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Fast am Ziel

Benedikt, ohne Eier | #58

Als Rafał ‚Montecassino‘ auf dem ‚Uscita-Schild‘ las, sagte er: „Das haben Polen erobert“, und riskierte einen Blick nach rechts in die Berge. Dass er so etwas weiß! Tatsächlich besetzte am 17. Mai 1944 die polnische 5. Division den Colle Sant’Angelo, und die polnische 3. Division eroberte den Berg. Die Amerikaner hatten am 15. Februar 567 Tonnen Bomben auf die Anlage abgeworfen und das Kloster innerhalb von drei Stunden völlig zerstört. Dabei war dem deutschen Oberbefehlshaber in Italien Generalfeldmarschall Albert Kesselring die besondere historische Bedeutung des Klosters durchaus bewusst, und er hatte verboten, es direkt in die deutschen Stellungen einzubeziehen. Diese Entscheidung hatte er den Alliierten extra mitteilen lassen, aber die glaubten ihm nicht. Auch das hatten die Deutschen befürchtet und, kulturbewusster als amerikanische Haudegen, die historischen Bücher, die Baupläne, die Bilder von Leonardo, Tizian, Raffael und sogar das, was von Benedikt von Nursia noch übrig war, in die Engelsburg nach Rom geschafft. So konnte nach dem Krieg alles originalgetreu wieder aufgebaut werden, und nur Puristen müssen ‚Fake!‘ schimpfen, Tofu essen und dem Palast der Republik nachtrauern.

Benedikt, der Gründer des Benediktiner-Ordens hatte die Abtei im Jahre 529 dort errichten lassen, wo vorher ein Apollotempel stand. Dafür hatte sich der Gott der Künste mit Hilfe von US-Barbaren dann gründlich gerächt.

Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Die Benediktiner bilden den ältesten katholischen Orden. Ihr Leitspruch ‚Ora et labora‘ wurde bereits von den Renaissance-Päpsten modifiziert und von mir später ganz aufgegeben: ‚Bete und arbeite‘ klingt ja eigentlich eher protestantisch, und man tut Gott, glaube ich, Unrecht, wenn man ihm unterstellt, dass alles, was Spaß macht, zu sehr von ihm ablenkt. Borgia-Papst Alexander VI. würde mir beipflichten, gemäß seiner Vita, Luther eher nicht, trotz seiner Vita. Wer also ist vom rechten Glauben abgewichen? Mutmaßungen.

Rafał hatte ich inzwischen in Verdacht, gleich vom Verlauf der Fahrbahn abzuweichen, und Erwägungen über die Schlacht um Montecassino oder das Ringen um Gottes Wille würden wohl nicht ausreichen, um ihn aufzurütteln. Silke dämmerte hinten sowieso. „Ich schlaf‘ gleich ein!“, gestand Rafał glaubhaft. Um das zu vermeiden, hielt ich ihn an, an der nächsten Raststätte anzuhalten. Es war jetzt nicht der Zeitpunkt, inquisitorisch seine Umtriebigkeiten der vergangenen Nacht zu hinterfragen, um mit Kausalzusammenhängen aufzutrumpfen.

Ich ging mit aus Neugier und bekam einen Sitzplatz in der Ecke und eine Cola in die Hand. Ich sah auf die vielen lärmenden Menschen, die vielen beschmierten, belegten, begessenen Brote, die vielen schockfarbenen Teddybären, die riesige, neonerleuchtete Halle mit all ihrem käuflichen Plunder und ich dachte: ‚Das ist das Leben! – Schrecklich.‘

9 Kommentare zu “Benedikt, ohne Eier | #58

  1. Raststätten sind fürchterlich, gehören aber, wie vieles andere auch, untrennbar zu jedem Urlaub dazu. Wenigstens wird der Kaffee in den besagten deutschen Etablissements langsam aber sicher besser.

    1. Viele Raststätten sind tatsächlich ein Graus. Ich kenne allerdings die ‚Eataly‘-Filiale mitten in NYC. Ob die Raststätte auf dem Foto qualitativ mithalten kann? Dann müsste ich meine Vorurteile deutlich relativieren.

  2. Purismus hin oder her, ich würde jedenfalls nicht „Fake!“ schreien, wenn statt dem Berliner Stadtschloss der Palast der Republik wieder aufgebaut würde 😉 Trotz Asbestbelastung und kontroversen Debatten gehörte er ja irgendwie immer zur Berliner Geschichte.

    1. Völlig ohne Frage. Allerdings finde ich die Idee, ein wenig anders als beim Montecassino, das Schloss nach mittlerweile fast 70 Jahren als Neubau wieder aufzubauen doch schräg. Nach der langen Zeit hat es dann doch eher etwas von Disneyland, nicht?!

    2. Soll Architektur erziehen? Wenn nicht: Leute lieben Fachwerkhäuser mehr als Wolkenkratzer. Der Fake-Platz vor der Disney-Frauenkirche in Dresden wäre auch nicht hübscher mit echter DDR-Platte. Die nächste Generation, geschichtsvergessen und zukunftsgläubig, merkt den Unterschied zwischen Original und Fälschung sowieso nicht mehr. Wenn es alt aussieht, wird es wohl alt sein. Wie Warschau und der Frankfurter Römer.

    3. Um Ihre Frage zu beantworten Herr Rinke: Nein, es muss nicht immer alles pädagogischen Zwecken folgen. Die viel diskutierte Frage des Berliner Schlosses ist aber doch eine andere. Sowohl der Palast der Republik wie auch das Schloss haben historische Bedeutung. In welcher Form und welcher Gewichtung sollte man sicherlich nicht gegeneinander aufwerten. Und welche Architekturrichtung man am Ende bevorzugt ist wohl reine Geschmacksache. Ich persönlich habe nichts gegen ein bischen Pathos und einen Hauch von Disney-Preußen im Herzen Berlins. Die Touristen wird’s freuen. Trotzdem ist der Neubau auch eine vergebene Chance, eine Entscheidung gegen das Neue, gegen den Aufbruch. Zur weltoffenen Stadt, die (weit weg von den Touristenmeilen) immer noch eine gewisse Aufbruchstimmung und Euphorie erkennen lässt wie sie in Deutschland selten ist, passt das Schloss jedenfalls nicht.

  3. Am Wiederaufbau des Stadtschlosses werden sich wohl ewig die Geister scheiden. Es ist ein bisschen so, als würde man das Rad der Geschichte zurückdrehen. An dem Ort klaffte nach dem Abriss des Palastes der Republik, auch bekannt als „Erichs Lampenladen“, jedenfalls noch lange eine Wunde. Viele Ostberliner und Ostdeutsche hätten sich eine Sanierung des Gebäudes gewünscht – als Palast des Volkes, vielleicht … Das wäre zumindest ein Weg im Sinne von Authentizität und Bürgernähe. Zumal ja auch hier ein Ort des (friedlichen, aber unnachgiebigen) Widerstandes war: Am 7. Oktober, als die Staatsführung den 40. Jahrestag der DDR feierte, versammelte sich eine mutige Masse und skandierte „Gorbi, Gorbi“ und forderte Reformen. – Ein Stadtschloss als Prunkikone und Symbol alter Dynastien symbolisiert davon sicherlich rein gar nichts.

  4. Ich frage mich (und Sie), sollte die historische „Heerstraße“ ab Nauen nach Siegessäule und Brandenburger Tor (sicher auch kein sichtbarer Zentimeter mehr von 1791) in diese Mehrzweckhalle mit dem komischen Namen münden, die da ab 1976 stand? „Palast der Republik.“ Klingt so plausibel wie „Hütte der Monarchie“. Wo es keine neuen Ideen gibt, müssen eben die von 1442 ff herhalten.

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