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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.24 Absicherung gegen Alltagsrisiko

Am Nachmittag kam Rafałs Schwester Zaneta, und ich wurde gleich begrüßt wie der ausländische Schwiegervater. Küsse mussten die sprachliche Verständigung ersetzen. Zum Abendessen blieben wir drei West-Besucher vor Ort. Vier gestandene Männer, vermutlich die Hausverschönerer, saßen ebenfalls im Roten, sonst wären wir uns doch sehr einsam vorgekommen und nicht wie im Hotel.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: Publicdomainpictures.net

Am Mittwochmorgen war das Wetter schlecht und ich lustlos. Rafałs Schwester kam wieder und wir fuhren zu seinem Bruder. Verwandtschaftsbesuche gelten – außer zwischen Verbrecherclans bei Revierabstimmungstreffen – als Geduldsproben für beide Seiten. Die Steigerung dazu ist es, zu Verwandtschaftsbesuchen mitgeschleppt zu werden. Rafałs Bruder sah Rafał nicht ähnlicher als ich Donald Trump, nur, dass er umgänglicher war als der Amerikaner, was, zugegeben, bei Verständigungsunmöglichkeit keine Kunst ist. Trotzdem bohrte ich mit Rafałs Hilfe ein bisschen nach über Sławomirs politische Einstellung. Das brachte aber nichts Erhellendes, entweder, weil es zu geheim war oder weil es da nichts gab. Was es stattdessen gab, war ein ganzer Tisch voll Kuchen, Torten und Cremeschnitten. Sławomir arbeitet bei einem Bäcker. Wäre er beim Jäger angestellt, hätten da lauter Rehe und Hasen gelegen. Was mich tröstete, war mein Erahnen von Silkes Entsetzen beim Anblick dieser Pracht. Sławomirs Frau brachte eine Flasche Wein, das fand ich schon mal sehr entspannend. Sicherheitshalber schmeckte ich nicht so genau hin, sondern griff mutig nach dem Trockensten, was die gut bestückten Platten hergaben. Silke verweigerte sich – wie zu erwarten – ganz und gar, was ich – auch wie immer – extrem unsportlich von ihr fand. Zu einer Zeit, die mir als Mittagszeit gilt, verabschiedeten wir uns, ein bisschen so erleichtert wie beim Zahnarzt, wenn er nicht gebohrt hat.

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Foto oben rechts: kristina rütten/Fotolia

Nun wollte Rafał uns in sein früheres Lieblingsrestaurant führen. Von außen sah es recht unscheinbar aus, von innen nicht: Es war ganz schrecklich – sehr klein, sehr voll, sehr laut, und Rafał holte uns irgendwas bei einem Mann ab, der hinter seiner Gulaschkanone stand. Ich esse gern Eintöpfe. Diesen nicht. Wie kurz zuvor konnte ich mich wieder bloß an Silkes Abscheu weiden, aber damit ich nicht zu übermütig wurde, gab es nicht mal Bier, sondern nur Tee und Wasser. Rafał sagte, das Lokal hätte sich sehr verändert. I wo! Rafał hat sich verändert. Halb erleichtert, halb traurig dachte ich: „Also schlimmer kann es nun auf dieser Reise nicht mehr werden.“ Dramaturgisch wäre hier als Gegenbeweis eine spätere Steigerung fällig – gab es aber nicht. Jedenfalls nicht im Kulinarischen. Ich schäme mich bei der Niederschrift ein wenig meiner Sattheit, aber lügen mag ich auch nicht.

Immer schon war ich zufrieden, wenn ich bloß ein Bett in ruhiger Lage, einen Stift und einen Schreibblock hatte. Inzwischen muss es ein Display sein und eine Tastatur. Trotzdem ist unterwegs zu schreiben schwer für mich. Eigentlich brauche ich für die Buchstaben Tasten, mindestens so dick wie die schwarzen Tasten am Klavier, lieber noch wie die weißen. Das flüssige Mit-den-Fingern-übers-Papier-Gleiten ist vorbei, und so bin ich kein Boulevardautor mehr, sondern ein Gefangener meiner Schreibsucht im Kerker des Arbeitszimmers. Ein sehr bequemer Kerker. Da rollte ich dann meine spärlichen Stichworte auf und versuchte zu malen, was ich meine, gesehen zu haben. Lesen ist auch eine Option, Musikhören kaum noch. Wie kann sich eine Obsession so verflüchtigen? Da, wo etwas verschwindet, wächst jetzt nichts mehr nach – Spätherbst des Lebens.

Foto links: c.pxhere/gemeinfrei | Foto rechts: 大輔 安田/Fotolia

Wir aßen im Roten und alles war sehr in Ordnung.

Foto: Privatarchiv H. R.

Komisch, am nächsten Morgen war der Himmel wieder blau. Donnerstag. Himmelfahrt. Für ein katholisches Land ein Riesending. Der Styropor-Papst hatte womöglich zwischen Erde und ‚Schläschem Himmelreich‘ vermittelt (Schweinebauch, Backobst, Mehlschwitze). Wenn das im Elysium gereicht wird, was gibt es dann wohl in der Hölle?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

(Wie ich so rumlaufe … unbeschreiblich!)

Silke und ich feierten auf der Hotelterrasse. Im Mai bei Sonnenschein kann ein Garten nicht viel falsch machen, und die Arbeiter störten auch nicht weiter, obwohl sie da waren. Rafał machte ohne uns weitere Verwandtenbesuche. So ganz glatt war es ja in seiner Familie nicht gelaufen. Die Kinder waren auf dem Land von der Großmutter aufgezogen worden. Die Mutter war Alkoholikerin und hatte den Vater erstochen. Ich weiß darüber nicht viel, aber es kommt mir irgendwie noch verstörender vor als meine eigene Kindheit, auf die ich mich so gern berufe, wenn es mir gerade passt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Am frühen Nachmittag kam Rafał zurück. Auf den nächsten anstehenden Besuch war Silke tollkühn genug, ihn zu begleiten, vermutlich um ihre Unterlassungssünde am Tortenbüfett zu sühnen. Mir blieb inzwischen Zeit zum Nichtstun: meine Lieblingsbeschäftigung. Wenn ich solche Untätigkeit nicht zum Träumen nutze, denkt es in mir hin und her, ich denke um die Ecke, die rechte, die linke, und ich denke mir mein Teil, mal überflüssig, mal hilfreich fürs Lebenlernen. Wenn ich mal so richtig aufgeschlossen bin, denke ich als Einleitung erst an das, was andere vor mir gedacht haben und märe mich darüber in meinem eigenen Hirn aus. Zeitgenössisches ist dabei nicht immer das Klügste, aber – wie der Name sagt – schön zeitnah.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Diese Absicherung gegen jede Form von Alltagsrisiko empfinde ich als den Zeitgeist“,1 erklärt Juli Zeh. In meinem Alter empfinde ich das sogar als legitim, wenn auch nicht als mutig. Als ich jung war, als meine Altersgenossen jung waren, haben wir nicht so versicherungstechnisch gedacht. Die Generation unserer Eltern hatte den Krieg erlebt, sie wusste, was ständige, nagende Furcht bedeutet: um das eigene Leben, um das Leben der Zugehörigen. Wir dagegen waren in wachsendem Wohlstand aufgewachsen; wir wollten aus- und aufbrechen, heraus aus der schalen Gemütlichkeit. Das Klima meines Elternhauses war leider nicht spießig genug, um dagegen aufzubegehren. Dass ich außerdem Beethoven lieber mochte als die Beatles, die ihn ‚überrollen‘ wollten, erschwerte mir die Fortschrittlichkeit zusätzlich. Radikal im Politischen konnte ich damit nicht werden. Also was?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Konservativ war ich nicht, progressiv war ich auch nicht. Ich war ein ordnungsliebender Anarchist, und dabei ist es geblieben. Mir kommt es so vor, als wollen die jetzt Jungen eine komfortable Wohnung und eine gesicherte Rente haben, damit sie ungestört Achterbahn fahren und Gruselfilme gucken können. Das Wagemutige wird immer mehr ins Digitale verschoben, damit man es – während der Körper im problementkernten Analogen verbleibt – gefahrlos genießen kann. Wahrscheinlich eine Verallgemeinerung – viele Menschen engagieren sich, setzen sich ein. Aber wenn es um den Zeitgeist geht, sind Verallgemeinerungen erlaubt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ja, ich sehe mehr zurück als nach vorn, das ist nun mal zuverlässiger. Immer habe ich versucht, mich treiben zu lassen, und immer habe ich alles genau vorausgeplant. Vergangenheit hat Fakten (die unterschiedlich interpretiert werden). Zukunft hat Hoffnungen und Befürchtungen. Was dabei die Vorausschau auf mein eigenes Wirken betrifft: Die wird immer kurzfristiger.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Aussicht ist das Wichtigste, aber die Erfüllung muss anschließend natürlich auch stattfinden: Müde sein und ein Bett haben, durstig sein und Wasser auf dem Tisch, Hunger haben und einen vollen Kühlschrank, meinetwegen lüstern sein und das Bordell um die Ecke. Vorfreude mit anschließender Enttäuschung ist deprimierend, aber immer noch besser als ein Leben ohne Erwartungen. Leben lernen, darf nicht heißen abzustumpfen, sondern zu lernen, sich zu freuen. Auf was? Sich zu belügen? Wenn’s hilft …

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mit siebzig funktioniert Glücklichsein anders als mit zwanzig. Das zu wissen ist leicht. Es zu erfahren kostet Zeit. Und Mühe. Als ich 20 wurde, habe ich gedacht: Alt wird man erst ab dreißig. Jetzt bin ich über siebzig und frage mich, ob ich vielleicht erst ab achtzig ‚alt‘ genannt werden möchte. Wenn Zeit unendlich ist, dann war die Zeit bis zu meiner Geburt nicht kürzer als die maßlose Weite nach mir, und dazwischen liegt mein winziges Leben: alles, was ich habe. Alles, um an Gott zu glauben oder an mich selbst, alles, um gut zu sein oder wild und um zu definieren, was beides bedeutet: Leben lernen, jeden Tag.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Für den, der keinen Glauben hat, ist es sehr schwierig, das Leben zu ertragen. Aber ich kann nicht an den Klapperstorch, den Weihnachtsmann oder den lieben Gott glauben, damit ich es so einfach habe wie ein Kind, dem Wahrheiten noch nicht zuzumuten sind. Der Osterhase ist längst gebraten und gegessen. Der Teller ist leer, er muss mit Zuversicht gefüllt werden. Aber wie?

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

„Der Atheismus schwächt die Identität der Menschen. Er stellt überlieferte Glaubensformen, Kanons, religiöse Symbole, Weggefährten und Anhänger des Propheten infrage. Dies führt zuletzt zu einem Zusammenbruch ganzer Nationen und ihrer heiligen Glaubensinhalte“,2 belehrt mich ein überzeugter Moslem. Und wenn er recht hat? Na, dann hat er eben recht. Obwohl: Immer noch glaube ich an eine Dramaturgie in meinem Leben und ich fände es schön, wenn ich diese eigentümliche Dramaturgie nicht selbst fabriziert hätte, sondern, wenn sie mir mitgegeben worden wäre.

Fotos (2): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: Russia piton, LifetimeStock, domnitsky, Photoongraphy, Timofeeff, Peter Vanco, James Ogg

31 Kommentare zu “#2.24 Absicherung gegen Alltagsrisiko

    1. Das, was früher glücklich machte, macht auch heute noch glücklich – oder nicht. Glücklichsein auf Kommando klappt nicht. Früher habe ich mehr gelacht. Meine Albernheit ist mir entglitten. Aber machmal grinst sie noch um die Ecke.

    2. Was sich in den letzten Jahren vor allem geändert hat, ist der Druck unbedingt glücklich sein zu müssen. Da ist Instagram und Co. sicherlich für zu danken.

  1. Der Atheismus schwächt die Identität der Menschen? Klingt fast nach Jordan Peterson. Obwohl der ja angeblich nicht so gut auf Muslime zu sprechen ist.

      1. Je reicher und gebildetet desto atheistischer, habe ich gelesen. Also keine Dankbarkeit der Gutsituierten, sondern Trost für Arme und Ungeschulte. In meiner Jugend sagten die Rüpel „Dumm fickt gut.“ Stimmt gar nicht. Intelligent macht phantasievolleren Sex. Heute würden Vereinfacher sagen: „Dumm glaubt gut.“

      2. dumm glaubt gut ist eine gewagte these. aber vielleicht kann man zumindest sagen, dass wer nicht mit beiden beinen fest im leben steht und halt braucht gut und gerne glaubt.

      3. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die einen Glauben brauchen, auch weiterhin glauben. Die anderen eben nicht. Wo genau steckt denn da das Problem?

    1. Ich stimme in dem Fall mit Tucholsky überein. Der sagt nämlich „ein skeptischer Katholik ist mir lieber als ein gläubiger Atheist.“

    1. Das ganze klassische Repertoire im Kopf zu haben und bei Bedarf darauf zurückgreifen zu können – das muss reichen. So kann ich ganz gezielt im Internet suchen und finden. Macht vielleicht nicht glücklich, aber stolz.

      1. Sehr stolz bestimmt. Zu recht. Wer kann schon behaupten so viel gehört und aus nächster Nähe gesehen zu haben.

  2. Wenn alle, die sich gegenseitig nicht verstehen können, auf Küsse ausweichen würden, wären wahrscheinlich so einige Probleme auf der Welt gelöst 😉

      1. Im übertragenen Sinne macht es schon Sinn. Ein bischen mehr Verständnis für einander wäre sicherlich hilfreich.

  3. Wer nach langen Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrt ist oft überrascht wie sehr man sich verändert hat. Rafals Lieblingsrestaurant überrascht mich da wenig. Ich kenne ähnliche Erlebnisse zu gut aus meiner eigenen Erfahrung.

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