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Fast am Ziel

Fünf Sterne unter grauem Himmel | #11

Sonntag, 19. Juni
Siebzig zu werden ist kein Ruhmesblatt, seit es Antibiotika gibt. Bedeutende Menschen haben dieses Alter zuvor nicht erreicht, längst Vergessene haben es seither weit übertroffen. Ich liege wie üblich im Mittelfeld dazwischen, habe also eine noch mindestens so glorreiche Zukunft, wie Honecker sie der DDR zum vierzigsten Jubiläum vorhergesagt hat.

Foto: Luboslav Tiles/Shutterstock

Hatten wir gestern auf dem Weg zu Mary die Hänge westlich der Etsch erobert, so machten wir uns heute auf den Bergweg östlich des Flusstals: zur Fragsburg. Alles aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist in westlichen Köpfen und Medien verankert: Der Kapitalismus muss sich in die Konsumenten hineinversetzen und Gemeinsamkeiten aufspüren – wie will er sonst der Kundschaft etwas verkaufen? Dem strammen Sozialisten reicht die edle Idee, der Ungläubige muss sich an der Kasse etwas einwickeln lassen, um Befriedigung zu finden.

Die noble Fragsburg liegt in überschaubarer Höhe. Früher ließen wir dort das Auto stehen, spazierten die Wiesen erst aufwärts, dann wieder abwärts und aßen anschließend an karierter Tischdecke Kaiserschmarrn. Jetzt nicht mehr.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Eingebettet in die alpin-mediterrane Bergwelt Südtirols thront das Schlosshotel Castell Fragsburg als ein Refugium der Ruhe hoch über Meran.“ Und weiter: „Egal, wie oft wir selbst unsere cinematographische Glas-Loggia schon betreten haben und über die Brüstung der Panorama-Terrasse hinweg die faszinierende Kulisse Merans erblickten, selbst wir sind jedes Mal aufs Neue von der gewaltigen Schönheit der Natur rund um uns wie verzaubert“, singen alle vom Fünf-Sterne-Generaldirektor aus Wien bis zum Zwiebelzerkleinerer aus dem Senegal unter Tränen im Werbechor der Homepage.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

An Draußenessen war nicht zu denken, Panorama hin oder her, aber das Getränkebuffet konnten wir doch für den Aperitif in der Veranda ‚plündern‘, dazu gab es schon mal ein paar Häppchen, die im Senegal die ganze Familie des Zwiebelschneiders eine Woche lang ernährt hätten. Nun packte ich wie vorgesehen meine Geschenke aus und war gerührt über Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen meiner Freunde. Da ich mir den Ruf erworben habe, kaufen zu können, was ich will, besteht die Herausforderung darin, mich mit Dingen zu überraschen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Inzwischen habe ich die Bücher gelesen, die Kleidungsstücke angetragen und meine Vorfreude auf den Besuch der Elbphilharmonie gesteigert.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dementsprechend fiel die abendliche Verköstigung weit weniger gehaltvoll aus. Das ‚357‘ liegt gleich bei uns um die Ecke. Sein Name bezieht sich auf die Hausnummer an der ‚Via-Cavour-Straße‘ wie sie in Südtiroler Zweisprachigkeit heißt, und die Zahl wird von Italienern ‚trecinquesette‘ ausgesprochen. Deutsche sagen: „Dreihundertsiemunfuffzich“. Es gab Pizza und viel zu erzählen, und ich horchte in mich hinein, ob ich mich so alt fühlte, wie ich jetzt war.

Meine Altersgenossen, die damals alles umkrempeln wollten, waren mindestens so radikal und gläubig, wie ihre Eltern es gewesen waren, nur dass alles, was den Jungen nicht ins Weltbild passte, jetzt ‚faschistisch‘ hieß: ein Begriff, ehemals Auszeichnung, jetzt Schimpfwort, so wohlfeil wie inflationär. Ich hatte sie für Idioten gehalten, alle zusammen. Von der Liberalisierung profitierte ich trotzdem, eher lauthals als stillschweigend, aber der nachprüfbare Kontrapunkt interessierte mich immer mehr als der angebliche Konsumterror. Partituren sind realer als Utopien: Sie lassen sich wenigstens umsetzen. An etwas glauben zu können, ist vielleicht Gnade, aber niemals Verdienst. Und an etwas geglaubt zu haben, taugt vielleicht zu wehmütigen Erinnerungen, aber nicht als Entschuldigung – genauso wenig, wie es zur Rechtfertigung dienen kann, an nichts geglaubt zu haben. Im Alter werden die Huren fromm und die Radikalen zahm. Trifft nicht zu auf mich. Sähe ich nicht so abgewrackt aus, ich würde behaupten, ich habe mich nie verändert.

Zum Tagesausklang gab es noch eine besondere Attraktion: Wir versammelten uns auf der Terrasse, Licht gleißte auf, Feuerwerk-Fontänen stoben in die Nachtluft, Shirley Bassey behauptete in der englischen Version ‚Fafafa‘ einer italienischen Canzone aus dem Lautsprecher heraus, was ich seit, oh mein Gott, fünfzig Jahren schon von ihr wusste: „We’re only young but once then youth is gone. You can’t go back in time, for time goes on.“ „Live for today, today is all that matters“, behauptet sie weiter im Text kämpferisch-resignierend, während das italienische Original nur bedauert, dass ‚Il carnevale‘ vorbei sei. Vielleicht stimmt es nicht, dass ich keine Idole hatte, habe ich nicht doch auf inbrünstig-ironische Art für Shirley Bassey geschwärmt, während Gleichaltrige glauben, ‚Black Sabbath‘ würde ihnen neue Welten erschließen? Dass Shirley Bassey auf dem Festival von San Remo sang und ihre Italien-Liebe so weit trieb, dass sie den Assistenten des Hoteldirektors heiratete, aber nicht irgendeines italienischen Hotels, sondern den vom Excelsior auf dem Lido, das passte in Haralds und meine Gewissheit, dass Glamour und Kitsch einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Von Silke, unserer Artist-Promotion-Expertin im Pop-Bereich, wusste ich außerdem schon damals, dass Rabauken, die in ihren Songs die Ungerechtigkeit der Welt anprangerten, gern in Nobel-Restaurants feierten, dort immerhin, um unetabliert zu bleiben, mit Gläsern um sich schmissen, oder aber gleich jenseits der Bühne unerkannt im Maßanzug liefen und ihre Kinder auf Privatschulen schickten. Vielleicht war unser Modell, das falsche Pathos der echten Empörung vorzuziehen, zynisch, aber dafür blieb es uns erspart, im späteren Alter Lebenslügen als wahre Werte ausgeben zu müssen. Shirley Basseys gespielte Zügellosigkeit „Today is all that matters“ liebte ich vielleicht deshalb inbrünstig, weil sie mir auf immer versagt blieb: Ich konnte den Augenblick monatelang planen, ich konnte ihn hinterher jahrelang beschreiben – genießen konnte ich ihn nie, und so hätte Mephisto als Verführer an mir noch weniger Freude gehabt, als er sie an Faust hatte. Meine Mutter dagegen hat in ihrer Wahl für Rita Hayworth womöglich mehr Klasse bewiesen als ich mit meiner Shirley-Bassey-Schwärmerei: Irene konnte es fast ernst meinen, ich fast nicht.

Rafał tanzte in der Mitte des Gartens, schimmernd erleuchtet, mit nacktem Oberkörper, während er zwischen den Fingern einen gefiederten Stab hin und her balancierte. ‚Fireball‘ nannte er die Performance. Es hatte etwas Magisches. Es war Artistik, es war Voodoo, es war eine Zueignung. Die Sterne zwinkerten in der Ferne: Einverständnis. Oder Bluff. ‚Il carnevale – fafafa – finice male – fafafa …‘ Ja, es endet eben alles schlecht, es sei denn, man betrachtet das Ende als Erlösung.

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

8 Kommentare zu “Fünf Sterne unter grauem Himmel | #11

  1. Lieber Hanno, welch gelungener Geburtstag. Deine Schilderung ist sehr lebendig und vermittelt die Freude über das Zusammensein mit Deinen Freunden . Ich freue mich für Dich und da ich ja noch unbedeutend älter bin als Du, kann ich nur sagen : man vergisst die Jahre ,genießt die besonderen Momente, so wie ich im Augenblick , dank Deiner Freundschaft , und es ist nur schön. Danke und ganz liebe Grüße von Tür zu Tür . Helga

  2. Das Fotto von Raf im Garten fehlt, was hiermit moniert wird. Nachreichung erbeten. Alles übrige klingt und liest sich bestens ! H.

  3. Lieber Hanno,
    ein fantastisch orchestrierter Geburtstagsmarathon mit so unterschiedlichen Orten, dass diese Festtage eine bleibende Erinnerung bei allen Geladenen hinterlassen werden. Wir freuen uns auf das nächste Jubelereignis, zu dem wir kommen dürfen!
    La Seta

  4. Ich kann mich Silkes Worten nur anschließen! Es war ein unvergessliches Fest, eines Hannos würdig, der sich einmal rühmte, bei der Deutschen Grammophon eine richtige Event-Kultur in der Promotion eingeführt zu haben!

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