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Fast am Ziel

Der schöne Wahn | #74

Montag, 8. August
Rafał war noch immer tief geknickt wegen der unscheinbaren kleinen Beule in unserem herrschaftlich großen Auto, und ich wog ab, während er meinen unrettbar siechenden Leib balsamierte, ob es ihn trösten würde, wenn ich ihm „Ist doch nicht so schlimm!“ sagte, oder ob er dann sich und seine Aufgabe nicht ernst genommen fände. Der Direttrice sagte ich zum Abschied, dass ich beim nächsten Mal wieder dieses wunderbare Zimmer mit der herrlichen Terrasse haben wolle, und mir war nicht klar, ob das eine Freundlichkeit ihr gegenüber war oder eine Aufforderung an mich, diese Reise nicht als letzte meines Erdendaseins einzustufen. Dann setzten wir uns in den nahezu unversehrten Mercedes und fuhren die nach wie vor grandiose Küstenstraße entlang über den tourismusgeplagten und -verwöhnten Ort und den campingplatzgeschädigten kilometerlangen Damm zurück aufs Festland und danach, endlich von Urlaubern unbehelligt, ins Innere der Toskana.

Die Strecke hatte ich noch gut in Erinnerung: Mai 1995, ich am Steuer, Guntram neben mir, Irene hinten. Man fährt eine schnurgerade, piniengesäumte Allee zurück in die Berge, zurück nach Saturnia – für Rafał und Silke das erste Mal. Silke hatte schon in Hamburg gefragt, ob das nicht zu viel würde, aber ich hatte den Verdacht, es war ihr nicht um meine Gesundheit, sondern um ihre im Koffer zerknüllten Kleider gegangen. Silke ist ‚ungebügelt‘ nicht sie selbst. Von damals, 1995, hatte ich Pali berichtet:

Grischa Georgiew/Shutterstock

Zehn Tage lang waren wir in der Toskana, in Saturnia, wo Irene und ich in 37 Grad heißem Schwefelwasser badeten und Guntram sich langweilte. Die ersten beiden Tage waren warm und wolkenlos, von da an legte sich graue Kälte über das Land wie Hammelfett über den Gaumen. Tag für Tag schritten wir mittags und abends mit Block vorm Bauch in den Saal, in dem die Mahlzeiten exekutiert wurden, um uns Teile der Vier-Gänge-Menüs die Speiseröhre runterzuquetschen.

Immerhin, ein Ausflug ans Meer: Porto Santo Stefano, wo die Noflo vor genau zwanzig Jahren ihren letzten gemeinsamen Urlaub gefeiert hatte, eine Woche vor Carlos, fünf Monate vor Roland. Jetzt – Sonne und Vorsaison, ein paar rare Stunden ohne Bitternis: Erinnerung, die nicht brennt, sondern freundlich herüberwinkt in die Gegenwart. Fisch über dem Meer mit Harald und Zinkeisens – milde welkende Kontinuität.

Auf unserer ausgefallenen Nilreise 1984, anschließend an Israel, waren Irene und ich nach Rom auch ein paar Tage in Saturnia gewesen – immer noch ziemlich ausgefallen als Reiseziel –, bevor die Bernstein-Betreuung in Florenz weiterging. Der Maestro war direkt von Tel Aviv angereist, Aufnahmen fanden nicht statt, bloß Konzerte, und so war ich hinreißend überflüssig, was besonders meiner gern beachteten Mutter zugutekam. In Saturnia hatten wir es noch recht nett getroffen, in Florenz regnete es tüchtig, um mir klarzumachen, dass ich nicht zum Sonnen, sondern zum Geldverdienen unterwegs war. Der Ausschnitt aus meinem Film ‚Traumschlösser ’84‘ gibt ein bisschen von der Stimmung wieder, die ich damals heraufbeschwören wollte.

Sechs Jahre zuvor hatte ich Saturnia kennengelernt und darüber berichtet: ‚Im Mai war ich – anschließend an eine Geschäftsreise nach Mailand – weitergeflogen nach Rom, zu meinen Eltern, ins Schwefelbad Saturnia. Das war uriger und ausgefallener als Abano 1965 und gesundheitlich mindestens so fragwürdig, nur, dass es wesentlich abhärtender roch: Schwefel krass. So konnte ich mich schonmal daran gewöhnen, wie es später in der Hölle duften würde.

Foto links: Michele Alfieri/Shutterstock | Foto rechts: Ruediger Jahnke

Wir fuhren mit dem Auto zurück nach Deutschland. Unterwegs versuchte ich immer wieder, Roland anzurufen: aus Siena, aus Bozen. Er meldete sich nicht. Ich war vollkommen außer mir. Schlimmste Befürchtungen, Vorahnungen der Katastrophe. Als ich zu Himmelfahrt in Hamburg eintraf, war die Treppe endlich mit Velours ausgelegt: der Schlusspunkt unseres Umzugs ins Kutscherhaus, und Roland war zurück, jedenfalls physisch. Er hatte ‚Olaf‛ kennengelernt und stellte unser Zusammenleben infrage. Ich schrieb ihm einen langen Brief, ich schickte Blumen aus dem Büro, ich redete, ich schwieg. Zu Pfingsten fuhren wir nach Cuxhaven. Da war Roland schonmal zwölf Jahre zuvor gewesen: nach seinem Selbstmordversuch. Er hatte das Meer sehen wollen: zum allerersten Mal. Bis dahin kannte er nur den Bodensee.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mit Anfang 30 ist man nicht mehr naiv – es sei denn, man bleibt es sein Leben lang. Mit Anfang 30 weiß man über seinen Partner, er wird mit der Zeit unattraktiver werden; und man fürchtet: ‚vielleicht ich auch‛. Aber häufiger als mich werde ich dich sehen, und wenn wir Glück haben, werden wir uns schön finden. Schiller beschrieb schon zu frommen Zeiten in seinem viel zitierten und viel verlachten „Lied von der Glocke“, was nach der Hochzeit passiert:

Bild links: gemeinfrei | Fotos (2): Privatarchiv H. R.

‚Ach! Des Lebens schönste Feier
endigt auch den Lebensmai,
mit dem Gürtel, mit dem Schleier
reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht,
die Liebe muss bleiben;
die Blume verblüht,
die Frucht muss treiben.‛

Der schöne Wahn … Schiller war realistisch, denn dieses Wort brauchte er nicht zum Reimen. Die Frucht muss die Gemeinsamkeit sein. Die Möglichkeit unserer neuen Gemeinsamkeit besteht darin, dass nicht nur Roland meine Umgebung erträgt, sondern auch ich von seinem Wissen lerne. Wahrscheinlich gab mir nicht nur meine Zuneigung Kraft, sondern auch meine Angst. Es sind die drei Buchstaben – das M, das E und das G. Sie machen den Unterschied aus: ‚GEMeinsamkeit‘.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ich schrieb ein Chanson und sang es so falsch wie bewegt:

Ich bin eine Parenthese,
zwischen zwei Gedankenstriche
bin ich eingefügt,
Worte ohne Punkt und Komma,
eine Erklärung,
die nicht genügt.
Ich bin deine Parenthese,
und ich kann nicht
ohne dich sein;
immerzu muss ich erklären,
ohne mich dadurch
zu befrei’n:
von deiner Unbekümmertheit,
die nichts versteht
und mich trotz alledem
umfängt wie ein Gebet.
Worte, gläserne Worte.
Doch wie viel lieber
würd’ ich dir im Schweigen
alles das zeigen,
was durch dich in mir
vor sich geht.
Wenn du mir stumm erklärst,
wogegen du dich wehrst,
ergänz’ ich die Lüge deines Schweigens
um die Wahrheit deines Leidens,
das an mir zehrt.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Roland blieb. Bei mir, in unserem Privatweg. Immer wieder gab es Konflikte, Krisen, noch zwei, drei Jahre lang; aber nie mehr habe ich wegen eines anderen Menschen um Roland kämpfen müssen. Immer nur meinetwegen – oder seinetwegen.‘

6 Kommentare zu “Der schöne Wahn | #74

  1. Respekt Herr Rinke… Ihr Job bei der Grammophon, Ihre unzähligen Reisen, Sie veröffentlichen diesen Blog, Sie schreiben Gedichte, machen Filme und nun hören wir Sie auch noch Chansons singen. Sie werden mir langsam unheimlich 😉 Gibt es noch weitere (mehr oder weniger) versteckte Talente?

    1. Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Fast peinlich, aber ich bin bislang immer beim Blog hängen geblieben. Vielen Dank für den dezenten Hinweis. Probieren Sie das Malen mal. Man weiss ja nie…

    2. Hanno Rinke, der Allroundentertainer 😉 Die Rubrik mit den Chansons ist bisher auch an mir vorbeigegangen. Vielmehr als der Audio-Input würde mich allerdings das Visuelle interessieren. Eine politische Talkshow zum Beispiel. Irgendetwas wo neben ihrem Schreiben auch das Diskussionstalent zum Zuge kommt 😉

  2. Ich schaue mir gerade diesen gelblich eingefärbten Videozusammenschnitt inclusive der köstlichen Performance von „IT’S RAINING MEN“ an und denke an den Geruch von Schwefel…hahahah! Eine eigenartige Erfahrung 😉

    1. Der Schwefelgeruch mag tatsächlich unschöne Assoziationen mit sich bringen. Das Bad ist aber trotzdem sehr zu empfehlen. Ich kenne zwar lediglich die Version in Fallersleben und nicht das deutlich interessanter scheinende Saturnia, aber die wohltuende und heilende Wirkung kann ich durchaus bestätigen.

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