Teilen:

1202
Fast am Ziel

Die Hände im Schoß, die Füße im Becken | #56

Unsere Anlaufstelle in Rom war das Hotel ‚Condotti‘. Bereits 1967 traute ich mich ins ‚Spundloch‘, nie solo, aber in ‚Damenbegleitung‘ und sogar mit Harald. Allein hätte ich nicht gewagt, die Stufen zu diesem Etablissement herabzusteigen, denn da verkehrten Männer, die mit Männern verkehrten; da wollte ich keinen verkehrten Eindruck erwecken, weder bei Gott noch bei den Anwesenden, und unzulässige Gefühle bei mir selbst erst recht nicht. Was ging bloß vor in mir? Von Gott besessen, vom Teufel verschmäht. Michael war der Hübschere und Einfältigere der beiden Besitzer, und er sagte über Shirley Basseys neue Platte, die neue Krawatte der ‚dicken Berta‘ und über alles andere auch: „Unglaublich!“, was selbstredend in den Sprachschatz der Haraldine einging, zumal die ja in sich selbst die letzte große Kokotte sah. Das veranlasste sogar Pali noch sechs Jahre später dazu, ihr Büttenpapier drucken zu lassen, auf dessen Briefkopf in erlesener Schrift unterhalb ihres bürgerlichen Namens ihre Bestimmung prangte: ‚La dernière grande cocotte‘.

Michael, als er hörte, dass wir nach Rom wollten, hatte gleich einen Tipp für uns, deutlich anders als die Vorschläge meiner Mutter: das Hotel ‚Condotti‛. Die Lage der Unterkunft in der ersten Querstraße hinter der Spanischen Treppe war hervorragend, die Räumlichkeiten waren es eher nicht. Es war so heiß, dass ich schmachtend auf dem Bett lag, dabei die Hände im Schoß, die Füße im winzigen Waschbecken. Harald und Hans-Dieter mussten mit der Kühlung ihrer Gesichter so lange warten. Im Jahr darauf fiel es Irene nicht leicht, sich an die Kammer zu gewöhnen, und als Guntram drei Tage später angeflogen kam, machte er kein Hehl daraus, wie froh er war, am nächsten Tag mit seiner Frau nach Ischia abzureisen. Ich blieb noch, bekam aber Panikzustände und fuhr ihnen mit der Bahn hurtiger hinterher als vorgesehen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Vier Jahre später lehnte Pali es nach kurzer Besichtigung ab, dort zu bleiben und führte mich in etwas Besseres. Aber für die ‚Noflo‛ reichte es: wieder zwei Jahre später und im Jahr darauf nochmal. Okay, die Zimmer waren furchtbar, aber Harald und ich hatten eine malerische (also verwahrloste) Terrasse, auf der wir vier in der Sonne liegen und Frascati trinken konnten. Der Wein wurde drei Häuser weiter aus riesigen Fässern in Flaschen abgefüllt und war billiger als das Mineralwasser; ein erzieherisch fragwürdiger Umstand. Wir liebten es. Wir liebten alles. Ich verliebte mich eines Abends auf der Piazza Navona unvorhersehbarerweise zusätzlich in Carlos, was insofern ungünstig war, als Carlos mich anschließend in Venedig besuchen kam. Dort waren bereits Irene, Pali und Arthur. Mit Arthur lebte Pali seit dem Frühjahr zusammen. Arthur war Indonesier, sprach einigermaßen Englisch, aber weder Deutsch noch Polnisch. Irene sagte, es müsse irgendetwas in ihrer Jugend passiert sein: Deutsch habe sie in ihrer Kindheit im Handumdrehen gelernt, Französisch auch noch, aber dann gab es eine Blockade und mit Englisch hat es einfach nicht mehr geklappt.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Dies machte die Verständigung zwischen Arthur und Irene schwierig, viel zu sagen hatten sie sich ohnehin nicht. Pali war unwirsch, und Irene freute sich darauf, dass Harald und ich aus Rom eintreffen würden. Nicht gerechnet hatte sie mit Carlos, der zwei Tage nach mir aus Wien, wo er als Fahrer im Hotel ‚Sacher‘ arbeitete, zu Besuch kam und Irene überhaupt nicht ins Konzept passte, obwohl er ‚Gnädige Frau‘ zu ihr sagte. So gab es am Lido drei Pärchen: Pali und Arthur, Carlos und Hanno, Irene und Harald. Harald sagte auf einer Überfahrt vom Lido nach Venedig zu Irene: „Eines Tages werde ich mich ganz zurückziehen.“ Das erzählte sie mir erst viel später, als das tatsächlich passiert war.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Carlos kam mich wochenlang in Hamburg besuchen. Meine Eltern fürchteten sich. Ein gesuchter Terrorist hieß damals auch Carlos. Und mein Carlos schien keine Geldsorgen zu haben, was in meinem Elternhaus nicht als beruhigend, sondern eher als besorgniserregend eingestuft wurde. Ich war immer noch glücklich. Im August flog ich mit Carlos nach Wien, mein erstes von unzähligen Malen. Er zeigte mir alles, was in den drei Tagen möglich war, mein schlechtes Benehmen beim Heurigen machte er ausgelassen mit, ich dachte an Schubert, er an mich, und er wollte mich zu Weihnachten mitnehmen nach Kapstadt, wo seine portugiesische Familie lebte, seit sie aus Mosambik vertrieben worden war, aber dann, im November lernte ich Roland kennen …

4 Kommentare zu “Die Hände im Schoß, die Füße im Becken | #56

  1. Michael, Arthur, Pali, Harald, Roland, Carlos…diesmal kann ich kaum folgen. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, brauchen wir Leser bald ein Personenverzeichnis à la Dostojewskij 😉 Meine Verwirrung mag aber auch an meiner ohnehin wahnsinnig schlechten Beziehung zu Namen liegen.
    Von winzigen, heissen Hotelräumen in Italien kann ich allerdings auch ein Lied singen. Ich musste/durfte vor ein paar Jahren den venezianischen Sommer in einem wunderbar alten, aber auch wunderbar kleinen Hotel mitten im Touristendschungel nähe San Marco verbringen. Eine Erfahrung, die gemischte Gefühle hinterlassen hat.

    1. Pali, Roland und Harald kommen ja immer wieder vor, Michael, Arthur und Carlos nie mehr.
      Inzwischen ist in Italien fast jeder Raum mit aria condizionata ausgestattet und die Butter nicht mehr ranzig.

  2. Wien ist mir immer fremd geblieben. Auch nach zahlreichen geschäftlichen wie privaten Reisen. Zu morbide, zu bourgeois, zu steif, zu hübsch. Und das, obwohl viele meiner Helden aus Österreich stammen. Mozart, Schubert, Schönberg … Klimt und Schiele … Bachmann, Bernhard, Jelinek … Brandauer und Romy … Haneke, Seidl …
    Irgendetwas zieht mich immer wieder zurück nach Wien und trotzdem bleibt es immer eine von diesen Städten, in denen ich mich zwar gut zurecht finde aber nie zuhause fühle.

    1. Mir liegt die Stadt sehr. Wahrscheinlich maßgeblich wegen der Wiener Philharmoniker, mit denen ich viel aufgenommen habe. Ich mochte aber auch die Menschen im Klassik-Bereich und den Dialekt, bei dem selbst Unverschämtheiten herzig klingen. Tafelspitz und Schnitzel. Freud ist überall, Leid natürlich auch.

Schreib einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

13 + 5 =