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Fast am Ziel

Ein Abend verändert mein Leben | #47

Friedrich II. scheiterte mit dem Versuch, seine universelle Kaiseridee zu verwirklichen, an den norditalienischen Städten und am Papst. Aber durch seine Forderung nach einer von der Kirche unabhängigen Staatsgewalt war er ein Wegbereiter der modernen Monarchien in Europa. Das sollte man wissen, wenn man die Autostrada A14 bei Andria verlässt und sich auf der Landstraße dem von Weitem sichtbaren Castel del Monte nähert.

Foto: Francesco Bonino/Shutterstock

In der Annahme, dass Silke und Rafał ihre Lektion gründlich gepaukt hatten, verzichtete ich auf Schulmeistereien. Ich wäre gern Studienrat geworden: Ich belehre gern und ich verteile gern Zensuren. Aber ich fand es ehrenrührig, einen Beruf zu ergreifen, in dem ich weniger Geld nach Hause bringen würde als mein Vater. Dafür hatte ich dann während meines Musik-Studiums gar keine Aussichten auf irgendeinen Verdienst. Erst mit Mitte dreißig holte ich ihn ein. Er war schon mit Anfang zwanzig Spitzenverdiener und Sportwagenfahrer gewesen, und als seine Müllverbrennungsanlage so richtig lief, war ich Mitte vierzig und hätte ihn auch als Präsident der Dachgesellschaft meines Arbeitgebers nicht mehr einholen können.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir kamen an eine Barriere und ein Polizeiauto davor. Sofort schwang ich meinen Krückstock und meinen Behindertenausweis und stammelte, dass ich noch einmal die Stätten meiner Jugend sehen möchte. Ich bekam meinen Krüppel-Bonus. Wir durften passieren. Es ging noch drei Kilometer aufwärts; das hätte auch Silkes rechtem, seit Leipzig verstauchten Fuß nicht gefallen. So aber durften wir, fachmännisch eingewiesen, am erlauchten Fuß der Burg parken. Selbst wer sie ignorant von der Entfernung noch für ein Olivenöl-Silo gehalten haben mochte, musste jetzt beeindruckt sein.

Ich setzte mich vor ein Selbstbedienungsrestaurant und bediente mich nicht selbst, während Silke und Rafał sich auf den Weg machten, das Bauwerk zu erobern. In Triest hatte ich mich getröstet, dass ich von nun an nie mehr auf der Strecke, nur noch in den Hotels, allein absitzen würde. Das war ein schöner Gedanke gewesen. Schön war auch, dass ich all diese Stätten meinen Begleitern aufzeigen konnte und dass ich sie mir zu einer Zeit erlaufen hatte, als meine Sehnsucht nach Unbeschwertheit erfüllbar schien. Nun sehe ich von Weitem auf die Mauern der Geschichte, und alles wird mir zur Rückschau.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Die beiden kamen mich recht bald holen. Auf unserer Fahrt abwärts genossen wir, dass wir den stillen, schattigen Weg nicht zeitverzögernd hatten laufen müssen und freuten uns über die Annehmlichkeiten meines Schlaganfalls.

Foto: pwmotion/Fotolia

Bereichert traten wir die Reise über den Apennin an, weg von der Adria, hin zum Tyrrhenischen Meer. Die Fahrt dauert über die Autobahn fast zweieinhalb Stunden, und das gibt mir Zeit für eine Parenthese.

Schon – oder erst – einmal bin ich diese Strecke gefahren: 1976, mit Roland und Harald, unsere erste Reise zu dritt. Im November 1975 war ich zu Aufnahmen mit Karajan in Berlin gewesen. Er war so herablassend, wie ich ihn mir vorgestellt hatte und bestärkte mich in meiner (beruflich nicht sehr dienlichen) Einstellung, Komponisten zu verehren und Interpreten für überflüssig zu halten, wenn man Partituren lesen kann. Am Samstag, dem 15. November, hatte ich nachmittags und abends frei, weil es mir gelungen war, den russischen Pianisten, den ich betreuen musste, anderweitig unterzubringen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich nahm mir in meinem Kempinski-Hotelzimmer ein Fläschchen aus der Minibar, ließ die Badewanne volllaufen und rief bei meinen Eltern an. Damals führte man noch gezielt Ferngespräche und ergoss nicht pausenlos seine Mund-Diarrhö in ein Handy. Ich berichtete von dem etwas peinlichen Besuch bei meiner Großmutter, die sich zu meinem Ärger ein paar alte Schachteln dazugeholt hatte, um vor denen mit mir anzugeben. „Da ist dir der Karajan ja sicher kolossal dankbar“, verkannte sie die Lage wie fast immer in ihrem Leben. Trotzdem hatte sie mir lange Zeit sehr nahegestanden, weil sie genauso gläubig war wie ich und nicht so distanziert wie meine Eltern. Denen hatte der Vikar, der mir Kommunionunterricht erteilte, nahegelegt, sich zu trennen, weil Guntram sich für Irena von Marta hatte scheiden lassen. „Ja, soll denn Hanno ohne Vater aufwachsen?“, fragte meine Mutter fassungslos. „Besser als in Sünde“, antwortete der Geistliche. Das hatte meinen Eltern den Katholizismus ein wenig verleidet.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Schlimmer als die Gefallsucht meiner Großmutter war ihre Angewohnheit, Tatar zu servieren und dabei nicht nur das Gelbe, sondern auch das Eiweiß unter das Rindsmus zu mischen, so dass eine klebrige Pampe entstand, die man sich nur widerwillig durch die Zähne flutschen ließ. Es war das letzte Mal, dass ich meine Großmutter sah, aber das wusste ich ja nicht.

„Geh doch früh ins Bett!“, schlug meine besorgte Mutter vor. „Mal sehen“, sagte ich, legte auf und stieg in die Wanne. Eine Stunde später stand ich an der Joachimsthaler Straße vor der Tür eines Etablissements, das den, wie ich fand, eindeutigen Namen ‚Gay‘ trug. Wie üblich schlich ich siebenmal am Eingang entlang und wenn Passanten vorbeikamen, tat ich so, als wollte ich da bestimmt nicht rein. Ich war erst 29 und meiner sexuellen Ausrichtung noch nicht gewachsen, nicht in der Öffentlichkeit. Heute klingt das komisch, war es damals nicht.

Drinnen kam mir auf der Treppe abwärts von der Garderobe zur Bar ein Bärtiger entgegen, und ich dachte, das ist genau der Typ, den ich nie kriegen werde. An der Bar stellte ich mich neben ein Mädchen, das sich mit einem Schlaffi unterhielt. Es dauerte keine drei Minuten, da hatte ich, hektisch und verwirrt, ihr Bierglas umgekippt, keine eloquente Art, ins Gespräch zu kommen. Während ich noch Entschuldigungen und Erklärungen an sie ranstammelte, kam der Typ, den ich nie kriegen werde; er war ihr Begleiter. Und dann kriegte ich ihn doch.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

7 Kommentare zu “Ein Abend verändert mein Leben | #47

  1. @Hanno Rinke: Das ist das erste Mal, dass ich Ihnen aus vollem Herzen widersprechen muss! Mit einem Plädoyer für die Interpreten! Ich möchte Karajan, Abbado, Maazel, Harnoncourt und Bernstein nicht missen. In all ihrer Unterschiedlichkeit. Genauso wenig wie Glenn Gould, Martha Argerich, Alfred Brendel oder Wladimir Horowitz. Sie alle haben mich neue Dinge, selbst über bereits sehr geliebte Werke gelehrt. Selbst eine misslungene Interpretation kann mitunter aufschlussreich sein. Ein Filter, durch den man immer wieder seine eigene Meinung, sein eigenes Wissen gibt, bekanntes hinterfragt. Es leben die Interpreten!

    1. Natürlich habe auch viel von ihnen gelernt und war mit einigen sogar richtig befreundet. 1975 stand ich ganz am Anfang meiner Karriere. Mein Kompositionsstudium lag noch nicht weit zurück, und ich wehrte mich damals bloß – ein bisschen arrogant – gegen Konzertbesuchter, die vom Aufbau eines Werkes keine Ahnung hatten, aber gefühlig über die Qualität einer Darbietung schwatzten. Deren Quatsch musste ich mir ständig anhören. Da wurde ich manchmal bissig. Dass man mir nachsagte, ein guter Produzent zu sein, ging damit zusammen, dass ich nie „Fan“ war. Ein Fan schmeichelt vielleicht, aber er trägt nichts Wesentliches zur Laufbahn eines Künstlers bei. Bernstein schrie Menschen an, die ihn für misslungene Interpretationen lobten: „Don’t you habe ears?!“ Recht hatte er.

    2. @Hanno Rinke: Oh da habe ich Sie tatsächlich unterschätzt. Ich nehme nicht mein Plädoyer, aber doch meinen Widerspruch zurück. Auf den Punkt. Bernstein ebenso wie Sie.
      (P.S. Ein frohes und vor allem interessantes 2017 wünsche ich!)

  2. Das Castel del Monte ist wirklich ein einzigartiges und faszinierendes Bauwerk. Nicht zuletzt aufgrund der vielen ungeklärten Fragen bzgl. des Baustils, der ursprünglichen Nutzung usw. Ihr Beitrag weckt ein wenig mein Interesse die Gegend noch einmal aufzusuchen. Ich war nur ein einziges Mal als Teenager dort. Dies scheint der Blog bzw. das Forum der Italienliebhaber zu sein. Eine schöne Entdeckung. Man befindet sich jedenfalls in guter Gesellschaft. 😉

  3. T’ja, mein lieber Hanno, ich habe, mit Gila, bei dickster Mittagshitze , das Castel mit dem Fahrrad erkundigt. Noch heute ist mir schleierhaft wie wir das geschafft haben, Aber beeindruckend und schön wars. Herzlichst Helga

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