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0707
Fast am Ziel

Fränkische Gastlichkeit | #97

Bei Füssen mussten wir von der Autobahn, die gerade erst begonnen hatte, wieder runter. In Füssen war Rafał (wie fast überall) auch schon gewesen, und er erzählte uns, während wir dran vorbeifuhren, so gründlich davon, dass es uns fast schien, als seien wir dort selber rumgelaufen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die Navifrau behauptete wie meistens, dass das Objekt im Sperrgebiet läge, aber das kann uns nicht mehr einschüchtern, schon gar nicht mit reservierten Plätzen. Die Anfahrt durch den Waldweg war anders als in Portofino, aber nicht sehr. Der Himmel hatte sich wieder zugezogen, See und Bäume lagen unterbelichtet da, und man konnte sich freuen, dass man nach drinnen durfte, obwohl die Sommerstühle noch vor ihren Tischen auf der Seeterrasse standen und unbeholfen von besseren Zeiten kündeten.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir waren zu spät, Kristina war schon da. Sie wählte die Spezialität des Hauses: Ente mit Rotkohl, und Silke aß wieder ‚ganz was Leichtes‘. Wir sprachen über das Leben und über ‚Atem‘, also ganz was Schweres. Ich bekam ein Stück Ente zu kosten (sehr gut), aber keine Stoffservietten. Als Ausflugslokal wirklich empfehlenswert, wenn man Ausflugslokale mag, und ich tue das, manchmal.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Schon vor Meran wollten meine Eltern etwas Eigenes haben, das etwas südlicher lag. Merkwürdigerweise schafften sie sich eine Wohnung in Vöcklabruck an, und als Pali sich bei Ihnen erkundigte, ob sie wohl verrückt geworden seien, sagte Irene siegesgewiss: „Das ist gar nicht so aus der Welt, das liegt ganz nah bei Gmunden.“ Pali bekam einen seiner losbrechenden Lachanfälle: „Bei Gmunden!“, schrie er prustend. Noch nie hatte er von dem Ort gehört, aber meine Mutter hatte es gesagt wie: ‚Zur Champs-Élysées sind es nur zwei Stationen.‘ Meine Eltern verkauften die Wohnung wieder ungenutzt; Halblech Berghof liegt gar nicht weit entfernt von der zweitgrößten Stadt des Ostallgäus: Füssen, und wir fuhren auf der Autobahn Richtung Norden.

Gleich hinter Füssen muss ich eingeschlafen sein. Im Auto! Ich! Ohne Ohrstöpsel und Augenbinde. Und nachts liege ich dann wach und denke den Raum voll. Ob man leicht einschlafen kann, das kann man sich genauso wenig aussuchen wie sein Geschlecht. Im zweiten Fall kommt man bei Missfallen nicht um eine Operation herum, im ersten reichen oft ‚Atem‘ oder Pillen.

Bei Rothenburg ob der Tauber wachte ich wieder auf. Das war unsere letzte Reise gewesen, unsere allerletzte: Roland lief schlecht, aber besser als ich jetzt. Rothenburg, Iphofen – Bayreuth. ‚Parzival‘, Wagners letzte Oper. Roland liebte Wagner, und ich liebe Roland, und ich wollte in die verbleibende Zeit alles, alles hineinstopfen, was es gab, so dass das ganze Buffet leergegessen wäre, wenn der Tod käme, um abzuräumen. Reisen, Eventsplanen war ja sowieso mein Schönstes, damals: mich spiegeln, in den Emotionen der Entführten. Nach jener Reise habe ich dem Schicksal jahrelang nur noch Medizinisches abgetrotzt, nicht mehr Touristisches.

Ich sehe auf die fliehenden Schilder an der Autobahn, und ich weiß, nicht sie fliehen, sondern ich. Die erste Zeile des Rückert-Liedes, das Gustav Mahler 1901 vertont hat, geht mir nicht aus dem Sinn: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘. Wenn der Strom ausfiele für mehrere Wochen, dann hätte ich die elektrisch gesteuerten Rollläden meines Hamburger Schlafzimmers lieber geschlossen als offen. Morgen Abend werde ich sie wieder herunterlassen. Dennoch freue ich mich auf heute Abend, denn es erwartet uns etwas ganz Besonderes, na ja, nicht es, sondern ich erwarte: das ‚Schlosshotel Steinburg‘, in den Weinbergen über Würzburg.

Wir sahen das eigentümliche Gebäude schon von Weitem. Es überragte die Rebstöcke auf ihren Terrassen wie eine Gouvernante die kuschenden Zöglinge. Das ,Schloss‘ ist deshalb so komisch, weil Andreas Pfannes es 1897 so ernst gemeint hat. Er war der Architekt dieser Merkwürdigkeit: ein dreigeschossiger Konglomeratsbau mit Risaliten, Erkern und Turmbauten, dazu Satteldach, Krüppelwalmdach und auf den Türmen Kegel- und Pyramidendach in gotisierendem Kalksteinbossenmauerwerk. So steht’s geschrieben und deshalb muss es stimmen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die Straße führte in engen Serpentinen in die Höhe. Die Anfahrt hinunter nach Triest am ersten Abend, die An- und Abstiege von Cres, Positano und Portofino: Bis heute in der herbstlichen Dämmerung hatte Rafał überall sein Geschick, Kurven zu meistern, ohne andere Fahrzeuge oder Menschen zu schädigen, unter Beweis stellen können. Dafür hatte er unterwegs nicht kochen müssen.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: wikitravel/gemeinfrei

Wir betraten die Eingangshalle in dem Bewusstsein, dass hier schon im 13. Jahrhundert während der Regierungszeit des Bischofs Iring von Reinstein-Homburg eine hohenlohische Burg gestanden hatte, von der Pfannes allerdings nicht viel übrig ließ.

Ein Zimmer lag fast ebenerdig, über ein paar Stufen zu erreichen, das nahm ich mir, denn die anderen beiden Räume waren nur über meiner Verfassung nicht zumutbare Stiegen zu begehen, Schloss eben. Ich mochte mein Zimmer. Es hatte Fenster rechts und links und vorne ein Bad. Sehr ungewöhnlich. Wie schmal war denn das Bauwerk, und wie verlief der Gang davor? Ich sollte wohl auf einer Brücke zwischen zwei klobigeren Komplexen schlafen. Aber vorher sollte ich essen. Doch noch blieb etwas Zeit für Lektüre. Aus dem ‚Spiegel‘ erfuhr ich: Um Donald Trump wird es einsam in der eigenen Partei. Zahlreiche prominente Republikaner sind am Samstag auf Distanz zu ihrem Kandidaten gegangen – oder forderten ihn gar zum Rückzug auf. Der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses Paul Ryan zeigte sich „angeekelt von dem, was ich heute gehört habe‟. Kommentator Bob Beckel sagte auf CNN: „Dieser Wahlkampf ist vorüber. Es gibt kein Rennen um die Präsidentschaft mehr.‟

Später weiß man mehr. Das macht Geschichte so vieldeutig, wenn es auch im Nachhinein schwerfällt, Beschlüsse, die ins Verderben führten, aus deren Zeit heraus zu akzeptieren oder zumindest zu verstehen.

Foto links: David Epstein/Public Domain | Foto rechts: jewiki/gemeinfrei

Silke bibberte in der Halle. Ihr Zimmer war „eiskalt“, sagte sie, und so blieb es auch. Ohne daran etwas ändern zu können, begaben wir uns dorthin, wo es nach Essen klapperte.

Wir wurden ins zweite Speisegemach gebeten, was in mir sofort die Vision entstehen ließ, wie schön es im ersten gewesen wäre. Aber ich fügte mich und bestimmte die übliche Sitzordnung: Silke rechts neben mir und daneben Rafał, damit Silke als Dame in der Mitte sitzt. Diese Regel wird nur ausgesetzt, wenn die pralle Sonne verkehrt steht oder ich Geburtstag habe. Auf diese Weise hat jeder sein eigenes Blickfeld, Silkes deckt sich teils mit Rafałs, teils mit meinem, und wenn ich mich mit Silke über jemanden am Tisch gegenüber lustig mache, sieht Rafał gar nichts, und wenn die beiden über etwas, das hinter mir vorgeht, kichern, starre ich betreten in meinen Teller und verstecke Fleischstücke unter den Kartoffeln, damit der Kellner glaubt, ich hätte mehr gegessen.

Noch interessanter als die ausgeklügelte Speisekarte war das Publikum. Es bestand wohl überwiegend aus Erwachsenen, auffällig waren aber die tobenden Kleinen, die noch zu jung waren, um den Unterschied zwischen ihrem Kinderzimmer und einem Gourmet-Tempel zu kennen. Dass aber auch die Eltern damit überfordert waren, ihrem brüllenden Nachwuchs Einhalt zu gebieten, stimmte nachdenklich. Auffällig war zudem eine Mutter, die ihren Säugling mehrfach stillte. Ihre nackte Brust über dem Esstisch hätte ich eher am Prenzlauer Berg verortet als in einem Lokal, in dem den Gast ein erhabenes Gefühl ‚unweigerlich beschleicht‘, wie man im Internet erfahren kann. Mich beschlich gar nichts, mich bekreischten die Gören, und es machte mich eher misstrauisch zu lesen, dass ‚Menüs für Vegetarier und Kinder stets Teil unseres Angebots‘ seien. ‚Darüber hinaus gehen wir aber natürlich auch gerne auf die Wünsche von Allergikern oder Diabetikern ein.‘ Wie steht es denn um die Wüsche von Ruhebedürftigen, Herr Ober? Das wäre mir lieber als Ihre Wachtelbrust auf iranischem Safranschaum und Rosenrisotto zu 14,70 Euro. Da gäb’ ich doch glatt ganze fuffzehn Euro und würde jovial sagen: „Stimmt so!“

Ist ja meine Schuld, dass ich heute Mittag Krustenbraten gegessen habe. Hätte ich mich auf einen Salat beschränkt, wäre ich jetzt auch nicht hungriger. Es ist nicht sinnvoll, die Lachsbrötchen am Buffet stehenzulassen, um mehr Raum für den Rehrücken zu haben, wenn einem hinterher doch alles im Halse steckenbleibt, was man ohne Grund versäumt hat. Andere haben gar nichts. Die haben’s gut.

Das Essen war köstlich, wenn auch überflüssig. Die Inneneinrichtung war gediegen und die Kellner unaufdringlich. Ein ganz klein wenig ranschmeißerischer hätten sie ruhig sein dürfen. Und die überflüssigen Kinder abräumen, bitte! Aber im Sommer auf der Terrasse ist es sicher so traumhaft, wie der Prospekt behauptet.

Wir gingen auf unsere Zimmer, Rafał ohne Aussicht auf Gay Romeos, Silke in ihre Eisbude und ich in meinen Schlauch mit Aussicht nach beiden Seiten nebst umfangreicher Minibar. Auf Hamburg freute ich mich überhaupt nicht, aber auf das Mittagessen in der Heide morgen. Ausgekostet werden muss! Ausgekotzt wird später.

Foto: Elnur/Shutterstock

9 Kommentare zu “Fränkische Gastlichkeit | #97

  1. Ach ja, angeekelte Kommentare zu Donald Trump gibt’s von allen Seiten, auch aus seiner eigenen Partei, den von ihm einverleibten Republikanern. Ob das aber jemals Konsequenzen haben wird, bleibt abzuwarten. Solange man an der Macht bleiben kann, wird man sich wohl sehr mit allzu harscher Kritik zurückhalten. Lieber ein ekelhafter Präsident als ein vorbildlicher Oppositionsführer. Schade, aber wahr.

    1. Demokratie ohne Bildung bringt Demagogen an die Macht. Und eine Partei ohne Rückgrat hält Demagogen an der Macht. Ich bin ebenfalls gespannt ob und wie die Republikaner in den USA jemals wieder aus diesem Schlamassel herauskommen. Trump ist hoffentlich in drei Jahren Geschichte, die republikanische Partei möglicherweise auch.

  2. Köstliches kann gar nicht überflüssig sein Herr Rinke. Genuss steht immer oben auf der Liste. Weltgeschehen und Politisches weiter unten.

    1. „Er hat seinen Begierden Grenzen gesetzt; er ist gleichgültig gegen den Tod; er hat von den unsterblichen Göttern, ohne sie irgendwie zu fürchten, richtige Vorstellungen; er nimmt keinen Anstand, wenn es so besser ist, aus dem Leben zu scheiden. Mit solchen Eigenschaften ausgerüstet, befindet er sich stets im Zustand der Lust. Es gibt ja keinen Augenblick, wo er nicht mehr Genüsse als Schmerzen hätte.“
      Wenn Cicero mit seiner Charakterisierung von Epikur recht hatte klingt das eigentlich ganz angenehm. Mehr Genuss als Schmerz wäre jedenfalls erstrebenswert.

    1. Die Welt kommt uns langsam allen abhanden. Stephen Hawking denkt ja nicht umsonst darüber nach, einen neuen Planeten zu besiedeln…

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