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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.5 Verwanzte Unterwäsche

17.11.1967

Als ich Donnerstagmittag losfuhr, nahm ich leider mein Tonbandgerät nicht mit, erstens, weil ich damit rechnete, Freitagabend schon wieder zurück zu sein, zweitens und entscheidend, weil es doch allen Ostzonengrenzbeamten unter Sibirienandrohung untersagt ist, Transitreisende mit Tonbändern den Marsch durch das Territorium der sowjetisch besetzten Zone in die selbstständige politische Einheit Westberlin zu gewähren, ohne Lotte Ulbricht jedes Band des Klassenfeindes von hinten bis vorne durchhorchen zu lassen. Erklingen dann Gladys Knight & The Pips mit ,Take Me In Your Arms And Love Me‘, kreischt Lotte: „Soul!!“, und zwingt Walter so lange zum Tanz, bis der Kreml einschreitet.

Weil ich außer Handfeuerwaffen und verwanzter Unterwäsche nichts einführte in den Engpass der ‚De-de-är‘, verlief die Fahrt spiegelglatt. Ich fuhr um halb zwei in Hamburg los, versuchte gegen fünf in staatlich erzwungener Haltlosigkeit einen Blick auf das Ludwigsluster Schloss im Dämmerzustand zu ergattern und war gegen halb acht in Staaken. Über die Heerstraße führte ich meine Ein-Mann-Armee in den Grunewald, wo ich der Urahne mein Gekoffer auf die Bude schleppte. Das urahnte sie aber nicht, weil sie auf Mallorca überwintert und gezielt uninformiert darüber gelassen wurde, dass ich für einige Wochen in das Haus meiner Kindheit zurückkehren würde. Ein seltsames Gefühl: Nachher würde ich wieder unter demselben Dach schlafen wie damals, als sich vor etwa 18 Jahren mein Bewusstsein und mein Charakter herausgebildet hatten.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich verweilte nur einen besinnlichen Augenblick lang und fuhr dann zu Hardtke am Schlüterplatz, gleich das Berlin-Erlebnis der gehobenen Kneipe inhalieren: dunkles Holz, weißes Leinen, gerahmte Fotos von Stammgästen und Schultheiss-Bier. Ein kurzer Blick in die speckledrig gebundene Speisekarte beruhigte mich, dass ich bekommen würde, was ich haben wollte: Heringsfilet in Hausfrauensahne und ‚Tartar‘ (der rückwärts hörenden Lotte Ulbricht kommt es vor wie ‚Ratrat‘.) Die bodenständigere Berliner Art wären Rollmops und Hackepeter gewesen, auch schön. Dass ich die hochgestochene Variante wählte, hat Familientradition. Wenn meine Eltern mit Werner und Erika Russ im Gloria-Palast oder im Marmorhaus die vierzehnte Aufführung einer Filmpremiere gesehen hatten (die 13. wäre auch nicht feierlicher gewesen), lag ich im begitterten Kinderbett, und die zwei unbeschwerten Ehepaare gingen die wenigen Schritte den provisorisch wieder zusammengebastelten Kurfürstendamm entlang: zum ‚Kurfürstenkeller‘.

Foto: Privatarchiv H. R.

Das Lustigste an diesem Keller ist, dass man entweder verglast auf der Straße sitzt oder, leicht raufgerutscht, im Hochparterre. Tief im Keller rummst es jetzt, untrügliches Zeichen für eine Aufenthaltsstätte, die sich ,Nachtclub‘ nennt. Mag sein, dass Rinkes und Russens wirklich dort unten noch ihre Mahlzeit einnahmen, während sie dem untergegangenen Berlin oder Clark Gable nachschwärmten: Vom Winde verweht. Abwechslungsreicherweise aßen sie stets und ständig Sahnehering und Schabefleisch, was – „Herr Ober!“ – eine Bestellung erlaubte, ohne das Tagesgespräch für einen Blick in die Tageskarte unterbrechen zu müssen.

Ich dagegen unterbreche hier, lege mich schlafen und zuckle am nächsten Morgen im abgelegten Spießerwagen von Biella jr. nach Spandau. Der Biella-Sohn fährt neuerdings im Porsche Autorennen. Sein Vater, Prokurist in meines Vaters Berliner Büro, fährt einen BMW. Ich fahre im Opel Kadett in die CCC-Studios, um mich als Aushilfskraft bei Fernsehaufnahmen zu verdingen. Habe ich den Anschluss schon verpasst? Oder muss ich mein Proletarierfahrzeug jetzt ideologisch begründen?

Foto: Alexas_Fotos/Pixabay

Die Strecke raus nach Spandau dehnte und streckte sich wie Anita Ekberg im Trevibrunnen. Wie groß Westberlin doch sein kann! Man beschied mir, ich solle Montag anfangen, und zwar begännen die Dreharbeiten um 8:30 Uhr (zivile Zeit). Der Regisseur allerdings erklärte, schon ab 6:30 Uhr vorhanden zu sein (militärische Zeit). Da ich wohl in den ersten Wochen genötigt sein werde, ihm zu Willen zu sein, muss ich früh aus Omas Federn, und Anita Ekberg ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Mein guter Wille führte – wie so oft – in eine unerfreuliche Gegenwart, deren einzige Herausforderung darin besteht, sie zu überwinden. Meine Hauptaufgabe: den Schauspielern, deren Garderoben noch tiefer liegen als die Augen des versoffenen Spielleiters, muss ich sagen, in fünf Minuten sollen sie doch bitte raufkommen zum Dreh. Oder ich muss sie trösten, dass sie immer noch nicht dran sind. Das erlaubt dann Gespräche mit Brigitte Horney, die von meiner Mutter verehrt wird, weil sie so herb war, im Gegensatz zum süßlichen Mein-Mädel-ist-nur-Schuhverkäuferin-Geschmack der Dreißigerjahre; oder mit Ilse Steppat, die meine Mutter schon als Lesbe in Sartres ,Geschlossener Gesellschaft‘ in den Fünfzigerjahren gesehen hat. Ich glaube, meiner Mutter würden diese Tage hier mehr liegen als mir, bis auf den Kantinenausflug mittags, um dem Spielleiter Wurst- und Käsestullen zu holen. Das würde ihr genauso wenig gefallen wie der Regisseur selbst, der an meinem Werdegang so viel Anteil nimmt wie Lotte Ulbricht an der Schaufenstergestaltung bei C&A. Jeder Versuch, mit ihm ins Gespräch zu kommen, scheitert. Er ist Handwerker, ich bin Künstler. Die Hierarchie zwischen uns stimmt einfach nicht. Ihm zu schmeicheln, indem ich ihn frage, warum er bei seinem Talent nicht lieber Proust verfilmt, traue ich mich nicht. Die Antwort weiß ich sowieso: An der Nachfrage liegt es. Nur an der Nachfrage. Ich bin ja auch schon für Artur Brauners beliebte Caterina-Valente-Filme ins Kino gerannt, als ich noch gar nicht wusste, was an nicht jugendfreien Filmen nicht jugendfrei sein könnte.

Wegen mangelnder Nachfrage bin auch ich ja nun nicht mehr Musikus oder Dichtkünstler, sondern der Filmkunst niederster Bodensatz. Statt, wie erhofft, auf der Münchner Filmhochschule zu meinem Höhenflug anzusetzen, habe ich jetzt bei Artur Brauners Fernseh-Lustspielen meine Bauchlandung gemacht, und das auch nur, weil mein Vater seine Studios mit Kohlen beliefert. Das ist die Obergrenze meiner Beziehungen. Muss ich etwa aus eigener Kraft etwas werden?

Foto links: Walter Georgi/gemeinfrei | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Am Donnerstag vergangener Woche ergab sich eine willkommene Abwechslung aus dem Einerlei. Man brauchte plötzlich ganz dringend einen Bundesrepublikaner („Sind Sie der Arbeiter aus Westdeutschland?“), der für Brauner in den Osten fahren sollte, um es ihm zu besorgen: das Transitvisum. Westberlinern ist ja der Zugang zum Arbeiterhimmel bis auf mühsam erkaufte Weihnachtsausnahmen versagt, die würden sonst nicht wieder zurückwollen nach Zehlendorf, und wat soll der Prenzlauer Berch mit die janzen Millionäre, wa?

Artur Brauner wollte am Abend per Zug nach Warschau. Schlechte Planung oder überraschende Erlaubnis, jedenfalls stieß man, und das auf mich.

Leider war ich schon völlig außer mir, bevor ich am Übergang Heinrich-Heine-Straße eintraf. Denn ich musste zunächst nach Hause, dann zum polnischen Militärdingsda in der Lassenstraße, danach zur Post am Johanna-Platz, also beides mein ehemaliger Schulweg, ein Heimspiel also, doch dann wurde das Heimspiel zum Trauerspiel. Der mir anvertraute Brauner-Ausweis war weg. Blanknervig fuhr ich erst mal zur Großmutter-Wohnung zurück. Nach ergebnisloser Suche hier, bei den Polen, auf der Post und im Wagen, fand ich Atze Brauners Dokument schließlich hinter meinem hinteren Sitz. Zuvor hatte ich unzählige Male die Wohnung aufgeschlossen, war reingestürzt, hatte gesucht, abgeschlossen, war zum Wagen gerannt, hatte die Wagenschlüssel in der Wohnung gelassen, war zurückgerannt, hatte aufgeschlossen, die Schlüssel geholt, war rausgerannt, hatte im Wagen gesucht, den Wagen abgeschlossen, war zur Wohnung gerannt, hatte die Wohnungsschlüssel im Wagen gelassen, war zurückgerannt, hatte die Autotür aufgeschlossen, die Wohnungsschlüssel geholt, war in die Wohnung gerannt, hatte da wieder gesucht, war wieder zum Auto gerannt, hatte sie gefunden, war losgefahren, hatte am Ku’damm bemerkt, dass ich mein Portemonnaie in der Wohnung liegen gelassen hatte, war zurückgefahren und redete mir die ganze Zeit über ein: Nein, nein, nein, das ist keine Tragödie, das ist ein deutsches Lustspiel, so wie Artur Brauner sie zu Dutzenden in seinen Studios herstellen lässt. Lachen über Versagen, unbeholfen in Szene gesetzt. Mein Schicksal ist das der Witzfigur. Vielleicht denkst du, ich übertreibe. Ach, wenn es doch so wäre! Die Übertreibung bin ich.

Foto: Jan Matejko/Wikimedia Commons | Titelillustration mit Bildern von FotograFFF/Shutterstock, Cressida studio/Shutterstock, Everett Collection/Shutterstock

24 Kommentare zu “#2.5 Verwanzte Unterwäsche

  1. Wow, verwanzte Unterwäsche wäre dann wohl der Albtraum aller sexuell aktiven Menschen. Und wahrscheinlich der Traum aller Schriftsteller und Journalisten.

  2. Wie kommt es eigentlich, dass Caterina Valente bei uns nur aus Heimatfilmen bekannt ist, international aber als große Künstlerin verehrt wird?

      1. Sie war ein Riesenstar mit Texten wie:
        Die Bimbambimbambina,
        die tanzt zur Mandolina
        des Abends in Messina
        den Cocola! (Chor: Cocola!!)
        Der Valenvalentino
        verzichtet auf den Vino
        und führt sie im Casino
        zum Cocola! (Chor: Cocola!!!)
        Alle Valente-Texte kenne ich auswendig, und ich komme gerade aus Messina, wo es zwar Cola gab, aber ohne Co- davor.
        Valente sang Jazz, Blues und Bossa Nova. Für die neu-demokratische Bundesrepublik war das Hirnloseste geistreich genug. Dreck zu singen ist zwar blöd, aber Erfolg macht Spaß.

      2. Ganz genau. Ich habe sie auch hauptsächlich durch eine ganze Reihe von recht idiotischen Fernsehfilmen kennengelernt. Dass sie darüber hinaus eine ziemlich interessante Jazz-Interpretin war, habe ich erst sehr viel später verstanden.

  3. Dafür, dass Sie Gladys Knight & The Pips in ihrem Blog erwähnen, lese ich Ihre Text nun noch lieber 🙂 Ich war schon immer ein großer Fan. Was für eine Stimme, was für Lieder.

  4. Rollmops und Hackepeter, urrghhh. So sehr ich Berlin mag, bei der Berliner Küche hat man wirklich nicht viel verpasst.

  5. Ich habe bei einer ziemlich unnötigen Sicherheitskontrolle im Museum in Tel Aviv mal gescherzt, dass ich eine Handfeuerwaffe in der Tasche hätte. Kam nicht so gut an, wie ich mir das vorgestellt hatte.

    1. Ein bischen tragisch natürlich, dass die Fellini-Szene so ikonisch war, dass danach nicht mehr allzu viel passieren konnte. Später ist sie ja dann verarmt im Altersheim gestorben.

  6. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Hätte es vor dreißig Jahren schon Dramedys gegeben, hätte Bernhard die Antwort selbst gewusst…

      1. Dramödie wird vor allem für Fernsehserien verwendet, deren Inhalt sich durch einen ausgewogenen Anteil von Humor und Ernsthaftigkeit kennzeichnet, behauptet wikipedia. Was außerhalb der Aufschnitt-Waage im Feinkost.Geschäft noch ausgewogen ist, wissen nur die Feuilletonisten. Und -isstinen natürlich.

      2. Interessant. Und neben der Dramatic Comedy gibt es wohl auch noch die Action Comedy und die Domestic Comedy. Ich sollte mal wieder eine gute Sitcom schauen.

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