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0702
Fast am Ziel

Alles über Teresa | #55

Alles ist – bis zu einem gewissen Grade – rückwärtsgerichtet; denn die Mittel, die man nutzt, um etwas darzustellen, hat man in der Vergangenheit erlernt. Ohne Bezüge zu dem, was war, kann man nicht einmal einen Science-Fiction-Film drehen. Diese anfechtbare Überlegung dient mir immer dazu, nach bestem Wissen und mit nicht allzu schlechtem Gewissen hemmungslos in die Vergangenheit abzutauchen. Empfehlungen, das sein zu lassen, nehme ich nicht ernst. Die meisten Tipps in meinem Leben habe ich von meiner Mutter bekommen, und wenn sie nicht sexueller Natur waren, befolgte ich sie oft, wenn es sich um Kulinarisches handelte, eigentlich immer. Für Neapel hatte meine Mutter 
‚Zi Teresa‘ empfohlen, und Harald, Hans-Dieter und ich waren 1967 dort sehr zufrieden gewesen. Deshalb kehren wir auf unserem Rückweg von Santa Maria di Castellabate dort wieder ein: Roland, Harald und ich, neun Jahre später. Ein Lokal am Hafen: ‚Urig‘, würde man heute sagen. Damals galt diese Bezeichnung nur für Leberkäse auf gescheuertem Tisch und nicht für Lasagne ‚beim Italiener‘. Die riesige ‚Zi Teresa‘-Speisekarte von damals hängt heute noch als gerahmtes, verglastes Poster in meiner Küche.

1976, das war ein doppelter Aufbruch gewesen: mein erstes Jahr, mein erster Urlaub mit Roland, natürlich auch mit Neapel, mit Rom, mit Portofino und mit Harald. Aber zusätzlich ein Aufbruch nicht nur ins Altgeliebte, sondern ins Neugewollte – Terra Incognita für uns: Côte d’Azur, Costa Brava, Felsen im Meer. Ein Felsen im Meer: Jemand, mit dem man zusammenlebt – zum ersten Mal. Es blieb das einzige Mal in meinem Leben, bis zu seinem Tod.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Erst 2009 war ich wieder da, mit Silke. Ich las während einer Kreuzfahrt abends aus eigenen Briefen für ein Publikum, das sich Unterhaltsameres gewünscht hatte, und dem schon tagsüber anzusehen gewesen war, dass ihm Sat.1 gemäßer war als 3sat. Immerhin, es gab als Honorar die Kabinen umsonst, mit Hängematte auf dem Zimmer-Balkon, und Aufenthalte überall zwischen Mallorca und Sizilien, so auch in Neapel. Silke und ich fuhren zuerst nach Pompeji, eine Eiltour – ich kannte es ja aus einer Zeit, als es nur überlaufen war, aber noch nicht unerträglich – dann fuhren wir zu ‚Tante Terese‘ (‚Zi‘ ist die Abkürzung von ‚zia‘ = ‚Tante‘). Aus der Muhme war inzwischen eine Grande Dame geworden. Alles war picobello, und mit Silke war es bestimmt angemessener, bei einer kapriziösen Signora zu speisen als bei einer schrägen Wirtin wie dreiunddreißig Jahre zuvor mit Roland und Harald, obwohl ja auch schon damals die Capri-Fischer nicht direkt vom Meer in die Bude eingefallen waren, aber wenigstens die Musikanten noch so laut ‚O sole mio‘ gegrölt hatten, dass den Ausheimischen die Cozze im Mund stecken blieben.

Mit Silke jetzt gab es Stoffservietten und Fischpreise hundertgrammweise. Vom Lokal aus konnten wir zu Fuß zurücklaufen zu unserem Kreuzschiff, alles war ganz einfach damals, und ich hatte Silke etwas geboten, an der Mole, an der Festung, was immer noch halbwegs originell war, aber dennoch Silkes Ansprüchen schon vollends genügte. Silke hat das gute Benehmen, das sich meine Eltern immer von mir erhofft hatten. Aber bis auf einmal – in ‚Harry’s Bar‘ in Venedig, in meiner Pali-Blütezeit – bin ich auch so, wie ich bin, nirgendwo auf der Welt rausgeworfen worden.

Als ich Ende 1971 von meiner Trainee-Zeit aus London zurückkam und Product Manager wurde, saß im Zimmer meinem gegenüber eine gutgekleidete junge Dame und machte Artist Promotion für Klassik. Das war Silke. Sie lebte seit dem Unfalltod des Vaters zu dritt mit ihrer jüngeren Schwester Esther und ihrer Mutter, die just von einem Selbstmordversuch genas, in Groß Flottbek, das nicht wesentlich unfeiner war als mein Othmarschen. Ihr Garten grenzte sogar beinahe an den Garten von Haralds Eltern, und so war es vom Himmel praktisch vorherbestimmt, dass wir vier eine enge Freundschaft eingehen würden. Wir kochten füreinander so raffiniert, wie wir es vermochten, und am Wochenende gingen wir ins Kino, anschließend essen, immer entsprechend zum Film; darum gab es sehr oft Steaks (Hollywood zählte zu Texas), manchmal Pasta, selten Froschschenkel, nie Chinesisch – und immer Gespräche. Nach so langem Zuhören im Dunkeln endlich wieder selber reden! Reden über alles, ach, alles, wovon wir so überzeugt waren, wie wenig wir auch davon verstehen mochten.

Die ‚Notgemeinschaft Flottbek‛ prägte Pali als Begriff für uns und analysierte unsere Treffen als Zusammenkünfte der gegenseitigen Behinderung, aus denen keiner von uns in eine – wie er meinte: erstrebenswertere – Partnerschaft entweichen konnte. Wir fanden ‚Notgemeinschaft Flottbek‛ zu umständlich und nannten uns griffiger ‚Noflo‛.

Wir schämten uns nicht. Nicht dafür, filmische Kassen-Schlager mit Barbra Streisand und Robert Redford zu mögen; nicht dafür, die eingängigen Songs von ABBA mit Inbrunst zu hören. Wir hatten nicht das geringste Bedürfnis, zur ‚documenta‛ nach Kassel zu pilgern oder Theaterstücke von Botho Strauß zu sehen. Wir hatten nicht das Bedürfnis, uns von dem, was leicht konsumierbar war, höher abzuheben, als wir es taten; wir hatten nicht das Bedürfnis, nachdenklicher zu sein, als wir es waren. Die Auseinandersetzung um ihrer selbst willen (zum Beispiel mit ‚zeitgemäßer Umsetzung veränderter Inhalte‘ oder der ‚Diskrepanz zwischen künstlerischem Wollen und Publikumsrezeption‘), die für niveauvolle Menschen ein so wichtiges Anliegen darstellt – wir scheuten sie nicht, aber sie drängte sich uns nicht auf, und wir uns ihr erst recht nicht. Das kulturelle Geschehen? Das waren wir selber. Alles Bemühte schien uns lächerlich. Was wir aufschnappten, reichte uns. Snacks als Brainfood. Wir schmeckten hin, analysierten die Zutaten; dann machten wir uns darauf unsren Reim und gingen allem, was uns rührte, auf den Leim. Unsere Lyrik reimte sich noch, unsere Musik war tonal und unsere Kunst gegenständlich. Diskussionen wichen wir nicht aus. Berührungsängste hatten wir nicht, nicht vor Menschen und erst recht nicht vor Kitsch.

Nichts von dem, was damals in Film, bildender Kunst und Musik als ‚Avantgarde‛ galt, machte uns Kopfzerbrechen. Es schien uns einfach zu emotionslos. In meinem Beruf hätte es nahegelegen, sich zu verstellen und genauso interessiert zu tun, wie meine Kollegen es taten – oder wirklich waren. Aber die ‚Noflo‛ weigerte sich, Aufgeschlossenheit zu heucheln. Wir pfiffen auf Objektivität, Abstraktion und das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit. Konsequenzloser Widerstand: Uns drohte ja kein Gefängnis wegen Mainstreamität, sondern bloß die Verachtung der Fortschrittlichen, und denen habe ich mich immer schon voraus gefühlt. Widerstand zwecklos. Wenn uns etwas nicht ergriff, ergriffen wir die Flucht. Und dann landeten wir prompt wieder in Italien, wie die deutschen Romantiker: kürzer, aber öfter – das ganze Jahr über mit der Seele und vier Wochen lang auch mit dem Körper.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

10 Kommentare zu “Alles über Teresa | #55

  1. Ohne Bezüge zu dem, was war, kann man eigentlich gar nichts machen. Zumindest nichts relevantes. Das vergessen heutzutage viele „Künstler“ gern. Man kann ja noch so sehr entlang des Mainstreams schwimmen, aber wie langweilig wenn sich alles nur noch wiederholt. Wie gern würde ich mal wieder gute Popmusik hören. Oder einen richtig spannenden Actionfilm sehen. Ich habe eine Schwäche für Pop (in all seinen Formen) und meine Schwierigkeiten mit allzu experimentellem. Aber Massenware – Musik, Kino, Kunst – die ihr Publikum gar nicht mehr ernst nimmt, ärgert mich einfach.

    1. Bestes Beispiel: Lady Gaga. Ein wilder Mix aus allem was David Bowie, Grace Jones, Madonna, Prince, Kate Bush etc. 20 bis 30 Jahre früher gemacht haben. Oder der große Oscar-Favorit La La Land… Fred Astaire und Ginger Rogers, Gene Kelly, Cyd Charisse würden sich alle im Grabe umdrehen, wenn sie dieses „bezaubernde“ Musical sehen könnten. Gegen Mainstream ist nichts zu sagen. Gegen Inspiration und Einfluss auch nicht. „Good artists copy, great artists steal“ hat (angeblicherweise) schon Picasso gesagt. Aber wenn dann so gar nichts eigenes dazu kommt… da schau ich mir dann lieber eine Coverband an 😉

  2. Der Mensch braucht Schubladen. Keine Frage. Ich finde die Unterteilung in Mainstream und Avantgarde trotzdem irrelevant. Am Ende kommt es doch einfach darauf an, was einen anspricht, berührt, begeistert.

    1. Ich liebe es, wenn ich ich Mainstream liebe: dann fühle ich mich ausnahmsweise mal zugehörig. Drei aufgereckte Busse vor der Frauenkirche kann ich dagegen leider nicht als Avantgarde empfingen – bin ich jetzt rechter Mob?

  3. Rechter Mob hin oder her, was für den einen Avantgarde ist kann für den nächsten Mainstream sein. Den einen langweilt Stockhausen, den anderen Madonna. Der eine findet den Herrn der Ringe lächerlich, der nächste Béla Tarr überschätzt. Alles völlig subjektiv, wenn Sie mich fragen. Wahrscheinlich zum Glück. Sonst würde uns allen sehr schnell langweilig werden 😉

  4. „Wenn uns etwas nicht ergriff, ergriffen wir die Flucht.“ Eine beneidenswerte Konsequenz. Das sollte ich mir auch viel mehr zu eigen machen. Ich bin immer zu zögerlich und lasse die uninspirierte Ausstellung oder das langweilige Gespräch doch über mich ergehen. Auch in meinem Alter gibt’s noch viel zu lernen.

  5. Mitunter kann die Flucht vor dem, was uns nicht so behagt, aber auch eigene Vorurteile bedienen und vertiefen. Manchmal bedarf es eben auch der Widerstände, um uns keinen möglichen Erfahrungswerten zu verschließen; immerhin weiß man ja vorher nicht zweifelsfrei, was einen tatsächlich erwarten könnte. Ich finde es viel spannender, sich auch auf Neues einzulassen – neugierig und unprätentiös, gern mit dem Anspruch, das Ergebis in der Luft zu zerreißen, wenn es denn so schlecht war. Auch das ist dann immerhin eine Erfahrung und nicht nur ein Klischee.

    1. Ein Sturz auf den Allerwertesten hat noch keinem geschadet. Runter vom hohen Ross, die eigene Perspektive kräftig durchgeschüttelt und los geht’s mit neuem Schwung.

  6. Alles Kulinarische habe ich ebenfalls von meiner Mutter übernommen. Mit Ausnahme ihrer Vorliebe für die portugiesische Küche. Dem habe ich nie etwas abgewinnen können. Meine Mutter sagte immer ‚Wenn man an etwas nicht sparen darf, ist es an gutem Essen‘. Den Rat befolge ich bis heute mit großem Vergnügen und völlig ohne schlechtes Gewissen.

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