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Ich war nach kurzem Schlaf und kaltem Bad wieder bei Kräften, meine Eltern weniger. Ich trug leicht an meinen einundfünfzig Lenzen, Guntram schwer an seinem Herbst und Irene noch schwerer an ihrer ausgelöschten Jugend. Trotzdem quälte sie sich aus dem Bett und schleppte sich mit uns in die düstere Halle. Den Rest des Abends verbrachten wir damit zu beratschlagen, was wir den Rest des Abends tun wollten. Da Irene weder gehen noch essen wollte, war das eigentlich der sinnvollste Zeitvertreib. Mein zaghafter Versuch, im Hotel-Restaurant einen Tisch zu ergattern, an dem Guntram und ich eine dieser Merkwürdigkeiten von der Speisekarte essen und Irene ein Mineralwasser schlucken würde, schlug fehl. Die Lokalvorsteherin, eine Antiquität aus sozialistischen Zeiten, verwies mich des Ortes und an den Zimmerservice. So saßen wir weiter in der Halle und überlegten, was zu tun sein. Dann gingen Guntram und Irene schlafen, ich auf die Straße.

Foto: puchan/Adobe Stock

Das Leben tobte, die Menschen schoben die Straße entlang. Es war heiß und laut, aber die Dunkelheit war gnädiger zu solcher Freizeitkulisse als die grelle Sonne, selbst wenn es Romantischeres gibt als Leuchtreklamen für ‚Bistros‘ und ‚Peepshows‘. Das einzige erträgliche Lokal lag vier Minuten von unserem Hotel entfernt: ein kleiner Garten, eher eine bepflanzte Terrasse, sehr einfach, sehr weiß (abwaschbar), sehr voll.

Foto: Ruslan Mitin/Adobe Stock

Schade, dachte ich, hier hätte Irene ihr Mineralwasser bekommen und Guntram und ich Bauchschmerzen. Wir hätten die Leute betrachtet, deren Schweißgeruch durch den Grillqualm fast überdeckt würde. Wir hätten geredet, genauer gesagt: Wir hätten uns angebrüllt, um einander zu verstehen, es wäre ein stimmungsvoller Ausklang des Abends gewesen.

Foto: New Africa/Adobe Stock

Ich lief, so geschwind wie stets und niemand sonst, zum Casino-Vorplatz, dem das Casino fehlt. Mir fiel auf, dass viel mehr Polnisch gesprochen wurde als auf der Großen Freiheit. Eigentlich war ich unternehmungs-, na ja, ‚lustig‘ ist nicht das richtige Wort; aber nichts außerhalb meines Kopfes lockte mich. Hier und da ein paar magere Männer mit schön geschwungenen Hinterköpfen und Hinterteilen zu sehen, hungrige Augen und mönchische Bärte – das reicht mir. Wozu sich da an einen der Tische zwängen, sprachlos, papier- und stiftlos, durstlos, nutzlos? Ich trug meine Energien unverbraucht ins Hotel zurück und begann mit der ersten Seite dieses Berichts. Wer nicht schlafen will, muss schreiben.

Foto: mikolajn/Adobe Stock

Der Morgen und ich trafen Irene in desolatem Zustand an: zwei aufgescheuerte Zehen rechts, eine aufgescheuerte Hacke links und in der Mitte eine aufgescheuerte Seele nebst Druck im Unterleib, und dazu immer noch die Vorstellung, was ich darüber schreiben würde. Für die Füße konnte ich Pflaster besorgen, für die Seele nicht. Immerhin. Irene stand auf und auch das Frühstück durch. Angesichts ihres Jammers geriet Guntram mit seinen Schwächezuständen etwas ins Hintertreffen und aß kräftig gegen die Flaute an.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Wer Tanzen nicht leiden kann, weiß nicht, warum die Leute zur Musik mit den Beinen zucken, und wer Frühstück nicht mag, zählt jede Stulle doppelt.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Es gelang meinem auf Reisen immer besonders eisernen Willen, nicht nur Guntram, sondern auch Irene in unser stickiges Auto zu verfrachten, um mit ihnen nach Adlershorst, jetzt Orłowo, zu fahren. Da ist Irene Anfang September ’39 durch die waldigen Hügel oberhalb des Strandes geirrt, um nach Noch-Polen zu entweichen. Sie wurde aber von polnischen Grenzbeamten aufgegriffen und nach ihrer Lüge, sie habe sich beim Spazierengehen verlaufen, freundlich wieder in den Freistaat entlassen, der diesen Namen nur noch wenige Tage trug.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Gemächlich stiegen wir die kastanienumsäumte Treppe hinab zum Meer, wobei ich immer ein Auge darauf hatte, dass Irenes Hinfälligkeit nicht zu wörtlich wurde. Sie ließ sich sogar, gegen ihre ursprüngliche Absicht, von mir dazu überreden, durch eine Schneise im Akaziengesträuch mit ihren wunden Füßen in den weißen Sand zu treten. Da erschloss sich die ganze Bucht unter dem weichblauen Himmel: links die bewaldeten Klippen, rechts der weite Bogen, an dessen äußerstem Ende Danzigs Hafen lag. Nur wenige Menschen im gleißend hellen Sand, die See leuchtend und ruhig, ein paar stille Schwimmer im Wasser. „Ja“, sagte Irene, „so war es.“ Und von da an ging es ihr etwas besser.

Fotos (3): H. R./Privatarchiv

Langsam liefen Guntram und Irene den mit Platten gepflasterten Weg am Rande der Akaziensträucher durch den dichten Ahornwald zurück bis zu der Stelle, an der die Autostraße, vom Hügel kommend, wieder parallel zur Promenade läuft, dort holte ich sie, leicht abgehetzt vom Treppensteigen, mit dem Wagen ab.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Wir fuhren wieder zum Hotel zurück, ich geleitete meine Eltern erneut zu dem eintrittskartenpflichtigen Areal des langen Stegs. Irene wurde in einen schattigen Korbsessel der Strandbar vor eine Cola gesetzt und verblieb dort, um sich vom Anblick der Vorbeilatschenden beleidigen zu lassen. Sie träumte von lustwandelnden Flaneuren und mehr noch von ihrem Bett, möglichst sogar dem in Hamburg, während eine Wespe in ihrer sonnenwarmen Cola absoff. Guntram leistete erst ihr Gesellschaft und dann sich einen kleinen Spaziergang, den Steg auf und ab. Ich rang mich dazu durch, die Welt durch das Okular der Kamera zu betrachten. Filmen ist für mich so ein altmodischer Zeitvertreib geworden. Es war doch mal die perfekte Beschäftigung auf Reisen gewesen. Jetzt war es Plusquamperfekt. Dann saßen wir wieder beieinander und warteten darauf, dass es Mittag wurde. Guntram trank Fanta, ich ließ mir meine Cola mit etwas Rum verdünnen, umgekehrt wäre besser gewesen, mehr Eis und ein Fitzel Zitrone hätten es auch getan. Erfrischend war nur die Unbekümmertheit des Personals. Ein Schwarm heller Vögel ging in eine imaginäre Kurve. „Sie lernen fliegen“, sagte Irene.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Gegen halb zwei führte ich Guntram zu dem Lokal, das mir am Abend zuvor aufgefallen war. Es machte auch am Tag einen freundlichen Eindruck und bot Platz in einer luftigen Ecke, so dass ich es riskieren konnte, Irene nachzuholen. Obwohl sie mich auf der kurzen Wegstrecke mit Nachdruck darauf aufmerksam machte, dass sie nichts essen würde, ich sollte gar nicht erst anfangen, auf sie einzureden, bestellte sie dennoch ohne mein Drängen einen Hühnersalat, Guntram wählte gegrillten Aal. Ich fand beides mutiger als mein kleines Steak, aber Guntram belehrte mich augenblicklich: „Die Tiere hier kommen bestimmt aus England.“ Rinderwahn? Das Ganze wurde mit bulgarischem Weißwein desinfiziert, bevor wir die Koffer zum Auto bringen ließen und abreisten. Unser Soll war erfüllt. Das Grab meiner Großmutter und Nachforschungen über Irenes engste Jugendfreundin hatten gar nicht auf dem Programm gestanden. Ich hatte noch 970 kaum tauschbare Złoty übrig, da hätte ich der Frau in Danzig wirklich 50 geben können.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Irenes Badeanzug und unsere Badehosen reisten unbenutzt mit uns nach Deutschland zurück. Von oben sah die Ostsee wieder ganz blau aus, ich nach meinen zwei Fläschchen Weißwein zum Imbiss vermutlich auch – die Gegend um Bordeaux scheint für die Trauben doch geeigneter zu sein als die bulgarische Schwarzmeerküste. Das Leben bündeln: Struktur geben – das will ich, darum schreib ich. Und dann liegen die Bündel am Straßenrand. Und dann? In Hamburg kamen wir unbeschadet zu einer Taxe. Der Fahrer berichtete, dass am Vortag um dieselbe Zeit die Passagiere barfuß, die Schuhe in der Hand, aus der überfluteten Ankunftshalle gekommen seien. Die Nachbarkeller am Klein Flottbeker Weg waren vom Regen vollgelaufen, Rinkes nicht, und bei mir im ersten Stock sitz ich sowieso immer auf dem Trockenen.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Der gestrige Tag begann für Guntram nach heil überstandener Reise mit einem Schock. Evelyn rief an, am Dienstag ist ihr Mann plötzlich gestorben, Fritz Bernstein, der Golfpartner meines Vaters.

Fotos: H. R./Privatarchiv

Wir saßen in der Loggia, der Himmel war grau, aber der Garten warm. „Also, alles in allem“, sagte Guntram, „mir hat Zoppot gut gefallen. Überhaupt, die ganze Reise. Dass man sich so schwach gefühlt hat, das vergisst man dann ja. Aber es war doch sehr interessant.“ – „So?“, sagte Irene, „na, das ist doch schön“, und es klang, als ob es ihr jetzt nachträglich auch schon besser gefallen hätte. Die Weingläser waren gefüllt, die Luft war sehr feucht und schwer, es war ganz ruhig. „Na ja, bis er unter der Erde ist, werde ich ja jetzt nicht Golf spielen gehen“, sagte Guntram, er pikte zwei Tortellini in Salbeibutter auf, „aus Pietät …“

Von diesem Zeitpunkt an begann er alt zu werden.

Fotos: Privatarchiv H. R.

Von unserer Danzig-Reise habe ich meinen letzten biografischen Film gedreht, natürlich nicht mehr in altmodischem Super 8, sondern auf unromantischem Video 8, und es war das einzige Mal, dass ich selbst nonlinear geschnitten hatte. In Zukunft würden andere für mich schneiden, nach meinen Anweisungen. Aber jetzt ist es folgerichtig, diesen Kurzfilm hier einzuschleusen.

Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: BLACKDAY, nito

28 Kommentare zu “#2.39 Aufgescheuert

  1. Die Zeit der sehr weißen Lokale ist ja zum Glück größtenteils wieder vorbei. So richtig habe ich diesen klinischen Look nämlich nie verstanden.

  2. Meistens ist es doch tatsächlich so, dass man von heute auf morgen alt wird. Fast ohne Übergang. Das Leben (und die Menschen) ist schon komisch.

    1. Komisch und tragisch. Aber die Dämmerung, die „blaue Stunde“, gibt es durchaus. Zumindest nachträglich, wenn man längst Kunstlicht braucht, erkennt man, dass der Happy-hour-Cocktail bereits auf den Abend hinwies. Davon kündigt mein nächster Beitrag schon im Titel.

      1. In Berlin gibt’s gerade Weltuntergang im Licht der blauen Stunde. Also ganz unmetaphorisch. Sehr imposant.

      1. Wenn die Schuppen einmal weg sind fällt manchmal auf, dass man nicht nur das eigene, sondern auch noch das Leben der anderen lernen muss.

      2. Wer „Das Leben der anderen“ nicht berücksichtigt, kann nie Comedian, Heiratsschwindler oder Influencer werden – ein armseliges Dasein! νῶθι σαυτόν „Erkenne dich selbst!“ reicht eben nicht mehr.

  3. Hahaha, sich vom Anblick der Vorbeilatschenden beleidigen lassen ist mal eine neue, aber manchmal auch sehr treffende, Sicht dieser Beschäftigung 🙂

  4. Ob in zwanzig Jahren auch noch einmal jemand auf die Idee kommt aus seinen Instagram und Snapchat-Stories eine Dokumentation des Lebens zu schneiden? Aber wahrscheinlich ist das Heute dafür zu kurzlebig…

    1. Aus seinen Super 8- Homecam- Aufnahmen etwas kunstvolles zu schaffen war auch vor 30 Jahren die große Ausnahme. Aber auf Insta geht’s natürlich mehr denn je um Masse statt Klasse.

      1. Da ist sie wieder, die Gefahr des Internets. Mehr und mehr und mehr an Informationen – und so wenig Wissen über Geschichte, Zusammenhänge, Leben.

      2. Dabei findet man im Internet alles: eine Bild-Ton-Aufzeichnung von Brahms zweitem Streichsextet genauso wie die Erklärung der Teilchen-Physik. Richtig zu suchen ist das Problem.

  5. Was ist eigentlich aus dem Rinderwahn geworden? Man hört in letzter Zeit gar nichts mehr darüber. Oder gönnt man den teuflischen Fleischessern mittlerweile wenn durch Verzehr von Massen-Billigsteaks aus dem Discounter BSE zu CJK wird?

      1. Auch wieder wahr. Der Wahnsinn ist mittlerweile genauso massentauglich wie’s früher mal der Fleischverzehr war.

      2. Über die Zeit sind wir ja glücklicherweise hinaus. Und es geht, auch wenn es einige gerne so hätten, nicht wieder zurück.

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