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Fast am Ziel

Cowboys, Kaiser, Zwillinge und Gänse | #62

Am meisten freute sich Rafał auf das Pantheon. Wir wälzten uns hinein und wieder hinaus. Wir waren da gewesen, einschließlich Selfie, also verbrieft.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Lange Zeit konnte das Pantheon mit der größten Kuppel der Welt protzen. Jetzt hält die Arena der Dallas Cowboys, ein Football-Verein in Texas, den Rekord. Dieses Bauwerk hört auf den hübschen Namen ‚AT&T Stadium‘; dafür zahlt AT&T pro Jahr zwischen 17 und 19 Millionen Dollar an die Cowboys. Meine Verachtung ist grenzenlos, und natürlich würde ich lieber sterben, als mir dort ‚WrestleMania‘ anzuglotzen; bereits das ehrwürdige Pantheon stellt den Besucher auf eine anstrengende Geduldsprobe. Eine Herde Schafe hat etwas Beruhigendes, eine Herde Menschen hat das nicht.

Als Kaiser Hadrian im Jahr 128 nach Christus das gerade fertig gewordene Pantheon begutachtete, konnte er völlig ungestört den überwölbten Rundbau von 43,30 Meter Innendurchmesser und genauso vielen 43,30 Meter Höhe auf sich einwirken lassen, ganz ohne Japaner oder Vandalen.

Foto: Pavel Ilyukhin/Shutterstock

Hadrian war musisch veranlagt, so sehr, dass ihm Antinoos besser gefiel als seine Kaiserin. Doch das Liebesglück fand ein jähes Ende: Am 30. Oktober 130 fiel Antinoos in den Nil, Hadrian sah ihn – entgeistert, nehme ich an – ertrinken. Die einen behaupteten, es war ein Unfall. Andere sagten, ein Astrologe habe dem jungen Mann versprochen, dass der Kaiser die geschätzte Lebenserwartung des Antinoos zugerechnet bekäme, wenn der (eventuell etwas dumme) Liebling sich rasch umbrächte. Auch die Ansicht, Antinoos sei lieber ins Wasser gegangen, als weiter Hadrians Lustobjekt zu sein, fand Befürworter. Eine Hofintrige scheint ebenfalls möglich, zumal Vibia Sabina, Hadrians Frau, ziemlich zufrieden über den Tod des Nebenbuhlers gewesen sein soll.

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Hadrian ließ ihn sofort zum Gott erklären, das ging damals noch schneller als heute die Heiligsprechung von Päpsten, und er begründete damit einen Mythos, dem wir eine reichliche Anzahl von Antinoos-Skulpturen verdanken: Legenden altern nicht, siehe Marilyn Monroe oder James Dean, dagegen kommt nicht mal die findige Gattin eines schwulen Kaisers an. – So viel Antiken-Klatsch muss sein. Viel mehr aber auch nicht. Jeder weiß ja: Gott Marsens Zwillingssöhne Romulus und Remus wurden ausgesetzt und von einer Wölfin gestillt. ‚Wolfsmilch‘ ist allerdings eine krautige Pflanze, ihr Saft hat eine bis zu hunderttausendfach stärkere Reizwirkung als Chili und wird deshalb in der Gastronomie verständlicherweise nicht verwendet. Die Zwillinge bekamen später aber auch weniger Scharfes. Der Schweinehirt Faustulus fand sie und lieferte sie brav bei Hofe ab, wie man das mit Fundstücken so macht.

Bild: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Romulus war etwas humorlos. Als sich Remus über das Stadtmäuerchen lustig machte, das sein Bruder um das bisschen Rom gebaut hatte, und auch noch spöttisch drübersprang, erschlug das Romulüschen das Remüslein jähzornig und verkündete: „So möge es jedem ergehen, der über meine Mauern springt!“, eigentlich sagte er: „Sic deinde, quicumque trans vallum oppidi mei saltat!“ – das ist zwar Latein, aber nicht verbürgt. Genauso wenig gesichert ist die Behauptung, dass Gänse Rom ein paar hundert Jahre später, am 18. Juli 387, vor Christus und vor dem Untergang bewahrt hätten. Damals dachten die Römer, über diese verdammt hohen Alpen kommt (anders als über die Romulus-Mauer) sowieso keiner und schliefen sorglos in den Morgen. Die Kelten hatten es aber doch geschafft und waren drauf und dran, das Capitol zu erstürmen. Und jetzt die aufmerksamen Gänse: Sie schnatterten dermaßen laut, dass die Römer aufwachten und ihre Feinde gerade noch rechtzeitig in die Flucht schlugen. Nun waren diese Vögel nicht irgendwelches Bratgeflügel gewesen, sondern die heiligen Gänse der Göttin Juno, nach der der Monat Juni benannt ist. Sie soll es auch gewesen sein, die das wackere Federvieh zum Loskreischen angehalten hatte und dadurch Rom rettete.

So, nun reicht’s. Wer mehr über die Ewige Stadt wissen will, informiert sich bei Wikipedia, Polyglott oder Ferdinand Gregorovius (nur 5. bis 16. Jahrhundert, aber davon sieben Bände).

Foto links: Nick_Nick/Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

8 Kommentare zu “Cowboys, Kaiser, Zwillinge und Gänse | #62

  1. Ich finde es ja immer wieder amüsant, dass sich bis heute der Aberglaube hält, trotz der 9 Meter breiten Öffnung würde es niemals in’s Pantheon regnen. Sei es durch bestimmte Luftverwirbelungen oder gar durch die magische Hand Gottes.

    1. Haha, ich habe tatsächlich schon bei schlechtem Wetter im Pantheon gestanden. Mit Selfies kann ich leider nicht dienen. Das überlasse ich der jüngeren Touristengeneration.

    2. Der Mythos kommt anscheinend daher, dass in früheren Zeiten dort so viele Kerzen verwendet wurden, dass fallender Nieselregen verdunstete bevor er den Boden erreichen konnte. Anscheinend funktioniert das bei ausreichendem Touristenandrang auch heutzutage noch 😉 Ich habe nur darüber gelesen, aber man soll wohl die Messe am Pfingstsonntag besuchen, wenn man irgendwie die Möglichkeit hat. Da regnet’s statt ordinärem Regen nämlich Rosenblüten durch die Kuppel.

  2. Die „alten Römer“ verfügten scheinbar über starke Gene: Der Hang zum Mauerbau immerhin hat sich über viele Jahrhunderte etabliert. Zwar galten diese Bollwerke dann weniger als heilig, jedenfalls beim deutschen Volk, aber sie erfüllten wohl immer ihren Zweck: Abschottung, Abschreckung – und „Abmurksung“ beim flapsigen Versuch des „Perspektivwechsels“. In deutschen Landen noch bis vor 30 Jahren ein politisches Kräftemessen quer durch alle „Blut-Gruppen“.

    1. Ist Mauerbau nicht eh gerade wieder ziemlich in? Ich dachte HOCHTIEF wollte sich ganz aktuell ein paar Dollar an der mexikanischen Grenze dazuverdienen…

  3. Auch einige Bürger der alten Bundesländern würden die ehemaligen DDRler gern auf deren Kosten wieder hinter die Mauer sperren, damit die AfD-Wähler unter sich bleiben. Gibt sie aber auch schon im Westen.

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