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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.44 ‚Das Schlachten einer historischen Altstadt‘

In Frankfurt, dem am Main, war der Pfingstdienstag bis in die 90er-Jahre noch ein Feiertag. Jetzt nicht mehr. Der Priester hatte sein rotes Gewand wieder ausgezogen, und wir fuhren schrankenlos zurück nach Deutschland. Wir sahen von den Kaiserbädern das, was sich aus dem Auto heraus erschließt, also wenig. Tuchfühlung geht anders, weil ich anders gehe. Aber bevor wir uns wieder auf die Durststrecke machten, gingen wir in ein Café am Wegesrand und tranken Kaffee. Kann sein, dass ich Campari trank. Am Morgen denke ich immer, Kaffee bekommt mir nicht. Komisch, dass ich diesen Vorbehalt bei Alkohol so gut wie nie habe. Erziehung? Meine Eltern waren Teetrinker. Das prägt natürlich. Wer von Zuhause mitbekommt, dass das Schwein ein unreines Tier sei, der braucht ziemlich lange, bevor er sich ein Eisbein bestellt. Mit dem Alkohol lief es etwas anders bei mir.

Foto: gemeinfrei/pxhere

Als ich fünfzehn war, fuhr ich mit dem Autozug und meinen Eltern bis Basel und dann mit meinem Vater am Steuer weiter nach Bad Ragaz. Ab Zürich war mir schlecht. Sehr schlecht. Guntram hielt an einem Gasthof, ich bekam einen Fernet Branca. Wirkte sofort. Deshalb empfahl ich auch Rafał den herben Bitter, als ihm im vorvorigen Jahr nach kurvenreicher Fahrt in der Toskana übel war. Wirkte auch. Aber während mir in der Schweiz gleich besser wurde, ging Rafał nach kurzer Zeit lecker abkotzen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Mein englischer ‚Deutsche Grammophon‘-Kollege Peter Russell, der eine Neigung zu nicht gewalttätigem Sadismus pflegt, war gleich begeistert, als er durch mich Fernet Branca kennenlernte. Seither bestellte er ihn im Lokal gern für Menschen, die Fernet Branca nicht kannten (also viele) und weidete sich an ihrem entgeisterten Gesichtsausdruck, wenn sich der eigenwillige Geschmack im Opfermund breitmachte. Ähnliche Erfolgserlebnisse hatte er, wenn ein Flug sehr kippelig war und er die Angst der Mitreisenden studieren konnte.

Foto: diy13/Shutterstock

In Ragaz spielte Guntram Golf, ich lernte Noten und Irene kochte: besonders gern die tiefgefrorenen Ravioli von ‚Hero‘. Die warf sie in den Topf mit siedendem Wasser. Anschließend wurden sie mit zerlassener Butter übergossen und mit Parmesan bestreut. Bisher hatte ich nur die matschige Version mit Tomatenpampe aus der Konservendose gekannt, und so wurde dieses Geschmackserlebnis mein erstes bewusstes Zusammentreffen mit der italienischen Küche, lange bevor ich Begriffe wie ‚al dente‘ oder ‚il conto per favore‘ in meinen Touristen-Wortschatz aufnahm. Anfänglich hatte Irene auch Golf gespielt und den Ball mit ihrem Schläger nur manchmal getroffen. Einmal aber doch sehr gut. Der Ball landete an meinem Kopf. Obwohl ich sicher war, dass keine Absicht dahintersteckte und der Schlag wie alle Irenenschläge wenig Schwung hatte, diente dieses Missgeschick ihr doch als Ausrede, ihre Golf-Karriere zu beenden, während ich weiterhin Frondienste als Guntrams Caddy leisten musste.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Aber dann wurde das Wetter schlecht, zu schlecht. Deshalb fuhren wir über den Sankt Gotthard ins Tessin. Mein erstes richtiges Italien-Erlebnis – in der Schweiz. Mit einem Tretboot schipperten wir am Nachmittag zu den Isole di Brissago. In der folgenden Nacht hatte ich solche Rückenschmerzen, dass mir klar war, ich würde liegend im Krankenwagen zurück nach Hamburg verbracht werden müssen. Am Morgen waren die Schmerzen weg, und ich machte mir Gedanken über den Unterschied zwischen berechtigter Sorge und beklagenswerter Wehleidigkeit.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ganz gegen meine Gewohnheit hatte ich mir auf der Insel einen Eisbecher bestellt. Danach oder deswegen hatte ich Durst. Meine Mutter, die schnell mal Vorgänge als ‚zu ausufernd‘ empfand, empfand meinen Getränkewunsch als ausufernd. Sie gab mir ihr Glas und sagte: „Trink das!“ Es war mein erster Campari, mit Soda, aber dennoch ungewohnt bitter.

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Im Jahr darauf sollte ich Reiten lernen. Der Chauffeur meines Vaters fuhr meine Mutter und mich zum ‚Margarethenhof‘, nah am Tegernsee. Damals gab es die Autobahn von Hessen nach Franken noch nicht. Wir übernachteten im ‚Zehntkeller‘ in Iphofen. Der Gasthof lag damals an der Landstraße von Kassel nach Nürnberg. Inzwischen liegt die Autobahn ein Stück weit entfernt, aber wir übernachten immer noch gern dort auf unserem Weg nach Süden. Der ‚Zehntkeller‘ ist fesch geworden und wir alt. Damals, 1962, hatte ich meinen ersten Schwips – von zwei Glas Bocksbeutel.

Foto oben: Zerbor/Shutterstock | Fotos unten (3): Privatarchiv H. R.

Im Jahr darauf sollte ich immer noch Reiten lernen. Obwohl der leitende General herrisch war und seine Frau heimtückisch, fuhren wir wieder zu dem pädagogisch fragwürdigen Paar, dieses Mal schon mutiger.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir ließen uns nicht mehr einreden, dass bei einer guten Kirschtorte die Kerne mitgegessen würden, sondern tranken heimlich im Dorf gekauften Enzian auf Irenes Zimmer. Schmeckte grässlich, machte aber lustig.

Zeichnungen (2): Heidi Boddin/Privatarchiv H. R.

Im nächsten Jahr war ich gerade 18 geworden. Ab in die Ferien: nicht ohne meine Mutter! Auf der Zwischenlandung in Nizza war mir schlecht, wie ich schon schrieb. Nach einem Cognac überstand ich den Weiterflug nach Mallorca problemlos. Von da an wurde – lange vorm Eimersaufen am Ballermann – ordentlich Sangria gebechert. Irene fand die Gazpacho nicht gut, da war sie aus Madrid Besseres gewohnt. Ich spülte die Suppe mit süßlichem weißen Wermut weg; den hab ich danach nie wieder getrunken. Trotzdem entwickelte ich mich zielstrebig vom Trinker zum Säufer. Dorothy Parkers Definition leuchtete mir ein, obwohl ich wohl eher eine Schluckhemmung bekäme als eine Schreibblockade. Andere Drogen blieben mir fremd – oder zumindest verzichtbar.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Nach Greifswald war es nicht sehr weit. Mein erster Gedanke bei ‚Greifswald‘ war immer ‚Caspar David Friedrich‘ und einen zweiten gab es nicht. Bisher. Nun fuhren wir durch die kleine Stadt, der übel mitgespielt worden war. Aber nicht von ‚dem Russen‘, ‚dem Ami‘ oder ‚dem Tommy‘, nein, das haben die fortschrittlichen Ostdeutschen selber hinbekommen. Abriss statt Restaurierungen und Plattenbau statt Bürgerhäusern – so ging zwischen 1945 und 1990 die Hälfte der gewachsenen Bausubstanz verloren.

Foto: Jojoo64/Shutterstock

‚Es war das Schlachten einer historischen Altstadt‘1, schrieb der Fotograf Robert Conrad. Der vorpommersche Historiker Norbert Buske sagte 1991: ‚Wer heute nach Greifswald kommt, der muss meinen, auch über Greifswald sei damals die Kriegswalze gefahren und habe die Stadt in Schutt und Asche gelegt‘2. Aber inzwischen ist viel passiert, und der Stadtkern ist ganz passabel aufgehübscht. Potemkinsche Dörfer sind nun mal ansehnlicher als verkommene Mietkasernen.

Foto: picture-alliance/ZB

Dass die ‚Tischlerei‘ zwar direkt am Wasser, aber weitab von der Straße liegen würde, war vorauszusehen. Die arme Navifrau kann kaum noch andere Kundschaft bedienen, weil sie so viel mit uns zu tun hat. Wenn sie gar nicht mehr weiterweiß, behauptet sie: „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“, und sie kann froh sein, dass sie unsichtbar ist, denn sonst hätte sie schon längst von mir aufa Fresse gekriegt.

Foto: bogdanhoda/Shutterstock

Dieses Mal verkündete sie ihren Lieblingssatz in einem extrem unaufgeräumten Kleinhafengebiet. Es sah aus wie auf einem völlig vermüllten Fregattenfriedhof. Wenn man trotzdem ausstieg, kam der Kanal mit Blick auf das Stadtpanorama in Sicht: so ein ganz klein bisschen Caspar David Friedrich. Und ein schmaler Weg führte tatsächlich zu unserem Lokal: ‚Tischlerei‘. Wir waren ziemlich allein, der Himmel war ziemlich blau, es kam sogar jemand, der für uns aufschreiben wollte, was wir uns von der ziemlich weit entfernten Tafel aussuchen würden. Terrasse am Wasser, abgeschieden, weltfern. Schön. Rafał rauchte, ich trank, Silke guckte.

Foto links: Andrey Maximenko/Shutterstock | Foto rechts: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Ich nehme mir sehr viel Zeit dafür, die einzelnen Punkte unserer geplanten Reisen auszuwählen. Ich suche, vergleiche, bestimme. Ich habe einfach keine Zeit mehr für vermeidbare Enttäuschungen. Die unvermeidlichen reichen mir schon. Und weil ich immer das Malerischste, Originellste, Unvergleichlichste will, werden wir uns weiterhin zu solchen Schauplätzen hinquälen müssen. Das beste Haus, das beste Brot, das beste Bett. Und weil ich nicht nur anspruchsvoll, sondern auch gemein bin, schließe ich diese Betrachtung mit Caspar David Friedrichs Blick auf die Stadt:

Bild: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Als wir an Schrott und Schutt vorbei unser Auto wieder erreicht hatten, waren wir reif für die Insel. Unsere nächste Station war Rügen. Nach etwas über einer halben Stunde hatten wir die Brücke vom Festland überquert und ich dachte: „Jetzt sind wir gleich da.“ Von wegen! Erstens lag unser Ziel auf der anderen Seite der Insel und außerdem war wegen Bauarbeiten ein erheblicher Teil der Strecke gesperrt. Nach dem guten Durchkommen in Polen wurden wir hier sehr eindrucksvoll daran erinnert, was Staus sind. Ich habe gelesen, dass es Menschen gibt, die im Stau die Nerven verlieren: Tobsucht, Platzangst, Wutanfall. Ich denke immer an Fehlgeburt, eingekesselt zwischen Wagen, und weil mir die nicht passieren kann, an etwas ganz Ähnliches: unsteuerbare Durchfälle. Solch eine Vorstellung bildet einen schönen Kontrast zu meiner Furcht, demnächst ohne Katheter nicht pinkeln zu können. Gegen diese (fixe?) Idee trinke ich tapfer Schnaps an, gegen Diarrhö kommt mir das eher kontraproduktiv vor. Aber schließlich erreichten wir sowieso beim dritten Versuch die richtige Richtung für die Einbahnstraße zu ‚Roewers Privathotel‘. Das ‚Privat‘ im Namen interessierte mich. Hatte das etwas mit Unanständigkeiten zu tun, wie sie Lüsterne in Privatclubs erleben, oder sollte damit nur der Gegensatz zu einem Allerweltshotel angedeutet werden? Auf den ersten Blick sprach viel für die langweilige zweite Lösung. Na ja, Sex kann auch langweilig sein. Das Hotel bestand aus mehreren Gebäuden, die über einen Garten verstreut lagen. Rafał und ich hatten Zimmer nebeneinander, Silke würde unbehelligt im selben Haus auf einem anderen Flur nächtigen.

Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: Ivan Volchek, Gearstd, Abramova Kseniya

30 Kommentare zu “#2.44 ‚Das Schlachten einer historischen Altstadt‘

    1. Jeder hat seine Laster. Bei mir sind es eher die Zigaretten. Alkohol gehört aber sicherlich zu den am unterschätztesten (und zusätzlich am verbreitetsten) Drogen.

      1. Kartoffelpüree ist meine große Liebe. Der muss matschig sein. Nudeln dürfen Biss haben. Man kann halt nicht verallgemeinern.

  1. Das Schlachten historischer Altstädte ist wirklich unentschuldbar. Soviel Historie wurde heruntergerissen. Und nun wundert man sich, dass jede zweite Stadt identisch aussieht.

    1. Manchmal ärgert man sich über die Dummheit der Städteplaner genauso wie über die Dummheit der Politiker oder andere Menschen. Sentimentalität nützt dennoch wenig.

      1. Sucht nicht jeder andauernd nach Geheimtips oder nach dem Besonderen? Vielleicht wäre Kleinstadt-Tourismus mal was hippes Neues? 🙂 Davon abgesehen, habe ich mich wirklich schon öfters positiv überraschen lassen wenn ich dachte beruflich in die Einöde zu müssen.

    1. Aus dem „Gourmet Blog“:
      Für meine Mama war die Sache klar – natürlich mit Kernen. Bei insgesamt sechs Kindern, Garten, Gemüsegarten, Haushalt und Büroarbeit kam das Entkernen von Kirschen für sie überhaupt nicht in Frage. Und außerdem bleibt der Kuchen so viel saftiger, so ihre Überzeugung.

      1. Ähnlich wie mit Knochen am Fleisch. Die einen lieben es, weil alles viel saftiger und schmackhafter wird, die anderen ekeln sich vor dem Störkörper im Essen. Jedem das Seine. Recht machen kann man es sowieso nicht jedem.

      2. Seit ich mit der rechten Hand so unbeholfen bin, freue ich mich über jedes Hühnerbein und jedes Lammkotelett, das ich in die Hand nehmen kann. Vegane Kost rechnet eher mit Gablern.

      3. Vegane Kost rechnet vor allem mit trendbewussten Großstädtern. Meist steckt meiner Erfahrung nach jedenfalls mehr Marketing als Liebe zum Essen in den Speisekarten.

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