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Fast am Ziel

Abend der Gaukler | #67

In der Nachmittagssonne auf der Terrasse sitzen und alles an sich vorbeirauschen lassen: das, was man unterlassen hat, und das, was man getan hat. Mein Hirn ist das Kanu, an dem im Blut alles vorbeischnellt: das Erreichte und das Versäumte. Nil oder bloß wieder Tiber? Man muss sich was trauen. Sonst hat man umsonst gelebt. Man muss denken oder herrschen oder niedergeknüppelt werden. Scheiß auf dein Grab, Hauptsache, du hast gelebt vorher!

Ich erinnere mich noch gut daran: die Gefahr mehr suchen als die Zufriedenheit, damals. Tage, die nicht am Abgrund hangeln, sind es nicht wert, gelebt zu werden. Ich kenne diese Einstellung – aus Erfahrung, aber die Konsequenzen, die ich daraus zog, sind kein Stoff, über den ich schreiben möchte, denn ich habe nicht versucht, die Menschheit zu retten, sondern nur, mich selbst aufzuputschen oder zu besänftigen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

‚… was die Welt im Innersten zusammenhält …‘ Das Faustische habe ich immer in mir zu entdecken versucht und dachte meist: „Armer Mephisto, an mir hättest du dir die Zähne ausgebissen.“ In Wahrheit hätte Mephisto seinen Spaß an mir gehabt. Wie oft habe ich für einen durchgeknallten Augenblick alles riskiert, aber bis auf den heftigen Schlaganfall ist mir nie etwas Schlimmes passiert, immer nur den anderen. Gerechterweise habe ich unter den Verlusten geliebter Menschen so gelitten, dass mein ewiges Ziel einer Unbeschwertheit selbst im Paradies nicht mehr denkbar ist. Trotzdem: Diese ständige Angst vorm Orgasmus, also vor der Lust-Losigkeit, die anschließend kommt. Also doch wieder Faust: ‚So tauml ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht ich nach Begierde‘. Treffender als Goethe, den ich in seinem Spießer-Weimar als kecker Revolutionär des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts gern schamlos und ungerecht provoziert hätte, kann keiner es ausdrücken.

Inzwischen ist unser Leben völlig anders geworden, auch durch die Möglichkeit der Wiederholung, die es früher nicht gab: Ich kann mir Schuberts Streichquintett anhören, immer wieder, bis ich verscheide, oder ich kann mir die geilste Stelle eines Pornos so lange reinnudeln, bis ich abkratze. Das ist neu für die Menschheit und wie das meiste Selbstverständliche den meisten nicht bewusst. Warum auch? Der vorwärtsstrebende Geist muss sich tatsächlich nicht damit befassen, dass Goethe weder fließendes Wasser noch Zentralheizung hatte, er fragt sich höchstens, wie Deutschlands meistgefeierter Dichter dreckig und frierend die „Iphigenie“ schreiben konnte. Tell me, Göhte!

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Ich habe zu mir selbst gesagt: „Was du nicht ändern kannst, das musst du genießen, und was du nicht genießen kannst, das musst du ändern!‟ Jetzt kann ich nichts mehr ändern und nur weniges genießen. Die Schmach des Alters. Rafał kommt. Meine Kleidung kann ich ändern. Anders auszusehen als man ist, hat schon vielen geholfen. Eine erfolgreiche Verstellung ist genauso befriedigend wie eine zur Schau gestellte Gesinnung.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Taxe brachte uns auf die andere Tiberseite, bis kurz vor die Piazza Santa Maria in Trastevere. In der Mitte des Platzes gab ein Gaukler seine Vorstellung, umringt von Schaulustigen. Bei ‚Sabatini‘ bekamen wir erst unsere Plätze zugewiesen, direkt gegenüber dem Spektakel, und dann die Speisekarte mit den enormen Preisen. Ich war nicht überrascht. Bei ‚TripAdvisor‘ hatte ich schon lesen können: ‚ACHTUNG ABZOCKE!‘ – ‚Viiiiel zu teuer!!!‘ und ‚Pure Frechheit‘. Als – für mich – positivstes Merkmal wurden die viel zu kleinen Portionen erwähnt. Nichts essen zu müssen, dafür zahle ich gern. Schon als wir hier 1966 zu sechst waren, hatte ‚Sabatini‘ einen guten Ruf. Das Restaurant war schon damals in der oberen Preisklasse angesiedelt, aber die lag damals viel tiefer als heute; unser Hausarzt hatte mir schon damals statt Tabletten lieber einen doppelten Aperitif gegen meine psychosomatische Appetitlosigkeit angeraten; die Pasta und die Fisch-Zubereitung galten schon damals als herausragend, und die Mosaike der gegenüberliegenden Kirche gaben dem heruntergekommenen Platz schon einst eine katholische Feierlichkeit.

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Zehn Jahre später waren Roland und ich auf mein knappes Kommando hin aufgesprungen und weggerannt; das Dinchen hatte das Signal nicht richtig verstanden und schnaufte hinterher. Zurück blieben eine angebrochene Flasche Wein und drei Speisekarten. Dafür, dass man so lange auf den Kellner warten sollte, fanden wir die Preise doch zu hoch. Damals. Die beiden Jahre zuvor mit der Noflo hatten wir uns besser benommen.

Auf der Piazza wechselten die Darbietungen. Wer wollte, konnte da spielen und tanzen und sich sein Publikum erobern. Das hatte zur Folge, dass, wenn jemand gut war, er umringt wurde und wir nichts sahen. War er aber schlecht, hatten wir bei ‚Sabatini‘ von unseren vorderen Plätzen aus einen großartigen Blick auf ihn.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir aßen nach den dekorativen Vorspeisen einen ganzen Fisch aus der Salzkruste: zart, würzig und sein vieles Geld wert. Hässlich angezogene Menschen wurden nicht in unsere Nähe gelassen. Sie wurden abgewiesen oder nach drinnen geschickt. Draußen sei alles reserviert, bekamen sie zu hören. Das war zweifellos gelogen, aber statthaft.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zum Nachtisch kam der 88-jährige Padrone, und als ich ihm sagte, dass ich sein Lokal schon seit fünfzig Jahren kenne, führte er mich in die hinteren Räume und zeigte mir die braunen Fotos aus der Zeit, als kaum Touristen nach Trastevere gekommen waren. Ich zahlte ohne Reue, und dann ließen wir uns durch die beginnende Nacht und deren anpulsende Aufbruchsstimmung zurückfahren auf die andere Tiberseite. Wenn das Leben zu toben beginnt, beginne ich, das letzte Glas zu leeren. Früher war ich dann wie elektrisiert losgezogen. Heute ist das Elektrischste an mir meine Zahnbürste.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

6 Kommentare zu “Abend der Gaukler | #67

  1. Die Möglichkeit der Wiederholung ändert sicherlich vieles. Jeder Moment kann heutzutage ja auf Facebook, Instagram oder Youtube als Photo, als Video nacherlebt werden. Allerdings frage ich mich manchmal ob wir mittlerweile nicht sogar schon wieder einen Schritt weiter sind. Wo die Wiederholung zwar noch möglich ist, aber aufgrund der immer ausgeprägteren und auf die Spitze getriebenen Schnelllebigkeit eigentlich schon wieder obsolet ist. Wer clickt denn heute schon mehr als einmal auf ein Youtube-Video, hört sich ein Album von vorne bis hinten an, kauft sich eine DVD um einen Film nochmals zu schauen? Wiederholung ist meinem Gefühl nach fast schon wieder out. Es muss alles neu sein. Aufregend. Anders.

    1. Wer bestimmt denn, was „in“ oder „out“ ist?? Im seltensten Fall sind es die Menschen selbst. Häufiger sind es doch die Medien und die Werbeindustrie, die ein Bild der Masse prägen, um nicht zu sagen: vorgeben. Und die Trägheit der Masse ist bekannt aus der Physik. Es ist ja so leicht, sich einzureihen und gruppendynamisch dem Mainstream zu folgen; leichter als eigenen Werten Raum zu geben und auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Ich jedenfalls orientiere mich am liebsten an meinen persönlichen Bedürfnissen – und freue mich, wenn ich eine DVD in Händen halte oder eine CD, weil deren kostbarer Inhalt es mir wert ist, sie zu besitzen. Und an Herrn Rinke gerichtet: So anstrengend und befremdlich ich manchmal Ihre negative, pessimistische Lebenshaltung in Ihren Texten finde, so pflichte ich Ihnen an dieser Stelle doch bei: Ich bin froh, das Ende unserer sich unaufhaltsam technisierenden Welt nicht erleben zu müssen: Roboter, 3D-Drucker, Drohnentaxis und selbstfahrende Autos – da bleiben doch langfristig jede menschliche Intelligenz und soziale Kompetenz auf der Strecke.

    2. Hmmmm…Sie sprechen da wahnsinnig viele Themen auf einmal an. Ob dabei sämtliche Punkte auch durchdacht sind, möchte ich, ohne Ihnen auf die Füße treten zu wollen, bezweifeln. Nehmen wir z.B. die fortschreitende Technisierung und das anscheinende fehlen menschlicher Intelligenz und sozialer Kompetenz. Ist es nicht so, dass so etwas wie ein 3D-Drucker nur aufgrund menschlicher Intelligenz und jahrelanger Forschungs-und Entwicklungsarbeit existiert? Werden nicht in Japan bereits menschenähnliche Roboter zur Betreuung von Autismuspatienten eingesetzt, gerade weil die stark eingeschränkten programmierten Emotionen viel einfacher gelesen und verstanden werden können? Sind die Roboter damit in einer Weise nicht sozial kompetenter? Freut sich jemand, der aufgrund eines Unfalles ein Bein verliert nicht über eine vollautomatische Hightech-Prothese? Ich möchte behaupten, dass jegliche Technik entwickelt wird um das Leben der Menschen zu vereinfachen. Dass Fortschritt in unterschiedlichsten Formen missbraucht werden kann ist ein anderes Thema. Für mich ist Fortschritt immer spannend. Das Leben geht weiter Frau Schön. Und wird hoffentlich nie langweilig 😉

  2. …und das kommt mir altem Mann sehr oberflächlich vor. Wie unendlich oft habe ich mir ein Streichquartett oder eine Sonate angehört, bis ich das Werk verstanden zu haben glaubte. Wie oft habe ich immer wieder dieselben Andersen-Märchen gelesen, um mir ihren Stil einzuprägen. Wie lange feile ich an den Texten meines Blogs, bis sie genau das ausdrücken, was ich meine, suche stundenlang nach verstärkenden oder konterkarierenden Bildern. Das finde i c h aufregend. Neues dagegen, das man sich nicht aneignet, bleibt so unwichtig wie die Lotto-Zahlen der vorletzten Woche.

    1. Wie wahr, wie wahr! In unserer schnelllebigen Zeit bleibt kaum Raum für eine tiefere Beschäftigung. Es wird geliked, geklickt, getweetet, gepostet aber so gut wie nicht innegehalten oder nachgedacht. Immerhin tweetet im Gegensatz zu den USA unsere Kanzlerin noch nicht während der Morgentoilette über das Programm der ARD. Ein bischen Hoffnung gibt es noch.

    2. Zur Verteidigung muss man vielleicht anmerken, dass die Informationsfülle, die uns heutzutage zur Verfügung steht kaum zu bewältigen ist. Selbst ohne Wiederholungen. Trotzdem gebe ich Ihnen beiden im Grundsatz recht. Der Wille sich mit etwas längerfristig zu beschäftigen fehlt tatsächlich leider viel zu häufig.

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