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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

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#2.37 Rückkehr ohne Wiedersehen

Alles klappte wie am Schnürchen: Die Propellermaschine landete, ohne zu zerbrechen; unser Gepäck war da, nur wenig ramponiert; der Mietwagen auch, allerdings weder – wie versprochen – mit Schiebedach noch mit Automatik, so dass mir, bevor ich mich wieder an die Kupplung gewöhnt hatte, ein paar stockende Abwürger widerfuhren; die Hotelzimmer waren zu unserer Verfügung, allerdings direkt unterm Dach, was einen weiten Blick gestattete, die Discomusik etwas abschwächte und die Wärme verstärkte.

Foto: Ulf/Adobe Stock

Bis wir vor dem Hotel vorgefahren waren, hatte ich mich ans Kuppeln bereits gewöhnt, und so legte ich sofort einen niedrigeren Gang in meinen Erwartungen ein, als ich die verblichene Fassade sah und gleich noch einen geringeren, als ich die Halle betrat: Das war alles so, wie ich es aus den Siebzigerjahren von Moskau und Warschau her kannte: den abgewetzten Plüsch, die gleichgültige Unfreundlichkeit, nur eben, dass es damals hier keine ARAL-Tankstellen und keine Camel-Werbung gab.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Getränke sind lauwarm, die Bäder sind groß, die Kacheln abgeplatzt und die Wannen ideal für Wasserscheue: Man kann sich in ihnen den Dreck abschmirgeln, ohne sich nass machen zu müssen. Die Türen sind dunkelbraun, die Läufer weinrot gemustert und die Schalensessel grasgrün. Das Restaurant verhieß ‚polnische und internationale Küche‘, es war so leer wie seine Versprechungen, dafür war der Strand voll. Diesen Strand vor dem ‚Grand Hotel‘ darfst du dir aber nicht so vorstellen wie vor dem ‚Excelsior am Lido‘ mit Badekabinen und Brimborium. Die Sonnenhungrigen liegen auf farbenfrohen Handtüchern dicht beieinander, wer Schatten sucht, findet ihn unter den Reklameschirmen einer Getränkebude, die dort steht, wo Irene einst auf den Marmorplatten des Areals zwischen Hotel und Strand am Fünf-Uhr-Tee nippte. Die Marmorplatten sind weg, das Spielcasino und die feinen Leute auch.

Aber den langen Steg, der tief in die Ostsee ragt, gibt es noch. Seine Planken knarren etwas wehleidig, wenn man sie betritt, und Irene sagte auch gleich gerührt: „Das sind bestimmt noch dieselben, auf denen ich damals gelaufen bin.“

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

An diesem Tag war Guntram an der Reihe mit Sich–elend–Fühlen und so blieb er auf einer Bank am Anfang der Seestraße sitzen, die von den Wandelhallen, die von Andenkenverkäufern mit Beschlag belegt sind, zum Bahnhof führt und Zoppots Kurfürstendamm ist. Dass diese ehemalige Prachtstraße jetzt weniger mit ‚Unter den Linden‘ als mit ‚Auf der Kirmes‘ gemein hat, bekümmerte Irene. Statt Armani Burger King. Immerhin konnte sie mich rechts und links der Fußgänger-‚Zone‘ auf etliche Wohnungen hinweisen, die zwischen 1920 und 1939 ihre Unterkunft waren. Die Wydoffs sind in Zoppot mindestens so oft umgezogen wie Beethoven in Wien.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Alles hat sich verändert und hätte es auch ohne Krieg und Polonisierung getan. So warm wie jetzt war es nur in einem Sommer gewesen. Sonst war Ende August die Saison schon vorbei. Bloß 1939 tanzten sie noch vor dem Casino, die Nächte waren lau, das Meer wird vermutlich gerauscht haben, und der Vollmond promenierte über der Bucht. Die Musik wird beschwingt gewesen sein, nicht die dröhnenden Bässe von heute, die Kleider der Frauen waren glockig, die Scheitel der Männer akkurat. Die Worte waren sanft und belanglos, aber sie fügten sich zu Gesprächen. Die Wellen, die Tänzer, die Lindenblätter in der Brise – ein Wiegen und Wogen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Anfang September verließ Irina Zoppot für immer und die Danziger kamen heim ins Reich.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Auch wir hatten ja traumhaftes Wetter. Es sei denn, jemand kann sich etwas Traumhafteres vorstellen als wolkenlosen Himmel bei 32° tagsüber im Schatten, 30° Grad nachtsüber im Hotelzimmer und fünfundvierzig (!) Grad auf den Erkundungsfahrten im Auto – aber wer, um alles in der Hölle, kann das schon?

Foto: Dimco/Adobe Stock

Mein Instinkt, der ja in den Bereichen Sexualität und Gastronomie untrüglich ist, führte uns am Abend zu einer Villa, vor der man bei Kerzenbeleuchtung unter Markisen sitzen und sich von Kellnern in Brokatwesten knusprige Kartoffelpuffer mit Lachs und Kaviar bringen lassen konnte. Es hätte auch bei Wien oder Triest oder Zürich sein können, wenn die Preise nicht in Złoty auf der Speisekarte gestanden und die Gastgeber an den Nachbartischen ihr Englisch nicht mit so einem weichen, slawischen Akzent gesprochen hätten. Es war das letzte Mal, dass Irene auf dieser Reise glücklich war, besonders nach dem zweiten Wodka.

Foto: Studio Migafka/Adobe Stock

Am nächsten Tag war sie dran mit Missbefindlichkeit, wobei ihre Pein gesteigert wurde durch die Vorstellung, was ich darüber wohl schreiben würde. Noch am Vorabend hatten wir den Park von Oliva durchmessen, er ist dir sicher von seinem Platz unweit der Halenseebrücke her vertraut. Der Park war wie immer, und ich zwang mich, die nagelneue Kamera in Betrieb zu nehmen. Filmen ist mir zur lästigen Pflichterfüllung geworden.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Am nächsten Morgen wurde das verrottete Langfuhr durchfahren, in dem Irene genauso wie ihre beiden Schwägerinnen geboren worden war (Vicky – Hassos Frau, Pucki – Achims Frau), und dann wurde das verlogen gelackte Danzig besichtigt. Auf einer touristenfreien Nebenstraße sprach uns eine Frau an und sagte: „Es tut gut, Deutsch zu hören.“ Das hätte sie allerdings zwei Straßen weiter als fetten Touristenchor zur Genüge haben können, aber das zählt natürlich nicht. Eigentlich sprach sie uns auch nicht direkt an, sondern seufzte es den runtergekommenen Häusern zu, die im Schatten ihrer aufgetakelten Schwestern nebenan am Marktplatz standen und zusehen mussten, wie sie ihre Würde bewahrten.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die Frau war genau wie die drei Schwägerinnen im ‚Storchenhaus‘, der Entbindungsklinik von Langfuhr, geboren, sie war verhärmt, und auf Irenes Frage, ob sie immer in Danzig geblieben sei, antwortete sie: „Nu, hat mich niemand hier weggeholt, bin ich hiergeblieben.“

Foto links: picture alliance/ASSOCIATED PRESS | Foto rechts: picture alliance/Everett Collection

Wenn’s von der Westernplatte her schießt, zieht eben der eine den Kopf ein, die andere weg und besteigt später den Zug von Posen nach Berlin. Zum Abschied fragte die Frau: „Können Sie mir etwas Geld schenken?“ Ich gab ihr 10 Złoty, ich war der Einzige, der Geld hatte. Das sind 7 Mark. Mein nächster Schein wären 50 Złoty gewesen. „Die hätte ich ihr gegeben!“, sagte Irene später. Gerade die Woche zuvor hatte sie mich getadelt, dass ich 300 Mark für Beratung und Schminkutensilien für den geplanten Guntram-Film bei einer Maskenbildnerin ausgegeben hatte. Entweder werden da zweierlei Maß angelegt oder mir macht eben alles ein schlechtes Gewissen.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: picture alliance/akg-images

Was ich Irene gewünscht habe, war, ein Paradies zu genießen, bei dem sie als Kind nur sehnsüchtiger Zaungast gewesen war. Nun war kein Paradies mehr da, nicht ihrs jedenfalls, obwohl der Rest von dem, was die verunstaltete Kulisse noch zu bieten hatte, ihr jetzt in der Tat finanziell zugänglich war. Der herrliche ‚Besuch der alten Dame‘, die im Triumph zurückkehrt, braucht ein angemessenes Publikum. Gab’s aber nicht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: New Africa, Alexiuz, Aleksangel

25 Kommentare zu “#2.37 Rückkehr ohne Wiedersehen

    1. Air Condition war 1997 im Osten noch genau so wenig selbstverständlich wie Automatik im Getriebe. Aber der Kapitalismus lernt recht schnell, womit sich Kasse machen lässt, während der Sozialimus noch seinen Fünf-Jahres-Plänen hinterherhinkt: Profitgier klappt halt besser als das Glück der Menschheit.

      1. In Berlin gibt’s immer noch keine Air Condition. Jedenfalls nicht in den Öffentlichen. Bis man hier mal versteht, dass Schweissgeruch in überfüllten U-Bahnen unangenehm ist, ist die AC schon wieder nicht mehr pc.

      2. Die Liebhaber der Political Correctness und die Schweiss-Liebhaber machen gemeinsame Sache gegen die Berliner Saubermänner. Ha!

      3. Drecksmänner, Sauberfrauen. Multi-Kulti-Borniertheit. Nationalisten alles Länder, vereinigt euch! Stehen bleiben, mitkommen, voraus schauen: Das waren immer die drei Möglichkeiten, – alles andere drum herum hat sich verändert.

  1. Ich wünschte mein Instinkt wäre untrüglich. Bei der Gastronomie kommt’s noch ungefähr hin. Bei der Sexualität ziehe ich viel zu oft die Nieten.

      1. Nach allgemeinem Verständnis sind Küchen gut zu vergleichen, Schlafzimmer eher nicht – von anderen Schauplätzen ganz zu schweigen. Die Erwartung schmeckt man in jedem Fall mit.

  2. Rückkehr funktioniert aus meiner Erfahrung nur selten. Ja klar, oft gibt es noch das hübsche Café von vor 20 Jahren oder dieselbe Eckkneipe ind er man damals einkehrte. Aber die Zeit steht eben nicht still. Wie man seine Erinnerungen und Erlebnisse dann einsortiert ist manchmal eine herausfordernde Aufgabe.

      1. Sehr gute Frage. Wahrscheinlich oft beides. In unterschiedlichen Maßen selbstverständlich. Fast schlimmer, wenn man nach langer Zeit zurückkehrt und feststellt, dass sich nichts verändert hat.

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