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Fast am Ziel

‚Ö‘ | #88

Unser nächstes Ziel war Portofino. Meistens kam ich von Norden, aus der Schweiz, und wenn Portofino erreicht war, dann waren wir so sehr in Italien, dass wir eigentlich für den Rest des Urlaubs hätten bleiben können. Romantischer ging es nicht. Aber Bleiben ging auch nicht; ein Drink am Yachthafen – und weiter; nicht ausruhen – erobern! Bis auf ein einziges Mal 1976 mit Roland und Harald; da waren wir auch auf der Rückreise aus dem Süden gewesen und übernachteten im ‚Nationale‘ direkt an der Piazza, bevor wir die Aurelia zu Ende fuhren bis Arles und es danach noch über die Camargue bis an die Costa Brava schafften, eher sportlich als erholsam.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dieses Mal war die Strecke weniger beschwerlich. Wir konnten all die hässlichen Badeorte links liegen lassen. Erstmals hatte ich sie mit Erika und Hartmut benasrümpft, Harald und ich hatten in den Jahren danach die Ortsnamen unserem damaligen Sprachgebrauch angepasst und unter dem Oberbegriff ‚Marina di Kacke, Marina di Scheiße‘ zusammengefasst. Pali war entsetzt, als ich ihm diese Fahrt zumutete. Er hatte kein Verständnis dafür, dass man Dinge betrachtet, nicht, weil sie anbetungswürdig schön sind, sondern, weil sie abgrundtief hässlich sind. Entsprechend ausgiebig konnte ich mich an seinem Entsetzen weiden. Für mich ist es eben ein viel erhebenderes Gefühl, an einem Schreckensort zu wissen: Hier muss ich nicht bleiben, als in herrlicher Umgebung zu wissen: Hier kann ich nicht bleiben. Na ja, vorbei …

Wir durften all diese schlimmen Marinen sich selbst überlassen und brauchten bloß die letzte Ausfahrt vor Genua zu nehmen. Dann begann für Rafał über Rapallo und Santa Margherita eine Fahrt, die mindestens so anstrengend war wie die nach Positano. Ich ließ ihn deshalb mit dem Vertrag von Rapallo in Ruhe, den am 16. April 1922 das Deutsche Reich und die spätere Sowjetunion unterzeichneten: zwei Ausgestoßene, die gegen ihre Isolation in der Welt ankämpften und dafür die ideologischen Gräben überwanden. Gibt es heute noch Ideologien oder nur noch Ansichten? Religionen sind unheilig genug. Friedlicher ist die Welt seither nicht geworden, aber Europa ist freier, und solange ich es noch bereisen kann, tue ich das.

Bei Portofino ist Schluss. Da geht die Straße nicht weiter. Man kommt nicht um die nächste Bucht, sondern muss so zurückfahren, wie man hergefahren ist. Orte ohne Durchgangsverkehr sind angenehm – wenn man erstmal drin ist. Vorher ist es oft schwierig, und so hatte ich mich auf die beschwerlichste Ankunft der ganzen Reise gefasst gemacht. Wir wurden auch gleich in ein Parkhaus dirigiert, und es war schnell klar, dass ich von dort aus das ‚Nazionale‘ zu Fuß nicht würde erreichen können. Ich hatte keine große Lust, die Nacht zwischen Fiat und Toyota zu verbringen und bestand darauf, dieses schreckliche Gebäude wieder zu verlassen.

Früher hatte hier ein Parkplatz ausgereicht, um die Autos der Ankömmlinge unterzubringen, jetzt nicht mehr. Wir umrundeten den Platz. Vor einer Garage stieg ich aus und sprach mit jemandem, den ich für den Besitzer hielt – war er auch. Er nahm unseren Wagen in Empfang, lud das Gepäck auf einen Karren und versprach, uns am nächsten Morgen wieder abzuholen. Alles gegen gute Bezahlung. Von dem ortsnahen Stellplatz aus bewältigte ich den Weg zum Hotel über Stufen und Kopfstein ohne Mühe, na ja, mit Mühe. Pali sagte immer: „Probleme, die sich mit Geld lösen lassen, sind keine.“ Das setzt allerdings voraus, dass man welches hat.

Der Blick aus meinem Zimmer war nicht großartig: eine Hauswand mit ein paar Fenstern. Als wir aus dem Vordereingang traten, sah ich neidvoll über uns die Dachterrasse, von der aus man die Piazza mit ihren bunten Häusern und dahinter die ganze Bucht überblicken konnte. ‚Sollte ich jemals wieder hierher zurückkommen, dann will ich dieses Zimmer haben‘, schwor ich mir. War kein schwieriger Eid, ich kann ja auch wegbleiben.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir fanden Plätze vorn vor dem angesagtesten Café. Die weiß behosten Menschen von den Jachten begegneten vor unseren Augen den bunten Tagestouristen. Sie machten ihre Ausflüge in entgegengesetzten Richtungen und beachteten einander nicht. Das letzte Mal auf dieser Reise zogen Silke und Rafał los, um die Boote und Boutiquen zu erkunden, und mir blieb Zeit, die vergangenen vier Wochen zu resümieren. Tat ich aber nicht. Mir war bewusst, dass die Menschen, mit denen ich hier Negroni getrunken hatte, tot waren: Harald, Roland, Irene, Pali. Ich redete mir zu, dass es meine Bestimmung wäre, planvoll weiterzuleben. Ob das nun Aufgabe, Segen oder Unheil sei, ließ ich in der heißen Luft stehen und dachte: Rumsitzen ist auch eine Beschäftigung, besonders, wenn man sogar über den Rand seines Glases guckt und der Welt dabei zusieht, wie sie sich dreht. Sehen, hören, schmecken, riechen – denken. Kann der Geist ohne den Körper existieren? Der Heilige Geist kann das, der menschliche wohl nicht. Wie schön, wie verheißungsvoll, an die unsterbliche Seele zu glauben. Welche Flucht, welcher Fluch.

Foto: Nikki Zalewski/Shutterstock

Womöglich lindert der Glaube, der für die Menschheit insgesamt so verheerend ist, für den Einzelnen die Qual, leben zu müssen. Mir geht es zu gut, als dass ich diese Ausrede nutzen dürfte. Aber selbst Menschen jedes Alters und ohne ein schlimmes Schicksal behaupten zu glauben. Ist das Feigheit, Dummheit oder tiefere Einsicht?

Foto: Privatarchiv H. R.

Von einem ziemlich prächtigen Schiff her kam eine Gruppe Menschen: die Männer in Polohemden, die Frauen verhüllt. Sie kamen auf mich zu, nicht direkt. Sie setzten sich an den Tisch neben mir. Die vier Frauen aßen Eis – sah komisch aus. Die beiden Männer tranken Cola. „Ist mit Schweineblut verdünnt“, hätte ich gern gesagt, aber ausgerechnet dieses Wort kenne ich im Arabischen nicht. خنزير ist Schwein und دم ist Blut. Aber was heißt ‚verdünnen‘?

Ach, jeder soll glauben dürfen, was er will, aber er und sie sollen es nicht zur Schau stellen. Sie sollen weder ihr muslimisches Kopftuch noch ihren mit Teufelssymbolen tätowierten Schwanz unbescholtenen Mitbürgern mit dem Anspruch präsentieren: Ich darf das! Wer doof genug ist, an den Satan oder den Allah zu glauben, meinetwegen, aber er soll nicht die Öffentlichkeit dazu zwingen, mit seinen/ihren Verirrungen visuell belästigt zu werden. Die Muslime-Gruppe ging schon wieder, in Richtung Getümmel. Einer der Männer hatte gezahlt, die Verhüllten mit ihren stark geschminkten Augen redeten ganz ungezwungen. Geschnatter unterm Tschador. So viele Frauen heißen Christa oder Christina, warum heißt nicht eine mal Jesusine? Wie grenzt man eine Ferkelei, eine Schweinerei und eine Sauerei voneinander ab?

Foto: Volodymyr Burdiak/Shutterstock

In vieler Hinsicht bin ich kindisch. Die Frage ist: Liegt das am Alter, dem man ja einen Mangel an seriösem Abstand nachsagt, oder bin ich nie erwachsen geworden? Wohl eher das Zweite, was ich mir hoch anrechne: Wirtschafts- und Staatenlenker werden früh erwachsen, Künstler bleiben davon verschont, und wenn sie gut sind, passen sie in kein Schema.

Foto oben: Ollyy/Fotolia | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei

‚Gut oder böse‘ war immer schon Geschmacksache. ‚Schön oder hässlich‘ war immer schon eine Glaubensfrage. ‚Wahr‘ galt lange Zeit als unangreifbar. Wir finden uns leichter damit ab, dass Kannibalen es für gut halten, ihre Feinde zu essen (solange wir davon nur im Fernsehen hören), und dass Sozialisten Eisenhüttenstadts Plattensiedlungen schön finden (solange wir dort nicht wohnen müssen), als anzuerkennen, dass etwas keine Lüge ist und trotzdem nicht wahr. Die Meinung ersetzt die Tatsache. Und die gepostete Realität verzichtet auf die Ausleuchtung der Umstände. Bevor die eine Nachricht in ihrem Sinngehalt erfasst ist, wird sie von der nächsten verdrängt. Neu ist das nicht. Das war nie anders. Die wenigsten sind bereit, die Dinge so unvoreingenommen, aufgeschlossen zu durchdenken, dass man ihr Urteil ernst nehmen kann. Das macht Demokratie so schwierig. Bildung hilft. Gegen die Nazis hat sie nicht geholfen. Juristen waren nicht standhafter als Arbeiter, im Gegenteil.

Vom Araberschiff her kam ein hübscher junger Mann und fragte mich in Englisch, ob er mich in Englisch etwas fragen dürfte. Ich gewährte ihm die Bitte, auch auf Englisch. Er war auf der Suche nach seiner Gruppe. Ich wies ihm die Richtung, in der sie verschwunden war. Er wirkte ziemlich aufgeregt und ein wenig kopflos. Hochzeitsreise? Entführung? Serail? Schleier drüber!

Rafał und Silke hatten alles, was sie für sehenswert hielten, erkundet und auch am Ende der Promenade unser Restaurant entdeckt. Es hieß ‚Ö Magazin‘, was für ein Land, in dessen Sprache es keine Umlaute gibt, recht eigenwillig klingt. Erst jetzt frage ich mich, ob der Name irgendetwas mit ‚öko‛ zu tun hat.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir zogen uns anständig an und gingen an vielen vollen Lokalen vorbei, immer weiter hinaus, bis wir endlich das ‚Ö‘ erreichten. Ich mochte nichts. Das Lokal war weniger besucht als die volkstümlicheren Schenken näher an der Piazza, unsere Nachbarn am Nebentisch wirkten auf mich neureich, vulgär, kriminell, immer abwechselnd, die Kellner gefielen mir auch nicht, ligurische Arroganz, die Speisekarte verschreckte mit erlesenen Gerichten, kühl wurde es obendrein.

Ein ‚TripAdvisor‛ schwärmt: ‚Das kleine Restaurant ist ein Platz, um alles zu vergessen, und nur im hier und jetzt den Tag, den Ort, und die Speisen zu genießen. Lassen Sie sich fallen (solange es dazu in Portofino nicht zu voll ist), und schwelgen Sie an den Gerüchen, dem Plätschern des Meeres (ein Tisch an der Kaimauer ist das Höchste) und an Land und Leuten. Man sollte nur nicht versuchen, dies in der Hochsaison zu machen.‘

Es war Hochsaison, voll war es nicht; wir hatten einen Tisch an der Kaimauer, aber im Hier und Jetzt zu schwelgen, war mir nicht gegeben. Auf dem Rückweg starrte ich neidisch auf die vielen Menschen, die da unbekümmert bei Pasta und Pizza saßen, Land und Leute gab es im Überfluss. Wie kommt es nur, dass ‚arm und glücklich‘ so viel schöner ist als ‚reich und traurig‘? Darüber muss ich nachher im Bett mal intensiv nachdenken. Hoffentlich schlafe ich nicht weg, bevor ich eine Antwort auf diese drängende Frage gefunden habe. Hoffentlich doch!

Foto: Restuccia Giancarlo/Shutterstock

6 Kommentare zu “‚Ö‘ | #88

  1. Schreckliche Badeorte gibt es tatsächlich in Unmengen. Nicht nur in Italien. Warum ausgerechnet diese hässlichen Örtchen es schaffen Jahr für Jahr diese Unmengen an Touristen anzulocken ist mir ein Rätsel. Vielleicht bedingt sich beides aber auch. Es bleibt zudem die große Frage ob weissbehoste Menschen oder kunterbunte Touristenscharen das schlimmere Übel sind 😉

  2. Geld macht vieles im Leben einfacher. Ohne Frage. Ich muss zugeben, dass ich auch ziemlich froh bin, hier in Deutschland, in stabilen, friedlichen und doch relativ sorglosen Verhältnissen leben zu können. Aber auch wenn ich mich gefährlich nahe an’s Kitschterrain begebe… das, wonach wir alle Streben ist doch eher das Glück. Die Frage ist glaube ich nicht so schwer zu beantworten: ob arm oder reich, glücklich sein wollen wir halt alle.

    1. Hat Dostojewski nicht mal gesagt ‚Geld ist geprägte Freiheit‘? Ob Geld und damit Freiheit gleichzeitig Glück bedeuten, würde ich allerdings ebenfalls bezweifeln. Den Weg erleichtern tut es ohne Zweifel.

  3. Je niedriger die Bildung, desto schwieriger die Demokratie. Darum gibt es in den Staaten jetzt ja auch Betsy DeVos als Secretary of Education. Da kann man dank landesweiter Verblödung jegliche Einmischung in’s Politische nämlich bald komplett ausschliessen. Trump ist zwar dumm, aber dennoch clever. Falls diese Kombination irgendwie Sinn macht.

    1. Wenn dumm in dem Falle ungebildet, uniformiert und uninteressiert heisst, dann haben Sie wahrscheinlich recht. Traurig aber wahr.

    2. Wenn es uns misslingt, Bildung nicht nur zuzulassen, sondern sie zu fordern und für sie zu begeistern, dann sehe ich weltweit erhebliche Schwierigkeiten für die Zukunft der Demokratie.

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