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0605
Fast am Ziel

Ein Ausflug in Vergangenheit und Gegend | #80

Die Ebene mündete in einen Berghang, andere Möglichkeiten hatte sie ja nicht, das Meer war zu weit weg. Eine drollige Vorstellung, dass Landschaften einen Charakter hätten, nicht wie im Reiseführer beschrieben, heroisch oder lieblich oder unwirtlich, sondern wirklich launisch oder leutselig oder eitel. Wir fuhren durch Wald und Flur, und alles war wunderbar normal, ohne touristische Aufmerksamkeit einzufordern. Doch dann kamen wir um die Ecke, da lag jenseits des Abhangs auf der nächsten Erhebung Pitigliano, und das war nun doch ein grandioser Hingucker. Wer das nicht knipst, der hat kein Handy.

Erst runter, dann wieder rauf und dann links ab zum Zentrum. Die Polizistin ließ uns gewähren, und so kamen wir an der Stadtmauer und an einer schwindelerregenden Brücke vorbei zu einer Stelle, von der Rafał meinte, sie böte mit ihrer verheißungsvollen Lücke zwischen zwei Wagen die letzte Möglichkeit, unseren Mercedes abzustellen, bevor er zwischen zwei Hauswänden eingeklemmt würde, was guten Rat sehr teuer machen könnte.

Zu Fuß gingen wir über die nächste Brücke mit Blick in die Tiefe und erreichten einen weiteren Platz, den ich als Zentrum von Pitigliano definiere, zumal er rechts vom Palazzo Orsini und links von einem ansprechenden Café eingerahmt wurde.

Im Sitzen konnte ich alles angucken, was mir betrachtenswert erschien; das waren jenseits meines Campari-Glases alte Mauern und junge Leute und in meinem Rücken die Ahnung des etruskischen Wegesystems hangabwärts. Silke und Rafał sah ich, wie sie in den engen Gassen verschwanden, und die Sonne sah ich, wie sie aus den breiten Wolken hervorlugte und wie sie anfing, die Bermudas der Touristen zu beleuchten und zu bewärmen, so dass deren trotzige Freizeitkleidung einen Sinn bekam. Allerdings braucht lange schon keiner mehr eine Rechtfertigung, um sich zu verunstalten. Das sehe ich an mir selbst.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Augen zu, Augen auf. Das Leben zieht dahin, ich bin dabei, jedenfalls am Rande. In Triest, am zweiten Tag der Reise, hatte ich gedacht, von jetzt an werde ich nie mehr allein irgendwo rumsitzen. Aber eigentlich passiert das täglich. Ist ja auch nicht schlimm, bis auf diese Abschiebung damals, zum Bahnwärter vor 69 Jahren. Bin ich allein, fühle ich mich sofort im Stich gelassen, bin ich nicht allein, möchte ich fliehen. Ist Selbstmitleid oder auch nur Selbstbeobachtung erzählenswert? Nö. Also Schluss damit!

Möglichst klaglos muss ich ertragen, was alles nicht mehr geht. Ängstlich war ich immer, feige bemühte ich mich, nie zu sein. Man muss sich was trauen, dachte ich bald, sonst hat man umsonst gelebt. Denken oder herrschen oder niedergeknüppelt werden. Scheiß auf dein volles Grab, Hauptsache, du hast gelebt vorher. Da legte ich mir unausgesprochene Weisheiten zurecht wie: Was du nicht ändern kannst, musst du genießen, und was du nicht genießen kannst, musst du ändern!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Nicht das Machbare, das Unmögliche war immer das, was ich gewollt habe. Deshalb war ich unter Künstlern besser aufgehoben als unter Kaufleuten. Meine väterliche Verwandtschaft hat das nie begriffen. Wenn ich denen ihr mangelndes Gespür für das Ausgefallene übelnehmen wollte, wäre das so, als würde ich ein armes Schwein schlachten, weil es keine Noten lesen kann.

Bild: gemeinfrei

Schon wahr: verstanden zu werden, macht Spaß. Geheimnisvoll zu bleiben, aber auch. Das lässt sich sogar kombinieren. Meine Mutter, deren Herkunft ungewiss bleibt, hatte einen untrüglichen – naja, wenig trüglichen – Sinn für das Sinnliche und das Übersinnliche, aber auch für die Realität. Sie war meinem Vater eine gute Beraterin. Was ihr an Sachverstand fehlte, das machte sie mit Menschenkenntnis mehr als wett. Sie gab Guntram die Sicherheit, die er von seinem bornierten Vater Reinhold, der ihn als Versager beschimpft hatte, nie bekommen konnte. Die Geschichte, diese ausgefuchste Komikerin, hat es dann so eingerichtet, dass Reinhold, der nach seiner friedenshalber abgebrochenen Offizierslaufbahn nichts mehr auf die Reihe bekam, von Guntrams finanziellem Erfolg standesgemäß lebte, ohne sich des eigenen Versagens bewusst zu werden. Oder war es gar kein Versagen? Ist Vaterlandstreue ehrenwerter als Geldverdienen? Fürs Finanzielle waren die Schwiegerväter der Herren Leutnants zuständig, fürs Stiefelputzen die Burschen. So lässt sich für Gott und Vaterland die Welt vom preußischen Feldherrenhügel aus selbstgefällig betrachten. Bloß, dass Gott – selbst im Sprichwort – lieber in Frankreich war als in Königs Wusterhausen.

6 Kommentare zu “Ein Ausflug in Vergangenheit und Gegend | #80

  1. „Was du nicht ändern kannst, musst du genießen, und was du nicht genießen kannst, musst du ändern!“
    Das ist genau mein Standpunkt. Ich denke immer man kann eine etwas heikle Sache entweder als Problem oder als Herausforderung sehen. Das eine bringt Ärger, das andere Ansporn und Spaß. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst.

    1. Schon deshalb, weil der Satz von mir stammt, muss ich Ihnen zustimmen. Ich sehe aber ein, dass das ein sehr luxuriöser Standpunkt ist, der seelische oder körperliche Kraft erfordert, Mut oder Geld. Wer nichts davon mitbringt, wird eine solche Aussage als anmaßend empfinden, und er hat recht. Ich aber auch.

    2. Das Gute ist ja, dass man von seinem eigenen Standpunkt aus immer Recht hat. Ob’s am Ende weiterhilft ist eine andere Frage.

  2. Feigheit ist etwas, das mir gegen den Strich geht. Ängstlich zu sein finde ich dagegen eine sinnvolle Eigenschaft. Angst, bis zu einem gewissen Grade, macht vorsichtig und hilft Entscheidungen mit Bedacht zu fällen. Die verbreitet Ansicht ‚Angst haben nur die Dummen‘ habe ich nie verstanden.

    1. Ich kenne den Spruch genau anders herum: ‚Nur die Dummen kennen keine Angst‘. Anscheinend kann man die Redensart je nach Belieben bzw. situationsgerecht einsetzen. Macht einiges einfacher 😉

  3. Natürlich wollen wir verstanden werden. Aber wenn man sich unverstanden fühlt, liegt dies ja oft an der eigenen Unfähigkeit sich so wie man es eigentlich meint auszudrücken. Oder weil man sein Gegenüber selbst nicht versteht und daher nicht weiss wie man den Anderen erreichen kann.
    ->
    „Menschen, die sich unverstanden fühlen, haben meistens keinen Versuch unternommen, andere Menschen zu verstehen.“ – John Steinbeck

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