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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

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#2.42 Hübsche Menschen in schicker Umgebung

Ich weiß, wir leben im Zeitalter des Bildes, aber manches ist doch eindrucksvoller zu erlesen als zu erblicken, das gilt ganz besonders für Hel(a). Wir fuhren bis zum Ende der Straße, also der Insel, aber wir sahen nirgendwo etwas, das zum Bleiben einlud. Im Gegenteil: Wir fuhren an Jurata vorbei, der Sommerresidenz des polnischen Präsidenten. Das Gelände umfasst eine Schutzzone mit einem ewig langen Streifen zwischen Straße und Strand. Jenseits des Zauns gibt es keine Öffentlichkeit, sondern nur Soldaten als Wachposten. Immerhin, bis 1990 war dort überall militärisches Sperrgebiet, da konnte man noch davon träumen, was einem alles entging. Jetzt mussten wir dieselbe Strecke wie auf dem Hinweg zurückfahren, was ich sowieso schon nicht mag, und dann fielen uns auf der Rückfahrt auch keine zusätzlichen, annehmbareren Lokale als vorhin auf, obwohl wir viel forscher guckten, weil wie nun ja nicht mehr darauf hoffen konnten, dass ganz am Ende der Insel das Paradies winken würde.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die beginnende Aussichtslosigkeit machte selbst mir Appetit, aber vor allem ging es darum, dass Rafał, der 85 Kilometer hin und 85 Kilometer zurück über die Landstraße brettern musste, nicht wieder auf Schokoriegel angewiesen war. Und tatsächlich, dann fanden wir doch etwas. Am Anfang einer Seitenstraße, gut zu parken, gut zu essen, bevor wir wieder durch Putzig mussten. Trotzdem, Anette, viel versäumt hast du nicht!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Für den Abend war Großes geplant, deshalb musste wohl oder übel ein Wodka-Fläschchen aus der Minibar zur Einstimmung herhalten, schon um die Angst vor der Harnverhaltung wegzutreiben. Dann brachte uns der Taxenfahrer ins ‚Restauracja L’Entre Villes‘. Eine dekorative Villa alter Schule mit prächtigem Interieur. Es kam mir so vor, als würden wir nicht erwartet, und Silke griff schon in ihre genauso dekorative Handtasche, um dem Empfangschef die Bestätigung vor die Nase zu halten, aber dann wurden wir doch in einen schummerigen, eleganten Seitenraum an einen schnell hergerichteten guten Tisch geführt. Die Polen sind eben Improvisationstalente, na ja, solche Zeremonienmeister geschätzter Institutionen beherrschen ihr Metier überall auf der Welt, das ist ihr Beruf.

Foto links: Ryzhkov Photography | Foto rechts: Simon Booth

Nun war Pfingstsonntag. Das ist ein so unaufdringliches Fest, keiner wird geboren, keiner stirbt, nur alle verstehen einander, weil der Heilige Geist über sie kommt, die Rücknahme der babylonischen Sprachverwirrung. Schon bei einer Umfrage vor zehn Jahren wussten 73 Prozent der Deutschen nicht, warum Pfingsten gefeiert wird. Wie mag das jetzt aussehen? Zu Pfingsten wünscht man sich schönes Wetter und braucht sich nichts zu schenken. Blauen Himmel hatten wir, aber es war ziemlich kühl. Rafał hatte ein Zimmer im Stockwerk unter mir und keine Mansarde. Stattdessen konnte man bei ihm aus dem Badezimmerfenster klettern, eine Balustrade entlanggehen und auf einer Art Dachterrasse entspannen: in einem Liegestuhl unter der Sonne. Sogar ich schaffte den Ausstieg, ohne zu Tode zu kommen. Der Siebzigjährige, der aus dem Fenster stieg und dablieb.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Silke war an den Strand gelaufen, Rafał lief umher und ich lag herum. Mit der Hand kann ich nicht mehr schreiben, den Laptop aus dem Zimmer zu schleppen, war die Mühe nicht wert, also las ich. Ich lese gern Romane, noch lieber schreibe ich sie. Ich versetze mich gern in andere Schicksale und Gedanken und schreibe über Personen, die ich nicht bin, oft nicht mal sein könnte oder wollte. Aufwühlende Ereignisse zu erfinden gefällt mir besser, als sie zu erleben. Dabei weiß ich: Lernen tut man nicht aus seinen Siegen, sonders aus seinen Niederlagen. Ich lese gern über Menschen und Situationen, die mir fremd sind. Noch lieber lese ich über Menschen und Situationen, die mir vertraut sind. Wenn ich selber etwas zu Papier oder zu Display bringe, hoffe ich immer auf Menschen, die sich angesprochen, verstanden oder bereichert fühlen. Sonst könnte ich es ja lassen. Denn ich selbst lerne doch nichts aus dem, was ich da schreibe. Oder doch? Diderot, Dostojewski, Dickens habe ich gelesen, Moderneres natürlich auch. Fremdes fordert einen größeren Anlauf. Inzwischen mag ich nichts mehr, was unter Kindern, Verliebten oder armen Leuten spielt. Das gilt noch viel mehr für Fernsehkrimis. Wenn da hübsche Menschen in schicker Umgebung agieren, kann ich die Dämlichkeit der Handlung besser verzeihen. Geschichten wird es immer geben, gesprochen, geschrieben, gefilmt: als Klatsch oder als Soap, rausposaunt oder geflüstert. Aber Romane, sind die schon so unzeitgemäß wie Sonaten und Sinfonien? Was ich will, muss ich machen, was ich nur vermarkten will, kann ich auch sein lassen. Ich las. Sachbücher sind weniger geschmäcklerisch als Belletristik, häufig auch weniger spannend und selten lustiger. Ich las weiter die Papier gewordenen Gedanken von Yuval Noah Harari.

Foto: dpicture alliance/PIXSELL

Ein schwuler Jude, da kann nicht viel schiefgehen, jedenfalls nichts, was den Unterhaltungswert angeht, glaubte ich. Ich verzeihe ihm sogar, dass er konsequent ist bis fast zur Humorlosigkeit: Kein Schweinefleisch zu essen – daran habe ich mich ja gewöhnt (bei anderen). Pali, der das Problem sah, sich aber nicht zu eigen machte, sagte immer: „Parma-Schinken wächst doch auf Bäumen, nicht?“ Harari ist/isst nun aber gleich vegan. Das finde ich schwer verantwortungsbewusst. Aber ich will ihn mir ja nicht erkochen, sondern bloß erlesen. Und dass man mit vielen Wissenschaftlern und Künstlern, deren Werke und Interpretationen man schätzt, nicht automatisch auch gern in Urlaub fahren möchte, leuchtet jedem ein, der beruflich schon mit ihnen zu tun hatte.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Zum Hotelstrand gehörte ein Pavillon, in dem man sitzen, trinken und essen konnte. Falls man einander etwas zu sagen hatte, konnte man sich sogar unterhalten, wenn auch bei ziemlicher Geräuschkulisse. Das Bemerkenswerteste aber war das Klo. Ich habe es nicht benutzt, schon wegen meiner praktischen Unterwäsche, Silke sowieso nicht, aber Rafał musste mal. Die Örtlichkeit befand sich in einer Art Zirkuswagen neben dem Pavillon. Davor saß die Beschließerin und kassierte. Der Harnwillige, der vor Rafał in der Schlange stand, sagte, er habe nur große Scheine. Das half ihm aber nichts. Die Toilettendame griff sich ihr mobiles Kartenlesegerät und er konnte/musste für sein Bedürfnis mit Kreditkarte zahlen, den Gegenwert von fünfzig Cent. Nun wussten wir es genau: Wir waren wirklich in einem nicht stink-, sondern duftvornehmen Hotel abgestiegen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Für den Nachmittag hatte Rafał sich ein ‚Date‘ verschafft. Ich musste ja früher für so was noch aus dem Haus gehen und suchen. Rafał reicht es, seine Vorzüge und Vorlieben ins Netz zu stellen, mit dem Hinweis, dass es möglich nicht weiter als 20 Kilometer von seinem Aufenthaltsort entfernt sein sollte. Manch Interessierter wartet dann mit einem alten, aber günstigen Foto auf, in dem Glauben, wer erst mal da ist, bleibt dann auch. Mir konnte solches Missgeschick nicht passieren: Ich sah vor Ort immer ganz analog, was auf mich zukam.

Fotos: Privatarchiv H. R.

Am Abend hatten wir, jeder für sich, erledigt, was zu erledigen war, und gingen zum Abschiedsessen nochmal zusammen zu ‚Cyrano & Roxane‘. Schon wieder! In Abwandlung des bekannten Sponti-Spruchs könnte ich sagen: „Wer dreimal bei derselben isst, der glaubt auch sonst an jeden Mist.“ War aber gut und das Lokal wieder etwas weniger voll als vorgestern. So haben wir also zum Schluss nochmal Polen zum Frankreich des Ostens gemacht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: amasterphotographer, Everett Collection, New Vibe, Suthin_Saenontad

30 Kommentare zu “#2.42 Hübsche Menschen in schicker Umgebung

      1. Zu Pfingsten muss keine Jungfrau hebammenlos im Stall mit einem Stück Gottes niederkommen noch wird wer ans Kreuz genagelt. Das ist zwar schön, aber unblutig, also weniger einprägsam. Der Verständigungen zu gedenken ist weniger üblich als die Siege zu feiern. Nicht mal der Konsum-Industrie ist zu diesem Ereignis so etwas eingefallen wie Weihnachtsmänner, Osterhasen oder Valentinsquatsch. Gefeiert werden muss, das hält die Gemeinschaft zusammen. Das Ereignis ist ziemlich egal.

    1. Mit Glück gibt’s ein bischen Spaß, mit großer Wahrscheinlichkeit erst einmal eine Enttäuschung wenn man dem/der sexy Bettpartner/in im wahren Leben und unretuschiert begegnet.

      1. Mir, der ich einen früheren Generation angehöre, ist immer noch nicht klar, ob ich die Jüngeren nun um das digitale Dating beneiden soll oder nicht. Ich bin halt noch in den Wald gegangen, um meine Böcke zu schließen. Die ausgeweideten Tiere erst auf der amourösen Speisekarte angeboten zu bekommen, bietet sicher Vorteile. Aber ist Sex wirklich etwas für Messer und Gabel?

      1. Nein, sondern von mittelmäßiger TV-Ware, und bei der bleibe ich kompromisslos bei dem Titel dieses Beitrags. Den könnt ihr dann so ironisch verstehen, „wie es euch gefällt“.

  1. Hahaha, ist es denn wirklich duftvornehm, wenn man fürs Pinkeln 50 Cent liegen lassen muss? Ich dachte das gibt es nur bei Kaufhof und auf Autohöfen…

      1. Meine jüngere Cousine schrieb mir, als ich das Bezahlen für die Notdurft an der Tankstelle in einem Beitrag auch nur erwähnte: „mir gefiele es wohl auf verdreckten Klos besser!“ Das ist zwar übertrieben, aber es stimmt, ich zahle lieber für das, was ich bekomme, als für das, was ich von mir gebe.

  2. Es ist die Zeit des Bildes, man könnte sogar sagen die Zeit des verfälschten Bildes. Kaum jemand sieht doch tatsächlich so aus, wie auf seinem social media account. Und kaum ein Urlaubsfoto ist nicht erstmal ordentlich retuschiert um das Erlebte noch toller aussehen zu lassen.

  3. Ich bin immer noch unsicher ob ich Hin- oder Rückfahrt lieber mag. Ist eine in der Regel nicht erfüllbare Erwartung besser, oder eine nüchterne Offenheit gegenüber dem was man da sieht?

      1. Nicht jedem Trend zu folgen wäre vielleicht ratsam. Und seinen Fleischkonsum zumindest zurückfahren. Vielleicht einfach bewusster essen und auf regionale Produkte achten anstatt die Massenindustrie weiter aufzustacheln.

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