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Fast am Ziel

Caffè Greco | #60

Zu leben, das stellt keinen Wert an sich dar. Da sein zu dürfen, bedeutet oft nur, da sein zu müssen. Die Religionen verlangen immer Dankbarkeit für diesen Zustand. Ich wäre so gern abgetrieben worden! Na ja, zu spät, stattdessen war jetzt der letzte Tagesordnungspunkt für heute dran: Das ‚Caffè Greco‘. Bis zur Via Condotti war der Weg klar, und dann? Ich vermutete, nach rechts. Wir gingen ziemlich weit, jedenfalls für meine Verhältnisse, wurden auf Nachfragen noch weitergeschickt, fragten in zwei Geschäften und jemanden in Uniform, die schickten uns wieder zurück, jemand lotste uns in eine Seitenstraße, wo es natürlich nicht war; ich kam mir vor, als hätte ich Unter den Linden nach dem Brandenburger Tor gefragt und wäre an den Wannsee geschickt worden. Wir waren schließlich wieder da, wo wir hergekommen waren. Ungeschickt. Da versuchte ich es dann eben statt nach rechts nach links, und schon das dritte Haus war das ‚Caffè Greco‘.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

‚Caffè Greco‘ ist eine Welt für sich. Die Wände rote Seide, die Kandelaber und Bilderrahmen sehr golden, die Ober im Frack – der Gastkörper trotz wüster Preise wüster Tourismus, ein Fremdkörper. Bis auf eine alte Dame, die allein saß, aß und trank und nicht zu erkennen gab, ob sie Contessa oder Puffmutter war oder beides. Wir bestellten Getränke und etwas, was Menschen, die ich nicht kenne, ‚kleine Schweinereien‘ nennen, also kulinarischen Krimskrams, aufgebrezelten Tand, als Tischdekoration bestens geeignet, aber auch verzehrbar.

Vor uns waren schon Goethe, Keats, Heine, Schopenhauer, Baudelaire und Wagner hier gewesen. Der dritte Akt meines Theaterstücks über die italienischen Maler in Rom spielt im ‚Caffè Greco‘, und ein Gedicht über diesen Schauplatz hatte ich schon viel früher geschrieben. Der etwas modernere US-Bürger drückt es so aus: ‚Worn interior, and not in a cool retro way. Seriously overpriced.‘ Recht hat er. Man muss halt mit dem Herzen schmecken, nicht mit der Zunge oder gar der Börse.

Zum Tagesausklang saßen wir bei Kerzenschein und rotem Wein auf unserer Terrasse, hörten von unten die Menschen, die an ihren Tischen Pizza und Pasta aßen, die in Rom waren wie wir, die wie wir keine Römer waren und wie wir ihre Wagen so hatten parken müssen, dass kein Autolärm sich unter das Akkordeonspiel des Musikanten mischte. Rafał hatte den anstrengendsten Tag von uns allen gehabt und hatte sich deshalb, während Giuseppe, Silke und ich schlafen gingen, ein wenig Ausgleich verdient. Ich hatte noch durch die Villa Borghese zum St. James Club laufen müssen, um etwas zu erleben, mühsam! Rafał reicht ein Blick auf sein Display, da sieht er alles, einschließlich Vorlieben und Ausmaßen. Na gut, für Romantik hatten wir ja schon die Kerzen.

Caffè Greco

Gefälliges Museum, verspielte Gedanken,
Duft nach Kuchen und Kaffee.
Entweihter Plüsch,
das alte Lachen neuem Tuscheln preisgegeben,
Verschmelzung:
Rokokogebäck – Campari Soda
Blicke streifen Blicke.
Zu zweit, zu dritt, zu viert,
allein mit Zeitung und viel Zeit,
mit großer dunkler Sonnenbrille
und mit Geld.
Zur Schau gestellte Inhaltslosigkeit.
Schon Goethe …
Ja damals!

Edelnder Verfall –
Verfallener Adel:
‚High Society‘.
Schon lange fiel die Macht aus ihren Händen.
Der Groschen fällt erst später
oder nie.
So halten sie die Gläser wie ihr Zepter,
halten auf Etikette
oder werden haltlos.
Sie zahlen mit Vergangenheit und ihrem Leben,
doch es herrscht Inflation: Vergänglichkeit;
das Grauen wächst, ist erblich, chronisch, tödlich.
Noch leben sie.
Ihr Stolz:
geprägt von Ahnen, Schneidern und Friseuren.
Das Innere scheint durch und hebt sie auf.
Ihr Glück:
Gleichgültigkeit,
Unwissenheit der andern,
bis sie der letzte Groschen fällt,
i h r letzter Groschen.
Die Bilder an den Wänden wie die Wände:
voll, prunkvoll, überladen, fast gewichtig,
rot-gold und alt und lächerlich.
Die Würde grauer Harlekine,
grau wie der ‚Marmor‘ kleiner, runder Tische,
das Haar der Ober, die den Frack wie Kaffeekannen tragen.
Ausnahmen werden hier zur Selbstverständlichkeit.
Einer von ihnen kommt, mich zu bedienen,
natürlich ist er vornehmer als ich.
Das weiß er auch und gibt es zu erkennen.
Er gibt sich zu erkennen,
allen,
alle hier,
beim Klappern, Klirren, Knistern, Kichern, Klatschen,
beim Duft nach Kaffee, Kuchen und Parfüm.
Ich gebe die Bestellung auf und warte.
Ich werde lange bleiben.
Es gefällt mir hier.

(Rom 1966)

9 Kommentare zu “Caffè Greco | #60

  1. ‚Man muss mit dem Herzen schmecken‘ trifft es genau. Das Caffé Greco kenne ich zwar nicht, aber es gibt ein, zwei Restaurants, die ich beim jährlichen Elternbesuch aus ähnlichen Gründen besuche. Teuer sind sie und nicht viel besser als Mittelmaß, aber der nostalgische Wert überwiegt. Ähnlich geht es mir auch mit dem Café de flore in Paris. Ein Spaziergang durch Sain-Germain des Prés und ein Café im besagten Etablissements gehört für mich zu jeder Parisreise. Dass es woanders besseren Kaffe gibt, wen kümmert’s.

  2. Das Café de flore erinnert auch mich an die Zeit, als ich dort an fast jedem Nachmittag während der Woche entspannt
    mit meinem Stift vor meinem Schreibblock saß,
    in Menschen sah, in Texten dachte,
    und Tarte Tatin aux Poires aß,
    die mich ein bisschen glücklich machte.
    Um 18.00 Uhr gab es ein Glas Chablis. Die Kellner waren nicht ganz so aristokratisch die im Greco, aber mit ihren langen, weißen Schürzen auch sehr malerisch.

  3. Die Existenz ist an sich noch kein Verdienst, aber immerhin eine Chance. Ich glaube das ist eher der Gedanke, wenn man Dankbarkeit voraussetzt. Aber Religion ist immer ein kompliziertes Thema. Im Katholizismus schwingt natürlich immer gleich mit, dass wir alle Sünder sind und allein deshalb Gott gegenüber dankbar sein müssen. Für mich ist Dankbarkeit vor allem eine Einstellung, die mich die Dinge positiver sehen lässt.

    1. Dankbarkeit ist vor allem ein gutes Druckmittel um die vielleicht nicht ganz so gläubigen Gläubigen doch längerfristig an die Kirche zu binden. Abhängigkeiten in jeglicher Form sind ja jeder Religion A und O.

    2. Da haben Sie sicherlich nicht ganz unrecht Herr Herdesheim. Wobei für mich ein ‚gesunder‘ Glaube noch nicht zu religiöser Abhängigkeit führt. Aber die Institution Kirche versucht natürlich ihre Gläubigen an sich zu binden. Sicherlich ab und an auch mit fragwürdigen Mitteln…

  4. Ich finde jeden Glauben ‚ungesund‘, liebe Frau Bernauer. Ohne ihn hätten wir die ganzen Probleme im Nahen Osten nicht und in den Flüchtlingslagern auch nicht. Kein IS und keine Taliban. Keinen Streit um Jerusalem, kein Zölibat. Aber wahrscheinlich hätten wir dann andere Probleme. Der Mensch ist kein friedliches Wesen.

    1. Irgendwie haben Sie natürlich recht, andererseits auch wieder nicht. Glauben bzw. Religion ist in diesen Fällen ja eher Vorwand und Entschuldigung als Ursprung des Konflikts. Israelis und Palästinenser streiten ja nicht um ihren Glauben sondern um Land. ISIS sind keine gläubigen Muslime sondern reine Extremisten. Es gibt wahnsinnig gläubige Menschen, die Gewalt und Krieg verabscheuen und gewaltliebende Atheisten. Einen Grund um miteinander zu kämpfen findet sich allerdings immer. Eine Welt in Frieden werden wir alle nicht mehr erleben.

  5. Ich bin soeben auf Ihren Blog gestossen und fühle mich sehr angesprochen von den anregenden Diskussionen und den petits-fours an Impressionen von Ihren Reisen. Meine Gedanken berühren in letzter Zeit auch sehr oft den Einfluss von Religion auf unsere Gesellschaft. Als Atheistin bemühe ich mich Gläubigen offen zu begegnen und habe sehr friedliebende Menschen verschiedener Relgionen kennenlernen dürfen. Ich vermute Religion driftet dann ins Böse, wenn Menschen in sehr homogenen Gesellschaften leben. Die Angst vor dem Fremden ist der Nektar der Gewalt.

    1. Leider fällt mir Friedfertigkeit gegenüber den Ansprüchen der abrahamitischen Religionen schwer. Fremdes hat mich allerdings auch immer mehr gereizt als geschreckt. Bekanntes dagegen ist nicht immer Vertrautes. Kain und Abel, Romulus und Remus (#62) sind Beispiele für Mord ohne Fremdenhass.

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