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Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.4 Sicher und diskret genießen

Annemarie war 1951 – nach meinen Eltern – die wichtigste Bezugsperson für mich. Sie war in meinen Augen schon fast erwachsen und verfügte offensichtlich über Erfahrungen, die bei uns im Grunewald kaum zu machen waren. Wenn sie mich ins Bett gebracht hatte, sagte sie, bevor sie die Tür schloss: „Träum süß von sauren Gurken!“ Das gelang mir zwar nie, aber bis heute denke ich an Annemarie, wenn ich in eine Salzgurke beiße. Mag ich lieber als mit Essig.

Das Wichtigste aber: Meine Eltern waren ja oft weg, und dann schmolzen auf unseren Zungen immer wieder die Schokoladenwörter ‚Arschloch‘, ‚Scheiße‘ und ‚Pisse‘. Immer wieder. Wie es anfing, weiß ich nicht mehr, schon die Erinnerung kommt mir surreal vor. Aber noch in Hamburg sagte ich an einem Abend in der Küche zu Annemarie, dass ich mir eine Steigerung von Lust nicht vorstellen könne. Welche Wörter mir damals zu Gebote standen, um dieses Entzücken an verworfenem Genuss zum Ausdruck zu bringen, weiß ich auch nicht mehr. Annemarie verstand mich trotzdem. Sie sagte: „Doch, da gibt es noch etwas. Aber darüber kann ich nicht mit dir sprechen.“ Ich akzeptierte das, aber ich grübelte ständig: „Was kann das nur sein?“ Natürlich buddelte ich in der verkehrten Dimension. Ich überlegte immer nur: „Welche Wörter sind noch verbotener? Wie heißen sie, und was macht sie so herrlich?“

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Manchmal liege ich heute noch nachts in meinem Bett und denke so: „Sinti hin, Roma her – Zigeuner bleiben Zigeuner, Schwarze bleiben Neger und Raumpflegerinnen bleiben Putzfrauen.“ Ich war der erste Jahrgang von Lehrlingen der ‚Auszubildender‘ hieß. Erzeugt so etwas mehr Respekt? Vielleicht. Auf die Dauer? Das Kugelstoßen der ‚Damen‘ hat mir immer sehr gut gefallen. Mörder und Mörderinnen, meine lieben Transvestiten und Transvestitinnen, Frisöse, Regisseuse, Möse, Witwerin. Wörter … Wörter. Respekt, Respektlosigkeit, Tabubruch. Hätten Annemarie und ich, wenn wir gebildeter gewesen wären, genauso gut ‚Anus‘, ‚Exkremente‘ und ‚Urin‘ flüstern können? ‚Schwamm!‘ klingt vermutlich für einen Ausländer wie ein Schimpfwort, obwohl er doch der Reinlichkeit dient. Weiter denke ich selten, denn dann schlafe ich ein.

Auf der endlos grauen Landstraße von Hamburg nach Berlin tauchte kurz vor Nauen auf der linken Seite immer dieses Schild auf, ein gelber Pfeil mit schwarzer Schrift: ‚Paulinenaue 5 km‘. Annemarie hatte dieses Ostzonendorf unerlaubt verlassen und konnte sich deshalb nicht auf dem Landweg aus Westberlin wegtrauen. Sie wäre nicht durchgelassen, sondern sofort eingesperrt worden, erfuhr ich. Um Paulinenaue für seine abtrünnige Genossin zu entschädigen, hier das Wandgemälde im ‚Speisesaal des Sozialgebäudes‘:

Als wir von Berlin nach Hamburg zogen, wohnte Guntram schon monatelang im Hotel ‚JACOB‘ an der Elbchaussee, Irene fuhr mit dem Möbelwagen durch Feindesland, und Annemarie und ich flogen von Tempelhof nach Fuhlsbüttel. Ich fand das unheimlich, wie fast alles im Leben, aber stolz war ich doch, besonders, nachdem ich es überlebt hatte. Mein nächster Flug ging nach Nizza, aber das war elf Jahre später. Mir war übel, meine Mutter bestellte mir einen Fernet Branca, dann flogen wir weiter nach Mallorca, wo ich meine erste große Ferienliebschaft vollzog, eine grünäugige Engländerin, ‚Kay‘, wir schrieben uns noch jahrelang. Sieben Monate nach Mallorca bekam ich mein Abiturzeugnis, und die Welt stand mir so offen, dass ich ratlos war. Das alles macht deutlich, wie wichtig es war, die Möglichkeit zu nutzen, endlich Paulinenaue zu besuchen, das sahen auch meine Mitreisenden sofort ein, obwohl ich etwas weniger deutlich wurde als in diesem Text; nicht aus Zeitmangel, sondern weil Silke gleich nach dem Hören der Kraftausdrücke ihre Koffer gepackt und den Schafstall verlassen hätte.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: gemeinfrei/pxhere

Rafał wollte unbedingt wissen, in welchem der verstreuten Gehöfte des Dorfes Paulinenaue Annemarie gewohnt hatte, er ist immer so tatendurstig. Fast hätte ich ihn gebeten anzuhalten, um am Wegesrand jemanden zu fragen: „In welchem Haus hier hat eigentlich Annemarie Kruse bis 1950 gelebt?“, aber dann gaben wir uns doch mit dem genius loci zufrieden. So hatten wir es ja schon in Ribbeck und in Rom gehalten.

Bilder (2): gemeinfrei/Wikimedia Commons

Die nächste Station bescherte keinem von uns Assoziationen. Es war das Landgut Stober in Groß Behnitz. Unsere Gastwirte hatten uns vorgeschlagen, da sollten wir speisen. Den Abkürzungsweg dorthin hatten sie uns extra aufgezeichnet, weil sie vermuteten, dass unsere Navi-Überwachungsagentin nicht informiert genug sei, um uns schnurstracks zu geleiten. ‚Groß Behnitz!‘ Klingt doch stramm preußisch, fand ich. Zum ebenfalls nahen ‚Beelitz‘ wären mir natürlich sofort der Spargel und die ‚Bestie von Beelitz‘ eingefallen, dieser einsneunzig große Frauenmörder mit dem Faible für rosa Damenunterwäsche als seiner Arbeitskleidung. Na ja, dass ich schräg assoziiere, liegt zum Teil an mir selbst, zum Teil an dem, was ich meine, dass es meine Leserschaft von mir erwartet. Wem die anderen egal sind, der/die lebt ohne Freunde. Wem die anderen zu wichtig sind, der/die lebt ohne die Aussicht auf Erkenntnis.

Als wir im großen Behnitz eintrafen, fanden wir auch alles sehr weitläufig und rausgeputzt. Allein waren wir nicht. Im Gegenteil: eine umfangreiche, geschlossene Gesellschaft. Die Entschädigungskommission der fünfundvierzig Jahre lang enteigneten Großgrundbesitzer oder der vom Solarstrom bedrohten Braunkohleabbauer, vermutete ich. Jedenfalls war für uns Privatreisende kein Platz. Darum fuhren wir zurück ins nahe Nauen. Auf den Durchreisen im verflossenen Jahrhundert waren mir Nauens langgestreckte Kasernen am Landstraßenrand immer unheimlich und bedrohlich erschienen, zumal es meist schon abends und dunkel war. Andererseits wusste ich: Noch eine halbe Stunde und wir sind in Westberlin. Die Freiheit der Eingeschlossenen.

Bis Nauen fuhr zu Guntrams Berlin-Zeit die Vorortbahn; hinter Nauen war die Hauptstadt schon damals wirklich zu Ende. Inzwischen hat Klein-Nauen nichts Beängstigendes mehr, aber auch nichts Beeindruckendes, vor allem keine Silke-relevante Speisestätte, wenn man mal von ‚Big’s Diner‘ und Asia-Restaurant ‚Mr. Tran‘ absieht. Allerdings ist Nauen großflächiger als Frankfurt am Main und seit der Jungsteinzeit besiedelt. Das reichte nicht zum Bleiben, aber als wir ohne Aussicht auf ein verlockendes Abendmahl zu unserem Landhaus zurückkehrten, mobilisierten unsere Gastgeber Koch und Küchenhilfe. Sie kamen extra für uns angefahren, und der Hausherr brachte auf den Tisch, was wir von der Karte bestellten. Da waren wir dann doch beeindruckt. Das pure Gegenteil von Sozialismus, wo die Kellner die Ostmarkzahler an der Eingangstür abgefertigt hatten: „Besetzt!“, und missmutig, aber siegesbewusst in ihr leeres Lokal zurückgetrottet waren. Und noch eine Überraschung am ersten Reiseabend in Ribbeck: Auf die Speisekarte hatten sich sogar ein paar Gerichte geschlichen, die gar nichts mit Birnen zu tun hatten.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Nach dem Essen begaben wir uns aufwärts über all die vielen Stufen in den modern designten ersten Stock des Schafstalls. In meinem luftigen Zimmer konsultierte ich, immer um das Wohl meiner Weggefährten besorgt, das Netz und stieß auf:

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Er sucht Ihn in Paulinenaue‘

Rafał musste ich darauf nicht aufmerksam machen. Sowas findet er selber.

Fotos (2): R. S./Privatarchiv H. R. | Foto unten: javi_indy/Shutterstock

Von Staaken aus in Berlin einzufahren ist natürlich weitaus sexyer als sich über die Autobahn ranzurobben: Vorbei am Jachthafen Pichelsdorf, über die Heerstraße mit ihren Leuchtanzeigen für ‚grüne Welle‘ – das bedeutete früher immer, der Grusel war vorbei. Freie Fahrt in Westberlin! Wer das jahrzehntelang durchlebt hat, dem steigt die freudige Erwartung immer noch von Herz zu Kopf, jedes Mal. Aber womöglich bilde ich mir das bloß ein. Ich übertrage meine eigene Wallung wie so oft auf das Lebensglück der gesamten Menschheit, ein unter Weltverbesserern üblicher Vorgang, der meistens in der Katastrophe endete, bei uns allerdings nur im Hotel ‚Dude‘, unserem Stammsitz nahe der Ostseite des früheren Mauerdurchgangs Heinrich-Heine-Straße.

Ich liebe es, im einst weggesperrten Teil Berlins ins Bett zu steigen. Dann fühle ich mich immer so, als hätte ich Margot Honecker im Klo eingeschlossen, und sie muss sich die ganze Nacht lang mein kapitalistisches Schnarchen anhören. Dass mein kindisches Gehabe unverständlich bleibt, will ich nicht wahrhaben und füge hier deshalb den in dieser Hinsicht aufschlussreichen Teil eines Briefes an meinen engsten Freund Harald ein: von November 1967, als ich glaubte, in den Studios des Filmproduzenten Artur Brauner könnte ich nun endlich meine Karriere beginnen. Hollywood würde dann schon früh genug auf mich aufmerksam werden, und für ‚Wunderkind‘ war es eh zu spät.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildern von Shutterstock: guteksk7, kiuikson, domnitsky

26 Kommentare zu “#2.4 Sicher und diskret genießen

    1. Ich dachte bei „sicher und diskret“ sofort an einschlägige Dating-Apps. Ungefähr so war es ja dann auch tatsächlich gemeint. Diskret ist so ein seltsames Wort wenn es um Intimität geht, nicht?

      1. Ich verstehe die Diskretion trotzdem nicht. Was ist denn überhaupt die Alternative? Dass man sich zum Sex auf offener Straße verabredet? Oder einen Livestrea auf Instagram startet?

  1. Ach Berlin! Wie lange war ich schon nicht mehr dort. Aber so viele schöne Erinnerungen an eine lange aber leider vergangene Freundschaft habe ich.

  2. Aus der ZEIT: PC war erst ein unumgängliches Programm. Dann geriet es in den Mündern seiner Gegner zur Farce, zu Hohn und Spott. Schließlich griff es als Tragödie von links nach rechts über. Diese bedroht die liberale Demokratie, die ohne Meinungsfreiheit nicht existieren kann.Humpty Dumpty wusste es: Die Frage ist, wer Herr über das Wort ist. Noch schneidender George Orwell: „Neusprech“ soll die „Bandbreite der Gedanken einengen“. So „werden Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich, weil es keine Wörter mehr gibt, um sie auszudrücken“. Der Mann hat 1984 vor 68 Jahren geschrieben, lange bevor „PC“ in die Sprache einging. Bei Amazon.com führt das Buch derzeit die Hitliste an, was weder Farce noch Tragödie ist, sondern Trost. Keiner hat die Regeln des klaren Denkens besser formuliert als Orwell.

    1. Wikipedia weiß:
      „PC steht als Abkürzung für:
      Air Fiji, ehemalige nationale Fluggesellschaft von Fidschi (IATA-Code)“
      Also, wenn das nicht global ist!
      Orwells kommunistische Zukunft „1984“ hat mich immer mehr gegruselt als Huxleys kapitalistische „Brave New World“

    2. Wer nicht PC ist, wird mittlerweile schnell als Volksfeind oder Neunazi abgestempelt. Siehe Jordan Peterson…

      1. Das ist zum Teil schon ein Erfolg der Populisten. Differenzierte Meinungen oder Gedankengänge sind heute kaum noch gewollt. Man muss sich für schwarz oder weiss entscheiden. Alles andere geht unter.

      2. Peterson ist auch nicht ganz unschuldig an den Vorwürfen. Er lässt sich ja immerhin freiwillig mit Islamhassern fotografieren…

      1. Wie schnelllebig Berlin doch geworden ist. Sentimental bin ich ja eher nicht, aber man muss sich schon ganz schön anstrengen wenn man mit der Hauptstadt mithalten will.

      2. Hahahaha auf alle Fälle! Youtube ist eine Goldgrube für menschliche Merkwürdigkeiten.

    1. Ja, tun Sie das! Den Schafstall werden Sie allerdings eher auf dem Weg dorthin finden als am Alexanderplatz: Dort schweigen die Lämmer und nur die Touris kreischen.

  3. Zu Beelitz fallen mir noch die mittlerweile halb verfallenen Beelitzer Heilstätten ein. Ich wollte immer mal eine Führung mitmachen. Die Fotos, die man so ab und an im Internet findet machen große Lust.

  4. Ach, Ferienliebschaften sind doch das tollste! Vielleicht sollte ich überdenken ob ich (wie von mir selbst auferlegt) wirklich zu alt dafür bin.

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