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1907
Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.23 Vierzehn Meter hoher Papst

Am Montag war kein Urlaubswetter, jedenfalls kein gutes. Um 11 Uhr holte uns der vorbestellte Elektrokarren ab. Die Umgebung wirkte etwas milchig und das war gut so. Statt aus unserer Motorkutsche direkt in die Straße gucken zu müssen, sahen wir nämlich durch eine Art Haut, die uns sicher vor Regen und halbwegs vor Kälte schützte. Na ja, Sonne ist hübscher, aber wenn es die nicht gibt, soll man sich über ziemlich durchsichtiges, strapazierfähiges Plastik nicht beklagen, sondern freuen, selbst wenn man sonst streng darauf achtet, die Ozeane nicht mit Plastik zuzumüllen. Unser Fahrer brachte uns in eine ziemlich hässliche Gegend: Das ehemals jüdische Viertel Kazimierz sei inzwischen gentrifiziert worden, hieß es. Wenn das stimmt, dann sind die Städteplaner aber sehr geschickt vorgegangen: Eine so unauffällige Gentrifizierung hätte selbst in der Kreuzberger Hausbesetzerszene Anklang gefunden. Alles sah finster aus. Straßenschluchten im Regen sehen immer finster aus, aber hier kam noch das Schaudern vor der Vergangenheit dazu. 64 000 Juden hatten in Kazimierz gelebt. Nach dem Krieg kamen 6 500 zurück. Alle anderen waren umgebracht worden. Unser Führerfahrer brachte uns auf die andere Seite der Weichsel, da war es noch hässlicher. 1941 hatten die deutschen Besatzer dort das Getto angesiedelt, und Steven Spielberg hatte dort Teile von ‚Schindlers Liste‘ gedreht.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Es hörte auf zu regnen, wir stiegen aus und sahen uns um.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich nutzte die kleine Pause, um in meine Pampers zu strullen, dann ließen wir uns zurückkutschieren, erst zum eindrucksvollen Marktplatz Rynek Glówny und dann weiter zum Hotel.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Es klarte auf. Silke und Rafał bestiegen den Wawel, um sich das Schloss anzusehen: Romanische, gotische, Renaissance- und Barockarchitektur gibt es da zu erleben und – für Gebildete – zu unterscheiden.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Kannte ich ja schon. Kann ich alles nicht mehr. Dass meine Tischmanieren, die meine Eltern schon früh bemängelten, nun lähmungsbedingt wieder auf meine Essgewohnheiten der Kindheit zurückgefallen sind, ertragen meine Umwelt und ich notgedrungen. Dass ich nicht mehr vorgehen, nicht mal mehr mitgehen kann, ist schwer zu ertragen. Vielen geht es viel schlechter. Ist das ein Trost? Leben lernen, heißt das – Demut lernen?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Der abendliche Taxenfahrer fuhr dieselbe Strecke, die morgens schon der Elektrokarren genommenen hatte, und ich überlegte, welche von den beiden Touren mir überflüssiger vorkam. Das von mir ergoogelte ‚Restauracja Starka‘ wurde von einem TripAdvisor so beschrieben: ‚Absolutes MUSS für Reisende in Krakau. In dem tollen Viertel Kazmierz gelegen, wunderschönes Ambiente, zauberhafte Bedienung, wahnsinnig leckeres Essen.‘

Ja, war schön.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Der Abend ging – wie gewohnt – in die Nacht über. Silke ging ins Bad, ich ging ins Bett, Rafał ging aus. Um nicht indiskret zu wirken, breche ich an dieser Stelle ab und picke mir von Rafałs Smartphone nur solche Bilder heraus, die auch Lech Kaczyński seinen Enkelinnen vor dem Einschlafen zeigen könnte.

Fotos (15): Privatarchiv H. R.

Am Dienstag war das Wetter in Ordnung, und wir waren bereit, in Rafałs wirkliche Heimat – oder jedenfalls Herkunft – zu fahren. Radomsko heißt der Ort, und viel mehr gibt es über ihn auch nicht zu sagen. Wikipedia weiß noch: ‚Die Siedlung wurde im Jahre 1243 erstmals erwähnt. Die Stadtrechte wurden durch den König Leszek II. Czarny im Jahre 1266 vergeben. Viele Radomskoer Juden starben im Vernichtungslager Treblinka im Oktober 1942.‘1 Das klingt sehr düster, aber zunächst mal fuhren wir nach Tschenstochau. Der Ort war mir bekannt durch seine ‚Schwarze Madonna‘. Früher hatte ich gedacht, dass dieses in der Kapelle des Paulinenklosters ausgestellte Bildnis zur Abwechslung und gerechtigkeitshalber eine heilige Negerin darstellt. (Damals durfte man das Wort ‚Negerin‘ noch denken, ohne Angst davor zu haben, sich als rassistischer, imperialistischer, ausbeuterischer Kapitalistenknecht empfinden zu müssen. Dafür war das Wort ‚geil‘, das heute in aller Munde ist, unaussprechlich gemein. Wie schnell werden Wörter als Begriffe ideologisiert.) Dabei: Sich eine afrikanische Gottesgebärerin hinzuhängen, so beherzt waren die streng gläubigen Polen damals dann eben doch nicht. Aber so beherzt waren die streng gläubigen Polen dann doch nicht. Das ursprünglich byzantinische Bild zeigt die Gottesdame mit einem Gesichtsausdruck, der als verinnerlicht oder verblödet interpretiert werden kann. Marias Mantel ist mit goldenen Lilienmotiven verziert: ein Symbol ihrer Jungfräulichkeit. Die Antlitze von Mutter und Kind haben eine ziemlich dunkle Färbung, aber nichts Afrikanisches. Zu besonderen Anlässen wird das Bild mit edelsteinbesetzten Kleidern und goldenen Kronen geschmückt. Der besondere Anlass ‚Himmelfahrt‘ (Sohn, nicht Mutter) wurde zwar erst zwei Tage später, am Donnerstag, gefeiert, aber der Andrang war bereits erheblich.

1 Quelle: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Radomsko

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Rafał lenkte unser Auto wie üblich durch die für Verkehr gesperrte Hauptstraße, eine breite Allee mit vielen Andenkenläden, und an jeder Kreuzung wurde der Weg noch gesperrter, was die jeweils vorigen Verbote ein wenig entwertete. Ganz am Ende der Straße blinkte das trutzige Paulinenkloster auf dem Jasna Góra. Drum herum blinkten so viele abgestellte Fahrzeuge, dass mir klar wurde: Hier bin ich nicht willkommen – für die Wallfahrt zu kregel, für die Laufstrecke zu hinfällig. Um mich den jährlich mehreren Millionen Pilgern anzuschließen, bin ich ja ohnehin nicht demütig genug. Dass die ursprünglichen Holztafeln tatsächlich aus dem Tisch der Heiligen Familie geschnitten waren, kommt mir nicht sehr wahrscheinlich vor. Eher schon kann ich glauben, dass es durch die Restauration zu einer Vermischung der byzantinischen Ikonografie mit den stilistischen Mitteln der europäischen Kunst des 15. Jahrhunderts kam. Die Restaurierung, wohl eher Neuschöpfung, des Bildes war nötig geworden, weil die Hussiten es demoliert hatten. Ihr tschechisches Christentum war nicht so katholisch wie das polnische, und im Rahmen solcher Konflikte geht Kaputtmachen ja immer schneller als zu überzeugen. Jan Hus selbst war freies Geleit für das Konstanzer Konzil zugesagt worden und dann wurde er dort doch 14152 verbrannt. Dass seine Anhänger fünfzehn Jahre später in Częstochowa auf die Madonna einschlugen, ist nicht fein, aber verständlich.

2 Quelle: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Hus

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Doch der Wallfahrtsort hat noch mehr zu bieten: 2013 wurde eine 14 Meter hohe Statue des inzwischen heiliggesprochenen polnischen Papstes Johannes Paul II. enthüllt. Sie wiegt fünf Tonnen und ist eine mit Styropor und Fiberglas überzogene Stahlkonstruktion. Die frommen Bürger der Stadt hoffen auf einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die größte Papststatue der Welt. Wir konnten nichts zu all dem beitragen und fuhren, mäßig ergriffen, weiter.

Radomsko machte von vornherein den Eindruck, dass es besser wäre, einfach weiterzufahren. Kein bisschen Etikettenschwindel. Aber dann lag doch inmitten abgewirtschafteter Scheußlichkeiten eine Villa in langgestrecktem Garten: Das war unser Hotel, nicht wesentlich unscheinbarer als im Internet zu besichtigen; ich hatte wohl – instinktsicher wie meistens – die einzig richtige Wahl getroffen. Was ein wenig irritierte, war der Umstand, dass alle Wände noch wesentlich sorgfältiger plastikverhangen waren als unsere Krakauer Kutsche. Das Anwesen befand sich zweifelsfrei mitten in umfangreichen Renovierungsbemühungen, und unsere Ankunft schien die Betreiber der Unterkunft ehrlich zu überraschen. Aber: Rafał spricht akzentfrei Polnisch, und wo man es nicht so genau nimmt, ist es eh am schönsten. Wir bekamen unsere Zimmer und auf der Terrasse etwas zu essen. Das Promotionvideo, das im Netz für das Hotel wirbt, lässt ahnen: Hier gibt es nichts weiter zu sehen.

Die kommenden Tage werde ich ein wenig zusammenfassen: eine Disziplin, für die ich nicht gerade berühmt bin. Die Schlichtheit der Schlafräume machte Silke ein wenig zu schaffen, aber dafür erblühte der Speisesaal in festlichem Rot und er war auch nicht allzu sehr unter Planen versteckt.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als Rafał meine Planung zum ersten Mal sah, hatte er gesagt: „Fast drei Tage, das ist viel zu lang.“ Als wir eintrafen, sagte er: „Hier will ich nie wieder her!“ Als wir am Freitag wieder abfuhren, sagte er: „Ich muss hier mal vier Wochen her oder länger.“ Rafał ist noch nicht ganz vierzig, Jugend ist halt beeinflussbar, darum zählen ja für die Werbebranche vor allem die Stramm-unter-fünfzig-Jährigen. Den Älteren kann man weniger aufschwatzen, höchstens Gebissreiniger, und selbst da sind sie markentreu. „Heute noch wechseln zu …“, diese fadenscheinige Verlockung zieht bei erfahrungsarmen Jugendlichen aus Idar-Oberstein erfahrungsgemäß besser als bei ausgefuchsten Alzheimerpatienten in der Seniorenresidenz. Allerdings: Auf Sympathieträger, die in ihr jeweiliges Zugehörigkeitsschema passen, fliegen alle Altersklassen gleichermaßen. Werbung mit Stars funktioniert deshalb so gut, weil Menschen nach Vorbildern lechzen: sei es ein Schauspieler, ein Sportler oder ein Hitler. Ich gönne den Werbeträgern ihre Millionen und den Anbetern ihren Kult, aber missachten tu’ ich sie trotzdem. Dabei ist es ja eigentlich beruhigend, für was alles ich den diversen Algorithmen noch als Zielgruppe gelte. Solange jemand mit dir noch Geschäfte machen will, so lange lebst du. Wenn sogar nach deinem Tod jemand mit dir noch Geschäfte machen will, solltest du dich freuen: Du bist berühmt. Sonst würde sich das Ausschlachten nicht lohnen.

25 Kommentare zu “#2.23 Vierzehn Meter hoher Papst

  1. Funktioniert Werbung mit Stars denn immer noch so gut wie vor 30 Jahren? Eigentlich müsste man doch mittlerweile durchschaut haben, dass da in der Regel keine große Überzeugung hinter steckt.

      1. Man fragt sich auch, ob es wenigstens ein paar wenige Promis gibt, die tatsächlich an das beworbene Produkt glauben.

  2. Hahaha, unauffällige Gentrifizierung kenne ich auch aus einigen Orten. Manche Gegenden sind einfach auf Jahre „up-and-coming“. 🙂

  3. Wenn eine Stadt sonst schon nichts zu bieten hat muss wenigstens ein Rekord her. Nicht, dass ich Radomsko zu Nahe treten möchte, aber ähnliche Städte kenne ich auch.

      1. Ach es gibt genügend Statuen für B-Prominente in ihren jeweiligen Heimatorten. Da sollte eine Ehrung des Papstes auch seinen Platz haben.

  4. „Heute noch wechseln“ habe ich noch nie verstanden. Entweder man ist zufrieden und hat keinen Grund zu irgendwas zu wechseln, oder man ist unzufrieden und hat sich schon lange über Alternativen informiert. Wer soll da überhaupt angesprochen werden?

  5. Hahaha Rafals Smartphone muss eine interessante Schatzkiste sein 😉 Und er teilt die Dokumentation seiner Erlebnisse großzügig mit Ihnen?

  6. Der Satz ‚Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung‘ stimmt, aber auch nur solange man nicht im Urlaub ist.

    1. Für mich gibt es ganz saumäßiges Wetter, selbst dann, wenn ich mit Schirm, Wollpullover und Gummistiefeln unter einem Reetdach sitze. Wo bleiben denn unsere Maßstäbe, wenn wir alles verstehen und alles gut finden sollen?

    2. Da hat Herr Rinke wohl recht. Während eines Tornados oder bei immer neuen Hitzerekorden im Sommer nützt einem die richtige Kleidung beispielsweise auch wenig.

  7. Renovierungsarbeiten im Hotel können sehr schnell zum nervtötenden Ärgernis werden. Ich war mal irgendwo in oder um Dortmund und es wurde ziemlich den ganzen Tag lang gebohrt und gehämmert.

      1. Schlechte Werbung ist das allemal. Heute würde man zumindest auf den entsprechenden Bewertungsportalen seine Meinung abgeben. Oder auf der Unternehmensseite von Facebook. In der Regel reagieren die Leute (wenn überhaupt) dort am schnellsten.

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