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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.31 Geschlechter, Geschichten

Nachdem wir alle drei gegessen hatten, wonach uns zumute gewesen war, fuhren wir weiter durch Ostpreußen. Darunter stellte ich mir vor: 1945 Flüchtlingstrecks im Schnee, vorher Herrenhäuser, in denen Junker mit ihren Familien lebten und jetzt immer noch Storchennester auf jedem Dach. Störche sahen wir wirklich, die Flüchtlinge und die Junker liegen im Grab und stehen im Geschichtsbuch.

Unser Ziel war Sorkwity. Das liegt zwischen Biskupiec Reszelski und Mrągowo. Deutschsprachlern fällt eine andere Formulierung leichter: Wir wollten nach Sorquitten, das zwischen Bischofsburg im Westen und Sensburg im Osten liegt. Genauer gesagt, wir wollten zum ‚Hotel im Park‘, das wirklich so heißt, einen polnischen Namen habe ich nirgendwo gefunden. Was darüber hinaus erwähnenswert ist: Man konnte direkt vor dem Haupthaus parken und musste sich nicht wie sonst immer durch verbotene Wege schlängeln. Jetzt waren wir also in Masuren. Meine Mutter hatte die masurischen Seen ein paarmal erwähnt und wie charakteristisch und unberührt die Natur dort war, zumindest zu ihrer Zeit. Ob es immer noch so war, das hatte mich interessiert, und darum waren wir jetzt hier. Ich setzte mich auf die weiß gestrichene Bank an der Seite der Villa, von der aus man über die abschüssige Wiese hinweg auf den See gucken konnte. Neben der Wiese begannen Bäume, aber ich vermutete, dass es zu wenige waren, um sie unter dem Begriff ‚Wald‘ zusammenzufassen.

Foto links: EMpro/Shutterstock | Foto rechts: ArtMediaFactory/Shutterstock

Da saß ich und mir war nicht klar, ob ich mir alt oder bloß eingeschränkt vorkam, während Silke und Rafał das, was sie für notwendig hielten, auf die Zimmer brachten.

Foto: LightField Studios/Shutterstock

Der Tag war noch nicht weit genug fortgeschritten, um nichts mehr zu unternehmen, deshalb fuhren wir mit Rafał als unserem Fremdenführer über die fast autolose Straße nach Mikołaj. Unterwegs kamen wir an der Kaserne vorbei, in der er ‚gedient‘ hatte. Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen, also musste ich es einfach glauben.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mikołaj liegt an einem See, wie man es von den Masuren erwarten darf, und das Lokal, das wir ansteuerten, lag an der Promenade und war vom Wagen aus nicht mal für mich eine Herausforderung.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Wir sahen auf eine prominente Brücke, die zwei Seen voneinander trennte, nein, eher verband, und ab und zu auf unseren Tisch. Da standen Silkes und Rafałs Tassen und mein Glas.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Es war der östlichste Punkt unserer Reise. Der erste richtige Ort in Weißrussland war trotzdem noch 240 Kilometer entfernt: Hronda beziehungsweise Гродно/Grodno. Die Grenze zum russischen Teil Ostpreußens im Norden war nur 78 km weit weg: Железнодорожный, also Schelesnodoroschny, früher mal ‚Gerdauen‘. Kein bedeutender Ort, zu keiner Zeit jemals und vom typischen Kriegsschicksal betroffen: Im Herbst 1945 verschob die Sowjetunion die Grenze ihres Machtbereichs nach Süden, so dass Gerdauen Teil dieser neuen Besatzungszone wurde. Die schon nach Kriegsende eingeschleusten polnischen Siedler wurden wieder ausgewiesen. Die deutsche Bevölkerung, die noch nicht geflüchtet war, wurde vollständig vertrieben. Nichts deutete hier und heute bei Dunst und Drink auf den unerbittlichen Lauf der Geschichte: Alles hätte auch ganz anders sein können. Aber – nun war es eben so.

Foto oben: picture-alliance/dpa | Fotos unten (2): picture-alliance/akg-images/Paul W. John

Meine Mutter schwärmte von Rauschen, einem Badeort nordwestlich von Königsberg, der erste Urlaub mit ihrer neuen Liebe: meinem Vater, 1943. In einem Blumengarten pflückte eine junge Frau Malven. Sie hatte die Brüste unbedeckt. Guntram betrachtete sie möglichst unauffällig, aber sehr wohlgefällig. Irena nahm ihm das wohl übel. Ihr war schon schlecht, denn sie bekam eine Gelbsucht, was sie aber noch nicht wusste. Ein breiter Sandstrand, eine erste Missstimmung. Aber einen richtigen Streit zwischen ihnen habe ich bis zum Ende nie erlebt. Wenn ich ‚Ostsee‘ denke, also nicht oft, denke ich auch an einen wunderschönen Sommertag, an erste Verliebtheit, erste Eifersucht und an aufsteigende Übelkeit.

Foto oben links: Konstantin Tronin/Shutterstock | Foto oben rechts: Anikin Dmitrii/Shutterstock |
Foto unten links: michael strand/Shutterstock | Foto unten rechts: Pereslavtseva Katerina/Shutterstock

Foto: Seqoya/Shutterstock

Wir tranken aus, Silke zahlte. Sie war die Einzige, die Złoty hatte. Buchungen und Währungen gehören in ihren Fachbereich. Wenn Harald und ich gegen unsere Gewohnheit dieselbe Strecke zurückfahren mussten, die wir schon hingefahren waren, sagte einer von uns stereotyp: „Auf rückzu sieht alles ganz anders aus als auf hinzu.“ Dieses Mal stimmte ich sogar zu. Die Sonne strahlte dem Wasser ihr abendlichstes Licht entgegen, es streifte die Bäume und vergoldete die Stimmung.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zum Abendessen mussten wir in eines der Nebengebäude gehen, und ich nahm mir vor, nur so viel zu trinken, dass ich auch den Rückweg ohne Unterstützung schaffen würde. Das Restaurant nannte sich fremdenverkehrsheischend ‚Masurisches Gasthaus‘ und sah nach einer Mischung aus Scheune und Jugendherberge aus. Ich trank mir dann doch die Umgebung gemütlich, dann vergeht auch die Angst davor, nicht pinkeln zu können. Der Küchenchef sorgte dafür, dass ‚regionale masurische Küche, reich an frischem Fisch, Wild, Lammfleisch, Obst und Pilzen aus eigener Ernte‘ auf unseren großen Tisch kamen. Das hatte ich schon vorher gelesen. Ich liebe solche Sätze und versuche, mir mit ihnen Appetit zu machen. Wenn das Essen nachher schlecht ist, hatte ich zumindest die Vorfreude. Aber alles war tadellos.

Nun waren wir so weit entfernt von jeglichem Amüsierbetrieb, dass weder die Umgebung noch das Internet zu helfen vermochten. Silke und ich vermissten sowieso nichts, und Rafał konnte ja das polnische Gerede im Fernsehen verstehen.

Foto: Allmy/Shutterstock

Am Morgen war es kühl und dunstig, und ich redete mir ein, dass das typisch masurisch sei.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Aber bevor wir jetzt aufbrechen und Masuren verlassen, möchte ich ein paar wichtige Personen aus Sorquitten erwähnen:

Gegründet wurde Sorquitten 1379, „als der Hochmeister Winrich von Kniprode den Brüdern Christian und Otto von Oelsen an dieser Stelle Land verschrieb“ (wie ein Rezept?). „Von 1451 bis 1459 gehörte das Gut […] Jan von Krenit Przebędowski. Er verkaufte es […] an Georg von Schlieben. […] Spätere Besitzer waren dann ab 1599 Sigismund von Egloffstein […] und von 1693 an die Familie von der Groeben, von der es 1750 die Familie von Bronikowski erbte und bis 1804 führte.“1

Ernst Friedrich Gottlob von Mirbach war nicht nur interessiert an dem Grundstück: Er kaufte es sogar! Seine Schwiegertochter, Ulrike von Mirbach, geb. von Elditt machte sich bald schon ihre eigenen Gedanken darüber, was aus dem Besitz wohl noch zu machen sei, und nachdem Gottlob von Mirbach sich gottlob zu seinem Herrn verabschiedet hatte, konnten Ulrikes Ideen von ihrem Mann Julius Theodor von Mirbach umgesetzt werden: Ab 1850 wurde das ‚große‘ Schloss gebaut. Wie es sich gehörte, hatte Julius Theodor auch einen Sohn: Julius Ulrich. Der kaufte 1865 Land dazu, und nun gab es rund um das große Schloss auch ein großes Gut. Wie es sich gehörte. Julius Ulrich wurde zwar alt, hatte aber keinen eigenen Sohn, wie es sich gehört hätte. Immerhin hatte er einen Neffen, und der hieß eindrucksvoll: Kapitänleutnant Freiherr Bernhard von Paleske. Der erbte.2 Also kein Julius mehr, aber doch ein würdiger Nachfolger. Bis 1945. Dann war für ihn wie für alle anderen dort Schluss. Im Winter 1945 fiel Sorquitten an Polen und heißt seither Sorkwity. Sehr viel mehr muss man über den Ort eigentlich gar nicht wissen.

Erst sahen wir uns, so gut es ging, Allenstein an. Es lag direkt auf unserer Route. Wir taten sogar ein paar Schritte nach rechts und nach links, dann fuhr Rafał uns plangerecht nach Osterode. Im Polnischen heißen die Orte Olsztyn und Ostróda. Das geht ja beides noch, wenn auch für deutsche Ohren zum Verwechseln ähnlich.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Viele polnische Namen sind für deutsche Zungen weniger leicht auszusprechen, als wir das aus Südtirol mit Italianisierungen wie ‚Merano‘ und ‚Terlano‘ gewohnt sind. Aber die Deutschen und die Österreicher haben sich die Umbenennung der verlorenen Territorien verdient, und dass wir unter dem Verlust nicht mehr besonders zu leiden haben, liegt daran, dass uns Nachgeborene keine sentimentalen Erinnerungen an Ostpreußen binden und dass es in Europa keine sichtbaren Grenzen mehr gibt, dass man also umstandslos von Tirol nach Südtirol kommt. Noch. Trotzdem ärgern sich die Fremdenverkehrsämter im Norden sicher, dass der Ötzi in Bozen ruht und nicht in Innsbruck. Ja, Pech.

Fotos links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: Thilo Parg/Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Fotos links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: 120/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

25 Kommentare zu “#2.31 Geschlechter, Geschichten

    1. Unendliche Möglichkeiten. Und unsere ganze Menschheitsgeschichte hängt von einer Unzahl an Zufällen und ein paar wenigen entscheidenden Entscheidungen ab.

      1. Zufall würde ich gar nicht unbedingt sagen, aber eine kleine einsame Entscheidung kann mitunter unvoraussehbare Folgen haben. Soviel ist klar.

      1. Ich bin da nicht so sicher. Brexit wird da sicher einiges entscheiden. Kommt es wirklich so chaotisch und fatal wie es den Anschein macht, traut sich vielleicht so schnell kein anderes Land. Sollte es dem Vereinigten Königreich doch besser ergehen als angenommen, könnten schon bald weitere Länder folgen und neue härtere Grenzen entstehen.

  1. Eine meiner interessantesten Urlaubsreisen ging quer durch Polen. Statt immer nur nach Süden sollte man sich auch mal für die anderen Himmelsrichtungen interessieren. Es gibt vielleicht weniger Sonne als in Italien, aber wahnsinnig viel zu sehen.

      1. Ah da verpassen Sie etwas 😉 Selbst die Großstadt kann sich für ein paar Stunden anfühlen wie ein kostbarer Geheimtip im Urlaub. Alles ist noch ruhig, es gibt Platz, selbst die Luft fühlt sich noch frisch und unverbraucht an… probieren Sie es einmal 😉

      2. Wenn ich mal um 23 Uhr statt um 2 schlafen gehe, sollte ich es schaffen. Von früher ist mir die Morgenstund mit ihrem Gold im Mund eh geläufig. Jetzt kenn ich das Gold im Mund überwiegend von meinen Backenzähnen.

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