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Fast am Ziel

Die Stadt und ich | #65

Dass, wenn ich ins Bett gehe, Rafał das noch lange nicht tut, weiß ich. Ich spüre das Laken unter mir und horche in mich hinein, um zu stöbern, ob ich da wohl in einer unaufgeräumten Ecke ein Quäntchen Neid entdecke, aber ich fördere höchstens etwas Nostalgie, na ja, nicht zutage, aber in die Nacht. Damals, als ich … wie ich da …, oh Gott, und dann … so viele Enttäuschungen, so viele Siege. Nichts hat mich nachhaltig verwundet, nichts hat mich nachhaltig geheilt. Alles hat mich eine Ecke weiter gebracht, kaum im realen Leben, wohl aber in meiner tausendfüßlerischen Biografie. Ich kann mich nicht beklagen? Natürlich kann ich das, jeder kann es. Der eine beklagt sein hartes Schicksal, der andere, dass ihm nicht genügend zugestoßen ist. Wer nicht rechtzeitig stirbt, der sollte das Alter dazu nutzen, seinen Frieden mit der Art zu machen, wie er sein Leben geführt hat. Gendergemäß sollte ‚sie‘ das ebenfalls tun, und selbst ich bemühe mich in diesem Augenblick, mich zu verstehen.

Wenn Rafał viertel nach neun an die Tür klopft, liegen kurzzeitig hinter ihm mehr Erfahrungen und weniger Träume als hinter mir. Seine absolute Zuverlässigkeit am Morgen rückt mir seine Nächte in ein Licht irrealer Zustandslosigkeit. Er sagt ein paar Worte über das, was er erlebt hat, und ich schweige, Giuseppe nicht. Er fragt nach, er will es genauer wissen, er möchte es nacherleben. Giuseppe hat immer bloß zugesehen, während ich mich ausgetobt habe; er ist Voyeur geblieben, ich lasse es mir nicht anmerken. Rafał gibt ein wenig von seiner durchfickten Nacht preis, ich höre weg und konzentriere mich auf den Tagesablauf. Rom! Was geht noch? Was lässt Altes aufleben oder vergessen, was lässt Neues zu?

Foto: givaga/Shutterstock

Ich habe eine Aufteilung vorgesehen: Rafał ist zum ersten Mal in Rom; er soll die andere Tiber-Seite kennenlernen, Engelsburg, Vatikan; Silke schadet das auch nichts. Giuseppe ist oft in Rom; er kann mich zur Piazza Navona begleiten und dort mein Alleinsein durch seine Gegenwart auflockern. Im ‚Caffè Domiziano‘ hatte Silke nicht reservieren können, das bringt da nichts, vor allem keinen Umsatz, wenn man einen Tisch mutwillig leer hält, der spielend belegt werden kann. Seh’ ich ein. Giuseppe und ich, wir bekamen trotzdem gerade noch eine freie Ecke, mit Blick auf alles. Mehr geht nicht. Mehr Rom geht nicht. Und endlich mal nicht allein darauf warten, abgeholt zu werden, sondern behütet sein; kann man dann das Warten bereits ‚Erleben‘ nennen? Die Taxe war bis knapp an den Durchgang gekommen, ich bis knapp über die Brunnen hinweg zum ‚Domiziano‘. Es muss ja immer jemand weggehen, damit man sich in Position bringen kann: in der Politik, auf dem Parkplatz, am Boulevard. Abtreten, antreten – so läuft das.

Foto: f11photo/Shutterstock

Wir setzten uns und genossen, dass nichts passierte. Weil mir das mehr Assoziationsmöglichkeiten bot als dem Leser, möchte ich ihn, also Sie, an meinen Erinnerungen teilhaben lassen. Das geht am besten mit Ausschnitten aus drei Briefen: den ersten an Harald, als ich noch sexlos war, den zweiten auf Verlobungsreise mit Pali, den letzten an Pali, als ich schon Sau war.

Rom, 30.08.1968
Carissima Araldina!


Endlich wieder Rom: Piazza Navona, Piazza del Popolo, Piazza della mia vita. Gleich am ersten Nachmittag wurden wir beim Campari Zeugen, wenn auch nicht Mitläufer, einer Demonstration: Studenten, die nicht gegen kapitalistische Ausbeutung protestierten, sondern gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in Prag. Es war packend und ergreifend. Deutsche Studenten werden sich zu so viel Objektivität nie durchringen können. Wer riskiert schon gern, dass sein festgezurrtes Weltbild kippelt? Über untergegangene Imperien und Ideologien lässt es sich in Rom genüsslich nachdenken: die Trümmer vor Augen, die Erdnüsse in der Hand und das Glas am Mund.

Zum nächsten Abend hatten wir durch Vermittlung von Guntrams Geschäftspartnern eine Einladung bei einem amerikanischen Maler, der seit sechs Jahren in Rom lebt. Am Telefon erwähnte er, einige Freunde würden anwesend sein. Durch wabernde Haschschwaden kämpfen wir uns den Weg an ranken Körpern vorbei zu unerhörten Offenbarungen der Leinwand. Wir lauschen hingerissen den feurigen Diskussionen Bärtiger und genießen den Blick aus dem Atelierfenster auf das nächtliche Rom – glaubten wir.

Foto: trabantos/Shutterstock

Die Wirklichkeit: In einer Ansammlung von Kitsch sitzt ein liebenswürdiger älterer Herr, der uns mit je einem amerikanischen und einem italienischen Durchschnittsehepaar bekannt macht. Außerdem anwesend: ein spitzer Jüngling vom italienischen Sozialistischen Studentenbund, wohlanständig wie die beiden Bürgerspaare. Die Bilder werden betrachtet. „Oh, I like it!“, stellt die Amerikanerin fest. Ihr Gatte erkundigt sich, ob das schmiedeeiserne Gitter, das Wohn- und Essraum trennt, auch ein Werk des Künstlers sei. Er wehrt bescheiden ab. Irgendwann ist der Abend vorbei. Der Malende wollte nichts als verkaufen, wir wollten nichts als weg. Vielleicht sollte man den Partnern meines Vaters mehr im Bereich der Wirtschaft vertrauen als im Bereich der Kunst.

Am nächsten Abend holten wir Guntram vom Flugplatz ab und aßen in Trastevere: Im ärmlichsten Viertel die teuersten Restaurants – das ist Tourismus. Und das bringt Studenten auf die Straße. Verständlich, dennoch ist das Essen bei ‚Sabatini‘ ausgezeichnet. Muss man es sich übelnehmen, wenn man gern hübsch angezogene Leute anguckt? Mein Vater, der bei Kulturellem immer Kreislaufstörungen bekommt, freut sich, am übernächsten Tag mit meiner Mutter abzureisen. Ich freue mich auch: Eine Handvoll Tage werde ich Rom für mich haben – die Stadt besiegen, der Stadt erliegen. Doch dann der Umschwung: allein, ausgeliefert. Ich halte es nicht aus. Die Stadt bedrängt mich, ich fühle mich fast vergewaltigt und bin entsetzt darüber, dass ich es genieße. Ich fliehe. Drei Tage eher als geplant.

Foto: Yuriy Biryukov/Shutterstock

Rom, 27.05.1972
Carissimo!


Rom. Vier Jahre später. Etwa fünfzehn Stufen, dann die terrassenartige Fläche, die Balustrade, und kerzengerade unter mir die Via Condotti. Ich sitze mitten auf der Spanischen Treppe, mitten in der Mittagssonne, mitten unter den singenden, Gitarre spielenden, schweißig duftenden Träumern, die Rechtschaffende heute unter dem Begriff ‚Gammler‘ zusammenfassen.

Ihre Musik klingt ein bisschen romantisch, ein bisschen aufsässig. Weltverloren, selbstgewonnen. Unter uns flaniert die Nobilità mit kühler Selbstverständlichkeit, und in den Schaufenstern hat man Gelegenheit, die Stilmerkmale von Gucci und Valentino zu unterscheiden. Hier oben gilt es, den Unterschied zwischen Greatful Dead und Ten Years After zu erkennen. Bewusst werdende Lebensgefühle, die nach Differenzierung und Artikulation suchen. Ich Ignorant habe ja Valentino auf Capri kennengelernt und hielt ihn bloß für das Schmuckstück der geschiedenen Frau Thyssen. Da ich selbst Mitbringsel war, hätte ich wissen müssen, wie eigenständig die manchmal sein können. Pali schien leicht verstimmt, dass ich ihn heute Morgen, schon vor dem Frühstück, verlassen habe. Er mag gedacht haben, ich suche das große Abenteuer, irgendetwas, das zu Faszination, Eskalation, Ejakulation führt. Nichts dergleichen. Es ist der übliche Test. Die Stadt und ich. Und immer siegt die Stadt. Und immer bin ich der Verlierer.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Menschen um mich her sind freier und befangener als ich. Von den meisten könnte ich lernen, mit keinem möchte ich tauschen. Das leere Lachen hübscher Schwuler, die etwas krampfige Fröhlichkeit der verbissen Singenden, und die Gleichgültigkeit derer, die sich nur für Dinge engagieren können, die Tausende von Kilometern entfernt liegen. Außerdem die belanglosen Touristen, na klar. Vielleicht möchte ich angesprochen werden, vielleicht fürchte ich mich davor. Dieselben Impulse, die mich weiterbringen, lähmen mich. In gewisser Weise bin ich glücklich, auch wenn ich zu feige bin, ich selbst zu sein. Es ist grell und heiß. Außerdem schreibt es sich nicht gut auf den Knien. Ich werde zurückgehen in das Gartenlokal und noch einen Campari trinken.

Foto: Kite_rin/Shutterstock

Da sitze ich also wieder. Am selben Tisch im selben Lokal wie vor vier Jahren, und ich bin auch derselbe geblieben. Inzwischen habe ich etwa 200 Menschen kennengelernt. Ich habe einen Beruf und finde den Kellner außerordentlich hübsch mit seinen schwarzen Haaren und den grünen Augen hinter matt schimmernden Wimpern. Ich suche den Umkreis der Erregung, aber was führe ich wirklich durch? Für einen Menschen, der zu Recht als egoistisch gilt, verzichte ich unangemessen viel. Wahrscheinlich werfe ich mit meinem Egoismus nur da um mich, wo ich altruistisch sein sollte. Ich werde mich zwingen, meine Bedürfnisse zu durchleiden, damit ich mir nicht so verdammt ungelebt vorkomme. Ich werde mich zwingen, mit Menschen zu reden, ich werde mich zwingen, mit Menschen zu schlafen, und ich werde mich zwingen, all das aufzugeben, was nicht wirklich ich bin. Capri war einfach hinreißend. Das Wetter wurde sehr bald gut. Die Menschen, das Essen, das Baden, Schlendern, Sehen, Gesehenwerden. Die Unterhaltungen und Spaziergänge. Es war wie ein schöner Lieschen-Müller-Madame-Traum. Vorgestern schieden wir wunden Herzens und hatten gestern unseren ersten Tag in Rom bei strahlendem Wetter. Dass es Rom gibt und man woanders wohnt, ist eines der Menschheitsrätsel, die wohl nie gelöst werden.

Zehn Jahre später klang das so:

Rom, 16.08.1982
Lieber Pali,
Briefe schreiben darf ich ja nicht mehr. Du findest, dass ich damit mein Talent verplempere. Also schreib’ ich nicht mehr an Dich. Aber Aufzeichnungen werd’ ich mir ja wohl noch machen dürfen. Zurzeit sitze ich auf der Piazza Navona am Rand eines der beiden Brunnen und es stört mich ziemlich, dass ich nicht Linkshänder bin. Ich finde, ich müsste Linkshänder sein. Besonders, wenn ich auf der Piazza Navona sitze, am Brunnenrand und halb deshalb schreibe, weil meine Aufmerksamkeit erregt ist, halb, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Renaissance-Päpste haben diesen Platz mit Wasser fluten lassen, der Klerus fuhr Schiffchen. Im Winter schmissen die Kardinäle mit Schneebällen nacheinander. Ob das stimmt?

Foto: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Dinchen ist krank. Sie hat schon mehrmals gekotzt und liegt jetzt im Bett. Ich habe also den Abend ganz für mich, und gerade das ist es, was mir nicht bekommt. Vielleicht brauche ich das: mich loszureißen oder mich nicht losreißen zu können, um mich endlich doch freizumachen – den Triumph, mir etwas ertrotzt zu haben, etwas, das mir eigentlich nicht zusteht. Mir steht die ganze Welt offen – aber immer nur durch die Hintertür. Die einzige Attraktion, mit der die Dine permanent aufwartet, ist ihre Mitteilung, sie wäre so gern eine richtige Queen. Dafür, so äußerte sie, würde sie bereit sein, sich fette Titten spritzen zu lassen und überhaupt einige kosmetische und vermutlich auch komische Eingriffe zu erdulden. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass das tatsächlich ihre wahre Bestimmung ist.

Positano war einmalig, wie jedes Mal. In Florenz wollte ich, weil ich das Baptisterium ja schon kenne, das ‚Crisco‘ kennenlernen. Hat nicht geklappt. Gleich von der Eingangstür ging ich mit einem Neapolitaner mit, er bekam die Wohnungsschlüssel des Wirts. Es war mehrmalig. Florenz ist voller Sehenswürdigkeiten, man kann einfach nicht alles auf einmal besichtigen. Aber Dino aus Napoli sah aus wie San Sebastiano ohne Pfeile, das spart den Weg in die Uffizien. Jeder vernünftige Mensch (also nicht Du) würde fragen: Wird das nicht allmählich langweilig? Genauso langweilig wie jeden Morgen eine andere Marmelade zum Frühstück. Inzwischen hab‘ ich mich zu einem Drink einladen lassen und bin dem Spender davongelaufen. Vorher schon war ich einem davongelaufen, bevor es zum Drink kam. Jetzt sitze ich wieder am Brunnenrand. Stunden später, aber keineswegs weiter. Schreiben darf ich ja auch nicht mehr. Dann lass ich’s eben. Hanno

Foto: givaga/Shutterstock

Zum Inhalt dieses letzten Briefes kann ich einen filmischen Beitrag beisteuern, bevor wir uns wieder der Gegenwart zuwenden.

6 Kommentare zu “Die Stadt und ich | #65

  1. Wie wahr, wie wahr. Seinen Frieden machen mit der Art und Weise, wie man sein Leben gelebt hat… und zwar ohne Reue. THIS IS MY LIFE! Shirley hat ja vollkommen recht. Schon immer gehabt. Und Sie natürlich auch, Herr Rinke. Wahrscheinlich ist dies eine meiner wichtigsten Einsichten. Mein eigenes Leben, meine eigene Vergangenheit nicht als Last sehen. Gemachte Fehler kennen, Verluste im Herzen tragen, Schmerz durchleben, aber alles ohne Traurigkeit und Härte. Frieden finden. Leichtigkeit zurückgewinnen. Vielen Dank für diesen Eintrag im Blog-Tagebuch.

  2. Danke für Ihren Zuspruch, Herr Serner. In „This in my life“ liegt immer auch ein bisschen Trotz, und das heißt, dass die Einsicht nicht selbstverständlich ist, sondern Unterstützung gebrauchen kann.

  3. Wenn ich Ihre Beschreibungen lese, bekomme ich das Gefühl ich muss Rom noch einmal eine Chance geben. Ich kenne die Stadt tatsächlich nur von zwei Reisen, die mittlerweile beide mehr als 15 Jahre zurückliegen. Die vielen Touristen und wahrscheinlich auch meine Unkenntnis haben mich abgeschreckt. Orte, die von Touristen überlaufen sind, machen es einem immer ein bischen schwerer zur „eigentlichen“ Stadt vorzudringen. Ähnlich geht es mir in Venedig, Budapest… selbst in Paris habe ich eine ganze Zeit gebraucht. Ihre letzten Beiträge wecken tatsächlich wieder meine Reiselust.

    1. „Die Stadt bedrängt mich“ trifft es doch ganz gut. Und trotzdem ist Rom ohne jegliche Frage immer wieder eine Reise wert. Am besten mit jemand, der sich ein wenig auskennt, dort lebt, viele Stunden in der Stadt verbracht hat und Sie an den Touristenströmen vorbei lenken kann. Und wenn Sie sich einmal eingewöhnt haben, stürzen Sie sich einfach mitten in die Stadt und lassen sich treiben 😉

  4. Rom – der Inbegriff von Zeitenwandel. Was sagt uns diese Ewige Stadt? Zweierlei: Sie zeigt uns, wie erhaben und ewiglich das Alte und Bewährte sein kann, wie wichtig uns die Botschaften und Erfahrugen früherer Generationen sein sollten; andererseits, wie vergänglich Dinge sind, dass alles Irdische, selbst ein Imperium, eine Supermacht, unterliegen kann – und dass der Mensch sich manchmal auch zu wichtig nimmt in seiner nun mal beschränkten Sicht auf die Dinge. Im Forum Romanum spürst du den Atem der Geschichte – und du denkst an Errungenschaften der Römerzeit, an geistig-kulturelles Erbe, architektonische Wunderwerke und nicht zuletzt an unendlich viel Leid, das Menschen hier zu Zeiten der Antike widerfahren ist. Ruhm und Ruin liegen eben oft dicht beieinander … bis heute.

    1. Wer hoch steigt, fällt tief. Wer sich nie nach oben traut, hat dementsprechend weniger Risiko, bleibt aber auch immer am Boden kleben. No risk, no fun halt. Das wussten auch schon die Römmer. Tolle Stadt, keine Frage.

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