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Fast am Ziel

Spinnen Moslems, Juden und Christen? | #46

Samstag, 30. Juli
Ein Tag Pause, das musste reichen. ‚Unterwegs sein‘ heißt, unterwegs zu sein und nicht, sich an einen Ort zu binden wie an einen Marterpfahl. Silke war braun genug, Rafał brauchte endlich neue Gay-Romeo-Bekanntschaften, und ich bewege mich sowieso zu wenig, wenn ich nicht im Auto sitze.

Fotos (2): Thaut Images/Fotolia

Früher habe ich es folgendermaßen empfunden: Der, der wegreist, ist erwartungsfroh und ausgelassen; der, der stehen bleibt, ist alleingelassen und zurückgeblieben. Inzwischen habe ich viele Freunde und andere Besucher im Morgengrauen abreisen gesehen und mich nach dem heuchlerischen Winken stillvergnügt wieder ins Bett gelegt: Gut, dass ich jetzt weder durch die Innenstadt noch durch die Passkontrolle muss. Kein Frühstück, herrlich! Ich muss weder auf dem Autobahn-Parkplatz zwischen zwei einladenden Guacamole-Wraps in der Vitrine wählen noch auf dem Economy-Mittelplatz zwischen zwei ausladenden Mitfliegern nach einer Plastikschale grabschen. Schön! Doch ich habe die Freuden des Verweilens erst spät entdeckt. Immer hatte ich die Rilke-Verse im Sinn:

„Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles, unverwund’nes,
grausames Etwas, das ein schön verbund’nes
noch einmal zeigt und hinhält und – zerreißt.“

Immer wollte ich der Reisende sein, nicht der Bleibende; aber seit Rolands Tod fühle ich mich ratlos: Bin ich der, der zurückgelassen wurde, oder bin ich der, der weitergepilgert ist und den anderen zurückgelassen hat? Die freundlichkeitsgeschulten Rezeptionistinnen im ‚Borgobianco‘ zurückzulassen, kostete keine große Überwindung: Man sagt ihnen, dass alles ‚belissimo‘ war, gibt dem Gepäckschlepper ein Trinkgeld und freut sich auf das Vorbeifliegen der Landschaft an der ‚strada provinciale‘. Jetzt aber einfach das für die Nacht gebuchte Schlafziel anzusteuern, verbot sich von selbst; unser nächstes Hotel würde das oder sogar die letzte Unbekannte der ganzen Reise sein. Da bedurfte es eines würdigenden Anlaufs, und was konnte würdiger sein als das Castel del Monte?

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Tanzend oder liegend – die Acht (griechisch: okto/ὀκτώ) ist eine wichtige Zahl, schon in der Natur: Spinnen haben acht Beine, Oktopusse, die auf Speisekarten ‚Calamari‘ heißen, auch, selbst wenn man deren Beine ‚Arme‘ nennt, während man sie sich von der Gabel in den Mund schiebt.

Foto links: Audrey Snider-Bell/Shutterstock | Foto rechts: Kondratuk Aleksei/Shutterstock

Das Oktogon ist außerdem eine wichtige Bauform der christlichen sakralen Architektur, weil die spinnenbeinige Acht heilig ist. Warum? Vielleicht, weil Gott am achten Wochentag, Montag, ausgeschlafen versucht hat, mit der Schöpfung von vorn anzufangen, was im Christentum als gelungen gilt: Neugeburt, Neubeginn, geistige Wiedergeburt, Taufe und Auferstehung, das alles kann die Acht nach christlicher Auffassung. Darum sind auch Baptisterien oft achteckig, wie das in Florenz.

Foto: RossHelen/Shutterstock

San Vitale in Ravenna, der Felsendom in Jerusalem und die Pfalzkapelle des Aachener Doms wurden um ein zentrales Oktogon entworfen. Profaner: Der Leipziger Platz mitten in Berlin ist achteckig; zum Potsdamer Platz hin wird er von drei Türmen mit eigentümlichem Grundriss begrenzt: Forum Tower, Kollhoff-Tower, Bahntower.

Foto links: canadastock/Shutterstock | Foto rechts: Sean Pavone/Shutterstock

Das Castel del Monte, fern aller Ortschaften auf seinem Hügel, ist achteckig, und seine acht Türme sind es auch. Alle Achtung! Errichtet wurde die Burg zwischen 1240 und 1250 unter Friedrich II., genauer gesagt, ‚über‘ ihm. Ich möchte etwas mehr von diesem Staufer-Friedrich erzählen, weil er sein Leben lang ‚unterwegs‘ war auf eine Weise, wie sie gut in diese Aufzeichnungen passt.

Bevor Friedrich das Castel in Auftrag gab, hatte er die drei achteckigen Kirchen gesehen: Am 25. Juli 1215 war er in Aachen zum König gekrönt worden, 1228 marschierte er in Jerusalem ein und in Ravenna hielt er 1231 einen Hoftag ab. Friedrich hatte also, wie alle umsichtigen Erneuerer, Vorbilder für seine Taten. So etwas wie ‚Heimat‘ war damals kein gängiger Begriff, aber verwurzelt war er in Italien und in Deutschland, die es beide nicht gab: als Länder. Friedrich schaffte es trotzdem, sein Nord- und sein Südreich zu vereinen. Er kümmerte sich um die Verwaltung, erließ Gesetze und gründete 1224 die Universität Neapel. An seinem Hof wurde geforscht und gedichtet. Er schrieb auch selbst, allerdings keine Minnelieder, sondern ein Buch über die Jagd; die betrieb er nicht wie sein Nach-nach-nach-…folger König Vittorio Emanuele mit Hunden, sondern mit Vögeln.

Wer denkt, dass das heute tierschutzmäßig streng verpönt sei, der irrt sich: Die Falknerei wurde von der UNESCO in die weltweite ‚Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit‘ aufgenommen, und zwar nicht nur für die Mongolei, Saudi Arabien und Syrien, sondern auch für Belgien, Tschechien und Österreich. Hätte Friedrich gefreut. Statt solch froher Kunde bekam er aber ‚nasse Hosen‘, wie die Geschichtsschreibung höhnisch bemerkt. Das war, als er hastig den Lambor bei Mailand überquerte, um vor den Truppen der Mailänder Fürsten zu fliehen. Vorher hatte er schnell noch seinen schon fast einjährigen Sohn Heinrich zum König von Sizilien krönen lassen, mittelalterliche Vorsorge. Friedrich schaffte es ungeschoren über die Alpen und erreichte im September 1212 Konstanz. Dann blieb er acht Jahre lang in ‚Deutschland‘. Da ging es drunter und drüber, aber das lasse ich jetzt weg.

1220 kehrte Friedrich nach Italien zurück, aus gutem Grund: Am 22. November krönte der Papst ihn zum Kaiser; dafür reitet man schon mal nach Rom. Dann bekam er aber Schwierigkeiten auf Sizilien und musste ordentlich durchregieren. Deswegen trat er auch den Kreuzzug nicht pünktlich an, obwohl er es doch dem Papst versprochen hatte. Klar, dass der beleidigte Gregor IX. ihn exkommunizierte. Jetzt war der arme Friedrich aus der Gemeinschaft der Christenheit ausgeschlossen, aber 1229 gewann er auf seinem nachgeholten Kreuzzug die wichtigsten Pilgerstätten zurück, was schon deshalb lohnend war, weil Kreuzzüglern automatisch alle Sünden von Gott vergeben wurden, sagte der Papst, und so hatte es sich seit dem Jahr 1095 unter Adligen eingebürgert, die weinenden Ritterinnen mit frommen Wünschen und Keuschheitsgürteln zurückzulassen, um nach Jerusalem zu ziehen, Juden und Moslems zu massakrieren und auf den Ruinen von Moscheen und Synagogen absichtsfroh Kirchen zu errichten.

Doch Friedrich gelang die Übergabe Jerusalems ärgerlicherweise durch Verträge statt durch ein Blutbad, was ihm Gregor sehr übelnahm und die Exkommunikation nur äußerst ungern aufhob. Gottes Stellvertreter hatte schon ein paar Jahre früher dafür gesorgt, dass Menschen, denen eigenes Denken unterstellt wurde – ‚Häresie‘ – verbrannt wurden, natürlich lebend. 1239 exkommunizierte der Papst Friedrich gleich wieder, weil er sich von ihm um Sardinien betrogen fühlte, dieses Mal für immer.

Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Schon 1235 war Friedrich nochmal nach Norden geritten. Da erhob er zum Beispiel ‚Otto das Kind‘ zum Herzog von Braunschweig und Lüneburg und machte sich bei den Bürgern von Fulda unbeliebt, weil er, als die ihn mit Kinderleichen in Hagenau besuchen kamen, nicht bereit war, weitere Juden abschlachten zu lassen. Normalerweise töteten Juden christliche Kinder und nutzten deren Blut für rituelle Zwecke, war man sich in Fulda sicher, siebenhundert Jahre, bevor Hitler der jüdischen Weltverschwörung auf die Schliche gekommen war. Die Fuldaer hatten sicherheitshalber bereits dreißig Juden ermordet. Friedrich fand, das reichte, die Fuldaer fanden das nicht.

Foto: Wikimedia/gemeinfrei

Friedrich bat daraufhin aus England, Frankreich und Spanien zum Christentum konvertierte jüdische Gelehrte an seinen Hof im Elsass. Diese Expertenkommission entkräftete die gegen die Juden erhobenen Vorwürfe. Also wurden die Juden freigesprochen und mussten von da an für den kaiserlichen Schutz zahlen. Mafia-Methoden?

Zurück auf Sizilien setzte Friedrich sich mit den Muslimen ins Benehmen. Er jagte sie weg von der Insel, aber er gestattete ihnen auf dem Festland Religionsausübung, eigene Rechtsprechung und Selbstverwaltung. Den Muslimen war das genug. Sie wurden treue Anhänger des Kaisers und dienten ihm als Soldaten und als Hofpersonal. Doch nach dem Stauferkaiser war es dann mit dem Zusammenleben von Christen und Muslimen in Europa endgültig vorbei. Seither gehört die arabische Hochkultur nicht mehr zu Europa, und die Christen brauchten eine ganze Weile, bis sie den zivilisatorischen Standard der Vertriebenen erreichten.

Im Dezember 1250 starb Friedrich überraschend. Kirchlicher Geschichtsschreibung zufolge soll seine Leiche dermaßen gestunken haben, dass sie nicht nach Palermo überführt werden konnte: So gottlos war der Kaiser gewesen, denn nach mittelalterlicher Vorstellung war es selbstverständlich, dass der Leichnam eines frommen Menschen angenehm duftete. Uns klingt alles das wie ein törichter, tödlicher Kindergarten. Was wird über uns in achthundert Jahren in den virtuellen Geschichtsbüchern stehen?

Foto links: mg1708/Fotolia | Foto rechts: Nerksi/Shutterstock

9 Kommentare zu “Spinnen Moslems, Juden und Christen? | #46

  1. Wie ein chinesisches Sprichwort sagt: „Das Abschiednehmen von Zurückbleibenden ist das Los der Vorwärtsschreitenden.“ Mir ist das Zurückbleiben immer einfacher gefallen, als das Abschied nehmen. Abschiede sind mir ein Graus, Früher genau wie Heute.

    1. Da haben Sie allerdings recht. Momentan erscheint mir der Ausblick auf Unendlichkeit nicht allzu erstrebenswert. Naja, wir werden sehen…

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