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Fast am Ziel

Die Natur | #77

Dienstag, 9. August
Die beiden letzten unserer achtundzwanzig Reisetage, die der reinen Entspannung dienen sollten, lagen vor uns, und bis zum Abend des ersten Tages wussten wir nicht, dass es sogar der allerletzte sein würde: nicht unseres Lebens, nicht mal unserer Reise, aber des reinen Müßiggangs. Was für mich Anstrengung ist und was Abwechslung, kann ich sowieso nicht mehr unterscheiden und rechne mir deshalb das, wozu ich mich zwinge, sicherheitshalber bereits als Triumph an.

Rafał und ich, wir begaben uns, gut nach zehn Uhr, an den Rand des Gebräus, in dem nur wenige Menschen rumschwammen, weil es zum Frühsport zu spät und zum Vormittagstraining zu früh war. Die Golfer golften, die Fango-Empfänger schwitzten in ihren Wannen und die Langschläfer warteten auf ihren frisch gepressten Orangensaft. Ich möchte, dass es allen Menschen gut geht. Dann würde es doch auch mir Mensch ein bisschen besser gehen.

Drei Liegestühle, nicht zu nah am Geschehen, aber auch nicht zu weit abseits von allem, wurden von mir mit Frottee garniert, und der ‚bagnino‘ hatte nichts dagegen, sondern brachte sogar Sonnenschirme, so dass Silke, als sie erschien, keinen Grund zur Beanstandung hatte.

Inzwischen las ich ‚Weltgeschichte to go‘: der saloppe Titel für den Versuch, das, was seit unserer Weiterentwicklung vom Uraffen zum Smartphoner passiert ist, in ein paar Kapitel zusammenzufassen, und zwar so ‚leichtfüßig, dass man süchtig wird nach Geschichte‘, glaubt Amazon. Über den Autor weiß Amazon außerdem: ‚Was er Ihnen über Geschichte nicht erzählt, werden Sie nicht vermissen.‘ Ranschmeißerischer geht’s wohl kaum, aber wir sind es ja gewohnt, dass Banken mit ‚Leistung aus Leidenschaft‘ unsere Guthaben schmälern und dass die Supermärkte sagen: „Wir lieben Lebensmittel‟, ‚supergeil‘ sind sie ohnehin. Was nicht total angesagt ist, ist megaout. Zum Ausgleich haben die Werbesprecher heute meistens eine Prise Ironie in der Stimme, sicherheitshalber. Ist ja nicht so ernst gemeint …, während sie früher Vorzüge von Waschmitteln verkündeten wie Siegesmeldungen in der Wochenschau. Damals war alles eindeutiger. Heute macht der Zeitgeist sich lustig über sich, was das westliche Lebensgefühl so lange in der Schwebe hält, bis ein Terrorist, der felsenfest auf seiner Seite steht, unser Ende der Wippe zu Boden drückt.

Da lag ich nun, entspannungsdurstig und geschichtshungrig. Abschaltlüstern. Die Kulisse füllte sich zum Opernchor. Verdi? Puccini? Ich sah auf die wuselnden Menschen und dachte, sie werden alle sterben und verwesen, so wie meine Eltern gestorben und verwest sind, Guntram und Irene, mit denen ich hier glücklich war, soweit mir das möglich war. So wie ich jetzt hier glücklich bin. Soweit mir das möglich ist.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wir hatten lange Spaziergänge gemacht, 1995. Wir liefen alle drei so ausdauernd. Irene war schon ein wenig schwerhörig, sagte sie. Aber sie hörte die Amseln ganz deutlich. Am Abend hörte sie die Nachtigallen und hatte Tränen in den Augen. Die Nachtigallen hatten aus niederer Frequenz Konkurrenz: Frösche. Frösche, Schwefel und unbeschädigte Landschaft, so hatte ich Saturnia in Erinnerung. Ein 18-Loch-Platz gehörte nicht ins Bild, aber ich weine nicht wehleidig jeder unbewirtschafteten Wiese hinterher. Natürlich ist mir Natur naturbelassen am liebsten, aber das ist ein ästhetischer Maßstab, den sich Menschen, die von Ackerbau, Viehzucht, Drogenhandel, Elfenbeinschmuggel und Urwaldrodung leben, nicht leisten können. Warum sie davon – und überhaupt – leben wollen, bleibt mir ein Rätsel und der Natur auch.

Die Natur will von mir nichts weiter, als dass ich mich fortpflanze (Pech gehabt, Natur!), danach kann ich von ihr aus ruhig sterben. Wie komme ich also dazu, sie zu achten? Der Stärkere setzt sich bei ihr durch, sie ist vollkommen faschistisch. Uns ist beigebracht worden, sie schön zu finden. Kinder finden die Natur nie ‚schön‘, sondern bloß ‚da‘. Wie mag jemand, der seit seiner Geburt dreißig Jahre lang nichts anderes als Plattenbauten gesehen hat, einen Wald finden, wenn er dort plötzlich ausgesetzt wird? Schön? Fremd? Unheimlich?

Die Natur ist mitleidlos und erbarmungslos wie kleine Kinder. Unsere guten Eigenschaften hat die Natur bloß entwickelt, weil wir sonst, ohne Gemeinschaft, nicht überlebensfähig wären. Krallen, Klauen, Stoßzähne haben wir nicht, wir brauchen die Herde.

Was wir der Natur nicht abtrotzen, das gibt sie uns nicht. Und wenn wir sie schlecht behandeln, reagiert sie zickig und lässt sich als Opfer stilisieren. Aber es wäre blöd, sie zu bedauern oder zu verteufeln. Die Natur gibt es nicht. Die ist eine Erfindung des Menschen, und dass er sie reinerhalten, (sinnvollerweise) lebenswert machen oder ausnutzen will, wie es in seine jeweilige Denkweise passt, das ist sein Problem, nicht das Problem der geschundenen, hochgelobten, gleichgültigen Natur: Sie ist wie Gott nur eine Mystifizierung des Unbegreiflichen.

Heute muss alles ‚Bio‘ sein. Genveränderte Nahrung gilt, besonders in Deutschland, als Pest, dabei verhindert sie Pestbefall. Vor US-Chlorhühnchen wird gewarnt, dabei sind diese Hühner verträglicher als die deutsch geschlachteten. Alle Ceta-Gegner sollen langsam verhungern, während sie mir dabei zusehen müssen, wie ich genüsslich ein kanadisches Holzfällersteak nach dem anderen verspeise, als Beilage Genmais.

Diese ganze Natur-Beweihräucherung bringt mich auf die Palme. In Meran habe ich ja eine im Garten, und ich gucke auch lieber in liebliche Auen mit ein paar äsenden Lämmern als in eine Hochhaussiedlung hinter von Windrädern verspargelter Brache. Deshalb werde ich doch nicht sentimental. Jahrtausendelang wusste der Mensch, dass die Natur seine Feindin ist, die er mühsam beackern muss und die außer Fortpflanzung rein gar nichts von ihm will.

‚Sex‘ ist nur da ganz ‚menschlich‘, wo er nicht wie bei den doofen Tieren der Fortpflanzung dient, sondern ein Ausleben dessen ist, was die planlose Natur nicht vorgesehen und der erfundene Gott nicht erlaubt hat. Darum kam ich mir bei meiner Art von Sex auch immer wie der Prometheus in Goethes grandiosem Gedicht vor: ‚Musst mir meine Erde doch lassen stehn‘. Nicht: Dein Wille geschehe, sondern: Ich mache, was ich will! (Falls es dich gäbe: Ich mache es so, wie du mich – absichtlich oder aus Versehen – geschaffen hast.) Vor Gott habe ich zu viel Respekt, aber allen Religionen, die ihn sich ausmalen, werfe ich, was dieses Einssein mit meinem Trieb angeht, ein herzhaftes ‚Ätsch‘ zu.

6 Kommentare zu “Die Natur | #77

  1. „Ich möchte, dass es allen Menschen gut geht. Dann würde es doch auch mir Mensch ein bisschen besser gehen.“ Das sind ja fast schon buddhistische Züge Herr Rinke! Das ist man gar nicht von Ihnen gewöhnt 😉 Wohl sehr wahre und weise Worte.

  2. Ich denke ja immer, dass die Natur nicht Feindin des Menschen ist, sondern der Mensch Feind der Natur. Sie wehrt sich halt und versucht sich dem lebenswert machen und ausnutzen entgegenzustemmen.

    1. Es gibt Viren, Steine, Pinguine, und alles andere auch. „Die Natur“ erscheint mir als Zusammenfassung genauso ein Abstraktum wie „Gott“. Man interpretiert hinein, was man will. Die Haupt-Maßnahme der „Natur“, dass sich der Stärkste durchsetzt, ist mir nicht sonderlich sympathisch, auch wenn ich weiß, dass ich selbst meine Existenz dem durchsetzungsfreudigsten Spermatozoon meines Vaters verdanke, während das Restsperma umgekommen ist. Das ewige Mehr und Weiter der Natur macht mir Angst. Ungebändigt ist sie nicht zu ertragen, und das Gejammer um aussterbende Arten nervt mich ebenfalls. Die Menschen werden auch aussterben und tun bereits einiges dafür. Na und? Der „Natur“ wird schon etwas Neues einfallen.

    2. Dass der Begriff ‚Natur‘ so umfassend ist, dass man Ihn gar nicht greifen kann – dass es ‚die‘ Natur also gar nicht gibt, finde ich nicht ganz abwegig. Sicherlich ein interessanter Ansatzpunkt. Dass man die Natur nicht schützen soll, ist mir zu fatalistisch. Natürlich ändert sich alles, natürlich passiert, was passiert. Trotzdem haben wir aber Einfluss. Wir können immerhin mitentscheiden und bis zu einem gewissen Grade lenken. Wenigstens in die Richtung weisen, in die wir und unsere Kinder gehen möchten. Sonst sind wir doch wieder bei der Gleichgültigkeit, die Sie in Ihrem ‚Margherita‘-Post von vor ein paar Tagen bemängelt haben.

  3. Ich bin nicht sicher ob ich Ihnen zustimmen kann, dass Kinder die Natur nur ‚da‘ finden. Vielleicht ist ’schön‘ das falsche Wort, aber Kinder haben sicherlich eine große Faszination für die Natur. Nach dem Erwachsenwerden sind wir natürlich genügend abgestumpft und haben das Interesse größtenteils verloren. Zu einem ’schön reicht es manchmal noch, zur Aufregung um politisch Korrektes wie Klimaschutz natürlich auch. Die Faszination ist meistens weg.

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