Prora wurde gebaut, damit sich dort der stahlharte arische Mensch, zusammen mit der Heldenmutter seiner vielen Kinder erholen konnte vom Aufbau des Großdeutschen Reiches. Natürlich würde der arische Mensch nicht allein sein bei seinem Kräftetanken. Gemeinschaft war wichtig: ‚Kraft durch Freude‘. ‚Acht jeweils 550 Meter lange, sechsgeschossige, völlig gleichartige Häuserblocks mit insgesamt 10 000 Gästezimmern‘1 waren geplant. Rund 4,7 Kilometer2 lang. Die Zimmer für die Glücklichen sollten die Maße 2,25 x 4,75 Meter haben: zwei Betten, zwei Stühle, ein Schrank und ein Handwaschbecken. Diesen Luxus würden also 20 000 Urlauber3 bei einem Aufenthalt von je 10 Tagen genießen, acht Monate lang. Wer sich beeilte, würde gleich den wundervollen März erwischen, saumseligen oder parteilosen Trödlern blieb höchstens noch der abdankende Oktober. Zwei Millionen zufriedene Gäste im Jahr waren geplant. Das ist schon eine Leistung! Eine nationalsozialistische Errungenschaft, fast vergleichbar mit dem Bau der Autobahn. Aber dann fand Hitler es doch interessanter, das Volk in den Krieg zu schicken als in den Urlaub. Prora wurde nie fertig, allerdings von der DDR übernommen. Drei Blöcke wurden zerstört, fünf blieben übrig: 2,5 Kilometer, die ‚monumentalste Kasernenanlage der DDR‘ – Sperrgebiet. Seit 2004 werden die Blöcke einzeln verkauft und elegant gemacht. Nicht ganz einfach, und deshalb ist ein Block auch schon pleite. Es ist eben leichter, eine völlig neue Suppe zu kochen, als eine verpfuschte Plörre in eine Consommé zu verwandeln.

Nachdem wir genügend Ruinen und Wiederbelebungsversuche studiert hatten, fuhren wir zurück, erst mal nur bis Binz. Da hielt Rafał sein Smartphone in die Gegend, und wer mag, kann es sich anschauen.

Mit sehr geringem Vergnügen stellte ich fest, dass das Kurhaus von außen mindestens so schön aussah wie das ‚Grand Hotel‘ in Zoppot, und ich fürchtete, dass es innen prachtvoller war als sein polnisches Pendant. Also blieben wir sicherheitshalber draußen. Durch Unterlassung kann man sich manchen Kummer ersparen. Manche Chance auch.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Ohne dass ich meine Mitreisenden mit diesem Gemeinplatz gelangweilt hätte, fuhren wir nach Sassnitz, fanden dort keinen vernünftigen Parkplatz und gleich darauf an der Promenade eine Speisewirtschaft, die Silkes und meinen Vorstellungen entsprach: Ostseeglück und kleine Portionen. Wenig zu essen kostet ja immer etwas mehr. Volle Teller weisen auf schlechte Kost hin. Das klingt borniert, stimmt aber in der Regel. Wem eine Mahlzeit nicht dazu dient, Hunger zu stillen, sondern Eindrücke zu sammeln, der kommt sich, wenn er etwas isst, was ihm nicht schmeckt, wie ein Müllschlucker vor. Dabei sind die Zahlen erschreckend: ‚1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel landen Jahr für Jahr auf dem Müll und gleichzeitig hungern weltweit 815 Millionen Menschen.‘4 In Deutschland werden pro Kopf und Jahr 55 Kilogramm5 Essen weggeworfen. Von mir nicht. Ich nehme das Mindestverfallsdatum höchstens als einen gewissen Richtwert und vertraue ansonsten mehr meiner Nase. Verschwendung gab es nie bei uns. Achtgängige Menüs sind eine Form von Dekadenz, der ich nichts abgewinnen kann. Mein Magen macht schnell dicht, da möchte der Gaumen noch so gern in Versuchung geführt werden – gelingt nicht. Rafał trank etwas weniger Hartes, als ihm gemundet hätte, weil er den Wagen tollkühn in eine Lücke neben dem Polizeirevier geschlängelt hatte. Würde ein Uniformierter ihn nachher zum Blasen zwingen, bräuchten beide das Ergebnis nicht zu scheuen. Ein Strafmandat gäbe es trotzdem.

Fotos (11): Privatarchiv H. R.

Das Leben und erst recht das Schreiben besteht aus Assoziationen: Zu einem Gedanken fällt mir ein anderer ein und dann der nächste. Wenn mir zu dem Begriff ‚Hemd‘ gleich das Wort ‚Hose‘ einfällt, interessiert das weder meinen Psychiater noch meine Umgebung. Fällt mir stattdessen auf Anhieb ‚enthemmt bis in den Wahnsinn‘ ein, könnte ich mich auf meine gestalterische Begabung untersuchen lassen.

Foto links: Maksim Shebeko/Fotolia | Foto rechts: Elnur/Fotolia

Das Schweifen der Gedanken beflügelt Genies und belästigt Rechenkünstler. Wer in langen Ketten assoziiert, der gilt Auf-den-Punktlern als schwatzhaft und Romantikerinnen als fantasievoll. So viel über mich und nun zu mir: Den Nachmittag verbrachte ich erst leicht schlotternd im Garten und später, als die Sonne günstiger stand, auf meinem Balkon. Ich sehnte mich nach der Zeit, in der man vor der Sonne in den Schatten flüchtet, aber die gibt es hier wohl nie.

Foto oben: iravgustin/Shutterstock | Fotos unten (2): Privatarchiv H. R.

Am Abend ging es üblicherweise ums Essen – als Beschäftigung, weil anderer Zeitvertreib nicht gruppentauglich ist. Man bestellt etwas, man sagt etwas, man schiebt sich zwischen zwei Sätzen etwas zwischen die Lippen. Aus Furcht, meinen Gedanken sonst zu vergessen, fange ich oft schon an zu reden, bevor ich alles runtergeschluckt habe und dann die Assoziation womöglich futsch wären. Silke missfällt das sehr; sie setzt den Tadel meiner Mutter fort: ‚Man spricht nicht mit vollem Mund!‘

Foto links: ushan/Fotolia | Foto rechts: spaxiax/Fotolia

Wir hatten keine Lust, die Unterhaltung – also die Nahrungsaufnahme – wieder in unserem Hotel stattfinden zu lassen, aber weit laufen wollte zumindest ich auch nicht. Deshalb wechselten wir vom Hoteleingang aus nur die Straßenseite. Da befand sich das ‚Gran Café Italia‘. Dieser Name wurde noch übertroffen von den polnischen Kellnern, die so südländisch wirkten wie Kohlrouladen. Aber, erstaunlich – das Essen war gut und nichts, worüber man sich zwischen zwei Bissen lustig machen wollte.

Foto oben: picture-alliance/imageBROKER | Foto unten links: Valeria Aksakova/Shutterstock | Foto unten rechts: Timolina/Shutterstock

Gegen zehn trennten sich unsere Wege. Silke und mich führten sie in unsere Zimmer, Rafał auch in seins, aber anders. Fernsehen im Hotelzimmer kommt mir immer so armselig von. Immer noch. Dieses Gefühl stammt aus einer Zeit, in der unterwegs abends nach der Aufnahme meine rechtschaffeneren Kollegen in ihren Schlafräumen verschwanden und ich mich ins Nachtleben stürzte, na ja, zumindest begab. Ich wollte Nahsehen. Wer sich stattdessen dem Fernsehen ergab, der hatte sich aufgegeben, fand ich. Dennoch ist es ehrenwerter, mit dem Fernsehen seine Zeit totzuschlagen als mit dem Bügeleisen seine Nachbarin – allerdings auch weniger befriedigend.

Foto: Privatarchiv H. R.

Das Meistgesendete in allen Programmen sind ‚Krimis‘, eine Verniedlichungsform für ‚Mördersuche‘, im Öffentlich-Rechtlichen durchgehend, bei den Privaten mit Werbeunterbrechungen, hier und jetzt als Anreiz für einheimische Reisende wieder in deutscher Sprache. Geübte Seher wissen: Der Täter (oder seine Frau) ist immer der bekannteste Schauspieler, wofür ich im Polnischen kein Fachmann bin, oder die Person, in die sich der Kommissar (oder seine Frau) vorübergehend verliebt. Der überführte Täter erklärt: „Es war ein Unfall.“ Der anschließend Tote (oder seine Frau) sei vorher unglücklich gefallen, Absicht war es nicht. Dann wird der Kopf des Überführten nach unten gedrückt, damit er sich beim Einsteigen in das Polizeiauto nicht stößt, weil das sicher gegen die Sorgfaltspflicht verstieße. Dann kommt eine Vorschau auf die Krimis von morgen und für nächste Woche, dann folgt der nächste Krimi. In meiner Jugend gab es noch die betulichen Ansagerinnen. Wieder ein ausgestorbener Beruf! Live-Programme werden sowieso nur noch von Zurückgebliebenen angestellt. Befriedigt, nicht zu denen zu gehören, ging ich ins Bett.

Foto: Schum/Shutterstock

Als meine Art von Nachtgebet halte ich Rückschau: Essen tue ich nicht, weil ich Hunger habe, sondern weil ich Nahrung kennenlernen möchte – alter Hut. Aber dazu passt: Schlafen tue ich nicht, weil ich müde bin, sondern, weil ich mich für Träume interessiere. Ich bin aber müde. Gute Nacht!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Rafał begrüßte mich gleich mit der Frage, ob ich etwas gehört hätte. „Nein“, sagte ich und wusste nicht recht, ob ich mich mehr schämen oder mehr bedauern sollte. Weil ich Selbstmitleid nicht mag, entschied ich mich fürs Schämen. „Wir waren so laut!“ Rafał war sichtlich stolz, also war wohl doch das Bedauern angebrachter. Sein Gay-Romeo war mit fünf unterschiedlichen Jeans im Rucksack zum Blind Date erschienen, und er hatte für jede Praktik die Hose gewechselt. Leuchtete mir ein: Was man nicht im Kopf hat, muss man in der Hose haben.

Fotos (2): bogdych/Fotolia

Silke inkommodierten wir natürlich nicht mit solchen Schilderungen; sie wollte aber trotzdem keinen Ausflug mit uns machen, sondern an den Strand gehen. Dafür hatte Rafał nicht die Ruhe und ich nicht die Beine. Die Sonne lachte am Himmel, wir lachten im Auto. Wenn Silke nicht dabei ist, neigt unsere Sprechweise rasch dazu, obszön zu werden. Manchmal ist es wie mit Annemarie Kruse aus Paulinenaue.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Wir planten einen weiteren Weg als gestern, Prora war höchstens ein Drittel der Strecke. Trotzdem hielten wir dort wieder und entdeckten nun erst die abgetakeltste Ruine und die aufgemotzteste Renovierung. Wohnen möchte ich da nicht, aber ich gebe zu: Hier ist die Plörre zur Consommé geworden.

Foto oben: picture-alliance/Arco Images | Foto unten: picture-alliance/Bildagentur-online/Schoening
Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: artistique7, Roman Sigaev, sumstock, Ryzhkov Sergey und Naruedom Yaempongsa

23 Kommentare zu “#2.46 Sperrgebiet

  1. Ich habe seit zwei Jahren kein Fernsehgerät mehr und habe es bisher auch noch nicht vermisst. Wen es davon abhält seine Nachbarn totzuschlagen – fair enough.

  2. „Es ist leichter, eine völlig neue Suppe zu kochen, als eine verpfuschte Plörre in eine Consommé zu verwandeln!“ – Kann das bitte einmal jemand dem Berliner BER sagen? Danke!

  3. Und genau diese ganzen weggeschmissenen Lebensmittel stellen ein großes Problem in der Klimafrage dar. Weit mehr als die Frage ob man Kuhmilch oder Soya in seinem Kaffee trinkt.

    1. In Berlin gibt es mittlerweile SIRPLUS. Die verkaufen abgelaufene Lebensmittel deutlich vergünstigt und „retten“ sie vor der Mülltone. Keine schlechte Idee und immerhin ein Anfang.

  4. Mittlerweile haben sich unsere Essgewohnheiten und Diäten allerdings so stark verändert, dass ich mich manchmal frage, wie gruppentauglich gemeinsame Abendessen überhaupt noch sind. Vegane Freunde machen mir ab und an das Leben schwer 😉

    1. In meiner Kindheit hieß es allgemein noch: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ Mit solchen Sprüchen kamen meine Eltern mir aber gar nicht erst. Sie wussten, für mich hieß es eher: „Es wird stehen gelassen, was auf den Tisch kommt.“ Doch statt magersüchtig zu werde, wurde ich bauchig. Im Alter. Sind die vielen selbst verordneten Essensvorschriften wieder das, was sie ursprünglich waren: Teil der Religion?

      1. Teil einer Feelgood/Lookgood-Ideologie. Und Teil der persönlichen Social Media Marketingkampagne. Wer vegan isst, ist sicherlich angesagter. Fleischesser werden verächtlich angeschaut.

      2. Weglachen kann man das alles sehr einfach. Dass unser Essverhalten aber auch Auswirkungen auf unsere Umwelt und den Planeten haben, ist doch unbestritten.

      3. Es ist sicher schwierig, richtig zu gewichten. „Alles weglachen“ ist nicht verantwortungsbewusst, klar. Aber dem eigenen Leben schuldet man auch ein bisschen Leicht-Sinn.

  5. Unterlassung erspart vieles im Leben. Funktioniert aber leider nur bei Menschen, die nicht sonderlich neugierig bzw. leicht zufrieden zu stellen sind.

  6. Prora kann man bei bestem Willen nicht als architektonische Meisterleistung bezeichnen. Es gab bei den Nazis aber sicher auch gegenteilige Beispiele. Im Spiegel gab es kürzlich einen Artikel über die holländische Ausstellung „Design of the Third Reich“ und die Frage ob man die Qualität von Architektur/Design/Gestaltung unabhängig von aller Unmenschlichkeit sehen kann.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

18 − 5 =