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Fast am Ziel

Geschmacklosigkeiten mit weißen Handschuhen | #48

Am Wochenende zuvor war Roland mit Karin in eine Wohnung in Steglitz gezogen, und er nahm mir, oder vielleicht auch Karajan, mit Recht übel, dass wir uns nicht eine Woche früher kennengelernt hatten: Dann hätte er sich diesen Umzug sparen können, denn Ende Januar zog er zu mir nach Hamburg. Es war ja tatsächlich – ‚Liebe‘ ist so ein Wort … – Besessenheit oder Besitzenwollen auf den ersten Blick gewesen, bei mir jedenfalls. Dabei waren die Unterschiede zwischen uns beträchtlich. Ich kam aus Verhältnissen, die man als geordnet bezeichnen konnte, ‚harmonisch‘ traf auch zu. In Rolands Elternhaus hatte Vater Kuno für Ordnung gesorgt. Er war im Osten Gutsverwalter gewesen und im Rahmen dieser Tätigkeit hatte er so nebenbei Margot geschwängert. (Kommt schon mal vor.) Margot war erst siebzehn und nicht sehr helle. Umso niederträchtiger von ihr, dass sie ihn nach dem Krieg über das Rote Kreuz in Stuttgart ausfindig machte. Das verzieh er beiden nie, konnte seine Enttäuschung aber nicht an der Institution, sondern nur an der Familie auslassen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Kuno war inzwischen Maurer oder Polier, Roland benutzte beide Begriffe, je nach Stimmung. Mit sechzehn hatte er sein desolates Elternhaus und das Karls-Gymnasium verlassen und rückte aus nach Tübingen. Er bediente in der ‚Palette‘ abends die Gäste und nachts den Besitzer. Ein Kosmetiker-Lehrgang verschaffte ihm außerdem die Möglichkeit, Württembergerinnen die Fußnägel zu schneiden und ihnen nasse Lappen (Kompressen) ins Gesicht zu legen. Weil der Bundeswehr das als Ausrede nicht reichte, war Roland ins wehrpflichtlose Berlin gezogen und spielte wie alle, die das taten, mit dem Vorbild einer pazifistischen Gesinnung. Nicht jeder legte sich wie ich eine elegante Extrasystole des Herzens zu, um bei der Musterung Eindruck zu schinden.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Nun waren zehn Jahre vorbei und die Bundeswehr nicht mehr so interessiert an Roland wie ich.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als ich Harald beim mit viel Rum verdünnten Adventstee mitteilte, ich würde Roland zu Weihnachten einladen, sagte er erschrocken: „Das kannst du deinen Eltern nicht zumuten!“ Konnte ich aber doch, und ein Jahr später, zu Weihnachten 1976, boten sie ihm sogar das ‚Du‘ an. Er gab ihnen das Jawort. Meine Eltern waren klug genug, mich nicht mit ihrer Enttäuschung darüber zu reizen, dass ich statt mit der Tochter eines Bankdirektors mit dem Sohn eines Bauarbeiters unterm Christbaum erschien: Ich konnte jähzorniger reagieren als beide zusammen. Schwieriger war der Schulwechsel. Roland hatte in Berlin angefangen, sein Abitur nachzuholen. Die entsprechende Klasse in Hamburg war mit mehr als dreißig Bewerbungen überfüllt. In Anträgen und Gesprächen schaffte ich es doch, dass die Behörde Roland akzeptierte. Als er im Herbst 1978 bestand, waren sie noch zu acht. Natürliche Auslese? Immer hat mich die Idee beschäftigt, ob vielleicht im Besetzungsbüro meines Lebens ein Darstellermangel festgestellt wurde. Am 15. November 1975 wurde meine Großmutter gegen 18 Uhr in die Garderobe gerufen und noch am selben Abend umgeschminkt zu Roland. Kurz nach dessen Tod habe ich 1991 den damaligen Leiter des Rowohlt-Verlages Michael Naumann kennengelernt. War der mal meine Großmutter?

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Harald und ich hatten unseren Urlaub immer in den Juni oder in den September gelegt. 1976 mussten wir uns nach den Schulferien richten und setzten uns im Juli in den Käfer. Wir wollten mal etwas völlig Neues ausprobieren. Natürlich in Italien: das Gargano, den Stiefelsporn. War hübsch, aber nichts zum Bleiben – kein Strand, kein Badeort, und so fuhren wir am dritten Tag von Bari aus auf die andere Seite, die uns vertrauter war. Es war schon spät am Abend, als wir bei stürmischem Gewitter in Avellino ankamen und uns notgedrungen eine Unterkunft suchten. Ich habe durchaus zwischen Nieblum und New York in ganz einfachen Kammern übernachtet, aber den Verschlag, in dem wir dort in die klammen Matratzen fielen, habe ich doch als das Heruntergekommenste in Erinnerung, was mir je unter die Knochen gekommen ist.

Foto links: Tilo Grellmann/Fotolia | Foto Mitte und rechts: Tilo G/Shutterstock

Dafür fanden wir am Nachmittag des nächsten Tages ganz im Süden des Golfs von Salerno eine geheimnisvolle Villa mit Terrasse zum Strand. Befehligt wurde das Anwesen vom ‚Commendatore‘, den einige ältere Damen umwuselten. Die beiden Zimmer lagen zum Meer, was wollten wir mehr? Na ja. Das Problem war die Galle des Commendatore. Er vertrug nur ungewürzte Speisen, und sein Wunsch war Befehl. Ich sprach mit dem Koch, der mir mitleidig eine getrocknete Chilischote in die Hand drückte. Die auf den salzlosen Spagetti zu verteilen, war weder einfach noch geschmacksverstärkend. Eine Bauerstochter aus der Umgebung servierte mit weißen Handschuhen, aber das konnte es nicht rausreißen. Am dritten Tag gaben wir auf und reisten ab: in einen hässlichen Klotz in Santa Maria di Castellabate, auch direkt am Meer, aber mit parmesaniger Pasta und Lorbeer im Fischsud: Gaumen-Labsal.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Trotzdem machten wir eines heißen Mittags Picknick auf unserem Balkon; so verwischten wir den Unterschied zwischen Vollpension und Bohème. Am Abend fragte der ‚Maitre‘ besorgt, ob das Essen nicht in Ordnung sei. Ich versuchte ihm klarzumachen, dass zu unserer Vorstellung von Urlaub Parma-Schinken aus Einwickelpapier und Rotwein aus der 2-Literflasche als Auslöser eines Stimmungshochs unerlässlich sind, einmal wenigstens. Gorgonzola, Tomaten, Ciabatta. Einem Kalabresen, der sich für Hotelgäste in eine Fantasieuniform zwängt, sind solche studentischen Anwandlungen sicher fremd, aber es beruhigte ihn, dass er nichts falsch gemacht hatte. In dem entsprechenden Ausschnitt aus meinem Jahresfilm habe ich die Stimmung, in der wir damals badeten, einzufangen versucht.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

7 Kommentare zu “Geschmacklosigkeiten mit weißen Handschuhen | #48

  1. Lieber Herr Rinke, die Atmosphäre dieses Sommers näherzubringen haben Sie geschafft. Was für eine losgelöste Stimmung. „Früher war alles besser“ ist natürlich immer Unfug, aber manchmal denke ich doch, die siebziger Jahre waren freier als unsere Zeit heute. Vielleicht war ich damals einfach noch zu jung um ein differenziertes Bild von dieser Zeit zu haben. Ich glaube trotzdem, dass wir neben aller Weiterentwicklung und allem Fortschritt ein wenig Leichtigkeit verloren haben.

    1. @Sabine Buchmann: Wie Sie selbst sagen, ‚Früher war alles besser‘ ist natürlich Unfug. Aber einfacher war es natürlich, das stimmt. Wir leben in einer Zeit, in der wir potentiell ein viel breiteres Angebot an Information haben. In der wir uns mit einem viel breiter gefächerten Spektrum an Problemen, Themen, Ungerechtigkeiten, Aufregern, Meinungen auseinandersetzen müssen. Die Welt verändert sich, und sie verändert sich schnell. Vieles, an das wir uns mittlerweile gewöhnt haben, war vor ein oder zwei Generationen eine ferne Utopie. Aber wer will denn ernsthaft mit der ‚guten alten Zeit‘ unserer Großeltern tauschen? Um P.J. O’Rourke (grob) zu zitieren: Es bedarf nur eines Wortes, um die Mär von der guten alten Zeit zu widerlegen: Zahnheilkunde.
      😉

  2. 1950 wurde eine Französin 100. Ein Reporter fragte Sie: „Madame, Sie haben so viel erlebt, was war die schönste Zeit?“ „Die Jahre mit Napoleon III.“, antwortet Sie ohne zu zögern. – „Der war doch ein Versager“, sagt der Reporter, „er hat Frankreich in die Niederlage geführt. Die Zeit war schlimm.“ Sie lächtelt: „Aber ich war so jung …“
    Gegen das Argument kommt der Zahnarzt nicht an.

    1. Wenn wir schon mit Zitaten um uns werfen… Remarque sagt „Eine Jugendsünde ist, wenn man jung ist und es verpasst“. Der Dame kann man wirklich nicht widersprechen.

    2. Als ich neulich mit meiner älteren Schwester sprach, kam mir außerdem folgender Gedanke: Die Menschen werden heute immer älter, nur dauert die Jugend leider nicht länger.

  3. Ja, lieber Hanno, eine sehr schöne Beschreibung des Lebensgefühls in den 70′ gern. Gern erinnere ich mich und bin froh, dass diese Erinnerungen – noch – vorhanden sind.
    Die Unbeschwertheit, „Spätadoleszens, Naivität, Twensein, im ersten Lebensdrittel, Glückserleben, Lebensbejahend“, des „jung“ sein mit allen Wünschen und Hoffnungen mit kraftvoller Lebensenergie und heute,
    im 3. Lebensdrittel, mit Lebenserfahrungen, -umständen, vielen Verabschiedungen und aber auch immer wieder neuen highlights machen das Leben dann doch immer noch schön.
    Nichts ist so Beständig wie die Veränderung!
    Liebe Grüße, Mariöle

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