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0707
Leben lernen / Ein Versuch  —   Die erste Reise

#2.18 ‚Die Wurzel von Leid‘

Zum Mittagsimbiss blieben wir im Hotel, ich blieb sogar bis zum Abend in meinem ‚Art‘-Schlafraum. Um Silke und Rafał nicht um ihren Nachmittagsausflug beneiden zu müssen, redete ich mir ein, dass mir inzwischen die wesentlichen Teile von Breslau vertraut seien und ich sparsamerweise den Zimmerpreis abzuwohnen hätte. Klappte ganz gut. Im Internet nach fremden Neuigkeiten zu stöbern und die eigenen Gedanken zu sortieren sind Beschäftigungen, die einem aufgeschlossenen Bildungsbürger gut anstehen, mir also. Besonders wenn man sich einredet, diese Selbstbeschäftigung sei ‚alternativlos‘.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Frage, die immer wieder aufkommt, wenn Silke und Rafał auf Stätten(be)suche gehen, aber ich zurückbleibe: Ist das nun selbst verschuldetes Schicksal, weil ich dem Schlaganfall so flott entgegengelebt habe, oder war mir bestimmt, was mir passiert ist? Statt leichtfertig gelebt zu haben, wie ich es damals tat, beherrscht zu sein, den Übermut einzuzwängen, aber dafür jetzt noch problemlos über den Asphalt preschen zu können? Auf was wäre ich bereit gewesen zu verzichten, um welches Ziel zu erreichen? Ja, sicher, den einen Drink, nach dem mir schlecht wurde, den einen Kuss, nach dem ich Lippenherpes bekam, die hätte ich sehr gern sein gelassen, aber so funktioniert das nicht. Außerdem war ich nie leicht-fertig, sondern immer nur schwer beschäftigt.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Göttliche Fügung ist für die meisten Erdbewohner besser zu verkraften als blinder Zufall oder menschliches Versagen. Früher waren es Gott, die Ehre, das Vaterland. Dasselbe, für das es sich zu leben lohnte, dafür lohnte es sich auch zu sterben. Nun sind wir in die selbst verschuldete Unabhängigkeit entlassen und finden, dass nichts gut ist, nicht gut genug. Die Umwelt, die Vermögensverteilung, die Gesellschaft. Zu rückständig oder zu anmaßend. Unbedacht, ungerecht. Zu festgefahren oder zu wertelos. Es ändert sich alles und bleibt doch so gleich im Kern. Was aber zählt, ist nicht der Kern, sondern die Schale: die Kleidung, die Mimik, die Gesinnung. Austauschbar. Bin ich abgeklärt? Bin ich also langweilig? Als Kind habe ich mich gelangweilt. „Was soll ich machen?“, habe ich gefragt. „Spiel mit mir!“, verlangte ich von den Erwachsenen um mich her. Jetzt kommt mir Nichtstun paradiesisch vor. Keine Schmerzen, keine Ängste, keine Gedanken. Besser geht es nicht. Triumphlos glücklich. Ein Traum. Die Wirklichkeit fordert Siege und droht mit Niederlagen. Oder etwa nicht?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Der Franzose Matthieu Ricard wurde buddhistischer Mönch. Er übersetzt für den Dalai Lama und sieht es so:

… aus buddhistischer Sicht wird es problematisch, wenn man zu glauben beginnt, es gebe einen zentralen Kern, eine autonome Einheit, die immer dieselbe bliebe. Wenn man das Ich sucht, findet man es nirgends, weder im Gehirn noch im Herzen oder im Körper – das kann die Neurologie so klar beantworten wie der Buddhismus … Wut, Ignoranz, Anhänglichkeit, Feindseligkeit, Eifersucht, Stolz: All das ist toxisch und die Wurzel von Leid.1

Er lebte als Einsiedler folgendermaßen:

Du stehst um 4 Uhr 30 auf, betest bis zur Morgendämmerung, rezitierst Texte, machst Visualisierungen. Zwischen 7 und halb 8 trinkst du Tee, setzt dich auf den Balkon und betrachtest den Sonnenaufgang oder die Wolken. Dann machst du den ganzen Tag weiter mit deinen Übungen. Nach Sonnenuntergang legst du dich schlafen. Die Qualität des Schlafes wird viel besser, du brauchst immer weniger Schlaf und fühlst dich am Morgen total frisch … Keine Heizung, kein Licht … Außerdem ist es das Ziel einer solchen Abgeschiedenheit, die Selbstbezogenheit loszuwerden. Du kommst ruhiger und mitfühlender da heraus und stellst dich in den Dienst anderer.2

1, 2 Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Auszug aus einem Interview von Anja Jardine mit Matthieu Ricard, 07.12.2018, https://www.nzz.ch/gesellschaft/matthieu-ricard-buddhistischer-moench-und-molekularbiologe-ld.1428688

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

O Gott, o Buddha! Das kann ich mir nicht mal wünschen. Ich will mich ärgern, ich will mich aufregen. Mein erstes Buch, das ich 1967 in Berlin während meiner gescheiterten Filmkarriere begann, fängt so an:

Wenn ich sterbe, dann möchte ich nicht schmerzlos hinübergleiten. Ich möchte nicht einfach einschlafen, und alles wäre vorbei. Wenn ich sterbe, will ich leiden. Der Schmerz soll mich noch einmal durchzucken. Einer überlasteten Stromleitung ähnlich, die ihr Letztes gibt, ehe sie durchbrennt, will ich alle Kraft noch einmal zusammenfassen. Einmal noch will ich mich aufbäumen, ein letztes Mal, bevor mein Körper schlaff und besiegt seinen Kampf aufgibt.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Na ja, das lässt sich mit zwanzig locker formulieren. Mit siebzig hat man andere Wünsche, und doch ist die Richtung klar: nicht buddhistische Selbstaufgabe, sondern abendländisches Lodern. Aus derselben Zeit stammt mein Lied ‚Flamme‘ auf Nietzsches Gedicht ‚Ecce homo‘.

Ecce homo

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr’ ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich!

„ECCE HOMO“ aus der CD „Flamme“

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ja, lieber will ich im Rausch sterben als nüchtern. Wenn ich mein Leben unmittelbar vor Schluss nüchtern betrachten müsste, dann wäre ich bestimmt ungerecht gegen mich. Schulmeisterlich wäre ich oder gar noch protestantisch: verschwendete Talente; verschwendete Möglichkeiten, Gutes zu tun, die Welt zu verbessern. Nein, ein beschwingter Rausch muss es sein. Aber soll ich auf Anraten meines Arztes bis dahin abstinent bleiben? Als die Dame starb, die unter mir im Haus lebenslanges Wohnrecht hatte, wünschte sie sich zum Schluss einen Piccolo ‚Henkell‘-Sekt, und gut war. Dann konnte mein Vater das Haus kaufen. Mich würde ein Piccolo nicht entschädigen für ungelebte Jahre, die ich in Wirklichkeit ja gewissenhaft vermieden habe. Aber zu Tode saufen will ich mich nach Möglichkeit auch nicht. Ekstase hin, Askese her – immer muss man abwägen, ob nicht der langweilige Mittelweg doch das Beste sei. Im Auto gefahren, weil ich nicht mehr autonom genug bin für die Bahn.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Für den Abend hatte ich mich jedenfalls für das allem Anschein nach Beste entschieden: das ‚Przystań Restauracja‘. Nicht mal der Taxefahrer konnte uns direkt vor der Tür absetzen. Durch meine raffinierte Auswahl von Schlaf- und Gaststätten zwinge ich mir pädagogischerweise Fußmärsche ab, die ich mir ohne solche Ziele verkneifen würde.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das Lokal liegt auf einer Oderinsel und ist ganz modern. Dafür saßen wir am langen Fenster und sahen auf die barocke Fassade der Universität, jedenfalls Rafał, mir gegenüber, hatte diesen Anblick. Er muss noch studieren, ich nicht, oder wenn, dann eher Wrocławs Jeunesse dorée als schlesischen Barock. Samstag, der 20. Mai: Das Wetter war nicht gut genug, um draußen zu sitzen, und so konnte ich Silke wieder mal mit ihrer vor über vierzig Jahren getanen Äußerung aufziehen: „Feinschmecker essen sowieso immer drinnen.“ Jeder Tisch war belegt, bis auf unseren natürlich schon vor Wochen von Silke gebuchten. Alles war lässig, urban, originell. Paris, London, Breslau: Wenn man bereit ist, Geld auszugeben, kann man es überall nett haben. Wenn man kein Geld hat, muss man versuchen, Herzlichkeit zu finden. Es gibt gute Menschen, die sagen: „Ein warmes Lächeln ist mehr wert als ein eisgekühlter Champagner.“ Ich finde, es kommt auf die Situation an. Warum nicht beides? Ich mache sehr gern eine Freude. Auch mir selbst. Rafał macht sich seine sowieso.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

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