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Fast am Ziel

In Schieflage | #87

Als das Schild Pisa ankündigte, wagte ich eine der wenigen Abweichungen vom Plan: Da Pisa so ganz direkt am Wege lag, sollte es auch besichtigt werden. Ich habe Pisa nie gemocht; es war schon immer fast so touristenlastig wie die Piazza San Marco, aber wann jemals würde sich die Gelegenheit bieten, diese Sehenswürdigkeit nochmal abzuhaken? Rafał fand wie immer einen Parkplatz an einer Stelle, bis zu der andere schon kilometerweit gelaufen sind. Wir standen nach fünf Minuten vor dem Turm, und er stand schief wie immer. Vor ihm viele Menschen, auch wie immer. Wäre er gerade geblieben, würde man hier höchstens ein paar alte Frauen stricken sehen, und er hätte seine Ruhe.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Heute versucht jeder, ein möglichst schiefer Turm zu sein: auffallen, ohne umzufallen. Damals war das anders. 12 Jahre nach der Grundsteinlegung, am 9. August 1173, als der Bau bei der dritten Etage angelangt war, begann sich der Turmstumpf in Richtung Südosten zu neigen. Die Bauarbeiten wurden mehrfach unterbrochen und erst 1372 beendet. Da kann man genüsslich über den Berliner Flugplatz und den Stuttgarter Bahnhof kalauern; aber mehr als zweihundert Jahre werden heute wohl kaum einem Projekt eingeräumt. Ich habe nun mal keine Kinder, und so ist mir alles, was mehr als zwanzig Jahre braucht, ziemlich egal, wie ich bereits unter dem 2. August anmerkte. Die Sintflut würde mich gefasst antreffen. Schwimmwesten nutzen mir nichts mehr, aber auf meinen Rettungsring im Kopf werde ich mich verlassen, solange es geht.

Pisa war mal eine Hafenstadt, jetzt liegt sie zehn Kilometer landeinwärts und hat am Meer bloß eine sehr hässliche ‚Marina‘, in der kein Mensch mit Verstand Urlaub machen würde.

Der Grund für die prominente Schieflage von Pisas freistehendem Campanile liegt in seinem Untergrund: Lehmiger Morast und Sand, der sich unter dem Marmorgewicht verformte und den Turm gleich mitnahm. Besucher können ihn zu jeder Viertelstunde in Gruppen von maximal 40 Besuchern für eine Dauer von 15 Minuten besteigen. Viel Vergnügen! Schon immer ohne mich.

Der Platz ist großartig. Belebt, aber erträglich, und das Ensemble beeindruckend; der Dom Santa Maria Assunta und das Baptisterium sind wohlgestaltet aus schneeweißem Carrara-Marmor, aber natürlich kerzengerade und deshalb weniger aufsehenerregend.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir setzten uns in eine Seitengasse und tranken teils Espresso, teils Wein (ich). Die Menschen liefen hin und her; das sah beruhigend ziellos aus, aber vermutlich wollten alle etwas: Eindrücke, Ausblicke oder Hamburger, die an der Ecke gegenüber ‚McDonald’s‘ für Geld verteilte.

Nicht immer ist es einfacher, den Schauplatz zu verlassen als ihn anzusteuern. Ohne Ariadnes Faden wäre Theseus nicht so rasch aus dem Labyrinth gekommen, nachdem er den Minotaurus getötet hatte. Auf hinzu müssen wir einfach nur da langfahren, wo es verboten ist, und die Fußgänger scheuchen. Dass sie darüber manchmal murren, ist ungerecht, jedenfalls nicht behindertengerecht. Ich würde auch lieber laufen, ihr Idioten, und wenn das hier vorbei ist, verspreche ich euch, wochenlang nicht mehr mein Haus zu verlassen, aber jetzt lasst uns gefälligst durch!

Die Navifrau nimmt dann ‚rückzu‛ doch irgendwann ihre Ariadne-Verpflichtungen wahr, und zehn Minuten später ist man auf der Autostrada. Sich zu fragen: ‚War das jetzt das letzte Mal?‘, ist eine typische Alterserscheinung, die ich schon mit zwanzig hatte. Das liegt mir im Blut. Im Frühling sah meine Mutter auf zu den blühenden Obstbäumen: „Schön ist das. Wie oft werde ich das wohl noch erleben?“ Sie erschreckte mich früh mit der Aussage, dass sie ein schwaches Herz habe und jung sterben würde, und tatsächlich starb sie im März, noch vor der Baumblüte; es wäre ihre zweiundneunzigste gewesen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

6 Kommentare zu “In Schieflage | #87

    1. Jeder, der ab und an Berlin besucht oder dort lebt, freut sich wahrscheinlich, dass der kleine aber praktische Tegeler Flughafen weiterhin geöffnet ist. Dass der Steuerzahler allerdings für den schlampigen Bau des neuen Flughafens zahlen muss, kann man wohl nur als Ärgernis betrachten.

    2. Völlig richtig! Man will ja nicht gleich in populistische Töne verfallen, aber dass der kleine Mann mal wieder für die Nachlässigkeit und Fehlplanung der Politiker bezahlen soll, ist in diesem Fall ja wirklich eine Unverschämtheit! So ein Desaster wie der BER in Berlin gab es wohl lange nicht.

  1. Ich finde Sehenswürdigkeiten ja nach wie vor immer den langweiligsten Teil einer Reise. Land und Leute entdecken, das beste Restaurant ausfindig machen oder die lokale Weinbar, die den leckersten Rotwein ausschenkt zu finden ist doch weitaus spannender. Der schiefe Turm ist aber natürlich hübsch. Keine Frage.

    1. Einer der wenigen Vorteile des Alters kann es sein, wenn man es sich traut, Sehenswürdigkeiten einfach wegzulassen, ohne das Versäumte zu betrauern. Mit Zwanzig fand ich noch jede Kirche und jede Sexual-Begegnung unverzichtbar. Heute frage ich mich höchstens, ob mein mangelnder Ehrgeiz ein Defizit ist.

    2. Der Mensch muss reisen um seinen Horizont zu erweitern. Sehenswürdigkeiten besichtigen muss er nicht. Wer seinen Urlaub damit verbringt von Hotspot zu Hotspot zu tingeln, kriegt doch in der Regel von Land und Leuten eh so gut wie gar nichts mit. Einfach drauf los laufen und schauen was passiert macht eine Reise viel spannender. Das ist jedenfalls meine Meinung.

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