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Fast am Ziel

Lautlos | #28

Was macht man, wenn es nichts zu sagen gibt? Man schweigt. Ich doch nicht! Und eigentlich niemand: Wenn alles überflüssige Gerede in den Hälsen der Sprecher stecken bliebe, herrschte eine wundervolle Ruhe, schon deshalb, weil die Menschheit erstickt wäre. Kein Palaver. Lichtenberg, ich meine, er war es, hat gesagt, man soll nur so lange reden, bis man an einem Punkt angelangt ist, an dem das Gegenüber Bescheid weiß, und man soll mit dem Reden erst dort wieder einsetzen, wo man seinem Zuhörer etwas Neues mitteilt. Daran denke ich immer. So gut es geht, versuche ich, mich danach zu richten, auch wenn das alle ‚Weißt du noch?-Träumereien‘ ausschließt. Der Trick ist, entweder neue Geschichten zu erzählen oder sich ein neues Publikum zu suchen. Das eine erfordert Ideen, das andere Marketing. Andernfalls – Schweigen.

Lichtenberg hat im Deutschen das vollbracht, wofür Oscar Wilde im Englischen berühmt ist: Aphorismen. Typisch, dass die doofen Deutschen daraus viel weniger mit ihrem Formulierungskünstler gemacht haben, als es die gewitzten Engländer mit ihrem Vorzeige-Bonmot-Lieferanten tun. Was nicht vergrübelt daherkommt, gilt im Deutschen nichts. Dabei ist doch Lichtenbergs Erkenntnis „Wer einen Engel sucht und nur auf die Flügel schaut, könnte eine Gans nach Hause bringen“ für alle gläubige Ideologen eine Mahnung, die natürlich nicht gehört wird, weil sich jeder lieber reinsten Gewissens mit einer Engelsfeder schmückt als sich – wie im alten Rom – eine Pfauenfeder in den dekadenten Mund zu schieben, damit nach dem Abkotzen noch ein paar weitere Schafsbockhoden in den Magen passen. Aber weil Schweigen mich zu sehr an Totsein erinnert und ich diesem Zustand ja mit unserer Reise entgegenwirken will, schreibe ich trotzdem weiter.

Alles war Luxus pur, also nicht erwähnenswert. Wer will erfahren, dass jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde und alle Wäsche im Bad und im Bett zu jeder Tageszeit reiner war als Mutter Teresas Gewissen im Morgengrauen? Leser von ‚TripAdvisor‘ womöglich. Vielleicht könnte ich mir da eine Fangemeinde erschließen, die alles übersteigt, was Gedanken denken können. Herzlich willkommen! Wer nichtssagende Floskeln liebt, der wird hier gut bedient.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Eine Misslichkeit gab es allerdings: Tütenkaffee in der Zimmerbar! Ich trinke ja unterwegs keinen Kaffee, aber Silke – und die war schockiert. Solche Verdrüsse nimmt sie sich immer sehr zu Herzen. Mich hätte mehr verdrossen, dass im Hotel kein Fernet Branca aufzutreiben war, wenn ich mir nicht hellsichtig Whisky aus Slowenien mitgebracht hätte. Die Werbung lautete: „Der Tag geht, Johnnie Walker kommt.“ Im Hochsommer steht die Sonne noch recht prall am Himmel, wenn Johnnie bei mir ins Glas kommt.

Natürlich ist es immer wichtig, von Dingen zu träumen, die man nicht haben kann, aber ich weiß noch, als Pali mich fragte: „Möchtest du einen Drink?“ und die Antwort kannte. Dann war in seinem geschickt eingerichteten Zimmer und in meiner geschickt eingerichteten Welt alles in Ordnung, und es gab nichts als die Vorfreude auf den ersten Schluck und auf den ersten Satz, den ich ihm auf seine erste Bemerkung antworten würde.

Erfüllte Wünsche stürzen nicht immer ins Elend, auch wenn das im Kino zunächst mal dramaturgisch geboten scheint. Ich sehe dabei immer auf die Uhr: Bis zur Hälfte eines Films ist das erreichte Ziel ein Megaflop, das den Glücklichen unglücklich macht. So ab zehn Minuten vor Schluss läuft es eher auf ein Happy End zu. Der riesige Bildschirm im Hotel, mit allen deutschen Sendern im Programm, hat mir keine Ruhe gelassen. Alle zwei Tage schaltete ich die Nachrichten ein. Sonst vermeide ich Fernsehen unterwegs genauso strikt wie andere sich nicht auf fremde Klobrillen setzen können. Zum Fernsehen gehört für mich Gesellschaft und Geselchtes, Brot muss nicht sein. Dass ich wunderlich bin, weiß ich, aber wer ist das mit 70 nicht?

Nun gab es ja aber gleich am Montag etwas in den Nachrichten, das in Aleppo gar nicht erst erwähnt worden wäre, aber für Franken schon besonders war: das Würzburg-Massaker. Jemand ging mit Axt und Messer auf Leute los. Muss ich das wissen? Kann ich helfen, kann ich es verhindern? – Nein. Wenn ich höre, in den Anden ist ein Flugzeug abgestürzt, es war eine Deutsche unter den Passagieren, dann klingt das für mich wie: ‚Bei den diesjährigen Sommerfestspielen um den Großen Preis von Singabebien hat Deutschland nur knapp die Bronzemedaille verpasst.‘ Was soll das?

Deutschsein fängt bei Kiefersfelden an und hört bei Flensburg wieder auf. Oder andersrum. Hätte die Frau drei Kilometer weiter gewohnt, wäre eine Österreicherin oder eine Dänin unter den Passagieren gewesen. Wird deshalb in Wien oder Kopenhagen halbmast geflaggt? Aber die Medien selbst regen sich – ziemlich verlogen – genug darüber auf, dass wir dauernd mit Nachrichten bombardiert werden, die wir nicht brauchen; das ist inzwischen eines der vielen Hörner, in das ich nicht stoßen muss. Die penetrante Scheinheiligkeit der ,Die-Öffentlichkeit-hat-ein-Recht-zu-erfahren‘-Mikrofonhalter weckt in mir Mordgelüste.

Die Öffentlichkeit hat ein Recht, von überflüssigen Informationen verschont zu bleiben! Ein B-Promi heiratet, ein C-Promi lässt sich scheiden, ein Z-Promi stirbt. Im Jenischpark ist die Flottbek über die Ufer getreten. Wahr ist, niemand wird gezwungen, einen ‚Brennpunkt‘ zu sehen, aber die Menschen gieren danach. Sensationslüsterne Meute: „Man muss doch informiert sein!“ Heuchlerisches Gewäsch!

Dann informier dich doch mal richtig über Afghanistan, von wo der Attentäter kommt, oder über Würzburg, das gibt es schon seit dem 8. Jahrhundert! Beim britischen Bombenangriff am 16. März 1945 kamen dort 5 000 Menschen um. Sind das nicht noch geilere Zahlen? Ich schalte bei ‚Brennpunkten‘ immer ab. Die einzige zusätzliche Information, die man da bekommt, ist die interessante Erklärung des ‚Korrespondenten vor Ort‘, dass er zur Stunde noch nichts Genaueres sagen kann. „Und damit zurück ins Studio zu Judith Rakers, ach nein, Susanne Daubner.“ Jaja. Es geht mich nichts an, es macht mir keine Angst, und es ist weit weg, von hier sowieso.

3 Kommentare zu “Lautlos | #28

  1. zum Thema: „Man muss doch informiert sein!“ Heuchlerisches Gewäsch!

    Bravo, du sprichst mir aus dem Herzen, Hanno!
    Genau so empfinde ich das auch und habe mich inzwischen damit abgefunden, dass es mir wahlweise als mangelndes Interesse oder Dummheit ausgelegt wird.

    Es grüßt Heidi

  2. „wieder einsetzen, wo man seinen Zuhörern etwas Neues mitteilt“ — das leuchtet ein, lieber Hanno! Und doch: Wie reizend ist es, etwas Altes, schon einmal Gehörtes/ Gelesenes noch einmal oder immer wieder neu in neuen Schläuchen serviert zu bekommen!? Und wie mitreißend kann etwas Alt-Neues sein, etwas Neues, das sich plötzlich als Altes offenbart und umgekehrt….
    In diesem Zusammenhang empfehle ich 2 Bücher: Martin Walser, Die Verteidigung der Kindheit, und Joseph Conrad, Der Geheimagent — beides eignet sich vielleicht als Reiselektüre… Schöne Grüße, bis zur nächsten mitreizenden Lektüre. D.S.

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