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Fast am Ziel

Die Endlosigkeit des ewigen Augenblicks | #30

Am Samstag ließen wir uns vom Hotel-Minibus den gesperrten Weg auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht zur ‚Lanterna‘ fahren. Der Name hat wohl nichts mit Beleuchtung zu tun. Wir hatten das Lokal am Vortag vom Boot aus auf der höchsten Spitze am Ende der Bucht gesehen, und jetzt an allen missmutig zur Seite tretenden Fußgängern vorbeizurauschen, das vermittelte mir endlich wieder dieses Gefühl von Überlegenheit, das ich gewohnt war, wenn ich früher alle Spazierenden mit forschen Schritten überholt hatte.

Wir trugen wenig bemerkenswerte Kleidung, denn wir hatten mitbekommen, dass in dieser Gegend auf ein modisches Erscheinungsbild nur geringer Wert gelegt wird, und so aßen wir unser schlichtes Essen schlicht unter Schlichten: Čevapčići, endlich mal keinen Fisch und trotzdem fast so folkloristisch wie am Hauptbahnhof.

Einmal nur nutzten wir die Errungenschaften des Wellness-Bereiches. Man konnte sein welkendes Fleisch dort kneten und bepinseln und besprühen lassen, aber die Wirbelmaschine, von der ich mir einen Eindruck davon erhofft hatte, wie es sich anfühlt, an einem Felsen inmitten der Niagara-Fälle zu hängen, sie funktionierte nicht. Wir wurden von den einen zehn Minuten auf die nächsten zehn Minuten vertröstet, und massieren kann mich auch Rafał. So verließen wir enttäuscht den Hort der Entspannung, in dem wir ohnehin die einzigen Gäste rund um die Betreuer gewesen waren, und kamen nie mehr wieder. Unsere Körper blieben während des ganzen Aufenthalts unbewirtschaftet vom Personal.

‚Mens sana in corpore sano‘ – Juvenal war Satiriker. Er hat ursprünglich mit seinen Worten die sportlichen Idole seiner Zeit parodiert, weil seiner Meinung nach deren geistige Fähigkeiten wesentlich dürftiger waren als die körperlichen; und Juvenal machte sich lustig über Römer, die ihre Götter mit törichten Gebeten belästigten. Bitten solle man höchstens um ‚einen gesunden Geist in einem gesunden Körper‘. Zu Werbezwecken wurde diese Aussage zur Neuzeit in ihr Gegenteil verkehrt, wie üblich. Spätestens seit Olympia 1936 im faschistischen Berlin wird der Körper weit mehr geschätzt als der Geist.

Die Namen der Olympiasieger sind geläufiger als die Namen von Nobelpreisträgern. Doping war dann im Ostblock Massensport. Bodybuilding, Fitnesstraining und angesagte Bekleidung (jiddisch-berlinerisch: Klamotten) sorgen heute für mehr Anerkennung als eine Ausbildung in ‚Geistesbildung‘. Es gibt im Fernsehen noch ‚Wer wird Millionär‘, aber bezeichnenderweise heißt bei den Öffentlich Rechtlichen ein neueres Format ‚Wer weiß denn sowas?‘, und es werden nur Fragen gestellt, bei denen sich keiner wundern oder gar schämen muss, dass er die Antwort nicht kennt. Bei den Privaten geht es gleich ungeniert um Sackhüpfen, und Schmeißfliegen mit dem Mund aus einer Schnapsflasche zu fischen. Mutprobe ersetzt die Bildung.

Ich dagegen habe lange Zeit den Körper zu wenig geachtet, er lief so nebenher. Am Anfang, in meiner katholischen Zeit, war er mir nichts wert; beinahe betrachtete ich den Körper so wie der heilige Franz von Assisi, der in ihm nur Sünde und Unheil sah; dann habe ich den Körper benutzt, um mir Genuss zu verschaffen – und jetzt bin ich auf ihn angewiesen. Das, was er mir an Genugtuung bereitet hat, schmecke ich noch nach und besänftige ihn mit Therapien und ausgefeilter Nahrung.

Weil Sex, Freude und Trauer im Kopf stattfinden, habe ich den Körper einfach lange, viel zu lange, unterschätzt, und das, obwohl es mir so wichtig war, ihn im Schaufenster des Lebens für alle wünschbaren Kunden zu präsentieren – unten rum war er ja vorzeigbar, aber der Schädel: Toupieren, um Hinterkopf vorzutäuschen, der viel denken kann, das war schon wichtig. Aber noch wichtiger war es mir, das Dasein zu durchdenken. Nun habe ich meine Strafe dafür: Unbeholfen in all meinen Bewegungen und trotzdem nicht zu Weisheit und Gelassenheit gekommen; aber mein Verhalten während der vergangenen fünfzig Jahre zu bereuen, habe ich auch keine Lust. Schon mit zwanzig habe ich schnöselig formuliert: ‚Bereuen muss man vorher. Nachher bringt es nichts.‘

Foto: Privatarchiv H. R.

Als ich 29 war, 1975, sang der damals prominente Curd Jürgens bei meinem Arbeitgeber auf dem Label ‚Polydor‘: ‚Sechzig Jahre und kein bisschen weise‘, worauf sich auch noch ‚auf dem Weg zum Greise‘ reimte. Ich mochte den Titel nicht. Ich würde später bestimmt nicht mehr kokettieren, ich wollte weise werden. Curd Jürgens ist den Greisenweg auch nicht besonders lange gegangen. Er starb einen Tag vor meinem 32. Geburtstag: mit ‚66 Jahren‘, einem Alter, bei dem laut Udo Jürgens ‚noch lang noch nicht Schluss‘ sei. Er hat es ja auch bis 80 geschafft. Die Beatles hatten 1967 schon bange gefragt: ‘Will you still need me, will you still feed me when I’m sixty-four?‘ – ein auch für mich damals utopisches Alter und eine Frage, um deren Beantwortung Yoko Ono sich drücken konnte.

Wie hängen Körper und Seele zusammen? Diese Frage hat meine Generation weniger beschäftigt als die – von Progressiven schnell im Voraus beantwortete Frage –, ob für die Entwicklung eines Menschen die Gene (um es ärgerlicher zu machen, sagte man die ‚Rasse‘) oder die Umwelt verantwortlich sind. Selbstverständlich war ausschließlich die Umwelt verantwortlich: Wer reiche Eltern hatte, machte Abitur wegen seiner Eltern, wer arme hatte, machte Einbrüche, auch wegen seiner Eltern. Für Progressive gab es keinen niedrigen Intelligenzquotienten des Schülers, sondern nur niedriges Einkommen des Vaters.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das ist zweifellos richtig, aber wie man das umsetzt oder sich daraus befreit, diese Entscheidung muss man dem Individuum doch zugestehen. Der Geist lenkt den Körper, oder umgekehrt? Inzwischen wissen wir, dass die Beweglichkeit des Körpers beim Schießen eines Tores unabhängig ist von der Beweglichkeit des Geistes, hinterher im Interview zu sagen, warum er nicht vorbeigeschossen hat und wann der Beininhaber zu Real Madrid wechseln wird. Inzwischen weiß sogar ich: Der Körper bestimmt das ganze Leben. Die ihn als Fußball- oder Olympiafans anhimmeln, sie haben vollkommen recht – Sport bereichert, besonders die Funktionäre. All das viele Geld generieren die im Sport Beschäftigten mit dem Körper, dem eigenen oder dem Körper dessen, der für sie die Medaillen gewinnt und die Rechnung zahlt. Immer der Körper! Dafür ist er es auch, der wegsterben muss, das elende Stück Dreck. Ich verfluche ihn, weil ich mir jetzt solche Mühe gebe, ihn zu lieben, und er mich überhaupt nicht anerkennt. Wer beherrscht wen? Wie glücklich sind die, die unglücklich sind: Sie haben die Möglichkeit, etwas verändern zu wollen.

Mein Leben spielt sich jetzt also in meinem Kopf ab. Wie der Altersblinde, der früher Farben gesehen hat, stelle ich mir nun die farbigen Begebenheiten vor, die ich, während sie stattfinden, versäume. Das Wichtigste für mich war immer die Entdeckung, einer Idee oder einem Menschen hinterherzulaufen: Erfahrungen einsammeln oder – zumindest oder sogar? – Genüsse. Nun gibt es keine ‚Oder‘ mehr, sondern nur noch eine Aneinanderreihung von ‚Unds‘. Eigentlich sehr modern: die Wirklichkeit nicht mehr auf der Haut spüren, sondern auf dem Smartphone nachvollziehen und das Abbild auf dem Display für Leben halten. Ich muss nichts mehr tun, ich muss nur noch sein.

Die meiste Zeit lag ich ausgestreckt auf einem Liegestuhl unterm Sonnenschirm. Silke wendete ihre Körperteile in der Sonne, Rafał schwamm durch die Bucht – er nennt es ‚Plumpsen‘, wenn er sich ins Wasser fallen lässt –, und ich machte mir so meine Gedanken. Ich sehe mir die Leute an und denke: Was denken die wohl? Nicht viel, fürchte ich. Sie verbringen ihre Tage und glauben an irgendeinen Gott, der sie nicht weiter belästigt und im Ernstfall ein bisschen beschützt. Dann behaupten sie, ja, sie seien gläubig.

Foto: Privatarchiv H. R.

Was demgegenüber den, der zugibt, an gar nichts zu glauben, so sympathisch macht, ist, dass er keine Wahrheiten zu verstecken braucht: weder die Gräueltaten der Inquisition noch die des Kommunismus. Er lacht über die, die behaupten: Die Idee war doch vollkommen in Ordnung, die dämliche Ausführung hat die Glaubwürdigkeit des eigentlich Richtigen überstrapaziert. Stimmt schon. Auch Hitler hätte ohne die Judenbeseitigung und den Zweiten Weltkrieg besser dagestanden. Die Juden, die Germanen. Das auserwählte Volk – wer ist das schon? Ohne Hitlers Wunsch, Kiew deutsch zu machen, hätte er Breslau nicht an die Polen verloren.

Foto: Privatarchiv H. R.

Das Angenehme am Atheismus ist, dass die Furcht vor Strafen jenseits des Diesseits wegfällt. Bei all seinen Morden, Vergewaltigungen und Diebstählen muss man sich durchaus vor der Polizei vorsehen, nicht aber vor der Hölle. Eine höhere Gerechtigkeit gibt es Gott sei Dank nicht. Das Unangenehme ist, dass man jeden Augenblick genau planen muss, weil man nichts auf das tröstliche ‚Danach‘ verschieben kann. Darum gibt es ständig diesen Entscheidungsnotstand: Bleibe ich jetzt im Bett liegen und mache mich über das Leben lustig, indem ich es vergeude, oder mache ich eine Weltreise kofferlos in Jeans durch Krisengebiete, um dort zu helfen und innerlich geläutert zu werden, und danach, wenn meine Finanzen es erlauben, mache ich eine Weltreise in Designerjeans durch Grandhotels, um mich am Unterschied zu ergötzen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wenn meine Finanzen es aber nicht erlauben, dann sehe ich mir TV-Serien an, die mich darüber belehren, wie schwer selbst Reiche es haben, privat und geschäftlich, oder ich engagiere mich in einer der vielen Wut- und Angst-Genossenschaften, die sich immer vor irgendwas fürchten (Krieg, Umweltzerstörung, Islam, Zika-Mücke, Handelsabkommen) oder das Finanzsystem so ändern wollen, dass kokainsüchtige Börsenspekulanten nicht mehr verdienen als alkoholkranke Opfer einarmiger Banditen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wer Familie hat, die er ernähren muss, oder Skrupel, die er lindern muss, ist natürlich zusätzlich beschränkt in seinen Mitteln und kommt für den Test „Wie lebt der Mensch, wenn er sich ums Tägliche nicht zu scheren braucht?“ nicht infrage. Diese Frage ist bereits von Thomas Morus und vom Kommunismus unbeantwortet geblieben, weil beide ihre utopischen Ziele nicht erlebt haben, und allenfalls „Die Geissens“ auf RTL II lassen ahnen, wohin Geld ohne Verstand führt: zum Wunsch des Betrachters nach Außerirdischem, das weniger gebratene Tauben für den Rachen oder Jungfrauen für den Schwanz bereithält als Früchte vom Baum der Erkenntnis fürs Hirn, obwohl auch das ja schon mal schiefgegangen ist.

Die Endlosigkeit des ewigen Augenblicks, der nicht als Stillstand, sondern als Abenteuer empfunden wird, das wünschen wir uns. Gibt es aber nicht. Sich das wünschen zu können, ist die höchste Leistung, die der Verstand der Seele anzubieten hat. Auf den Tod folgt das Paradies. Das Paradies ist das durch nichts mehr bedrohte Ende von allem. Das Paradies ist, dass alles vorbei ist. Schade eigentlich.

Ich rücke etwas weg vom Sonnenschirm. Meine Mutter behauptete immer, man wird auch im Schatten braun, wenn man unter blauem Himmel liegt. Irene hatte nicht in allem recht, aber ich glaubte ihr immer. Darum blieb ich auch meistens weißlich. Pali sagte kennerisch: „Du bist eben kein Levy, sondern ein Horowitz.“ Damit meinte er, dass ich kein jemenitischer, sondern ein ‚Ostjude‘ sei. Die haben rote Bärte und prägten das Straßenbild einiger Viertel in Wien und Berlin durch ihre Pejeslocken und Kaftane und waren in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht beliebter als heute Burkini-Frauen an französischen Stränden.

Foto: Privatarchiv H. R.

Meine Großmutter erzählte in ihrem Grunewald-Zimmer gern die Geschichte, wie sie 1933 zu ihrer Bridge-Partnerin gesagt habe: „Frau Rubinstein, wie konnten Sie nur diese Ostjuden ins Land lassen?“, und Frau Rubinstein habe geantwortet: „Ach, Frau Rinke, wir sind ja selber am unglücklichsten über diese Leute!“ Ich war damals zwischen acht und zwölf und dachte mir nicht viel. Inzwischen ist mir klar, wie es allen Levys, Horowitzens und Rubinsteins ergangen ist, und ich lege mich zurück unter den schützenden Sonnenschirm.

2 Kommentare zu “Die Endlosigkeit des ewigen Augenblicks | #30

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