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Fast am Ziel

Wie Schweinejauche prima abläuft | #63

Um eins hatten die Pferde uns wieder beim Hotel ‚Condotti‛ abgeliefert. Nun sollte es eine knappe Rast in der Nähe geben. An der Piazza di Spagna, dem Mittelpunkt ‚meines‘ Roms, bot sich das ‚CUCINA & VISTA‘ an, das sich unter anderem der Leidenschaft für das Gute und eines großartigen Blicks auf den schönsten Platz der Welt rühmte: ‚Passione per il buono, … con una Magnifica Vista Panoramica sulla Piazza più bella del Mondo‘, wie es neben anderen Vorzügen nicht gerade super-mega-bescheiden auf der Website heißt. Der Eingang war schon etwas weniger bombastisch. Alles war sehr chic, sehr weiß, sehr darauf bedacht, sich dem Massentourismus weder räumlich noch preislich anzudienen. Dagegen ist nichts zu sagen. Wenn Geld überhaupt zu etwas gut ist, dann dazu, teure Ärzte bezahlen zu können und proletige Leute nicht sehen zu müssen, höchstens vereinzelt im Wartezimmer.

Foto: Privatarchiv H. R.

Wir wurden gleich in den ersten Stock komplimentiert; unten war auch nichts. Steril, das sich gern ‚minimalistisch‘ nennt, ist ja nicht so meins, fast hab‘ ich es noch lieber spießig überladen als so karg, wie es meinem Appetitmangel entspricht. Rokoko finde ich lustiger als Bauhaus, besonders unterwegs. Tunten wurde früher gern ein Hang zur Übertreibung nachgesagt, und so habe ich in Palis Umgebung lauter kontrastbemühte Homoerotiker kennengelernt, deren puristischer Haushalt nur für Eingeweihte, die die Preise kannten, von Armut zu unterscheiden war. Hier oben wirkte alles edel ausgedacht und wie das Gegenteil dessen, was sich Ausländer unter einem italienischen Lokal vorstellen. Um diese Weltläufigkeit zu unterstreichen, verzichtete die Speisekarte auf so etwas Gemeines wie Pizza, bot aber einen ‚Burger‘, und zwar ‚di lenticchie, pane 5 cereali, germogli di soia e barbabietola in salsa di avocado‘, was man als Fremder weder versteht noch alle Tage bekommt. Etwas enttäuschender als die ‚cucina‘ war die ‚vista‘. Es gab einen Tisch, von dem aus man die Südspitze der Piazza di Spagna erahnen konnte, an diesen Tisch setzten wir uns, ich schmollend mit dem Rücken zum Fenster. Dabei bot der Platz eine grandiose Besonderheit: Die Treppe wurde renoviert und war deshalb unbetretbar. Sie lag genauso weiß und leer in der Mittagsglut wie unser Luxus-Imbiss. Was für eine glückliche Fügung! Nachdem ich das Essen und auch die schmale Abwärtstreppe gemeistert hatte, brauchte ich nur noch den mittelkurzen Weg zum Hotel zu überwinden, bevor ich meinen freien Nachmittag teils im Bett, teils auf der Terrasse zelebrieren konnte: Rumrasen war gestern, heute ist Flachliegen mein Ideal.

Der Blick hat von den antennenvermurksten Dächern schnell genug und senkt sich bald in den ‚Spiegel‘, der in Rom leichter zu bekommen ist als in Dubrovnik. Mehr als sieben verkaufte Exemplare traue ich auch der Ewigen Stadt nicht zu, aber eins davon liegt auf meinem Schoß. Da lese ich dann über Kanye West, der ist Rapper, mir kein rechter Begriff, aber Werbefigur für Adidas. All so etwas lese ich aus Pflichtbewusstsein. Meinen Anspruch, Zeitgeist und Lebensgefühl zu begreifen, versuche ich gegen eigene (Vor-)Urteile durchzusetzen; einfach ist das nicht. Nachdem ich mir sicher war, Kanye West als Person und als Phänomen zu verabscheuen, zwang ich mich masochistisch zu lesen, was Twitter über das Schuhwerk der hippen Berühmtheit zu bieten hat. Da stand über dessen Yeezy boost:

‚Das armselige geweine um denn Preis ist ja peinlich,sollen die Habenixe doch weiter in Assiletten rum stolpern.‘

‚Hab mir zwei Paar gegönnt eins für die Gartenarbeiten und das andere als Ersatz für meine Stallstiefel,da ist der Vorteil das durch die offenen Poren des Obermaterials die eindringende Schweinejauche wieder prima abläuft.‘
‚Wenn ich am Wochenende mit meinem 1050 Fendt in unsere Dorfdisco fahre mache ich danke meiner erlesen Schuhe einen Top Eindruck und sorge für Furore.‘

‚Leute seit ihr eigentlich so behindert ?! 1600€ für Schuhe hallo Schuhe! So etwas unnormales habe ich auch noch nicht oft erlebt. Für Kinder in not oder weis Gott was kein Geld haben aber 1600€ für Schuhe also irgendwas läuft hier gewaltig falsch. Sowas soll doch immer nur noch als Statussymbol dienen mehr nicht, doch der gesunde Menschenverstand setzt wohl doch bei einigen aus.‘

Über Orthografie und Interpunktion rege ich mich schon gar nicht mehr auf, das wäre altmodisch. Was mich, ja, ‚amüsiert’, ist, die Mode bestimmt die Medien und die Menschen ziemlich so, wie es Faschismus und Sozialismus immer gewünscht hatten, dass sich ihre Untertanen verhalten sollten: Alles, was ich tue, dient meinen (Volks-)Genossen. Nur dass das Ziel der Konsumenten heute ein anderes ist, als es damals das (genauso) idiotische Ideal war: Heute will ich nicht mehr Teil des Volks-Körpers sein, sondern meinen eigenen lobheischend zur Schau stellen. Wer mich sieht, soll mich beachten und beneiden: um meinen Körper, um meine Klamotten, meine Piercings, meine Tattoos. Oh ja, ich will sein wie die Stars, damit die Massen mich anhimmeln und so werden wollen, wie ich schon bin.

Was ist das höchste Gut des Menschen? War es im Mittelalter vielleicht ein Rittergut? Damals und bis ins 20. Jahrhundert wollten Menschen von Stand blass sein: Dadurch zeigten sie, dass sie nicht draußen arbeiten mussten. Dann wollten die Menschen braun sein, dadurch zeigten sie, dass sie nicht drinnen arbeiten mussten, sondern Golf spielen oder segeln konnten. Nachdem sie aber für die Bräune nur noch an den Ballermann zu fliegen brauchten, kam ein höheres Gut in Mode: Zeit. Nicht mehr in ein Berufskorsett eingespannt zu sein, sondern machen zu können, was man will, wann man es will – das wurde zur Wunschvorstellung von Luxus. Heute scheint mir das angestrebteste Gut die Aufmerksamkeit zu sein. Sie zu erringen ist im digitalen Zeitalter leichter, aber durch das Überangebot auch schwerer geworden.

Foto oben links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto oben rechts: Mayer George/Shutterstock | Foto unten: Sunny studio/Shutterstock

Das Englische ‚Pay attention‘ statt des pädagogischen ‚Pass auf‘ im Deutschen hat mir schon während meiner Schulzeit imponiert, weil es mich gleich darauf aufmerksam machte, dass man den Fisch nicht nur fangen, sondern auch verkaufen muss. Der Sozialismus hatte das Ideal, dass aller gefangener Fisch einfach verteilt wird, was wahnsinnig human ist, leider aber dazu führt, dass die Fischer irgendwie keine Lust haben, mehr zu fischen, als sie selbst und ihre Schwiegereltern brauchen, und ob in verseuchten Meeren überfischte Flundern sowieso nicht mehr vorkommen, war ihnen auch egal, weil damals vor allem die Produktion zählte; Marketing war nicht so wichtig, weil sowieso alle alles wollten. Etwas bescheuert sang ich schon 1965 als infantiler Musikstudent die im Deutschen damals sinnlose Übersetzung in aufsteigenden Terzen: „Zahl Aufmerksamkeit! Zahl Aufmerksamkeit!“ Als ich fünfundzwanzig Jahre später lieber das im eigenen Betrieb nicht sehr renommierte Marketing übernehmen wollte als die angesehene A&R-Abteilung meines Arbeitgebers, war mir schon klar, dass die Zukunft nicht der Erzeugung, sondern der Vermarktung gehören würde. Die Möglichkeiten des Internets ahnte ich nicht, so wenig wie Goethe das Flugzeug. Inzwischen zahlt man für Aufmerksamkeit, und da kann Donald Trump natürlich mehr einsetzen als ein unentdecktes Genie in Gelsenkirchen, das nicht Fußball spielt, sondern bloß das absolute Gehör hat.

Foto: anek.soowannaphoom/Shutterstock | Foto rechts: matimix/Shutterstock

9 Kommentare zu “Wie Schweinejauche prima abläuft | #63

  1. Aufmerksamkeit ist doch heutzutage wirklich kein Luxus. Eher totaler Mainstream. Über Instagram, Snapchat, Facebook, Youtube-Kanäle kann man doch jeden noch so unwichtigen Teil seines Lebens teilen. Und es gibt immer genügend gelangweilte Menschen, die zuschauen. Ist Luxus heute nicht eben genau die Rückbesinnung auf Exklusivität? Der von Ihnen (wahrscheinlich zu recht) verschmähte Yeezy Boost Schuh kostet doch nur so viel Geld, weil er eben sehr limitiert vertrieben wird. Eine Jacke der Kenzo-H&M-Kollaboration ist genauso aus Plastik und genauso wenig luxuriös wie Jette Joop Mode von Aldi Süd. Aufmerksamkeit allein macht noch keinen Luxus.

    1. Wenn man den Begriff etwas erweitern möchte, ist Luxus unter anderem aber auch unpolitisch zu sein, sich nicht um Probleme in fernen Ländern kümmern zu müssen, das Privileg des heterosexuellen weissen Mannes…

    2. Schwul und unbekümmert kommt aber auch vor. Mit Einfalt kann man viel Zustimmung finden. Ich unterscheide allerdings zwischen kurzfristiger Beachtung inklusive Fremdschämen und dem Füllen von Arenen.
      Luxus hat unter ernsten Menschen einen sehr schlechten Ruf. Quadbeck-Seeger ist der Meinung: ‚Luxus hat den penetranten Beigeschmack von materialisierter Schamlosigkeit.‘ Carl Hilty wusste: ‚Der Luxus macht den einzelnen Menschen, der sich ihm ergibt, zum Sklaven, und er ist für Völker der größte Feind der Freiheit.‘ Ich habe Luxus ganz gern.

    3. Und um ein etwas positiveres Zitat hinzuzufügen – Die wunderbare Coco Chanel sagte einst: „Some people think luxury is the opposite of poverty. It is not. It is the opposite of vulgarity.“
      Ich würde sagen, dass diese Beschreibung einem „wirklichen“ Gefühl von Luxus am nächsten kommt.

  2. Die von mir sehr geschätzte Sybille Berg hat im Onlineauftritt des Spiegel gerade einen treffenden Artikel zum Thema Individualismus und Yeezy Boost (oder wie sie das nennt „Scheißturnschuhe“) veröffentlicht. Viel Spaß: „Es gibt einige Erfindungen des neuzeitlichen Kapitalismus, vor denen man den Hut ziehen muss. Joghurt, in medizinisch kleinen Dosen, als Heilmittel verkauft, Turboluft-Handtrockner, die die Hände vielleicht 0,004 Sekunden schneller trocknen, als wenn man die nassen Extremitäten einfach entspannt am Leib hängen lässt, – und der Marke gewordene Begriff: Individualismus.
    Auf einmal sollten Menschen nicht mehr irgendwie sein, sondern sie mussten total und unbedingt individuell sein, und dieses Gefühl der Einzigartigkeit mit dem Erwerb von Produkten sichtbar machen. Milliarden individueller Menschen tragen jetzt also irgendwelche aussagekräftigen Scheißturnschuhe, Jacken, Mützen, Kopfhörer – sie warten in Schlangen auf irgendwelche neuen Scheißturnschuhe und erleben einen Moment der Gemeinsamkeit mit anderen Individualisten. Der verliert sich zum Glück wieder schnell, dieser Moment.“

    1. Nein, das würde ich mich nicht trauen. Ich würde sagen, sie komplimentieren sich. Hanno Rinke mit einer regelmäßigen Kolumne im SPON zum aktuellen politischen Geschehen wäre wiederum auch eine interessante Vorstellung 😉

  3. Ich glaube man kann Ihnen, Herr Rinke, wie auch Sybille Berg ohne Einwände zustimmen wenn es um Kapitalismus, Individualismus und erkaufte Aufmerksamkeit geht. Trotzdem würde ich für alle unbedachten Blogleser und Kanye-West-Nichtkenner eines Ihrer Twitter-Zitate relativieren: Yeezy Boost Schuhe kosten in der Regel um die 220€. Ob das den Besitz dieser Schuhe erstrebenswerter macht, darüber lässt sich natürlich weiterhin streiten.

  4. Alles was sich nicht dem Massentourismus andient, bekommt erstmal einen Vertrauensvorschuss meinerseits. Allerdings stellt sich auch dies oftmals nur als leeres Versprechen heraus. Sehr chic, sehr weiss allein reicht halt auch wieder nicht. Minimalismus ohne Seele und Konzept wirkt dann tatsächlich schnell so steril wie Sie es beschreiben. In dem Fall würde ich ebenfalls den traditionellen verspielten italienischen Stil bevorzugen. Der ist oftmals ehrlicher.

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