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Fast am Ziel

Willkommene Enttäuschung | #25

Seit Kroatien selbstständig ist, haben sich alle viel Mühe gegeben. Als wir den Stau zum Zentrum hinter uns hatten, kamen wir auf eine gepflegte Palmenpromenade mit herrschaftlichen Hotels aus K.-u.-k.-Glanzzeiten. Weiße Fassaden, hohe Fenster, Stuck. Rechts und links, über Kilometer. Aber so ein Trubel. Menschenmassen in Cafés und Strandbars. Um die Hautevolee handelte es sich dabei offensichtlich nicht. Silke war nicht begeistert, aber ich fand, wir müssen der Umgebung eine Chance einräumen. Mittendrin, vor dem Grandhotel ‚Palace Bellevue‘, fanden wir sogar eine einsame Lücke am zugeparkten Straßenrand, für die sollte man sich in Kuna erkenntlich zeigen. Selbstverständlich hatte Silke bereits in Hamburg Kuna besorgt, aber eher, um Restaurant-Rechnungen zu begleichen, als um Kleingeld in Automaten zu stopfen. Rafał wollte wechseln, die ‚Boutiqueusen‘ wollten nicht. Schon vorher hatte ich eine herbe Enttäuschung zu verkraften gehabt: Die Balustrade zur Terrasse musste zwar über viele Stufen erobert werden, doch von dort bot sich bestimmt ein herrlicher Blick über die Promenade aufs blaue Meer, während man in bequemen Fauteuils versank und anregende Getränke schlürfte. So war es nicht. Das Meer war durchaus blau, die Terrasse nicht bewirtschaftet. Das Hotel wirkte bestreikt. In der Halle musste ich an ‚The Shining‘ denken. ‚Grandhotel Palace Bellevue‘! Warum nicht noch ‚Excelsior Casino Bellagio Mandarin Four Seasons Alcaza‘ dazu? Jemand, der das Hotel später und gründlicher als wir besucht hatte, stellt bei ‚TripAdvisor‘ fest, dass dort der Charme des Kommunismus wieder auflebe. Aber von außen sah es gut aus, fand ich. Silke und ich setzten uns an der Promenade unter die Arkaden eines ansehnlichen Gebäudes und warteten ab, bis Rafał vom Geldwechseln plus -einwerfen zurückkam und die überforderte Kroatin unsere Bestellung aufnahm. Wir sahen den Ausschnitt von Opatija und seinem Strand, den unsere Plätze uns boten, und Silke sagte: „Hier möchte ich nicht Urlaub machen.“

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Viertel nach eins stiegen wir wieder in den gut durchgewärmten Mercedes und fuhren entsprechend den Vorstellungen der Navifrau die Promenade weit entlang bergauf bis zu einer schmalen Seitenstraße, die dann wieder runterführte. Als der Weg gerade besonders unübersichtlich war, verkündete sie ihr gefürchtetes „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Wagen standen dicht an dicht geparkt, hinter uns hupte es, Rafał ließ uns aussteigen und fuhr auf gut Glück weiter. Irgendwo vor Koper musste Istrien doch noch eine Abstellmöglichkeit bieten.

Silke und ich gingen zum ‚Valle Losca‘. Draußen konnte man nicht sitzen, schade. Drinnen auch nicht. Sehr schade. Es war geschlossen. Silke hatte nicht nur geschrieben, sie hatte mit den Leuten telefoniert. War trotzdem zu und wir aufgeschmissen. Silke versuchte, Rafał auf dem Handy zu erreichen, klappte nicht. Bei ‚TripAdvisor‘ hatte es geheißen: ‚Super Lokal, lecker Essen, toller Chef und Bedienung, geniales Ambiente, entspannte Atmosphäre …‘ und nur in diesen Tönen. Half ja nichts. Die Luft stand schwül vor der abweisenden Tür. Obwohl ich sowieso nie Hunger habe, kam ich mir ausgesperrt vor. Ich teilte Silkes Mischung aus Empörung und Schuldgefühlen: Als ob man in Badehose am Vatikan abgewiesen wird oder in Burka am Bankschalter. Nur war eben keiner da, bei dem wir uns beschweren konnten, dass wir doch manierlich angezogen seien und Trinkgeld in der Landeswährung bereithielten. Rafał kam, und wir gingen gleich mit ihm zurück durch die fahle Hitze. In dem Einbahnstraßengewirr hätte er uns mit dem Auto nie wieder gefunden. Es war natürlich schmerzlich, die schöne, rare Parklücke so schnell zu verlassen, aber dort zu parken, wo man nicht sein will, nur weil da Platz ist, wirkt irgendwie dickköpfig.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mit stechendem Blick sah ich nach rechts und wurde bald fündig: Ein Dreieck zwischen unserer und einer einmündenden Straße beherbergte ein Restaurant mit großer Terrasse. Davor fanden wir sogar eine Möglichkeit zu parken, versehen mit einem Schild, dass das verboten sei. Wir dachten, das Lokal sei auch geschlossen, aber eine freundliche Frau kam und sagte, wenn wir ihre Gäste seien, dürften wir da parken, sie kennt die Polizisten. Wir saßen unter Sonnenschirmen von ‚Jana‘, dem kroatischen Mineralwasser, dass Rafał so schlecht leiden konnte, dass er bis zu unserer Abreise aus Kroatien auf alle möglichen Getränke auswich, die seine Leber sicher nicht alle lieber mochte als den salzigen Sprudel. Während derselben Zeit bekam ich keinen Fernet Branca, ein Malheur für meinen Darmtrakt ab Kehle; gut, dass ich wenigstens Whisky hatte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die nette Frau erschien mit Fischen, die so behaglich auf Eis gebettet lagen, dass man fast mit ihnen tauchen wollte. Es wurde ein wunderbares, sorgloses Essen. Die Toiletten waren Schmuckstücke, und es kamen sogar noch zwei weitere Gäste. Ich wünschte unserer Gastgeberin für den Abend mehr Publikum, aber wir mussten ja weiter; die Küstenstraße südwestlich, entlang an Villen und Nadelhölzern in etwa hundert Metern Höhe. Es hätte laut Routenplaner 35 Minuten dauern sollen, nach einer Stunde kamen wir ans Ende einer Schlange. Ich vermutete ein Verkehrshindernis. Rafał stieg aus und ging um die Ecke: Bis unten standen Autos, die alle auf die Fähre wollten. Ich war wütend. Warum blieben die nicht in Opatija oder in Bad Salzuflen? Wir warteten fast zwei Stunden, bis auf der Straße etwas geschah. Mein Unterleib war wie üblich schneller, musste sich aber vom Hirn disziplinieren lassen. Gleichzeitig sagte ich mir gebetsmühlenartig, wie schön es hier am Straßenrand sei, das gut gekühlte Auto, das Gras, der Sand, die Dornen.

Ich war gerade dabei, mich zu beschimpfen, dass andere jetzt im Schlauchboot auf dem Mittelmeer treiben und die Nacht nicht überleben werden, da ging es weiter, zwar langsam, doch stetig. Wir kamen sogar noch auf die Fähre, ich konnte es kaum fassen, und fast genauso schön, es gab sogar eine Toilette. Kein Vergleich zu der gediegenen Örtlichkeit unseres Mittagessens, aber manchmal hat man keine Wahl und kann, um das Gegenbild zu bemühen, eine schlichte Mahlzeit zur rechten Zeit mehr genießen als ein erlesenes Gericht zur falschen. Die Menschen im Schlauchboot brauchte ich gar nicht, um dankbar zu sein. Menschen, die ihr Glück nicht genießen können, weil das Leid der Welt sie zu sehr stört, sind zu bewundern, wenn sie daraus Konsequenzen ziehen, ansonsten denke ich, die haben einen an der Waffel.

2 Kommentare zu “Willkommene Enttäuschung | #25

  1. Ja, ja, wer eine Reise macht kann was erleben – anstrengend – gut, dass Rafal dabei war und mit seiner Umsichtigkeit sicher das eine und andere Mal für Entspannung sorgen konnte.

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