Für Silke und Rafał bestand kein Anlass, vor Hamburg noch einen Zwischenschritt einzulegen. Für mich schon: meine Volljährigkeit. Heute wird man volljährig, wenn man in die allerunanständigsten Filme gehen darf, für die man sich sogar im Internet einloggen muss. Mit achtzehn also. Damals musste ich an der Kinokasse bisweilen noch meinen Ausweis zücken, um zu beweisen, dass mir die Schweinereien zustanden; so jung sah ich aus. In früheren Jahren hatte ich mir manchmal listig eine Karte telefonisch bestellt. Da konnte es passieren, dass mich die Hexe hinter der Kasse fragte: „Sollte die Karte für dich sein? Du geh mal lieber spielen.“ Gibt es etwas Demütigenderes? Wählen durfte man damals erst ab einundzwanzig. Ab 21 war mehr erlaubt, aber auch die Strafen wurden strenger. An meinem Geburtstag war herrliches Wetter. Andere Nun-nicht-mehr-Jugendliche feiern ihre Erwachsenwerdung im Kreise ihrer Freunde mit Schnaps und Remmidemmi. Ich doch nicht! Guntrams Chauffeur brachte meine Mutter und mich an die Ostsee, an eine halbwegs stille Stelle, die gab es damals noch; Irene informierte mich wie immer, dass die Küste und das Hinterland in Zoppot viel schöner seien; ich glaubte ihr, schon aus Mangel an Vergleichsmöglichkeiten; und am Abend kam Guntram als Selbstfahrer dazu.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zum Baden waren wir während meiner Kindheit nie an der Ostsee gewesen. Manchmal im Winter, um das zugefrorene Meer zu betrachten oder sogar zaghaft zu begehen. Inzwischen schmelzen ja mehr die Pole ab, als dass die Meere vereisen. Die von mir ausgegrabenen Originalfotos belegen, dass künstlerische Ambitionen in meinem Elternhaus nicht an oberster Stelle standen. (Das gar nicht zu Erkennende bin, glaub ich, ich.)

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Der sommerliche Anlass, um den es hier geht, war etwas weniger besorgniserregend als die Erderwärmung, dafür aber sehr feierlich. Meine Eltern gingen mit mir ins Kurhaus Travemünde. Am 19. Juni 1967. Bis dahin hatte ich schon zwei Semester Jura studiert und mehrere Orchesterwerke geschrieben – nun aß ich zum ersten Mal ‚Aal grün‘. Wir hatten uns natürlich alle in Schale geworfen. Nie wären wir in Strandkleidung in diesem gehobenen Restaurant aufgetreten. Ich saß am Fenster, sah auf den Strand und kam mir ziemlich bedeutend vor. Nach dem Dessert führten mich Guntram und Irene ins Spielcasino. Der Einlasser ließ sich meinen Ausweis zeigen, und Guntram forderte ihn effektheischend dazu auf, sich das Datum anzusehen, was der Kontrolleur sowieso vorhatte. Der Tag meiner Volljährigkeit: Jetzt durfte ich spielen! Der Casino-Angestellte beglückwünschte mich, Guntram gab mir zwanzig Mark, und dann ging es los. Meine Eltern hatten etliche Jahre zuvor in Baden-Baden nach einem todsicheren System gespielt und dabei ihren – vorsichtigen – Einsatz verloren. Ich gewann. Nicht viel, aber immerhin. Beim Verlassen der Stätte knöpfte mir Guntram das Geld wieder ab: sein Einsatz – sein Gewinn. Ich sagte mir, dass das fair sei, aber ich habe es nie vergessen. Vielleicht war das der Grund dafür, dass mich Spieltische nie so interessiert haben wie Weinflaschen.

Zum Abschluss der Reise also noch mal fünf Sterne am Schauplatz meiner Volljährigkeit vor fünfzig Jahren, zehn Tage vor dem eigentlichen Termin. Alles wie bestellt. Eine Enttäuschung musste ich allerdings hinnehmen: Im Restaurant gab es Buffet. Schon immer habe ich mich lieber bedienen lassen, als für Nahrung anzustehen, allerdings auch gern gekocht und selber bedient. Seit meinem Schlaganfall ist es mir fast unmöglich, in der einen Hand den Teller zu halten und mit der anderen zuzulangen. Silke und Rafał waren umstandslos bereit, mir zu bringen, worauf ich Appetit hatte. Aber ohne Hunger hat man auf das, was man nicht sieht, erst recht keine Lust. Man wird sich, sitzen geblieben, seiner Hilflosigkeit so recht bewusst. Im großen Saal mit den vielen hatte ich nicht sitzen wollen, im kleinen kam ich mir abgeschoben vor. Bernstein brauchte nie ans Buffet zu treten, es schwänzelten immer Eifrige um ihn herum. Denen war es eine Ehre, ihm zu Willen zu sein. Trotzdem ging er manchmal selber. Servilität kann auch als Entmündigung empfunden werden – das Gegenteil von Volljährigkeit.

Foto: Rawpixel.com/Shutterstock

In meinem Zimmer – man sagt, glaube ich: ‚auf meinem Zimmer‘, wenn es bedeutend klingen soll – also, da jedenfalls dachte ich an Vorzüge und Nachteile, beides habe ich in hohem Maße durchlebt. Die meisten Menschen wollen einer Gemeinschaft angehören, aber trotzdem wollen sie etwas Besonderes sein. Sogar im Sozialismus gab es Prämien für Glanzleistungen, um den Einzelnen zu motivieren. Es gibt Hitparaden, Siegertreppchen, Oscar-Verleihungen, bei denen sich der Gewinner beim Team bedankt und sagt, dass eigentlich seine Mitarbeiter den Preis verdient hätten. Die meisten Erfolge werden heute in Teamwork erarbeitet. Trotzdem steht immer eine Gruppe Einzelner weltweit als Galionsfigur für das jeweils Gute und für das jeweils Böse. Die Denker, die Macher, die Influencer. Wie digital die Welt geworden ist! Und das ist erst der Anfang. Wie weit bin ich – sind wir – bereit, Verantwortung für das zu übernehmen, was erst nach unserem Tod eintreten wird? Klimaschutz, Artenvielfalt, Haushaltsverschuldung. Ich wuchs in den Trümmern einer gescheiterten Ideologie auf, aber es ging immer vorwärts. Inzwischen sorgen sich die Kinder, dass es ihnen später nicht so gut gehen wird, wie jetzt ihren Eltern. Und doch gewinnt die Zeit, die dem Einzelnen zur Verfügung steht, seit Anfang des neuen Jahrtausends einen höheren Stellenwert als das Geld, das er verdient. Notgedrungen? Wer ins Digitale abgleitet, braucht nicht viel. Die übernächste Generation wird gelegentliche Ausflüge ins Analoge sehr aufregend finden. Oder? Man darf seine Vorausahnungen nicht überschätzen. Noch nie wurde in der Menschheitsgeschichte so viel Fast Food nach Hause bestellt und noch nie wurden gleichzeitig so viele Kochbücher verkauft. Da muss eine aufgeschlossene Kassandra doch ins Grübeln kommen. Und ich – der Tag ist abgeschlossen – muss ins Bett.

Foto oben: BALABINART/Shutterstock | Foto unten: Nejron Photo/Shutterstock

Lübecktag. Kurz dachte ich, ob Silke ihn wohl lieber am Strand verbracht hätte. Manchmal habe ich sie in Verdacht, im Herzen unsolidarisch zu sein, aber sie ist zu diszipliniert, um erkennbar als Spielverderberin aufzutreten. Das Wetter war schön, die Straße gesperrt. Frau Navi kam ganz durcheinander. Die Innenstadt brauchte nicht gesperrt zu werden, sie ist es sowieso. Das gab dem Rollstuhl die längste Chance auf dieser Reise, sich nützlich zu machen. Ich wurde vor ein Hotel gekarrt, vor dem man draußen sitzen konnte, einen guten Überblick hatte und sogar bedient wurde. Bevor Silke und Rafał auf Tour gehen, trinken sie immer einen Espresso mit mir. Wenn sie dann weg sind, haben alle gesehen, dass ich nicht allein bin, höchstens einsam, und ich bestelle ab 12 Uhr einen Campari, schon, damit das Zittern meiner rechten Hand aufhört. Sollte ich das Glück haben, dass mein Körper mir das Pinkeln erlaubt, dann tut es gut zu wissen, dass ich für solche Fälle mitunter eine Windelhose trage, in meinem Sprachgebrauch mit Rafał ‚das anstandshalbere Höschen‘ genannt. „Wenn Männer alt werden, werden sie fies“, wusste schon Rolands beste Freundin in Berlin. Als Nachtschwester auf der Intensivstation wusste sie, wovon sie sprach.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Ich sah auf die Gebäude und auf die Bäume. Nichts in der Natur ist eckig. Alles ist rund, aber auch nicht kugelrund, eher amorph. Bäume, Pflanzen, Berge. Was der Mensch gemacht hat, ist entweder kreisrund oder, meistens, eckig. Häuser, Stühle, Töpfe. Ohne diese abstrakten Formen, für die es kein Vorbild gibt, wäre Zivilisation nicht möglich. Na schön.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Silke und Rafał kamen zurück. Zum Mittagessen wurde ich zu Fuß in die nahe ‚Schiffergesellschaft‘ gefahren, auch wieder mal Teil des Weltkulturerbes. Ganz in der Nähe, im ‚Ratskeller‘ habe ich zu weißem Spargel den besten Katenschinken meines Lebens gegessen. Der Pianist und Dirigent Justus Frantz hatte mich eingeladen, nicht nur zu diesem Essen, sondern wie alle Anwesenden, ins Kuratorium des Schleswig-Holstein-Musikfestivals zu kommen. Bis auf meine erlauchte Anwesenheit habe ich nicht viel zu dieser Institution beigetragen, vielleicht ein bisschen Einfluss auf ein paar Künstler. Aber jetzt, bei schönem Wetter, war die auch nicht helle, aber etwas weniger dunkle ‚Schiffergesellschaft‘ passender als der finstere ‚Ratskeller‘. Den vergleichsweise kurzen Weg von Rissen nach Lübeck hatte auch Rafałs Mann Carsten zurückgelegt, um uns in der Heimat zu empfangen. Beaglehündin Sally war ebenfalls dabei, und so konnten wir neben dem Trinkgeld auch den Eindruck einer intakten Familie hinterlassen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

In meinem Hotelzimmer lebte ich untätig die kurze Strecke bis zum Abend ab. Das letzte Abendmahl der Reise und wieder eine Enttäuschung wegen Unerheblichkeit. Volljährig zu werden gelingt nur einmal.

Fotos (5): Privatarchiv H. R. 

Foto: Maren Winter/Shutterstock | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Privatarchiv H. R. und von Shutterstock: Martina Roth, Rost9, ADragan, Phuthai Lungyon

26 Kommentare zu “#2.48 Volljährig

    1. Menschen werden alt. Das ist nicht fies, sondern der natürliche Verlauf der Dinge. Ob man sich darüber freut ist eine ganz andere Frage.

  1. Der Fast Food Hype ist zum Glück doch schon wieder rückläufig. Jedenfalls kann man über Foodora, Deliveroo und co. nun auch ein bischen höherwertiges Essen nach Hause bestellen.

  2. Ach ja, wie digital die Welt geworden ist. Selbst der US-Präsident betreibt seine Politik über Twitter anstatt von Angesicht zu Angesicht. Ob es da jemals wieder eine Umkehr geben wird?

    1. Nein. Das wäre zumindest sehr unwahrscheinlich. Aber vielleicht kommt irgendwann einmal der Punkt an dem wir lernen besser mit den immer noch neuen Medien umzugehen.

      1. Der Mensch lernt nicht dazu. Das sieht man doch am besten beim Thema Klimawandel. Die Probleme sind seit den 80er Jahren bekannt, unternommen wird trotzdem nichts.

      2. Das ist übertrieben. Klimawandel ist doch in aller Munde. Unwahrscheinlicher finde ich, dass die Menschen jemals friedfertig werden. Höchstens durch Chip im Hirn.

      3. Nun ja, man spricht aber doch mittlerweile eigentlich nur noch theoretisch davon den Klimawandel umzukehren. Die Erwärmung um 2 Grad Celsius kann realistisch gar nicht mehr erreicht werden. Natürlich setzt sich langsam etwas in Bewegung, aber um den Planeten langfristig zu retten ist es wohl zu spät.

        (https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/what-if-we-stopped-pretending?utm_source=Slate+x+Titiou&utm_campaign=c1a763f63d-Slate_x_Titiou_010_29_2015_COPY_01&utm_medium=email&utm_term=0_d7bb8be269-c1a763f63d-131543621&fbclid=IwAR3lcL5DkM_jXMeFpzXUKT5NxzbqrSxhQDkY9-5Q_hWHZZtZGqsrtFelUhg)

  3. Nützen solche Internet-Altersabfragen eigentlich etwas? Auf den „Ja, ich bin 18 Jahre alt“-Button kann doch jeder drücken. Ausweisen muss man sich soviel ich weiss ja nicht.

  4. Der Klimawandel macht schon auch Angst. Wie lange können wir uns noch leisten zu fliegen / zu vereisen? Wie viele Orte werden durch die zunehmenden Naturkatastrophen tatsächlich unbewohnbar? Vielleicht bleibt für die nächsten Generationen wirklich nur noch das Leben im Digitalen für diejenigen, die raus aus ihrer Umgebung wollen?!

    1. Das Problem ist ernst zu nehmen. Überhaupt keine Frage. Der einzige Trost ist, dass wir das schlimmste hoffentlich nicht mehr miterleben werden. Wer Kinder hat, und sich um deren Zukunft sorgt, hat es schon schwieriger.

      1. Es geht ja auch nicht direkt um den Urlaub, den die Familie sich einmal oder alle zwei Jahre leistet, sondern um Menschen, die pro Monat zig Mal durch die Wetl jetten.

      2. Aber gerade die tun das ja nicht zum Vergnügen, sondern weil sie müssen. Mit Skype Konferenzen ist nicht alles zu erledigen. Früher bin ich nie in den Urlaub geflogen, beruflich fast jede Woche.

      1. Mittlerweile gibt es allerdings auch ziemlich viele Architekten, Designer, Künstler und Wissenschaftler, die sich in ihrer Arbeit an der Natur orientieren. In unserer heutigen Situation wird das Leben im Einklang mit der Natur wichtiger und wichtiger.

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