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Fast am Ziel

Pfahl im Fleisch | #38

Donnerstag, 28. Juli
Bari: Ganz extrem bildungsferne Leser mögen jetzt womöglich denken, wir hätten inzwischen österreichisches Fahrwasser verlassen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ist aber gar nicht so. Ohne in die Einzelheiten zu gehen: Seit 1516 regierte Karl V. all das, was seine netten Großeltern hinterlassen hatten, und damit es auch weiterhin in der Familie blieb, ernannte er 1554 seinen Sohn zum König von Neapel. Der durfte damals über ganz Süditalien gebieten, fast so wie heute die Mafia. Um die historische Dimension des Vorgangs zu veranschaulichen, stelle ich hier ein Bild von Leopold dem Ersten (um 1670) und meiner Wenigkeit in Süditalien (knapp 300 Jahre später) einander gegenüber, wobei ich mir den Vortritt lasse.

Foto: Privatarchiv H. R.

1707 besetzte Österreich das ganze Gebiet so richtig, um das Gebiet so ganz richtig zu besitzen. Und tatsächlich: 1714 wurde Frieden geschlossen – und Österreich bekam das Königreich Neapel. Ob sich das für Kärntner Bauern gelohnt hat, bleibt ungewiss, die Habsburger haben sich gefreut. Aber ach, im ‚Präliminarfrieden von Wien‘ musste der bedauernswerte Kaiser Karl VI. 1735 Neapel und Sizilien an die spanischen Bourbonen als ‚Sekundogenitur‘ abtreten, damit die Verwandtschaft in Madrid nicht gar so ärmlich dastand: Was hätten sonst die Nachbarn Portugal und Frankreich gedacht? Das war nun weniger schön. Immerhin bekam Karl dafür Oberitalien zurück, in das man aus Wiener Kasernen ja noch viel flinker einmarschieren konnte – ein kleiner Trost. Ansonsten, heirate mal wieder, Österreich! Wenn auch nicht mehr ganz so glücklich wie vorher, von Ferne winkte schon das Fallbeil.

Klar, dass Napoleon, als er dran war, alles umkrempelte und jemand Neues als König von Neapel einsetzte, in diesem Fall seinen Schwager Joachim Murat. Der war so blöd, nach Napoleons Sturz einen Krieg mit Österreich anzuzetteln und glatt zu verlieren. Sein Lohn: standrechtliche Erschießung am 13. Oktober 1815 in Kalabrien.

1860 war dann trotzdem Schluss mit dem Königreich ‚beider Sizilien‘, wie es damals hieß. Garibaldi, nach dem jede zweite Straße in Italien benannt ist, besiegte die Aus- und Einheimischen vor Ort und sorgte dafür, dass Vittorio Emanuele II. König von ganz Italien wurde. Wir wissen ja schon: Der starb später durch eine Art Jagdunfall an Lungenentzündung und wurde im Pantheon, naja, nicht begraben, aber beigesetzt. Wer mehr erfahren will, braucht dafür nicht mich, sondern Wikipedia.

Nicht nur der kroatische, nein, sogar der italienische Zoll interessierte sich für unsere Pässe, bevor wir das Hafengebiet verlassen durften. Gelten auf dem Meer andere Regeln als auf der Straße, oder sind wieder mal die Flüchtlinge schuld? Bis zum Zusammenschluss der Vereinigten Staaten von Europa wird es wohl länger dauern, als Marine Le Pen, Frauke Petry und ich leben. Wir fuhren an Bari halb interessiert entlang. Es war ja noch nicht spät, aber wir wollten weiter, nach Polignano a Mare. An diesem frühen Juli-Morgen begann die Reise zu den Traumzielen meiner Jugend. Ob ich die Erinnerungen von damals auffrischen oder Abschied nehmen wollte, war mir bereits bei der Planung in Hamburg unklar gewesen, jetzt erst recht. Polignano a Mare: Der Ort erweckte eine gute und eine schlechte Erinnerung in meinem halb ausgeschlafenen Hirn, mit der guten fange ich an.

Kein Mensch wird sich wundern, dass ich dabei früher als scheinbar nötig beginne, das mache ich doch immer. Göring soll mal, als er einen Juden, den er brauchte und deshalb schützte, gesagt haben: „Wer Jude ist, bestimme ich.“ Genauso unbeeindruckt kann ich es mit meinem Schreiben halten: Was nötig ist, entscheide ich. Und wer meine feste Überzeugung nicht teilt, dass die Gegenwart nur zu erfassen ist, wenn man die Entwicklung kennt, der hat schon nach den ersten zwei Absätzen mit dem Lesen aufgehört, wie meine beiden nächsten noch lebenden Verwandten, denen das alles viel zu viel und viel zu gedankenlastig ist, wie sie zugeben. Das faustische, angeblich typisch deutsche Erkennenwollen, ‚was die Welt im Innersten zusammenhält‘, habe ich wohl eher von meiner mütterlich-jüdischen Seite mitbekommen als von meiner preußisch-väterlichen. Ich möchte am liebsten noch den Hahn kennenlernen, dessen Henne die Eggs Benedict gelegt hat, die ich nicht esse; meine arischen Cousinen werfen bloß die Eierschalen in den Müll und stellen die abgegessenen Teller in die Geschirrspülmaschine.

Zum Sommersemester 1966 ließ ich mich vom Jura-Studium beurlauben, um nie mehr zurückzukehren. Der Grund lag auf der Hand: Ich wollte lieber nach Italien. Mein Vater musste oder wollte auf Lipari irgendetwas Berufliches erkunden; es muss ja mit dem Vulkanischen da zusammengehangen haben, Energiequellen, Endlager – keine Ahnung. Jedenfalls bot diese angedachte Reise den Aufhänger für einen etwas längeren Familienausflug: Mitte Mai ging es los. Irene war keine begeisterte Autolenkerin; ich hatte mit fast zwanzig immer noch keinen Führerschein, und so saßen abwechselnd die beste Freundin meiner Mutter, Erika, und ihr Sohn Hartmut am Steuer des neuen Opel Diplomat, um unsere ‚Italienische Reise‘ zu ermöglichen. Goethes hatte ich ziemlich genau im Kopf. Die deutsche Klassik war damals mein Ideal. Seltsam, was?

Noch heute ist ‚Fack ju Göhte!‘ in meinen Augen eine Majestätsbeleidigung, für die diese hirnlosen Viecher, denen das gefällt, sofort in türkische Militärgefängnisse gehören. Da verstehe ich keinen Spaß und kenne kein Erbarmen: jahrelang in den Kerker, den ‚Werther‘ auswendig lernen, anschließend Hinrichtung durch Pfählen zu den Klängen von ‚Roll Over Beethoven‘. So verschafft man der Klassik Geltung und wird Menschendreck los. Zur Erläuterung für Kulturbanausen – Pfählen ging so: ‚Der Verurteilte wurde auf einen abgerundeten und eingefetteten Pfahl gesetzt. Durch das Gewicht des menschlichen Körpers drang der Pfahl dann langsam durch Anus oder Vagina ein, was zu einem qualvollen und langsamen Tode führt. Da der Pfahl abgerundet war, verletzte er keine lebensnotwendigen Organe, sondern schob sich langsam durch den ganzen Körper und verlängerte somit die extreme Qual.‘ Wikipedia. Gut so. Weg mit dem Gesocks! Übrig bleibt nur, was wirklich zählt: Musica riservata, Poesia riservata, Vita riservata. Bloß, wer schafft dann den Kehricht zum Müll? Doch nicht die arte-Gucker. Aber ich gebe mich tolerant: Sollen sie ruhig dumm bleiben, die Massen! Sich abzugrenzen ist mindestens so schön wie dazuzugehören, besonders im Rudel der Gebildeten. Die 95 Prozent Restmenschen: Fuck ju, Pöbel!

Schon seit meiner frühesten Kindheit hatte ich Angst vor fast allem, und schon seit meiner frühesten Kindheit habe ich mir alles vorstellbare Grauen ausgemalt, vielleicht, um vom Entsetzen später nicht übermannt zu werden, vielleicht, um es zu besiegen.

Mit neun Jahren war ich zum ersten Mal in Italien gewesen. Das war beschwerlich damals. Um fünf Uhr morgens ging es los. Die Autobahn begann erst in Northeim und führte – für das Ziel ‚Adria‘ viel zu weit westlich – über Frankfurt. Erste Übernachtung bei Augsburg.

Guntram genehmigte sich am nächsten Tag im Münchner Hofbräuhaus ein Bier, und ich machte ein Riesentheater, weil ich bereits bei seinem ersten Schluck sah, wie er nachher lallend, tobend und randalierend von der Polizei abgeführt wurde. So war ich damals. Wahrscheinlich hatten meine Eltern mir zu erklären versucht, warum ich dieses Getränk nicht haben durfte, da fürchtete ich gleich, es könne auch für meinen Vater nicht gut sein. War ich fürsorglich! Vielleicht hatte mich vorher schon der Bahnwärter aus Schmalkalden, wenn er genügend Nordhäuser Doppelkorn zu sich genommen hatte, ganz besonders glaubhaft wissen lassen, was für ein unausstehliches Baby ich war. Welches seiner Körperteile er dabei benutzte, um meinen greinenden Mund zu knebeln, gehört nicht in diesen Reisebericht. Heute zähle ich Bier und Wein zu den Säften. Alkohol fängt frühestens bei Campari an, mit Soda fällt er aber noch unter die Gewürze.

Foto: Balic Dalibor/Shutterstock

Der Brenner war für uns 1954 nicht wesentlich leichter zu überwinden als 1480. Damals war der – schon 1315 von Heinrich Kunter angelegte – Saumweg durch die Schlucht von Klausen nach Bozen so ausgebaut worden, dass ihn auch Fuhrwerke nutzen konnten. Eins davon war Guntrams Mercedes 220S mit seinen Eltern, seiner Ehefrau und seinem einzigen Sohn auf den Plätzen, vierhundertvierundsiebzig Jahre später.

Unsere zweite Übernachtung fand in Trient statt; meine Großmutter plauderte darüber, dass sie 1938 etwas für ihre Freundin Bettina Ricciardi geschmuggelt hätte und der Grenzoffizier, nachdem sie erwischt worden war, zu ihr gesagt habe: „Ich melde das nicht, aber wenn es rauskommt, kommen wir beide in Teufels Küche.“ Teufels Küche hat mich mehr als alles andere an Trient beeindruckt, und oft genug habe ich später versucht, diese ‚location‘ zwischen Moskau und ‚Man‘-hattan ausfindig zu machen, manchmal sogar erfolgreich. Später erst erfuhr ich: Die Ricciardis waren irgendetwas an der italienischen Botschaft in Berlin und sie hatten ein Haus in Riccione. 1938 gab es Devisenbeschränkungen, und so wird es bei dem Geschmuggelten wohl nicht um Parmaschinken gegangen sein.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich fand, das einzig Besondere an dem Abend in Trient war, wie lange ich hatte aufbleiben dürfen. Dass wir in Italien waren, merkte ich erst am nächsten Mittag in Verona: an den Häusern, an der Sprache. Mit ‚Romeo und Julia‛ wurde ich nicht behelligt. Die Erwachsenen fürchteten vielleicht meine vielen Fragen auf ihre wenigen Antworten. Eigentlich hielten wir in Verona überhaupt nur, weil meine Mutter auf ihrem sonnengequälten Beifahrersitz mit einem Zusammenbruch gedroht hatte. Ich sehe sie noch tief atmend an der Mauer stehen, während mein Vater und meine Großmutter ihr begütigend zuredeten. Mein tauber Großvater und ich, wir blieben hinten im Auto sitzen, und zumindest ich fühlte, dass das Leben ungreifbar, unbegreifbar an uns vorbeiglitt, heiß, ungerührt, unberührbar. Ich würde es noch packen, das Leben; er hatte schon all seine Chancen vertan. Gegen Abend waren wir in Riccione an der Adria und blieben dort drei Wochen. Jeden Morgen ging ich die Straße herunter und kaufte Salami. Ich stand gern früh auf, ich ging gern allein einkaufen, ich frühstückte gern. Damals. Es ist immer schön zu erkennen, dass man sich weiterentwickelt hat, besonders in meinem jetzigen Alter.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das Essen in der ‚Pensione Clara‛ war wohl erbärmlich; ich bekam das nicht so mit, bloß, dass die anderen mit dem Fleisch dieselben Probleme hatten wie sonst immer nur ich, wenn der Zadder partout nicht die Kehle runter wollte. Die Frühstückssalami war mein Beitrag zu einem gelingenden Tag, und ihr Geschmack schmiegt sich mir auch nach 62 Jahren noch unerreichbar, nie wieder erreicht an den Gaumen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

14 Kommentare zu “Pfahl im Fleisch | #38

      1. …über deine wortstarken Verachtungen wie „hirnlose Viecher“ – „Menschendreck“ – „Gesocks“ – „Pöbel“

        Zudem:
        Schlachten und Pfählen sind ganz einfallsreiche Maßnahmen, aber nicht wirklich intelligenzstiftend. Erinnert mich mehr an ideologie-getriebene Säuberungsmaßnahmen aus vergangenen Zeiten…

      2. Muss ich wirklich erläutern, was eine ‚Persiflage‘ ist?
        „Eine oft auch kritische Verspottung eines Genres oder einer bestimmten Geisteshaltung allgemein, insbesondere mit den Stilmitteln der Übertreibung und Überzeichnung.“ (Auszug wikipedia) Ich hatte gedacht, dass die deutliche Abweichung von meinem sonstigen Stil das deutlich macht. Tut mir leid, wenn das missverständlich ist. Im Zeitalter der Kurznachrichten liest man wohl nicht mehr zwischen den Zeilen …

      3. Das du persiflierst war mir deutlich, doch beim Lesen hatte ich so starkes Kopfkino, dass ich zögerte weiterzulesen. Vllt. hast du allein deswegen alles richtig gemacht; auch wenn der Gedanke bleibt, dass dies nicht alle so verstehen weden…

  1. Herr Rinke, ich muss schon sagen, Sie neigen zum Sadismus! Menschen wegen ihrer schwachen kulturellen Gesinnung und als Ausgeburt unterentwickelter Gene gleich malträtieren zu wollen! Dabei sollten Kunst und Kultur doch etwas Verbindendes haben, boten sie doch einst die Möglichkeit, sich öffentlich gesellschaftskritisch zu äußern, ohne Repressalien und Staatsraison befürchten zu müssen. Aber in einer Zeit, in der ja jeder allen Stumpfsinn von sich geben kann, ist es nicht verwunderlich, dass der Intellekt ausblutet.

    1. Liebe Frau Reinshagen, ob ‚Fack Ju Göhte!‘ (in sofern wir hier nicht nur vom entsprechenden und wahrscheinlich recht seltenen Ausruf sondern vom gleichnamigen Film sprechen) als ein gutes Beispiel für gesellschaftskritische Kunst und Kultur dienen kann, würde ich stark bezweifeln. Andererseits spricht ihr Plädoyer für eine grundsätzliche Kunst- und Meinungsfreiheit natürlich für Sie.
      Das größere Problem ist aber sicherlich, wie von Herrn Rinke treffend angesprochen, der Zusammenhang von Bildungs- und Wahlverhalten der sogenannten RTL2-Gucker. Es ist doch beunruhigend wie leicht sich ein großer Teil der Bevölkerung durch Populismus, die Verbreitung unreflektierter und schlichtweg falscher Nachrichten (insbesondere in den sozialen Netzwerken) und letztlich das Appellieren an unsere niederen Instinkte beeindrucken und manipulieren lässt. Eine geeignetere Form des Kampfes gegen den Stumpfsinn als das Pfählen zu finden, wäre aber sicherlich in unserer aller Interesse.

  2. krass, wo bin ich denn hier gelandet?!
    quote: „die 95% restmenschen: fuck ju pöbel!“ wie arrogant ist das denn bitte?
    #kanndennjetztjederbloggen

    1. Selbe Antwort wie oben:
      Muss ich wirklich erläutern, was eine ‚Persiflage‘ ist?
      „Eine oft auch kritische Verspottung eines Genres oder einer bestimmten Geisteshaltung allgemein, insbesondere mit den Stilmitteln der Übertreibung und Überzeichnung.“ (Auszug wikipedia) Ich hatte gedacht, dass die deutliche Abweichung von meinem sonstigen Stil das deutlich macht. Tut mir leid, wenn das missverständlich ist. Im Zeitalter der Kurznachrichten liest man wohl nicht mehr zwischen den Zeilen …

      1. naja, ihren „sonstigen stil“ kenne ich nicht gut genug. ich find’s trotzdem nicht besonders geschmackvoll…

      2. nein, stimmt schon, geschmackvoll ist das nicht. Ist aber bloß ein Absatz in einem Text von bisher schon 211 Seiten Prosa, da darf man zwischendurch doch mal auf die Pauke hauen, oder nicht? Vor allem, wenn man sich selbst im gleichen Satz spöttisch im „Rudel der Gebildeten“ verortet. Im weiteren Verlauf kommen mehr Gedichte als Pöbeleien vor. Ich versprech’s!

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