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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die Einleitung

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#1.1 Die Ausgangssituation

Zu sterben wäre nach allem, was ich schon erlebt habe, angemessen, aber auch schade; denn für diese Saison habe ich mir mehr vorgenommen, als ich verkraften kann. Mal sehen, ob ich es doch verkraften kann. Schon früher habe ich nur das ausgehalten, wozu ich mich gezwungen habe. Geblieben von damals ist eine Art Geilheit – aber auf was? Körperteile, Gesichter, das Leben, die Zukunft? Ich weiß es nicht, und das macht mich rasend, weil ich mich dadurch nicht konzentrieren kann auf etwas, das mir – immer noch oder jetzt erst – wichtig ist, sondern ich muss in alle Richtungen arbeiten: also sowohl meine Angst überwinden, aus dem Bett zu steigen, als auch einen Sinn zu finden – nur so für mich – in dem, was ich tue, obwohl mein Weiterleben der Natur nichts mehr nützt. Hat es nie getan, aber das weiß sie nicht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich habe nie etwas anderes gelernt als mich zu beherrschen oder mich zu verausgaben. Wäre doch schön, jetzt den Mittelweg zu finden, der mir bisher immer zu langweilig war. Aber im Alter ist es besser, das zu tun, was man erträgt, als das zu tun, was der Menschheit nutzt oder sich nett erzählen lässt, falls das nicht sowieso dasselbe ist. Um solchen Ansprüchen zu genügen, muss man nicht nur täglich aufpassen, sondern vor allem aus dem Fundus dessen schöpfen, was die Vergangenheit hergibt – und darin bin ich ja geschult. Ich klammere mich an alte Werte, alte Vorlieben, alte Menschen, weil es nichts gibt, was diese Lücke ausfüllen würde, wenn ich sie zuließe.

gemeinfrei/pixabay.com

Die Lücke ist das eine, das andere ist der Zwiespalt, und der ist auch nicht besser, weder für die Seele noch für die Gesellschaft. ‚Die Sichtweisen zu sehen, die gegensätzliche Reaktionen bedingen und (dadurch) letztlich die Fähigkeit zu einer Entscheidung im weitesten Sinne hemmen‘, so sieht Karl Abraham den reifen Menschen im Gegensatz zum Kind, ‚das durch Triebschwankungen charakterisiert ist, also frei von Ambivalenzen‘. So alt bin ich nun also, dass ich jetzt ständig die ‚Ambivalenzen‘ sehe, aber so war ich immer schon – leider bereits damals, als Jungmänner, die mir fremd waren, 1968 aufbrachen in etwas, das für sie ‚Zukunft‘ hieß. Das eine, das andere – und?

Mein Vater beklagte bereits die Schere – aber nicht die zwischen Arm und Reich, da hatte er sich mit viel Geschick auf die richtige Seite manövriert –, sondern die mit den Tabletten. Er las immer sehr genau die schrecklichen Beipackzettel, die damals schon schlimmer waren als heute die Gebrauchsanweisungen von IKEA, und dann sagte er, halb als Bonmot halb besorgt: „Eines Tages muss ich gegen das eine etwas einnehmen, was sich mit dem, was ich gegen das andere nehmen muss, nicht verträgt, und dann ist Schluss, dann sterb’ ich an dem von den beiden, gegen das ich nichts runtergeschluckt habe.“ So kam es dann später zwar nicht, aber mir leuchtete seine Vorwegnahme von etwas, das nie passierte, völlig ein: Die Schere geht zu, und tot bist du.

Sich hinzustellen (oder zu setzen), um etwas länger als ein paar Sekunden zu beobachten, ist in einer Welt, in der überwiegend skurrile Objekte gepostet werden, eine eigentümlich altmodische Beschäftigung. Wem es auffällt, dem ist es darüber hinaus eine merkwürdige, aber eigentlich selbstverständliche Beobachtung, dass der Beobachter selbst beobachtet wird: von anderen Menschen und von sich selbst. Die meisten Individuen interessieren weder den Beobachter noch interessiert er sie, aber dort, wo sich beide Wahrnehmungen begegnen, kann es zu Peinlichkeiten, politischen Verstrickungen oder der großen Liebe kommen. Meistens natürlich nicht, aber nur die Ausnahmen zählen. Die Regeln sind für den blinden Rest, dem natürlich dennoch die beste Ausbildung zusteht, damit er sein Leben oder das, das er dafür hält, meistern kann. Wir tun alle unser Werk, worin auch immer das besteht, und wir lassen uns führen von denen, die sich für Sehende halten, in Demokratien sogar dann, wenn wir selbst den Glauben in ihre Sehfähigkeit mit unserem Kreuz auf dem vorgedruckten Stimmzettel bestritten haben. Das kostet Überwindung. Niemand ist gern sichtbar abgebrüht, und niemand ist gern sichtbar einfältig. Jeder will etwas dazwischen sein – spätestens dann, wenn er in sich geht oder zur Wahlurne. SIE hält es genauso, soviel ich weiß. (Der erste Gender-Einschub; muss ja sein heute.)

Grafik:gemeinfrei/pixabay.com

Mit über 70 weiß man, anders als mit unter 20, dass eine weitere Muschi oder ein weiterer Schwanz auch nicht zum Glück führen werden und der dazugehörige Mensch drumherum oberhalb und unterhalb seiner Geschlechtsfunktion genauso wenig. Wahre Werte! Ware Werte: Wer bietet was für was? Das Schlimmste am Alter sind nicht die Falten, sondern es ist die Einsicht in Vergeblichkeiten. Wohl dem, der trotzdem noch glaubt: an Judentum, Sozialismus oder die Unbeschwertheit seines im Käfig kackenden Kanarienvogels (weil er doch ‚singt‘ dabei). Nicht zu glauben ist schwer zu ertragen, aber glauben zu wollen, wo man nicht mehr kann, selbst wenn man es will, führt nur in die Einöde der Ausweglosigkeit.

Foto: Luis Eduardo Cordon/Shutterstock | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: kurhan, StockphotoVideo, Aleksandar Mijatovic, akr11_ss, frankie’s, urfin

27 Kommentare zu “#1.1 Die Ausgangssituation

  1. Willkommen zurück 😉 Und gleich mit einem ganzen Werk über das Leben an sich. Ich bin auf die weiteren Kapitel gespannt.

    1. Anleitungen zum Leben werden unaufhörlich verfasst und gedruckt und gekauft. Aber: Wer nicht zugibt, dass es eine allgemeingültige Anleitung zum Leben nicht geben kann, ist ein Scharlatan.

  2. Zu sterben ist nach einem erfüllten Leben irgendwann angemessen. Sicher richtig. Wenn sich der Moment des Ablebens aber ein wenig verzögern lässt freut man sich meistens erst recht. Habe ich nicht recht?

  3. Andere Menschen machen einen nicht glücklicher, wenn man selber unglücklich ist. Sofern man mit sich selbst und seinem Leben zufrieden ist, machen es ein paar wichtige Menschen allerdings um ein vielfaches reicher.

  4. Mittlerweile kann man sich hinstellen (oder setzen) und dabei zuschauen wie Menschen skurrile Objekte oder sich selbst zum posten abfotografieren. Auch gar nicht unspannend.

      1. Man dachte früher mal Instagram bietet jungen Künstlern und Kreativen eine Plattform. Heute weiss man, dass es vor allem dem Mittelmaß zu mehr Aufmerksamkeit verhilft.

  5. Die Mehrheit will gerne geführt werden. Je weniger man selbst zu entscheiden hat desto besser. Selbst der Weg zur Wahlurne ist da vielen zu anstrengend. Da wählt man aus Protest lieber gar nicht und beschwert sich dann anschließend wie Sch****e das politische System doch ist.

    1. Im Rahmen der Europawahl morgen hoffe ich, dass sie damit nicht ganz recht haben. Es ist mal wieder wichtig, bitte GEHT ALLE WÄHLEN!

      1. Falls genügend Menschen schlimmes befürchten, gehen vielleicht auch genügend Menschen zur Wahl. Mal abwarten.

      2. Leider ist das in der Regel die Wählergruppe, die am verlässlichsten zur Wahl geht. Also an alle anderen, die einfach zu faul sind oder politikverdrossen sind: GEHT WÄHLEN!

  6. Ich musste erst einmal googeln ob es den Begriff Jungmänner tatsächlich gibt, oder ob das eine Rinke-Kreation war. Klingt sexy. Und wieder etwas dazugelernt.

      1. Ach interessant. Ich hatte sogar eine ganze Reihe Erklärungen gefunden. Laut Wikipedia steht Jungmann für:
        – im Brauchtum einen unverheirateten Mann einer Dorfgemeinschaft, speziell im Plural Jungmänner
        – Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napolas)
        – beim österreichischen Bundesheer ein noch nicht vereidigter Soldat
        – alte Bezeichnung für die männliche A-Jugend im Sport

  7. Die Einsicht, dass ein weiterer Schwanz nicht glücklich macht kommt im Glücksfall auch schon mit Mitte 30. Gibt es denn um die 70 weitere Erfahrungswerte, die diese Einsicht wenigstens ein wenig erleichtern?

      1. Einsichten sind ja eh immer am naheliegendsten wenn man selbst gar nicht betroffen ist. Abstand macht alles einfacher.

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