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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.43 ‚Familie, die einer Seewäsche bedarf‘

‚Zielonych Świątek‘ ist in Polen nur am sowieso freien Sonntag ein Feiertag, und so fuhren wir am Pfingstmontag mehr als fünf Stunden lang durch das arbeitende Pommern mit seinen Lastwagen ohne Autobahn. Spannend war das nicht, aber es gibt immer diese Tage, da muss man bloß Strecke hinter sich bringen, und das ist auf deutschen Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbeschränkung nun mal wohltuender als auf Landstraßen hinter einem Diesel mit Tempo 60. Ab 180 finde ich es sogar richtig spannend, wenn auch Silkes Schnappatmung etwas stört. Besonders wenn Vorschrift 120 ist, gebe ich Silke recht; denn Rafał kann sich nicht mehr allzu viele Punkte in Flensburg leisten. Für mich ist neben seiner Fürsorge und seiner Kochkunst sein Führerschein nun mal das Wichtigste, mögen für seine Bekanntschaften auch andere Merkmale an erster Stelle stehen.

Eine Unterbrechung der etwas öden Fahrt gab es in Kołobrzeg. Das ist ein Ostseebad und hieß früher Kolberg. Im November 1944 erklärte Adolf Hitler Kolberg zur Festung. Resultat: Es wurde vollständig zerstört. Inzwischen haben es die Polen wiederaufgebaut, nur zum Teil ansprechend, wie sich denken lässt. Die Grandhotels des späten 19. Jahrhunderts haben mehr Flair als die kistigen Zweckbauten der Nachkriegszeit. Mit dieser Geschmacksrichtung sind wir nicht allein. Modern ist nicht sehr modern. Fast jeder wohnt lieber in hergerichteter Gründerzeit als in liebloser Platte und viele Menschen, die Musik nicht nur als Ausrede, um zu tanzen, nehmen, hören lieber Beethoven als Stockhausen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir bekamen strandnah etwas zu essen, das nicht zu beanstanden war. Rafał kocht so gut, dass man schon zufrieden sein muss, wenn unterwegs etwas auf den Tisch kommt, das nicht erheblich schlechter ist.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Ursprünglich hatte ich Polen an diesem Abend verlassen wollen. Ich hatte vorgesehen, in Ahlbeck/Heringsdorf/Bansin zu übernachten – den drei ‚Kaiserbädern‘. Aber das ging nicht.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Mein Vater war in den Neunzehnhundertdreißigerjahren im Sommer oft mit zwei Prestigeobjekten von Berlin aus an die Ostsee gefahren: mit seiner jeweiligen Freundin und mit seinem ‚Adler Trumpf‘. Damals waren die Straßen noch frei, die Gedanken schon nicht mehr, jedenfalls nicht die ausgesprochenen.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

1837 hatte Heinrich Laube noch geschrieben:

Dieses kleine Seebadetablissement nimmt die Ruhesuchenden freundlich auf, hier stört kein Gesellschaftshaus, keine eigentliche Saison, […] Poeten, die keine bewegte Welt brauchen, die eine halbe Einsamkeit suchen, … resignirt habende Mädchen, … Professoren – Frauen mit vieler Familie, die einer Seewäsche bedarf, Diätetiker mit starken Grundsätzen und andre ehrliche Leute, […] welche nicht in Swinemünde oder sonst wo baden wollen, wohnen in Häringsdorf.1

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

‚1868 erhielt die Heringsdorfer Badedirektion die Erlaubnis zur Erhebung einer Kurtaxe.‘2 Ab Ende des neunzehnten Jahrhunderts galt das Dreigestirn als Treffpunkt der Haute­vo­lee und als nobles Szenebad. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Gäste aus Kreisen der Hochfinanz, viele Juden. Weil das auch so blieb, wollte Landrat Helmut Flörke Heringsdorf als Abschreckung zum ‚Judenbad‘ erklären. Daraufhin beschloss die Gemeindevertretung am 21. Juni 1935, ‚daß Juden im Seebad Heringsdorf unerwünscht sind‘.3 Jüdische Hotels wurden ‚weder im Bäderprospekt noch im Wohnungsverzeichnis ausgewiesen‘.4 Erstaunlich, dass die meisten deutschen Arier erst nach Hitlers Tod von der Judenverfolgung erfuhren. So blind wären sie doch alle kriegsuntauglich gewesen …

1950 übergaben die Sowjets Heringsdorf der DDR, die es sofort zum ‚Bad der Werktätigen‘ erklärte. Die Hotels wurden Ferienheime vom FDGB. Das Hotel ‚Atlantic‘ hieß jetzt Haus ‚Solidarität‘, und die ganze runtergekommene Pracht war von da an vorgesehen für ‚die arbeitende Bevölkerung, für internationalen Urlauberaustausch und für Gäste des Weltgewerkschaftsbundes‘.5 Wie das schon klingt! Wenn wir früher mit dem Auto nach Berlin fuhren, sah Roland auf die bröckelnden Fassaden zwischen Boizenburg und Nauen und sagte triumphierend: „Ja, hier wird eben noch der Arbeiter verherrlicht!“ Aber so richtig klappte es mit der ‚Solidarität‘ doch nicht. 1979 war das so benannte Gebäude völlig verfallen und musste abgerissen werden. An dieselbe Stelle wurden zwei zehngeschossige Plattenbauten gesetzt, und da stehen sie noch. Na ja, sehr viel hübscher ist Benidorm auch nicht, aber viel wärmer.

5 Quelle: Wikipedia/Dietrich Gildenhaar, Seebad Heringsdorf – Die Entwicklung eines Badeortes, Rhinoverlag Ilmenau, 2008, S. 19f

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei 

Heringsdorf 1844 und 2011 …

Foto: BABU JAKKULA/Shutterstock (Symbolbild)

1990 begann die Rekonstruktions-, Aufbau- und Werterhaltungsphase. Der Komplex des ehemaligen Kulturhauses wurde zum ‚Forum Usedom‘ mit Kaiserhotel, Festsaal und Spielbank umgestaltet. Schon 2002 zählte Heringsdorf 898 742 Übernachtungen. Das reicht ja nun wohl als Erklärung dafür, dass man uns am Pfingstmontag da nicht haben wollte. Also blieben wir in Swinemünde. Das liegt ja gerade noch in Polen, was aber an der langen Strandpromenade von dort bis nach Peenemünde heute keine Rolle mehr spielt; bloß, dass es jetzt offiziell Świnoujście heißt.

Fotos (2): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Gemäß der Potsdamer Konferenz vom August 1945 sollte die deutsche Ostgrenze auf der Linie von Oder und Neiße verlaufen. Stalin änderte den Vertrag eigenmächtig. England und Amerika war das egal, und die Deutschen hatten nichts zu sagen. Sie hatten genug Unheil angerichtet.

Schon am 19. August 1920 hatte die ‚Greifswalder Zeitung‘ geschrieben:

Eine große Menschenmenge zog mit Musik und Gesang vor verschiedene Lokale. Dort wurden judenfeindliche Reden gehalten, patriotische Lieder gesungen und Drohrufe gegen jüdische Badegäste ausgestoßen.

Ich finde es immer völlig übertrieben, wenn ich höre, „Wehret den Anfängen!“. Aber vielleicht ist das gar nicht so übertrieben.

Wir fuhren ohne lange Wartezeit mit der Autofähre über die Swine. Länger hatte es gedauert, den richtigen Anlegeplatz zu finden. Zuerst waren wir an dem für Lastwagen gelandet, und da hatte es nicht sehr verheißungsvoll ausgesehen. Es wird an einem Tunnel gebaut, aber den werde ich wohl nicht mehr erleben – nicht, weil ich demnächst zu sterben plane, sondern weil es mich wahrscheinlich nie wieder in diese Gegend verschlagen wird. Obwohl, wer weiß …?

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Unser Hotel hieß ‚Irys‘, was ich Polnisch für ‚Iris‘ halte. Somit hat sie entweder etwas mit dem Auge oder mit der griechischen Mythologie zu tun. War auch gut besucht. ‚Iris‘ hatte nur noch ein Einzel- und ein Doppelzimmer für uns. Aber es dem Schlafen im Auto vorzuziehen, erschien mir sinnvoll, jedenfalls für die eine Nacht. Als wir die Uferstraße ansteuerten, sagte Frau Navi wie immer, dass wir da nicht hindürften. Das interessierte uns wenig, dass aber trotzdem der Abschnitt, den wir brauchten, Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung war, das fanden wir komisch: ‚Hier dürfen Sie nicht fahren, aber das nur anders herum.‘ Dass man allerdings auf solchen Promenaden von Sizilien bis Skandinavien immer auf der falschen Seite ankommt, ist so zwingend wie die Stulle, die immer mit der gebutterten Seite auf den Teppich fällt. Als wir trotzdem gegen 18 Uhr eintrafen, schritten die Hausgäste gerade in den Speisesaal. Wenn nicht Rafał bei uns gewesen wäre, hätten Silke und ich uns für Nesthäkchen gehalten – als die mit Abstand Jüngsten. Selbst meine Art zu laufen bekam in dieser Umgebung einen jugendlichen Anstrich.

Foto: denisgo/Shutterstock

Rafałs und mein Zimmer bot ein anderes Bild, jedenfalls akustisch. Unter unserem Fenster tobte der Bär in Gestalt der polnischen Jugend. Ein schöner Kontrast zu unserem Altersheim, allerdings zum Schlafen nicht sehr zuträglich. Lautsprecher wie im Olympia-Stadion heizten die beschwingte Menge mit schwungvollem Hip-Hop an. Wie ich gelesen habe, ist Hip-Hop kein Tanz, sondern ein Lebensgefühl. Meins nicht. Aber da wir uns ja wohl das einzig freie Bett an der Ostsee teilen mussten, gab es keinen Ausweg in die Kammermusik.

Foto unten: Privatarchiv H. R.

Das von Silke gebuchte ‚Restauracja Dune‘ lag nicht weit entfernt auf der anderen Seite der Straße. Trotzdem wurde mir eine Autofahrt gewährt. Silke war am Telefon eingebläut worden, ja pünktlich zu sein, so dass wir uns wunderten, wie leer es an den Tischen auf der Straße war. Wir wurden nach drinnen geführt, da war es dankenswerterweise etwas weniger laut. Mir fiel gleich auf, dass der Ort mich doch immer noch eher an Ferienheim erinnerte als an Haute­vo­lee. Aber erst der ständige Wechsel von der Sterneküche zur Imbissbude macht die wahre Abwechslung aus. Mal trag ich Lumpen, mal brezel ich mich auf. Mal bin ich albern, mal versuch ich’s seriös. Die Einbahnstraße des Lebens muss in beide Richtungen befahren werden.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Als wir gegen zehn wieder zu ‚Iris‘ kamen, waren die alten Leute längst im Bett, aber auch der Krach war erstaunlich runtergeschraubt. Rafał ging zum Rauchen vor die Tür, ohne weitere Ambitionen. Das Lauteste während der Nacht war sein Schnarchen, aber wenn man ihn unsanft anfasste, legte sich auch das – vorübergehend.

Foto: tommaso79/Shutterstock

Silke und Rafał genossen ihr Frühstück: Silke schlemmt immer einen ganzen Espresso, Rafał oft noch etwas mit Biss dazu, besonders nach zahnlosen Nächten. Ich genoss mein Liegenbleiben.

Fotos oben (2): Privatarchiv H. R. | Foto unten: margouillat photo/Shutterstock | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: Proskurina Yuliya, Studio KIWI, Elzbieta Sekowska, Roman Samborskyi, Sergiy Kuzmin

25 Kommentare zu “#2.43 ‚Familie, die einer Seewäsche bedarf‘

  1. Modern ist schon auch irgendwie modern. Aber in der Regel mit einigen Jahren Verspätung. Jedenfalls denke ich das immer wenn ich Modeempfehlungen im Fernsehen sehe 😉

      1. Leider. Honeckers fanden den toll. Wenn sie nicht so pflichtgewusst gewesen wären, mit ihren Gleichgesinnten in Wandlitz leben zu müssen, hätte das Parterre einer Plattenbausiedung in Bitterfeld ihrem Geschmack sehr viel mehr entsprochen, zumal sie dann 1990 vom 17.Stock hätten runterspringen können, um sich und der Menschheit den umweltschädlichen Flug nach Chile zu ersparen.

      2. Umsorgt von 650 Bediensteten lebt es sich natürlich angenehmer als völlig solidarisch sozialistisch im Standard-Plattenbau. So leicht entlarven sich die Anführer solcher Idiotologien.

  2. Hip-Hop umfasst ja als Lebensgefühl ja auch Rap, Breakdance, Graffiti etc… So hab ich das als wahrscheinlich auch nicht sonderlich informierter Enddreißiger zumindest in Erinnerung.

    1. Ich fahre Ende des Monats noch einmal an die Ostsee zur Seewäsche. Ob es so schön wird wie im Heringsdorf der alten Postkarten bleibt abzuwarten.

      1. Da habe ich auch bereits einige Bilder in meinem Freundeskreis gesehen. Der milde Winter macht es wohl möglich. Zum Glück können die Biester ja je nach Windrichtung auch schnell wieder von der Ksüte verschwinden.

  3. Wikipedia weiss eine ganze Menge über Stullen, die mit gebutterter Seite auf den Boden fallen. Zum Beispiel dies: „When toast falls out of one’s hand, it does so at an angle, by nature of it having slipped from its previous position, then the toast rotates. Given that tables are usually between two and six feet (0.7 to 1.83 meters), there is enough time for the toast to rotate about one-half of a turn, and thus lands upside down relative to its original position. Since the original position is usually butter-side up, the toast lands butter-side down. However, if the table is over 10 feet (3 meters) tall, the toast will rotate a full 360 degrees, and land butter-side up. Also, if the toast travels horizontally at over 3.6 miles per hour (1.6 m/s), the toast will not rotate enough to land butter-side down. In fact, the phenomenon is caused by fundamental physical constants.“

      1. Ja. Man steht immer an der Kasse mit der langsamsten Schlange. Wenn es schnell geht, merkt man es sich ja gar nicht.
        Trotzdem werde ich darauf achten, meine Quark-Stullen in Zukunft nur von dreimeterhohen Tischen runter zu schmeißen: Lässt sich einfach besser aufheben.

      1. Haha, so macht das Sinn 😉 Wobei es schon einige Menschen gibt, die auch in der Nacht ziemlich ordentlich Kalorien verbrennen.

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