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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.41 Die Wahrheit der Hirngespinste

Am Donnerstag fuhr uns, nun wieder Rafał, nach Oliva. Der Olivaer Platz in Berlin war mir seit meiner Kindheit geläufig. Allerdings hielt ich immer die kleine Ausbuchtung am Ku’damm für den Platz. Erst seit ich in der ‚Pension Dittberner‘ statt im aufwändigen ‚Kempinski‘ abstieg, lernte ich den ganzen Platz und seine Lokale zu schätzen. Experten schätzen sich glücklich zu wissen, dass der Platz nach dem Vertrag von Oliva benannt ist: Der wurde am 3. Mai 1660 zwischen Kaiser Leopold I., Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, König Karl XI. von Schweden (beziehungsweise dessen Vormund) und König Johann II. Kasimir von Polen-Litauen im Kloster Oliva unterzeichnet.1

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Gemälde: Allegorie auf den Frieden von Oliva, 1660

Mit meinen Eltern war ich im Klosterpark gewesen und hatte den Äbtepalast wahrgenommen, jedenfalls von außen. Er wurde Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut, ist also in seinem gefälligen Stil nicht so ehrwürdig wie die Klosterkirche aus dem frühen 13. Jahrhundert. Der Park ist kunstvoll angelegt mit zurechtgeschnittenen Buchsbaumhecken. Daneben gibt es ein Stück Wald mit Bach und kleinem Wasserfall und dann noch einen Zoo mit Giraffen und Elefanten. Meine Mutter schwärmte von sommerlichen Veranstaltungen auf dem Gelände, früher. Wir sahen nichts davon, aber dieses Mal wollte ich den Palast auch von innen erleben, wenigstens ein bisschen: im ‚Restauracja w Pałacu Opatów‘. Das sollte im Schloss sein, war aber schwer zu finden, trotz mehrfachen Fragens, für dessen Aussprache es gut war, Rafał dabei zu haben. Schließlich fanden wir den Eingang, versteckt an der Hinterseite des Prachtbaus. Drinnen sah es aus wie in Großmutters ‚guter Stube‘, nur noch vornehmer und mehr Spiegel. Die Speisekarte war auch vielversprechend: ‚Vitello tonnato z musem kaparowym‘ kann man ja leicht entziffern. Bei ‚Śledziki opiekane w zalewie z baiłego wina‘ ist das schon schwieriger. Gut, dann einen Einheimischen dabeizuhaben.

Den Rest des Nachmittags verbrachte jeder, wie er wollte oder (in meinem Fall) wie er konnte. Unvermögen und Begabung muss man erkennen und entsprechend handeln. Ich zum Beispiel bin sehr wacklig bei Treppe runter, kann aber vorzüglich lesen. Da lese ich also bei Tageslicht auf meinem Bett: Bis zu 60 Prozent des unterschiedlichen Bildungsniveaus von Menschen seien genetisch bedingt,2 haben Forscher um Robert Plomin vom King’s College London ermittelt. Na, wenn das die 68er wüssten! Wenn sie es damals gewusst hätten, hätten sie Plomin genauso behandelt wie der Vatikan Galileo Galilei. Abschwören und Rausschmeißen. Galilei fußt auf Kopernikus, und ich hatte überlegt, ob wir dessen Geburtsstadt Thorn oder dessen Grab in Frauenburg in die Reiseplanung einbeziehen müssten. Liegt zu weit ab von der Route, fand ich. Aber ich wusste auch: In diesen Teil Europas komme ich nie wieder. Was ich jetzt versäume, lässt sich nie mehr nachholen. Davon darf man sich keine Angst machen lassen, sonst verzettelt man sich. Und von der Genetik auch nicht. Selbst wenn die 60 Prozent Genetik bei mir mies wären – ich hätte ja noch 40, um mein Bildungsniveau anzuheben. Nur würde ich das bei meinen vermurksten Genen dann gar nicht wollen. Auf dem Bett zu liegen, auf die Fenster zu sehen, hinter denen die dunkelblaue Ostsee den hellblauen Himmel begrenzt, oder umgekehrt, ist sehr entspannend. Man kann denken, nicht was man will, aber was einem einfällt, und man fühlt sich zufrieden mit dem Draußen und mit dem Inneren, aus dem ja nicht nur Blut, Schweiß und Tränen kommen, sondern auch Gedanken, die verblasen sind oder in die Tat umgesetzt werden können. Kopernikus’ Thesen wurden nicht als Ketzerei angesehen, sondern als Hirngespinste. Da hatte er aber Glück! Für bescheuert gehalten zu werden ist viel angenehmer, als auf dem Scheiterhaufen zu brennen. Kopernikus hat sein Hauptwerk ‚De revolutionibus orbium coelestium‘ sogar Papst Paul III. gewidmet, damit der mal lernen konnte, dass die Erde um die Sonne kreist. Finde ich mutig für damals. Und ich liege herum, habe weit weniger bedeutende Einsichten und schreibe die auch noch auf, wenn ich sie nicht vergesse. Sind Romane heute genauso unzeitgemäß wie Sonaten? Solche Fragen habe ich mir mit zwanzig nicht gestellt und jetzt gehen sie mich nichts mehr an.

Rafał klopft. Ich weiß, ich werde mich für das Abendessen in Zoppots Grand Hotel heute nicht so sorgfältig zurechtmachen müssen wie meine Mutter 1939 für den Fünf-Uhr-Tee. Da fällt mir ein, dass es neben dem Lied von der Krakauerin und neben der Hummel im Schilf einen dritten Begriff aus dem Polnischen gibt, den mir meine Mutter vermittelte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Meinen beiden Eltern war wichtig, welchen Eindruck sie auf andere machen. Bei meinen Großeltern – denen, die ich kenne – war es dasselbe. Früher war das wohl so. Jetzt ist in manchen Kreisen aufzufallen erstrebenswerter, als nicht bemerkt zu werden: damals gehenkt, heute hofiert. Normale Menschen wollen schon ab sechzehn nicht mehr mit ihren Eltern verreisen. Ich liebte es, mit meinen Eltern unterwegs zu sein – bis zu deren Tod. Wir waren auf Ischia. Irene hatte sich schon mehrfach über eine andere Reisende geärgert. Im Urlaub gibt es ja sonst nicht viel zu tun, da ist es eine willkommene Abwechslung, sich zu ärgern. Die anderen Gäste gleichzeitig karikieren und beeindrucken zu wollen – das macht rücksichtsvoll und hochmütig zugleich.

Foto: Nicola Galiero/Shutterstock

Guntram und ich saßen schon abendlich gestimmt an unserem Vollpensionstisch. Irene erschien verzögert, durchmaß den voll besetzten Raum und sagte im Hinsetzen über ihre Feindin: „Die hat mich angestarrt, als sei ich eine ‚Pokraka‘, dabei ist sie selber eine ‚Pokraka‘.“ Irene war völlig unaufgeregt und ihrer ganz sicher, als sie uns von dieser Begegnung im Vorübergehen unterrichtete, und so ging diese eindrucksvolle Bezeichnung in den Familienwortschatz ein. Dabei ist es sowohl hinderlich als auch befriedigend, dem Wort anzumerken, wie lautmalerisch es ist. Wer es von nebenan hört, wird kaum davon ausgehen, dass es eine Freundlichkeit sei und den Ausdruck hoffentlich nicht auf sich beziehen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Rafal und ich sahen von unseren Gläsern auf, als Silke erschien. Sie ist so vollendet pünktlich, dass man einen späteren Termin mit ihr ausmachen muss, wenn man vor ihr da sein will. Nach gemeinsamem Absitzen im kuscheligeren Nebenraum der Barhalle schritten wir zum Diner ins Restaurant. War steril, obwohl oder weil es keine Kleiderordnung gab. Die Kellner kellnerten, die Esser aßen. „Nee, hier gehen wir nicht wieder hin“, dachte ich, sagte es auch, und niemand widersprach. ‚Pokraka‘ übersetzt Pons mit ‚Vogelscheuche‘, ‚Missgestalt‘. Da ist das Polnische aber süffiger!

Foto oben: ILdar Khabibullin/Shutterstock | Foto unten: Tommy Lee Walker/Fotolia

Was am Freitag war, habe ich total vergessen. Notizen gibt es auch nicht. Spricht für einen ruhigen Ablauf. Abends fuhren und gingen wir dann wieder zu ‚Cyrano & Roxane‘. So leer es gestern gewesen war, so voll war es heute. Erstaunlich. Auf der Straße standen die Leute Schlange, manche setzten sich an die Plastiktische. Es schienen mir nicht mehr als 16° zu sein. Völlig unzumutbar, selbst auf Sylt. Aber uns empfand ich nach vorgestern als Stammgäste, und der französische Wirt sah das glücklicherweise wohl genauso. Wir saßen bequem, aßen gut, und ich sah durch das nahe Fenster auf die, die da draußen hockten und auch noch kaltes Bier tranken! Ich hätte das höchstens mit einem sehr, sehr steifen Grog ausgehalten. Aber ich bin nun mal ein verweichlichter Säufer und das sind aufgekratzte junge Menschen: jeder an seinem Platz.

Foto oben: Standret/Shutterstock | Fotos unten (2): Privatarchiv H. R.

Am Samstag stand wieder ein Ausflug auf dem Programm: nach Hel(a). Meine Freundin Anette hatte gesagt, dass sie es leider versäumt hätte, Hela zu besuchen, als sie in der Gegend gewesen war, und ich fand, dass uns das nicht passieren dürfte, obwohl ich nichts über Hel(a) wusste, außer, dass es Hel(a) gab; ob bei Königsberg oder bei Rostock ‚entzog sich bereits meiner Kenntnis‘, wie man geschwollen vor dem Untersuchungsausschuss formuliert. Die Anfahrt durch triste Gegend war etwas ermüdend. Von meiner Mutter wusste ich: Gdingen war immer schon ganz scheußlich. Es hatte nicht mehr zum Freistaat Danzig gehört, sondern war nach dem Ersten Weltkrieg Polens Zugang zum Meer geworden. Das wurde gefeiert und ausgenutzt. Sehr schnell wurden Stadt und Hafen ausgebaut und, wie das so ist, Slums entstanden auch. Die Situation, dass die Züge in Schneidemühl plombiert wurden, durch neuerdings polnisches Gebiet fuhren, erst nach 100 Kilometern bei Dirschau Ostpreußen erreichten und wieder aufgeschlossen wurden, das empfanden viele Deutsche als Zumutung. Das und die Reparationszahlungen waren die beiden erniedrigendsten Bestimmungen des Versailler Vertrags gewesen. „Hätte man besser gleich Ostpreußen ganz abgetrennt!“, denke ich manchmal, aber das ist Unsinn. Hitler hätte das erst recht nicht aufgehalten. Enklaven sind als Dauerzustand schwer zu halten. Westberlin hat den Zustand überwunden. Vielleicht wird auch in Jerusalem irgendwann mal Frieden einkehren. Schneidemühl und Dirschau heißen jetzt Piła und Tczew und damit ist nun hoffentlich der Konflikt beigelegt. Name ist nicht ‚Schall und Rauch‘, wie Faust behauptete, sondern wichtig: bei Städten, bei Menschen, bei Begriffen. ‚Sankt Petersburg‘ drückt etwas anderes aus als ‚Leningrad‘, ‚Lady Gaga‘ ist leichter zu behalten als ihr Geburtsname Stefani Joanne Angelina Germanotta, ‚Bob Dylan‘ klingt eingängiger als das wahre ‚Robert Allen Zimmerman‘, ‚Berufsverbot‘ reizt eher zum Widerstand als ‚Radikalenerlass‘ – und ‚alternativlos‘ klingt überzeugender als ‚richtig‘. Gdynia haben die Nazis 1939 nicht wieder zurückbenannt in ‚Gdingen‘, sondern sie machten daraus ‚Gotenhafen‘. Hitler selbst verkündete die Umbenennung am 20. September vor Ort. Bis Ende des Jahres wurden 50 000 Polen vom Volksdeutschen Selbstschutz ermordet, zunächst vor allem die gebildeten in der ‚Intelligenzaktion‘.3 Da die Slawen als Untermenschen galten, hätte es diese Schicht eigentlich sowieso nicht geben dürfen und ‚Volksdeutscher Selbstschutz‘ klingt freundlicher als ‚verbrecherische Mörderbande‘.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

1945 war dann Schluss mit Gotenhafen. Im Januar war noch die ‚Wilhelm Gustloff‘ dort ausgelaufen und von einem sowjetischen U-Boot versenkt worden. 9 000 Menschen starben: ‚das verlustreichste Schiffs‚unglück‘ der Menschheitsgeschichte‘.4 Die Germanen hatten ausgedient, als Goten genauso wie als Nazis. Gdynia war trotzdem nicht schöner geworden. Wir waren froh, als es hinter uns lag. Dann kam Putzig. Auf Polnisch heißt es bloß Puck, was ja weit weniger drollig klingt.

Von dort aus geht es direkt nach Hel(a), das früher auch ‚Putziger Nehrung‘ genannt wurde. Die Halbinsel Hel(a) ist nur halb so groß wie die Frische Nehrung, hat aber viel mehr Bewohner. Zur Erklärung: Eine Nehrung ist ein schmaler, langgestreckter Landstreifen, der ein Haff oder eine Lagune vom offenen Meer trennt, und ein Haff wiederum ist ein flaches Gewässer, das von der See durch Inseln oder einen schmalen Streifen von Dünen getrennt ist. So viel Zeit muss sein, damit man überhaupt weiß, wo man ist.

Foto: Privatarchiv H. R.

Geschichte, wie gehabt: Erst hatte der Hochmeister des Deutschen Ordens das Sagen, dann der polnische König Kasimir IV., dann die Preußen, dann die Polen, dann die deutschen Hitler-Verehrer und jetzt wieder die Polen. ‚Im Jahr 1836 kam es auf Hela zu einem der letzten Vorfälle von Hexenwahn: Eine vermeintliche Hexe wurde […] der Wasserprobe unterworfen‘5, sie sank aber nicht und wurde deshalb ersäuft. Es war ja so: Wenn die Hexe unterging, war sie keine, und ihre Seele war nun bei Gott. Ging das Biest aber nicht unter, dann hat ihr der Teufel geholfen und sie musste getötet werden. Eine Win-win-Situation für die rechtschaffenen Bürger. Steht alles so geschrieben.

Fotos (3): Wikimedia Commons/gemeinfrei | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: ulia_lavrova, NikhomTreeVector, Nikelser Kate, draco77vector, pandapaw, red-feniks, Kletr, Africa Studio

24 Kommentare zu “#2.41 Die Wahrheit der Hirngespinste

    1. Jede(r) Angebetete wird auch verteufelt. Den Wahn, seine Gegner vernichten zu müssen, gibt es nach wie vor. Sich nicht zu kümmern kann ähnliche Effekte haben. Aber im Mittelmeer zu ertrinken, ist vermutlich angenehmer als auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Zynismus ist ein zerstörerisches Ziel.

      1. Zynismus ist mitunter zerstörerisch. Zynismus ist leider auch genau das, was die Flüchtlingssituation bzw. unseren Umgang mit dieser Situation auf den Punkt beschreibt.

  1. Ich finde fast, dass die Zeit des maximalen Auffallens schon wieder vorbei ist. Selbst auf Insta sieht doch jeder eher gleich aus. Beliebt sein ist wichtig, besonders sein eher nicht.

      1. Oder wenn man Adenauer immer noch glaubt: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen.“

  2. Volksdeutscher Selbstschutz – es klingt so idiotisch, man kann sich kaum vorstellen, dass aus so einem Quatsch diese grausamen Verbrechen hervorgingen.

      1. Die Vietnamesen waren ein besonders friedfertiges Volk. Dann kam der 20jährige Krieg. der auf das Grausamste geführt wurde. Was vorbei war, merkt man besonders, wenn es wieder anfängt.

      2. Es wird immer dann gefährlich, wenn man sich zu sicher und zu bequem fühlt. Genau dann ist die Chance am größten, dass sich solche vermeintlich überstandenen Ideen wieder breitmachen.

    1. Der gute Name bürgt für Qualität, die man nicht glaubt, nachzuprüfen zu müssen: Da sieht ja schon der Sack, in dem man die Katze kauft, sehr ansprechend aus. Je banaler der Inhalt desto wichtiger die Verpackung.

      1. Aufmachung ist alles. Ein guter Name kann ein noch so schlechtes Produkt (zumindest eine Zeit lang) sehr gut verkaufen.

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