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Ich mache jetzt keine ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, füge lieber anschauliche Bilder ein und beschränke mich – ausnahmsweise – auf das Wesentliche.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das erste Wesentliche war, dass wir unten an der Neiße-Brücke die Kutsche verlassen mussten. Die Westkutsche durfte nicht in den polnischen Ostteil. Merkwürdig. Völkerfreundschaft in der EU? Wir gingen also ungehindert nach Polen, da wartete schon der über Handy verständigte Sohn unseres Kutschers, der im Gegensatz zu seinem Vater kein Wort Deutsch sprach, aber sich mit Rafał fabelhaft verständigen konnte. Die Pferde zogen uns rauf und wieder runter, eigentlich durch einen Mischwald. Während die deutsche Seite sehr gestaltet aussah: Wiesen mit Bäumen und Beeten, war die polnische Seite ein hügeliger Wildwuchs. Da konnte man sich Gedanken darüber machen, ob dieser unterschiedliche Anblick auch die unterschiedlichen Volksseelen widerspiegelte oder ob Hermann Fürst von Pückler-Muskau es schön fand, hüben die Zivilisation und drüben die Natur walten zu lassen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Nach einer knappen Stunde wurden wir an der Brücke wieder abgesetzt und liefen über die niedliche Neiße nach Deutschland, ein Flüsschen, dessen plötzliche Bedeutung nur in der Grenze bestand, die am 23. Mai 1945 von Sowjets und Polen gefeiert worden war. Nun musste ich bis zum Auto laufen, was als Training sicher gesünder war, als dass es den Beinen Spaß machte.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Auf Rafałs Smartphone ist alles Vergängliche festgehalten, zum Abschluss sogar die Prachtvilla eines verdienten Parteibonzen (Scherz). Dann folgen drei bewegte Bilder. Wer sonst nur meine zurechtgeschnittenen Filme gewohnt ist, wird sich auf Rafałs freieren Stil vielleicht erst ein bisschen einstellen müssen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir fuhren durch Dörfer und über Alleen nach Südosten unserem Tagesziel entgegen. Die Sonne schien, von Wolken unbelästigt, aber sie blendete uns nicht: Sie war ja unterwegs nach Westen. Das war auch ein beliebter DDR-Witz: „Guten Morgen, liebe Sonne!“ – „Guten Morgen, Genosse Honecker!“ – „Mahlzeit, liebe Sonne!“ – „Mahlzeit, Genosse Honecker!“ – „Guten Abend, liebe Sonne!“ – „Leck mich im Arsch, jetzt bin ich im Westen!“

Foto: candy1812/Fotolia

Tut mir leid, aber jetzt muss ich mich zum allerletzten Mal über die ausgestorbene DDR lustig machen, und das ganz ohne ein eigenes Wort zu verlieren:

Foto links: picture-alliance/dpa | Foto rechts: picture alliance/ZB

Fotos oben/unten (3): picture alliance/ZB

Von Görlitz wusste ich, dass es im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört worden war, dass junge Menschen von dort weggingen, weil es keine Arbeit gibt und dass Rentner dort hinziehen, weil es so billig ist. Im Gegensatz zu den meisten Menschen meines Alters bin ich eigentlich ganz gern unter alten Leuten: Da fühle ich mich verstanden und geistig der Jüngste. In der Theorie. In der Praxis finde ich das Altvolk deprimierend. Wenn es beige und grau aus Bussen steigt, wenn es viel zu grelle Farben trägt, wenn es ein Lokal belagert und die Teller leerfrisst. Wird man im Alter gerechter oder ungerechter? Damals in meiner Jugend, als andere auf die Barrikaden stiegen, war ich so brav, dass ich jetzt auf meinem Aufmüpfigkeitskonto noch ein paar Reserven habe, die ich ungehindert wegtoben kann.

Foto links: Евгения Медведева/Fotolia | Foto rechts: Photographee.eu/Fotolia

Wie immer lag unser Hotel in einer verbotenen Zone. Anders kennen wir es kaum. Das liegt entweder daran, dass das Schicksal mir dauernd meine Krüppelhaftigkeit unter die Nase reiben will oder daran, dass überall, wo es hübsch ist, Fahrverbot herrscht, damit es hübsch bleibt. In Görlitz war es aber ganz besonders gemein. Wir landeten immer wieder an derselben Stelle, und schließlich stieg ich aus, um zu Fuß mein Glück zu versuchen, während Silke und Rafał sich nach einem Parkplatz umtaten. Ich taperte die Arkaden der Häuserfront entlang und kam zu der Hausnummer ‚Untermarkt fünf‘. Da gab es sogar eine Klingel, die drückte ich. Nach einer Weile öffnete tatsächlich ein älterer Herr, der aus meiner Hoffnung, dass es sich bei dem Gebäude um den ‚Frenzelhof‘ handele, zur Gewissheit machte. Gleich betrat ich, von ihm ermuntert, eine weitläufige Diele. Der agenturverfassten Eigenbeschreibung auf der Website ist nichts hinzuzufügen:

Schon die Ankunft im Frenzelhof ist ein spannendes Erlebnis. Man ist nicht wenig überrascht, wenn man in einer kleinen, ruhigen Seitenstraße dieses exklusive Hotel betritt. Unter mittelalterlichen Gewölben gehen Historie und Hotelbetrieb eine sagenhafte Verbindung ein. Abgerundet wird das gelungene Hotelkonzept von einer intimen Hallen-Bar mit Kamin.

Na ja, die Intimität des Barkonzepts habe ich in der dem DDR-Geschmack verpflichteten Halle nicht so recht wahrgenommen, aber jetzt musste ich ja auch erst mal die gewaltige Treppe erklimmen. Das fünfhundert Jahre alte Gebäude verzichtet stilvollerweise auf einen Fahrstuhl, und als ich die letzte Stufe hinter mir hatte, dachte ich an Rafał und daran, wie ihm wohl mit dem ganzen Gepäck in Händen die historische Treppe gefallen würde.

Von meinem Zimmer aus konnte ich in einen Hof runtergucken, auf dem einige Autos standen. Der Hof war offenbar von einer anderen Straße aus befahrbar und eher nützlich als ansehnlich. Wie zu erwarten, passierte eine Weile lang nichts, so dass ich mir wie immer ausmalen konnte, dass Rafał keinen Parkplatz gefunden hatte und mit Silkes Zustimmung weitergefahren war. Das wäre ja gar nicht so schlimm gewesen, wenn ich nicht wie üblich mein Portemonnaie und mein Smartphone im Handschuhfach vergessen hätte. Allein, ausgeschlossen – ein Außenseiter. Dieses Bild habe ich – besonders vor mir selbst – immer bedient. Stimmt aber gar nicht. Erst habe ich in Berlin mit den Nachbarskindern gespielt, dann war ab der ersten Klasse Detlev Fuhrmann mein bester Freund, der sich für mich prügelte. In Hamburg hatte ich gleich die Nachbartöchter zu Freundinnen und in der Klasse war ich beliebt, weil ich witzig war. Im Gymnasium löste Thomas Horstl als mein bester Freund ab, dann kamen Manfred, Hans-Dieter und vor allem Harald bis in die Achtzigerjahre.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Während meines kurzen Jurastudiums hatte ich gleich Ankratz, als Siemens-Lehrling fand ich schnell Anschluss, in London auch, als ich dort wohnte, und dann im Beruf erst recht. Wegen meiner ‚sexuellen Orientierung‘ hatte ich nie Schwierigkeiten, aber ich habe mich immer etwas geschämt. In meinem Selbstgefühl war ich ein voll integrierter Außenseiter: immer auf einem der vorderen Plätze. Und sogar mein Auto landete schließlich auf dem Hof. Von dort aus das Gepäck reinzutragen, sah gar nicht so schlimm aus, und die Treppe – ja, so ist das Leben nun mal: entweder stilecht im Renaissance-Bau mit Holztreppe oder banausig im ‚Holiday Inn‘ mit Fahrstuhl. Tragen lassen statt selber tragen – deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben ist ziemlich neu in der Menschheitsgeschichte. Und wenn es nicht aus Faulheit, sondern aus Unvermögen geschieht, dann ist der Diener vielleicht sogar besser dran als der Bediente. Die Dinge hinnehmen, die Dinge verändern. Gespür entwickeln: leben lernen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße gab es Cafés mit Tischen unter Markisen. Das ist meine Vorstellung davon, am Leben teilzuhaben – geworden. Früher bestimmte es mein Lebensgefühl, an all den Schlendernden vorbeizusausen, auf ein Ziel zu, das gerade mein Ziel war, egal was. Jetzt setze ich mich dort hin, wo die bequemsten Stühle stehen, und tue so, als sei meine Unbeholfenheit Trägheit. Silke und Rafał tranken einen Espresso mit mir und liefen dann dem Besichtigungstrott entgegen. Ich sah, saß, aß. Nüsse zum Gin Tonic. Fassaden zum Betrachten. Es war sehr warm. Gut so.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich wollte immer am Boulevard sitzen und dabei abwechselnd auf meinen Schreibblock und auf die Passanten gucken. Die Vorübergehenden kann ich immer noch betrachten, aber statt zu schreiben, muss ich mich jetzt mit Denken begnügen. Laptop? Geht nicht. Es ist ganz etwas anderes, seiner Schrift auf Papier beim Entstehen zuzusehen oder Tasten zu drücken, um auf dem Display Wörter zu erzeugen. Noch schlimmer ist Touchscreen, selbst mit Stift. Meine Finger sind zu breit, meine Geduld ist zu schmal. Als Caféhaus-Literat habe ich ausgedient.

Also denken: philosophisch oder lieber praktisch? Ich trinke zu viel, und gleichzeitig bin ich auf Entzug. Entzug von vielem, was früher in meinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Ich lebe dem Tod entgegen. Jeder tut das, aber ich schmecke ihn schon.

Foto links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto rechts: Andrey Kiselev/Fotolia

Der Mensch, sobald er denken kann, will zweierlei: am Leben bleiben und seine Triebe befriedigen. Später will er wieder zweierlei: Ein sinnvolles Leben führen und seine Triebe beherrschen, was einander sowohl entspricht wie auch ausschließt. Unendlichkeit wollen oder nicht wollen – das ist hier die Frage. Will ich mein Leben in Hinblick auf ein späteres, weiteres Leben führen und mich dafür qualifizieren, damit dieses spätere Leben dann herrlich und nicht etwa scheußlich wird? Oder muss ich jetzt alles in diese meine Zeit hineinpacken, weil es anschließend – zumindest für mich – keine nächste Zeit mehr geben wird? Beides geht nicht. Oder doch? Ein Atheist sein, der, falls er sich geirrt hat, doch noch in den Himmel kommt? Leben lernen. Es wird Zeit. Jetzt oder nie!

Foto: Pran stocker room/Fotolia | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: jakkapan, Piyawat Nandeenopparit, Frame Art, PicItUp, Anton Starikov, Stanick

27 Kommentare zu “#2.13 Auf Entzug

  1. Und der Blog geht doch weiter 🙂 An Görlitz erinnere ich mich ganz gut. Vor allem daran, wie hübsch es ist und wie viele prachtvolle Bonzenvillen es gibt. Schade, dass es so rechts ist.

    1. Ich habe es bei meinem einzigen Besuch als Geisterstadt empfunden. Kaum Menschen in der Innenstadt, leere und verfallene Häuser drumherum. Vielleicht hat sich das mittlerweile geändert.

    1. Ich schaffe bei 38 Grad zwar keinen Alkohol, aber im Café sitzen und schauen wie die Menschen an einem vorbeiziehen habe ich heute auch sehr genossen.

      1. Es ist entweder zu kalt und der Sommer kommt nicht, oder es ist heiss, man schwitzt und ist träge. Schweres Leben.

      1. Ich hoffe wirklich, dass der Mensch fähig ist zu lernen. Sicherlich dann auch ein wenig über das Leben.

      2. …der Mensch: ja. Die Menschen eher nicht. Wichtig ist es, sich selbst seinem eigenen Lebensabschnitt anzupassen und nicht dem, was im jeweiligen Lebensabschnitt vorgeschrieben oder erwartet wird. Leichtigkeit kann man dabei leichter verlieren als gewinnen. Aber Gelassenheit reicht ja schon.

  2. Allein, vergessen, ausgeschlossen … ich frage mich immer noch, ob dieser Effekt durch das Internet eher verstärkt oder aufgehoben wird. Eigentlich könnten wir doch viel mehr kommunizieren, in der Realität reden wir meines Erachtens aber eher weniger miteinander.

    1. Es geht doch nichts über ein langes Gespräch von Auge zu Auge. Ohne Ablenkung, ohne die Option den Bildschirm abzuschalten.

  3. Einfach normal leben, Tag für Tag. Gar keine schlechte Idee. Manchmal macht man es sich auch viel zu kompliziert im Leben. Danke.

  4. Das Leben als 70, 80, 90 Jahre lange Prüfung um sich dann für die nächste Stufe zu qualifizieren ist so eine perverse Idee, das man sich diese Möglichkeit wirklich nicht vorstellen will.

    1. Genügend Leute tun das trotzdem. Und sehen eine Bestimmung, einen Sinn darin. Aus ihrer Perspektive klingt das pervers, aus anderer Sicht sinnvoll.

      1. Es heißt: Erfolg hat recht. So wurden Bücher, Filme, Geschäftsmodelle zu Erfolgen, trotz entgegengesetzter Experten-Meinungen.
        Was hilft, das hilft. Stimmt auch, egal ob Religion, Placebo oder Medizin.
        Trump in diese Gewissheiten einzuordnen fällt schwer. Aber die Nachwelt wird ihn dann schon einsortieren – gemäß ihrer (veränderten?) Maßstäbe.

      2. Erfolg hat recht. Deshalb wird auch der erwähnte Herr Trump oftmals falsch eingeschätzt. Ein gewiefter Politiker ist er sicher nicht, ein grandioser Performer aber ohne Frage.

  5. Görlitz wartet immer noch auf die versprochenen Rentner, sie kommen nur „tröpfchenweise“, während die letzten Eingeborenen die Stadt verlassen – in Görlitz stirbt man in Schönheit, aber einsam…

  6. „Also denken: philosophisch oder lieber praktisch? Ich trinke zu viel, und gleichzeitig bin ich auf Entzug. Entzug von vielem, was früher in meinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Ich lebe dem Tod entgegen. Jeder tut das, aber ich schmecke ihn schon.“

    Treffender kann man das „Altern“ nicht formulieren!
    Chapeaux!
    Dankenswerterweise versöhnt ein Tröpfchen in Ehren die brutale Realität.

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