicht.“

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ende der Fünfzigerjahre fuhr meine Mutter auf einem Frachtschiff als ‚Stewardess‘ mit. Das war die einzige Möglichkeit, um überhaupt nach Polen zu kommen. Da erlebte sie ihre Mutter zum letzten Mal und fand sie schlimmer denn je. Mit allen legte sie sich an, über alle schimpfte sie. Eines Tages fragte ich, warum diese Oma uns nie besuchen käme. „Das wäre unmöglich“, sagte meine Mutter. „Sie würde die Familie auseinandertreiben.“ Ich konnte das nicht recht glauben, aber dabei blieb es.

Manchmal war ich dabei, wenn meine Mutter D-Mark in Złoty umtauschte. „Sie wissen, dass Sie die nicht einführen dürfen?“, sagte der Mann am Schalter. „Ja“, antwortete Irene, und dann schickte sie ihrer Mutter das Geld in einem einfachen Briefumschlag.

Foto: frescomovie/Shutterstock

Manchmal bekam ich eine Karte von der unbekannten Großmutter. Wann immer ich ein Geschenk erhielt, hatte ich mich schriftlich dafür zu bedanken. Der Prokurist aus der Berliner Firma meines Vaters, Herr Schönhorst, kam zur Beerdigung meines Großvaters Anfang Januar 1959 aus Berlin angereist. Ich ging auf ihn zu und sagte: „Es tut mir leid, ich habe mich noch nicht für das Weihnachtsgeschenk bedankt.“ An seiner Reaktion merkte ich, dass das eventuell keine adäquate Begrüßung auf der Totenfeier war, darum ist mir der Vorfall im Gedächtnis geblieben. Aber wenn Post aus Danzig kam, sagte Irene: „Darauf musst du gar nicht antworten.“

Foto: Alina G/Shutterstock

Aufgewachsen war sie nicht direkt in Danzig, sondern in Zoppot. Das hielt sich damals für das östliche Biarritz, was ja sehr gut zu Warschau als ‚Paris des Ostens‘ passte. ‚Seit Aufnahme des Kurbetriebes entwickelte sich Zoppot stetig zu einem mondänen Seebad‘1, schreibt sogar Wikipedia. So lebte Irena nicht in einer Kleinstadt an der Ostsee, sondern in einem Ort, der von Mai bis September ‚große Welt‘ spielte. 1927 wurde das ‚Kasinohotel‘ fertig, und zwischen 1936 und 1939 ging Irena mit Freundinnen auf die sonntäglichen Tanztees. Immer wenn wir an der holsteinischen Ostseeküste waren, sagte meine Mutter: „Das ist pütscherig hier. In Zoppot gibt es eine Steilküste, und der Laubwald reicht bis an den Strand.“ Aber sie sagte auch: „Der Sommer 1939 war besonders schön. Da tanzten sie alle auf der Terrasse und ahnten nicht, dass sie bald schon Totenköpfe haben würden.“ – Ein für mich als Kind unverständlicher Satz.

1997 wollte ich das selber sehen und meine Mutter in ihrer Kindheit. Polen war zwar noch nicht in der EU, aber frei zugänglich. Wir flogen zu dritt direkt von Hamburg nach Danzig. Ein Mietwagen mit Kupplung und mir am Steuer brachte uns zum inzwischen zum ‚Grand Hotel‘ umbenannten Schauplatz von Irenas ersten Erfolgen. Schon im September 1939 hatte Hitler mit Gefolge vom Kasinohotel aus die Front näher betrachtet. „Hätte er da endlich Schluss gemacht, dann wäre man aus der Geschichte noch einigermaßen rausgekommen“, glaubte Guntram. Dabei erwähnte er selber etwas fassungslos die Leichtgläubigkeit seines Bruders Arwed, Assessor am Kammergericht: „Das ist doch zu viel. Jetzt muss der Hitler doch zurücktreten!“

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Guntram selbst erwähnte manchmal, dass er am 1. September 1939, dem Kriegsbeginn, auf Weisung der Aufsichtsräte seine Belegschaft zusammenrufen musste, um sie mit markigen Worten auf den heroischen Feldzug vorzubereiten. Damals lief in den Kinos ein Lustspiel über einen Querulanten. Den Filmtitel kannte jeder.

Illustration: ALEKS & SHANTU

„Na ja“, sagte Guntram zu seinen Mitarbeitern, „jetzt beginnt also das Programm ‚Mieter Schulze gegen alle‘.“ Das nahm ich hin und fand es nichts Besonderes. Aber wenn einer der Angestellten diese flapsige Bemerkung durchgestochen hätte, wäre Guntram für solch offensichtlichen Defätismus verhört worden und vielleicht sogar ins KZ gekommen, glaubte er später. Wahrscheinlich hatte er sogar recht: Sterben für einen Satz, der ja nicht mal ein Bonmot war?

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Diktaturen sind ein fruchtbarer Boden für Witze, da schießen sie – und zwar wie Pilze aus dem Boden. Den fatalistischen jüdischen Humor habe ich instinktiv gemocht. An den preußischen aus dem Offizierscasino meines Großvaters musste ich mich erst gewöhnen.

Zwei Beispiele.

Ein eher plumpes:
Beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps in Den Haag. Es ist bekannt, dass Königin Wilhelmina ein Flatulenz-Problem hat. Und tatsächlich, nach ein paar Minuten entweicht ihr deutlich hörbar eine Blähung. Der französische Botschafter, ganz Kavalier, sagt: „O pardon. Veuillez m’excuser!“ Es dauert nicht lange und dasselbe Geräusch sorgt für Beklemmung. Nun ist es der englische Botschafter, der die peinliche Situation retten will und sagt: „I beg your pardon. Please excuse me.“ Als Wilhelmina nochmal lospupst, springt der preußische Botschafter auf und dröhnt: „Diesen und die nächsten drei übernimmt die deutsche Reichsregierung!!!“

Bild: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Ein eleganteres:

Bei einem sportlichen Wettbewerb versagt der Kronprinz total. Am nächsten Tag steht in der ‚Vossischen Zeitung‘2: ‚Diese Aufgabe hatte zwei Lösungsmöglichkeiten. Seine Majestät geruhte, eine dritte zu wählen.‘

2 Anm.: ‚überregional angesehene Berliner Zeitung, deren Erscheinen 1934 aufgrund der politischen Situation eingestellt werden musste […]‘/aus Wikipedia

Im ersten Fall wird die preußische Großspurigkeit persifliert, im zweiten ein Mitglied des Königshauses lächerlich gemacht, beides nicht gerade Beispiele von devotem Kadavergehorsam, der den Preußen immer wieder unterstellt wurde. Doch wie weit man unbeschadet gehen kann, das muss immer wieder neu ausgelotet werden. Aber da, wo alles erlaubt ist, macht nichts mehr Spaß.

25 Kommentare zu “#2.35 Totentanz

  1. Man sollte sich mal vorstellen es würde heute noch jemand sagen „meine Tochter ist durch und durch unmoralisch“. Wie sich die Zeiten ändern.

  2. Dass ein Diktator freiwillig zurücktritt, möglicherweise sogar seine eigene Ideologie in Frage stellt, das erlebt man wahrscheinlich nur alle paar Jahrhunderte einmal.

      1. Ich glaube nicht. Einsichten sind eher etwas für Denker. Alleinherrscher sind mehr für Aussichten zuständig und die sind stets prächtig. Ein Irrtum wie – neben anderen – Louis XVI, Mussolini und Saddam Hussein erfahren mussten.

  3. Ich habe zwei Mal Israel besucht und zwei Dinge sind mir in Erinnerung geblieben: das verdammt gute Essen und der unglaubliche Humor.

      1. Das stimmt schon, aber ein Land auf Grund seiner Regierung komplett zu boykottieren finde ich auch keine überzeugende Lösung. Was soll der Gewinn davon sein? Außerdem dürfte man dann eine ganze Menge von Ländern nicht mehr bereisen: Ungarn, Russland, Italien, Polen, Österreich, England, die USA… Zusammenbringen wird uns dieser Ansatz sicherlich nicht.

      2. Über Netanjahu sind prozentual genauso viele Israelis unglücklich wie Amerikaner über Trump. Und? Im Iran sehen wir, dass sich bei Ausgrenzung das Volk eher mit der Regierung solidarisiert, als sie zu stürzen.

      1. Hahaha, so könnte es gewesen sein. Die Frage ist ob die Wahrheit spannender ist oder das, was man sich ausmalt.

  4. Es gibt so Menschen, die sich mit allen Leuten anlegen müssen. Ich kenne das auch. Dass der Kontakt zur Großmutter komplett abgebrochen wurde, ist natürlich trotzdem sehr traurig. Familie ist Familie.

      1. Man ist für seine Familienmitglieder verantwortlich! Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder willkürlich entscheiden könnte wer zur Familie gehört und wer nicht? Was ist das für eine absurde Vorstellung?

      2. Aufgrund wessen ist man für seine Familie verantwortlich? Etwa wegen des Blutes? Verantwortlich fühle ich mich gegenüber Menschen, die mir gut tun und die mir Gutes tun. In meinem Fall sind das unter anderen die Eltern. Verwandt zu sein ist eine von vielen Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen – nicht immer die beste. Verpflichtung ist es nicht.

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