Teilen:

1712
Fast am Ziel

Maßnahmen | #44

Das Leben. Man darf sich nicht nur auf die pralle Mitte konzentrieren, sondern man muss sich mit den ausfransenden Rändern beschäftigen: die gesunde Abtreibung und den wünschenswerten Tod. Jede Schwangere muss, reine Routine, auf das Planungsamt gehen und unterschreiben, dass sie das Kind will. Diese Erklärung kann, falls sich die Frau später als schlechte Mutter erweist, vor Gericht gegen sie verwendet werden. Vorausgesetzt, dass bei der Voruntersuchung am Fötus keine Schäden zu erkennen sind, darf die Schwangere das Kind austragen. Liegt bei der Geburt die Gebäreinwilligung nicht vor, wird das Neugeborene der Nahrungskette zugeführt. Hebammen haften bei Hausgeburten. Eine Hebamme, die ein Kind, das ohne Beglaubigung zur Welt kommt, nicht abliefert, verliert ihre Lizenz und wird mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren bestraft. Eltern müssen bei jeder Schwangerschaft der Frau erneut nachweisen, dass sie das Kind ernähren können und unterschreiben, dass sie eine Erziehung nach den Richtlinien des Grundgesetzes gewährleisten werden. Kinder-Ehen zwischen schwulen Jungen werden ausdrücklich ausgeschlossen und bedürfen einer Sondergenehmigung.

Foto: Privatarchiv H. R.

In Ländern mit geringem Bruttosozialprodukt ist die Einkind-Politik einzuführen. Früher bedeuteten viele Kinder, dass die Eltern eine Altersversorgung zu haben glaubten. Heute sorgen viele Kinder dafür, dass ‚failed states‘ sich nicht wieder erholen. Nur durch strikte Geburtenregelung hat China es geschafft, vom armen Entwicklungsland zur wirtschaftlichen Weltmacht aufzusteigen. Ungebildete, arbeitslose oder -scheue Jugendliche radikalisieren sich, werden Terroristen, bringen Unschuldige um und sorgen dadurch für einen gewaltigen Rechtsruck in ansonsten friedfertigen Bevölkerungen. Aus humanitären Gründen wird Schwangeren, die nicht gebären dürfen, das Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob sie ihren Fötus abtreiben oder das Neugeborene schlachten lassen wollen, was für die Gesellschaft, einer Organspende vergleichbar, nützlicher ist. Die Wirksamkeit der Schwangeren-Entscheidung ist an eine vorherige Beratung durch kinderloses Fachpersonal geknüpft. Eltern, die ihre Kinder trotz dieser vorbeugenden Maßnahmen nicht ernähren können, erhalten ausreichende staatliche Unterstützung. Sie werden beide sterilisiert.

Foto: Monkey Business Images/Shutterstock

Wer volljährig ist, hat unbeschränkten Zugang zu allen Drogen, sofern er sie bezahlen kann. Beschaffungskriminalität wird streng geahndet, aber was man sich leisten kann, das soll man auch genießen. Dem mündigen Bürger gebührt volle Entscheidungsfreiheit. Das wird die Macht der Kartelle brechen und die Krankenkassen von besorgniserregender Langlebigkeit entlasten. In Entwicklungsländern werden ja nicht nur überflüssige Kinder in die Welt gesetzt, es wird auch nicht mehr rasch genug gestorben. Was hilft? Wer sein Leben beenden möchte, erhält eine entsprechende Spritze kostenlos, die schriftliche Garantie, dass sein Sterben physisches Wohlbefinden auslösen wird – zumindest bei den Erben – und auf Wunsch einen Blumenstrauß der Jahreszeit zum Abschied.

oto oben: Melica/Shutterstock | Foto unten: Maya Kruchankova/Shutterstock

Foto: Africa Studio/Shutterstock

Schon klar, immer noch werden viel zu viele unnütze oder unglückliche Menschen für schlechte Stimmung auf der Welt sorgen, aber diese Maßnahmen sind wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir gingen in Richtung unserer Zimmer, wo wir uns so kleiden wollten, wie wir es für angemessen hielten, um ein Restaurant zu würdigen, das es seit den Siebzigerjahren offenbar zu lokalem Ruhm gebracht hatte. Wir hatten uns nämlich schon bei der Tischbestellung entscheiden müssen, ob wir um halb sieben oder um halb zehn zu dinieren beabsichtigten. Statt also, wie in meinem Hamburger Zimmer im Februar – also in meiner Planung im Kopf – zunächst vorgesehen, aus unseren Hotelzimmern dort hinabzuschreiten in die Speise-Abfertigung, wann immer uns danach war, blieb uns nichts anderes übrig, als um 21 Uhr aus dem Inland einen Ausflug an die Küste zu machen, in der Hoffnung, dass das Erlebnis die Anstrengung wert sein würde. (Dass man um halb sieben allenfalls Macadamia-Nüsse essen kann, aber keinesfalls substanziellere Kost, kann nur von Barbaren bestritten werden, und dass ich mir überhaupt die Uhrzeit vorschreiben ließ, zu der ich die Speisekarte aufschlage, hängt mit meiner blödsinnigen Nostalgie zusammen: Orte, an denen ich schon mal mit Harald und Roland war, werden schneller heiliggesprochen als polnische Päpste.)

4 Kommentare zu “Maßnahmen | #44

  1. Ich bin zufällig über diesen Blog gestolpert… Ein Text, der in der Tat zum Nachdenken anregt. Aber wenn ich Sie fragen darf Herr Rinke – interpretiere ich diese überspitzten Worte richtig, wenn ich annehme, dass Sie Abtreibungen mit gemischten Gefühlen gegenüber stehen?

    1. Ich stehe so ziemlich allem mit gemischten Gefühlen gegenüber, also weder purer Zustimmung noch purer Ablehnung. Da wird Ironie zu einer Waffe, von der nicht immer ganz klar ist, ob sie abgefeuert worden oder im Schrank geblieben ist.

  2. @Hanno Rinke: Der entscheidende Satz in dieser Abhandlung ist „Dem mündigen Bürger gebührt volle Entscheidungsfreiheit.“ Auf ziemlich jede Situation anwendbar. Meine vollste Zustimmung!

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × drei =